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Dinos auf vier Rädern

06.07.2016

Der Kampf der Autoindustrie für ihre Dinosaurier geht weiter: Sie und die herrschende Politik stecken viel Fantasie, Energie und Milliarden Euro in das digitale selbstfahrende Elektroauto. Dabei wissen führende AutomanagerInnen längst, wie sich ihr Problem ganz leicht lösen ließe.

Eines der langweiligsten und zugleich unvernünftigsten Produkte dieser Welt – vier Räder, zwei Achsen, ein Aufenthaltsgefäss für InsassInnen, ein Motor – soll in die Endlosverlängerung gehen. Vor allem weil die Autoindustrie (750.000 Beschäftigte, 360 Milliarden Euro Umsatz) als höchst innovativ und als das Fundament der deutschen Exportstrategie gilt. Dabei tut sie nichts anderes als den Weg in eine vernünftigere Zukunft zu verbauen: Sie will ihr überholtes Geschäftsmodell retten und blockiert neue Formen der Mobilität.

Dabei wissen es sogar ihre eigenen ManagerInnen besser. Zumindest macht sich die Zukunft einer autolosen Gesellschaft ungewollt in deren Reden breit. So stellte Ola Källenius, seit Anfang 2016 im Daimler-Vorstand zuständig für Forschung und Entwicklung, Anfang Juni auf einer Tagung die rhetorische Frage, was einst die Erfinder des Autos angetrieben habe? Seine Antwort: Es sei nicht ihr Ziel gewesen, nur bessere Hufeisen für Pferde herzustellen, sondern ein Fortbewegungsmittel, das ohne Pferd auskomme. Richtig. Und was ist in diesem Bild, das Daimler-Manager Källenius hier entwirft, das digitale selbstfahrende Elektroauto? Doch nichts anderes als das etwas bessere Hufeisen. So legt sein Bild nahe: Heute geht es darum, das Auto zu überwinden.

Auto-ManagerInnen für die autofreie Gesellschaft?

Christian Freese, der Deutschland-Chef von Uber, dem sogenannten US-Fahrdienstleister, trug zum (unfreiwillig) anderen Denken auch sein Scherflein bei: »In Berlin gibt es 1,3 Millionen Autos, die meistens nur herumstehen. Mit Robocabs (autonom fahrenden Taxen; W.S.) brauchte man nur 100.000 Autos.« Ja, Herr Freese, aber bitte weiterdenken, nur weiterdenken: Denn mit dem bereits entwickelten digitalen 12-Sitzer-Kleinbus Olli bräuchten wir vermutlich nur noch 20.000 Kleinbusse in Berlin, könnten die zig Milliarden, die heute von Industrie und Staat (Steuergelder!) in irgendwelche digitalen Dinosaurier gesteckt werden, in einen komfortablen bis luxuriösen öffentlichen Nah- und Fernverkehr investieren und würden so viele Straßen und Plätze dem mörderischen Autoverkehr entreißen und für Leben und Durchatmen wiedergewinnen. Welch ein Fortschritt!

Vielleicht werden wir dieses absurde Verkehrssystem mit seinen 44 Millionen Autos (Stand: 2015) doch noch los. Die Absurdität des jetzigen Systems zeigt sich auch in höchst offiziellen Broschüren. In »Digitalisierung und Du. Wie sich unser Leben verändert« vom März 2016 erläutert das Bundeswirtschaftsministerium seine Ziele: »Bis 2020 1 Million Elektroautos in Deutschland; mehr als 8 Mrd. Euro Einsparpotenzial durch intelligentes Verkehrsnetz jährlich, Senkung der Treibhausgase bis 2050 um 80%, 1 Mio. Carsharing-Nutzer in Deutschland.« Es wird gelobt und ausführlich geschildert, wie segensreich die Digitalisierung wirken kann: Sie ermögliche eine »effiziente Parkraumbewirtschaftung«, eine »intelligente Erfassung und Analyse von Verkehrsflüssen, die Staus vorhersagen und Ausweichrouten vorschlagen können«. Toll. Und deshalb sei künftig das möglich: »Wer unterwegs ist, kann spontan auf den öffentlichen Nah- und Fernverkehr wechseln, wenn die Straßen dicht sind.« Genial: einfach Auto im Stau stehen lassen und bequem die drei Kilometer zur nächsten U-Bahn-Station schlendern…

Was sind die Vorteile von vernetzten Elektroautos …

Und was bietet uns das selbstfahrende und digital vernetzte Elektroauto noch an Vorteilen: Carsharing sei möglich, die Autos fahren selbst, die InsassInnen können während der Fahrt arbeiten, es gebe weniger Unfälle, weniger Staus, weniger Lärm, mehr Platz in den Städten …

Schade nur: Alle diese Vorteile könnten wir mit einem flächendeckenden öffentlichen komfortablen Nah- und Fernverkehrsystem auf einen Schlag erreichen. Und damit würden wir uns nur Vorteile verschaffen und nicht die folgenden Nachteile aufhalsen: Wer ist verantwortlich bei Unfällen von autonomen Autos? Wer speichert (und missbraucht im Zweifel) die Daten zu welchem Zweck? Wer haftet und wer versichert wen für was? Wie gefährlich sind die in Elektroautos verwendeten Lithium-Ionen-Batterien? Wie hoch ist der Stromverbrauch bei der Herstellung? Wie oft muss das durchdigitalisierte Auto upgedatet werden, und wie teuer ist das? Ein Mercedes soll heute im Zweifel bis zu 30 Jahre fahren, das Handy wird jährlich ausgetauscht.

… gegen die Vorteile von gar keinen Autos?

Dass die Auto-Konzerne diesen Blödsinn betreiben, ist klar. Autonome Autos, vollgestopft mit Technik, also quasi selbstfahrende Supercomputer, werden entwickelt, um die Umsätze zu halten und weiterhin möglichst viel Geld zu verdienen. Denn die Autokonzerne – das wusste man bereits vor ihren Diesel-Betrügereien – lassen sich ja nicht von der Frage leiten: Wie produziere ich das Fortbewegungsmittel, das Gesellschaft und Bevölkerung am meisten nützt und am wenigsten schadet? Deren Leitfrage ist: Wie verdiene ich mit Mobilität möglichst viel Geld? Aber wir müssen diesen Blödsinn doch nicht mitmachen.

In der jüngsten Ausgabe der metall, der Mitgliederzeitung der IG Metall, die die Beschäftigten der Auto-Branche organisiert, ist der folgende Leserbrief von Stefan Hochstadt zu lesen: »Es stünde der IG Metall und den Betriebsräten der Automobilindustrie gut zu Gesicht, sich für alternative Mobilitätskonzepte einzusetzen und sich nicht gemein zu machen mit den Konzernen, die eine Fortsetzung alter Geschäftsmodelle mit anderen Antrieben wollen.« Wie wahr.

Geschrieben von:

Wolfgang Storz

Kommunikationsberater