Wirtschaft
anders denken.

Unschätzbarer Wert? Ehrenamt, Löcher in sozialen Netzen und Kritik der Engagementpolitik

05.12.2017
Woelle ffm / CC BY 3.0Auszeichnung für Ehrenamtler in Frankfurt am Main

Alles super mit dem Ehrenamt? Wenn Politiker jetzt die »Helden des Alltags« würdigen, sollte man auch die gesellschaftlichen Bedingungen für »freiwillige Verantwortungsübernahme« zum Thema machen: Rückbau des Sozialstaates, immer ungleichere Vermögensverteilung, die Ideologie der Eigenverantwortung.

Zum »International Volunteer Day for Economic and Social Development« werden hierzulande Verdienstorden überreicht und Dankesadressen formuliert. Zum Beispiel von der Vizechefin der Unionsfraktion im Bundestag, Gitta Connemann. Sie spricht von »Helden des Alltags« und vom »Rückgrat unseres Landes«: Rund 23 Millionen Bürger engagieren sich hierzulande ehrenamtlich. Dies habe, so Connemann »für unsere Gesellschaft unschätzbaren Wert«.

Das ist wohl freundlich gemeint, aber nur die halbe Wahrheit. Erstens gibt es durchaus Schätzungen über den »Wert« der ehrenamtlich geleisteten Tätigkeiten. Und darin, zweitens, verbirgt sich durchaus ein Problem – denn die »freiwillige Verantwortungsübernahme«, wie das in einem Enquete-Bericht von 2002 genannt wird, hat eine andere Seite: den Abbau staatlicher Angebote.

Claudia Pinl hat das 2015 so auf den Nenner gebracht: Der wirtschaftspolitische Paradigmenwechsel seit den 1970er Jahren, »wonach Wachstum und Wohlstand nicht in erster Linie Aufgabe staatlicher Konjunkturprogramme und wohlfahrtsstaatlicher Einrichtungen seien, sondern den Selbstregulierungskräften des Marktes überlassen bleiben sollten«, hatte Folgen: »Wenn der Staat auf Einnahmen verzichtet, müssen in der Konsequenz Leistungen der öffentlichen Daseinsvorsorge zurückgefahren werden.«

Kohl kontra den »anonymen Wohlfahrtsstaat«

Politisch ging das mit einer Aufwertung der »freiwilligen Verantwortungsübernahme« einher: Helmut Kohl forderte zu Beginn seiner Regierungszeit »mehr Selbsthilfe und Nächstenhilfe der Bürger füreinander«, das war nicht zuletzt als eine Art gemeinschaftliche Rückbesinnung gegen den »anonymen bürokratischen Wohlfahrtsstaat« gedacht. Auf dieser Linie lagen später auch Strategien wie »Fördern und Fordern«, der Hype um die Eigenverantwortung sowie Leistungsgerechtigkeit und nicht zuletzt ein Aufschwung von Unternehmensstiftungen und Spendenversprechen von Hochvermögenden, privater und religiöser Philanthropie.

Natürlich ist nicht jede ehrenamtliche Tätigkeit eine mehr oder minder freiwillige Kompensation von Aufgaben, die eigentlich der Staat erbringen sollte. Einen Hintergrund zu den Facetten des Ehrenamts gibt es hier. Aber selbst wenn man nur einen Teil davon als politisch gewollte Akzentverschiebung im »System des gesellschaftlichen Bedarfsausgleichs« weg vom Staat hin zur »freiwilligen Verantwortungsübernahme« ansieht, geht es um ein beträchtliches Volumen.

Arbeit im Wert von 40 Milliarden Euro pro Jahr

Ende 2008 veröffentlichte die Prognos AG die Ergebnisse einer großen Umfrage zum bürgerschaftlichen Engagement, Auftraggeber war der Versicherungskonzern AMB Generali Gruppe. Die Bundesbürger leisteten laut der Studie 4,6 Milliarden Stunden ehrenamtliche Arbeit pro Jahr. Und: »Die Leistungen, die bürgerschaftlich Engagierte pro Jahr erbringen, entsprechen einer Arbeitszeit von 3,2 Millionen Vollzeitbeschäftigten.«

Seinerzeit wurde das auch ins Verhältnis gesetzt, etwa zur gesamten erfassten Arbeitszeit – das freiwillige Engagement machte demnach einen Anteil von 7,5 Prozent aus. Berechnet wurde auch, was diese Arbeit »wert« ist – man nahm damals einen Stundenlohn von 7,50 Euro an, so wie dieser damals öffentlich diskutiert wurde. Ehrenamtler tragen »jährlich eine Arbeitsleistung im Wert von nahezu 35 Milliarden Euro zum Gemeinwesen bei«, so damals die Prognos AG – ein Anteil von 2 Prozent am Volkseinkommen.

Würde man die Höhe des inzwischen eingeführten und derzeit bei 8,84 Euro liegenden Mindestlohns in Anschlag bringen, würde der wirtschaftliche Wert des Ehrenamts bei jährlich über 40 Milliarden Euro liegen. Das Deutsche Rote Kreuz hat übrigens 2011 vorgerechnet, was allein die internationale Arbeit ihrer ehrenamtlichen Mitarbeiter wert ist: 4,4 Milliarden Euro. Den globalen wirtschaftlichen Wert des Ehrenamts von Hilfsorganisationen wurde von Experten damals auf 293 Milliarden Euro geschätzt.

»Ehrenamt ist wie ein frisch gebackener Apfelkuchen«

Die Historikerin und Ökonomin Gisela Notz gab 2012 der »Tageszeitung« zu Protokoll: »Ich habe nichts gegen das Ehrenamt, habe selber jahrelang nebenberuflich ehrenamtlich gearbeitet. Gesellschaftlich nützliche, politische Arbeit zu machen, die Spaß macht, das ist erstrebenswert. Aber so ist es ja nicht.« Notz wies darauf hin, dass eine Voraussetzung von Ehrenamt die eigenständige Existenzsicherung ist. Und: »Stattdessen sieht es so aus, als würden immer mehr ›Ehrenämter‹ geschaffen. Als wäre ein Ende des Sozialabbaus und der Reprivatisierung der wirtschaftlichen Folgen all der Krisen noch lange nicht in Sicht. Das ist sicher noch nicht ausgereizt.«

Notz behielt recht, bei der Betreuung von Geflüchteten versagten staatliche Stellen bisweilen grandios – weil sie durch Sparmaßnahmen zuvor auf ein Maß geschrumpft worden waren, das mit plötzlich anstehenden Aufgaben in einer größeren Dimension nicht mehr kompatibel war. Vor dem Hintergrund des »Sommers der Migration« gründete sich deshalb die Gewerkschaft für Ehrenamt und Freiwillige Arbeit (GEFA) – mit einem im Grunde dem Ehrenamt kritisch gegenüberstehenden Ansatz.

Der Missbrauch der Ressource Engagement

»Ehrenamt ist wie ein frisch gebackener Apfelkuchen«, hieß es damals in einem Video zur Gewerkschaftsidee. »Alle finden’s gut.« Aber: »Es ist uns keine Ehre, eine Arbeit zu tun, die ohne den Abbau des Sozialstaats gar nicht notwendig wäre.« Es gehe darum, »diejenigen gesellschaftspolitischen Bedingungen zu verändern, die Freiwilligenarbeit strukturell erst notwendig machen«. Dazu wurde auch zum Mittel des Streiks gegriffen. Außerdem ging es um die Organisierung in der Arbeit, denn, so wurde damals Maria Ebert, eine der GEFA-Gründerinnen zitiert: »Auch unbezahlte Arbeit ist Arbeit«, und weiter: »Indem wir eine Gewerkschaft gründen, fordern wir ein, dass unsere Arbeit als Arbeit anerkannt wird und dass wir über deren Bedingungen reden.«

In einem ersten »Engagementbericht«, der mit »Für eine Kultur der Mitverantwortung« betitelt war, erklärte die Bundesregierung 2012, »das Austarieren einer neuen Verantwortungsbalance von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft« sei »zentrales Ziel«, nur »in gemeinsamer« Verantwortung ließen sich »die gesellschaftspolitischen Aufgaben der Zukunft zu bewältigen«. Wie sich zum Beispiel »die Wirtschaft« das mit der »gemeinsamen Verantwortung« sonst gern denkt, kann man zum Beispiel in Sachen Atommüll oder Ausstieg aus der paritätischen Finanzierung von Sozialleistungen sehen.

Wenn Politiker wie Gitta Connemann also von den »Helden des Alltags« und vom »Rückgrat unseres Landes« spricht, sollte man über die gesellschaftlichen Bedingungen für Ehrenamt und die politökonomische andere Seite der Medaille nicht schweigen.

Noch einmal Claudia Pinl: »Bürgerschaftliches Engagement, die tätige Anteilnahme an dem, was um uns herum geschieht, im Quartier, in der Stadt, im Land, auch jenseits von Wahlen und Abstimmungen, ist in einer Demokratie unverzichtbar… Die wichtige Ressource Engagement wird jedoch missbraucht, wenn sie – institutionalisiert und auf Dauer berechnet – dazu dient, die Löcher in den Etats der öffentlichen Daseinsvorsorge zu stopfen und Mängel lediglich zu verwalten, statt sie zu beheben.«

Geschrieben von:

Svenja Glaser