Wirtschaft
anders denken.

Ein kaum bekannter, früher Engels

07.05.2017
Die Statue von Friedrich Engels in Wuppertal. Stehend mit Hand am Bart. Anderer Arm ist verschränkt.Engels-Statue in Wuppertal.

Während die Schriften von Karl Marx im universitären Betrieb, in einigen Verlagen und in wissenschaftlichen und politischen Debatten nach wie vor präsent sind, ist Friedrich Engels widerfahren, was Marx einst vom Philosophen Hegel sagte: Er wird als toter Hund behandelt.

Das Werk von Engels ist kaum bekannt. Damit auch nicht dieser geniale Text aus dem Jahr 1844: Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie. Von November 1842 bis August 1844 hielt sich Engels in Manchester auf, also in einer der damals industriell weit fortgeschrittenen Regionen der Welt. Was er sah, schockierte den gut 22-Jährigen. Seine Abrechnung mit den englischen Zuständen, die er in den Umrissen niederschrieb, verknüpfte analytische Schärfe auf eine Weise mit politisch-moralisch grundierter Kritik, die ohnegleichen sind. Aber der Text verpuffte, blieb fast ohne Wirkung im Gegensatz zu seiner fast 300 Seiten umfassenden empirischen Studie über Die Lage der arbeitenden Klasse in England von 1845, in der er minutiöse Quellen vorlegte: über Kinderarbeit, Unfallhäufigkeit, Sterblichkeit und menschenverachtende Arbeitsbedingungen. In der Sozialgeschichte zur Frühindustrialisierung gehört die Studie bis heute zur Pflichtlektüre.

Gleich der erste Satz in den nur noch Spezialisten bekannten Umrissen ist ein Fanal: »Die Nationalökonomie entstand als eine natürliche Folge der Ausdehnung des Handels, und mit ihr trat an die Stelle des einfachen, unwissenschaftlichen Schachers ein ausgebildetes System des erlaubten Betrugs, eine komplette Bereicherungswissenschaft.« Bis heute hat die Nationalökonomie, die sich als Wissenschaft begreifen möchte, ihren Anspruch, »Wirtschaft für Gesellschaft« zu sein, so wenig erfüllt wie die Betriebswirtschaftslehre; macht sie doch nichts anderes, als die private Plusmacherei des Kaufmanns akademisch zu verbrämen. Dagegen begriff der junge Engels in den Umrissen auf 25 Druckseiten, dass eine Analyse der ökonomischen Lage unabdingbar mit politisch-moralischen Minimalansprüchen verbunden sein muss; ohne eine solche Verbindung ist die »Nationalökonomie« nur eine substanzlose Phrase wie die realitätsfernen mathematischen Modelle heutiger Ökonomen. Die ethisch-moralischen Minimalansprüche formulierte Engels in einer Form, die heute wissenschaftlich als antiquiert erscheinen mag: wenn er sich etwa auf die »reine menschliche, allgemeine Basis« beruft oder den Ökonomen vorwirft, sie brächten »ein raffiniertes Recht des Stärkeren« ins Spiel. In heutiger Diktion meinte er damit jedoch nichts anderes als »Chancengleichheit«, »soziale Gerechtigkeit«, oder er wandte sich gegen eine als »normal« unterstellte »Ungleichheit«. Ohne solche politisch-moralischen Grundlagen verkam und verkommt ökonomische Theorie zu reiner Interessentenprosa (oder Zynismus), die nicht wissen will oder »selbst nicht weiß, welcher Sache (sie) dient« (Engels).

Seine Abrechnung mit den englischen Zuständen verknüpft analytische Schärfe auf eine Weise mit politisch-moralisch grundierter Kritik, die ohnegleichen ist.

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Engels argumentiert in den Umrissen historisch. Die Theorie der Handelsbilanz des Merkantilismus im 16. und 17. Jahrhundert schottete Nationen voneinander ab, errichtete hohe Zollschranken, verbot Exporte ganz, rechtfertigte Handelskriege und erklärte das Horten von Metallgeld zum Staatsmonopol und obersten Staatsziel; Leitbild des Merkantilismus war ein Staat, der nach mehr politischer und militärischer Macht strebte und deshalb vor allem die nationalen Produktivkräfte förderte.

Um diesen Übergang zu verklären, verlegten sich die Ökonomen auf die »Sophisterei«, das heißt auf die Schönrednerei. So schwärmten sie von der »humanisierenden Wirkung des Handels«. Engels sah darin nur eine Gleichsetzung von Vorteilnahme mit Humanität. Die Folge: Handelsfreiheit und freie Konkurrenz verwandelten »die Menschheit in eine Horde reißender Tiere«. Das Fabriksystem ermöglichte die Kinderarbeit und trug in dem Maße zur Zerstörung der Familie bei, in dem Eltern ihre Kinder als zusätzliche Einnahmequelle entdeckten und sich von diesen beziehungsweise deren Lohn Kost und Logis bezahlen ließen. So sah marktkonformes Familienleben im Frühkapitalismus aus.

Privatökonomie und Konkurrenz isolierten jeden »auf seine eigene rohe Einzelheit« und verfeindeten damit jeden mit jedem. Dies nennt Engels »die Unsittlichkeit des bisherigen Zustandes der Menschheit«, der der »unbewussten, gedankenlosen Herrschaft des Zufalls überlassenen Art zu produzieren«, ausgeliefert bleibt. Engels erkannte bereits damals, dass die Produktivitätsfortschritte von Industrie und Wissenschaft »die der Menschheit zufallende Arbeit bald auf ein Minimum verringern« könnten. Aber die Privatökonomie führt dazu, so Engels, dass gleichzeitig »überflüssiger Reichtum« und eine »überflüssige«, also arbeitslose und verarmte Bevölkerung existieren. Engels‘ Fazit: »Die Konkurrenz hat alle unsere Lebensverhältnisse durchdrungen und die gegenseitige Knechtschaft, in der die Menschen sich jetzt halten, vollendet.«

Weiter denken – Ansätze für Reformprojekte

Gustav Mayer, der schon 1920 und 1933 die beste Engels-Biografie in zwei Bänden vorlegte, nannte die Umrisse, was sie sind: »genial im Wurf«. Aber die Rezeption der Marxschen Schriften reduzierte diese auf eine ökonomische Lehre, die den entscheidenden Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Gesellschaft ebenso ausblendete, wie heute die Theorien liberaler und neoliberaler Ökonomen dies mit ihrer banalen Vorstellung vom Homo oeconomicus tun, der sein Handeln und Lassen nur an Normen des angeblich alternativlosen und moralfreien Marktes ausrichtet.

Den nicht gerade häufigen theoretischen und praktischen Projekten, »Wirtschaft für Gesellschaft« zu denken und zu realisieren, kann Engels` Text heute nicht als Leitfaden dienen, denn die realen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse haben sich zu stark verändert. Aber Engels` Umrisse geben einen Anstoß, in welche Richtung die Bemühungen gehen müssten, um der »Unsittlichkeit des bisherigen Zustandes der Menschheit« zu entkommen.

Auch für linke Reformprojekte, wie sie der Frankfurter Philosoph Axel Honneth in seinem jüngsten Buch Die Idee des Sozialismus (Berlin 2015, Suhrkamp) skizziert, finden sich in Engels` Umrissen Anknüpfungspunkte. Übersetzt man Engels` Kritik an der Gesellschaft als »einer Horde reißender Tiere« in eine zeitgemäße Alternative, kommt man – als positive Konsequenz aus dieser Analyse – zwanglos auf eine »Gemeinschaft füreinander tätiger Subjekte« (Honneth), die ihre Vorstellungen des politisch-sozialen und wirtschaftlichen Zusammenlebens öffentlich aushandeln. Denn »soziale Freiheit« gründet nicht auf einer marktmäßig definierten Konsum-, Vertrags- und Gewerbefreiheit, sondern auf der »Idee einer demokratischen Lebensform« (Honneth). Das fügt sich durchaus ein in den Horizont von Engels` Essay und macht dessen politische und theoretische Aktualität aus.

Leben

Friedrich Engels (1820-1895) war Sohn eines Textilfabrikanten aus Barmen/Wuppertal, wollte eigentlich studieren, musste aber ins väterliche Geschäft einsteigen, für das er ab 1850 lebenslang tätig war. Schon 1844 lernte er Karl Marx kennen, blieb bis zu dessen Tod im Jahr 1883 mit ihm befreundet und unterstützte ihn mit viel Geld, regelmäßigen Weinlieferungen sowie Informationen aus dem kapitalistischen Geschäftsleben. Marx‘ monumentales Werk entstand nur dank Engels` Solidarität.

Er war der Grandseigneur des Sozialismus ohne großbürgerliche Allüren. Mit August Bebel (1840-1913), dem Drechslermeister aus Sachsen und Mitbegründer der SPD, verstand er sich ebenso wie mit einfachen Iren, die sich politisch gegen die englische Fremdherrschaft wehrten, oder mit Arbeitern in Zürcher Kneipen. Sein umfangreicher Briefwechsel mit Sozialisten in ganz Europa zeigt ihn als Schlüsselfigur der Arbeiterbewegung. Engels` Buch über Die Lage der arbeitenden Klasse in England (1845) ist ein sozialgeschichtlicher Klassiker. Außerdem schrieb er zahlreiche Artikel zu Politik, Wirtschaft und sozialen Bewegungen.

Präsent ist Engels heute allenfalls noch bei Marx-Philologen, die sich darüber streiten, ob Engels als Autodidakt in Editionsfragen den von ihm vorgefundenen, ziemlich ungeordneten Materialhaufen mit ökonomischen Manuskripten von Marx verfälscht hat oder nicht, als er daraus den Band III des Kapitals bastelte. Mit dem Abschluss der fantastischen MEGA-Kapital-Edition 2013 (15 Bände in 22 Teilbänden auf rund 12.000 Seiten) ist das Thema buchstäblich erschöpfend geklärt worden. Engels` Arbeit hat Mängel, bleibt aber eine Pioniertat.

Dieser Artikel ist in der Februarausgabe 2017 von OXI erschienen.

Geschrieben von:

Rudolf Walther

Historiker