Wirtschaft
anders denken.

Ein Werk der Mittelklasse

12.01.2017
Marine LePen steht hinter einem Pult. Auf diesem steht: Marine 2017Foto: YOAN VALAT / dpaDer Front National ist Teil der Gefahr des »Extremismus der Mitte«.

Die Analyse des NSDAP-Wahlerfolgs von Theodor Geiger hat noch immer Bestand. Die Gefahr des »Extremismus der Mitte« ist angesichts aktueller Entwicklungen nicht von der Hand zu weisen.

Über den neuen Nationalismus in den USA und in Europa verwies der Soziologe Klaus Kraemer auf einen bahnbrechenden Artikel des deutsch-dänischen Soziologen und Juristen Theodor Geiger über Panik im Mittelstand, der 1930 erschien. Geiger kommentierte darin die Reichstagswahlen vom 14.September 1930, bei denen die NSDAP 107 Mandate gewann und damit zur zweitstärksten Partei hinter der SPD aufstieg. Geiger schrieb diesen Wahlerfolg der NSDAP dem Umstand zu, dass es der Partei gelungen sei, die Abstiegsängste und Aufstiegsenttäuschungen des alten und des neuen Mittelstands zu mobilisieren. Der Artikel wurde in der Oktoberausgabe der Theoriezeitschrift Die Arbeit. Zeitschrift für Gewerkschaftspolitik und Wirtschaftskunde publiziert, die von Theodor Leipart (1867-1947), dem Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), herausgegeben wurde.

Nach seinem Studium in München und Würzburg wurde Geiger 1920 wissenschaftlicher Mitarbeiter beim statistischen Landesamt und Mitglied der SPD, ein Jahr später baute er in Berlin eine Arbeiterhochschule auf. Von 1924 an lehrte und forschte er als Soziologie-Professor an der TH Braunschweig. Als Wissenschaftler erstellte er demografisch-statistische Untersuchungen zur sozialen Schichtung, die bis heute anerkannt sind. Die Ergebnisse dieser Forschungen flossen auch in sein Hauptwerk Die soziale Schichtung des deutschen Volkes (1932) ein, das heute zu den »Klassikern des soziologischen Denkens« (Paul Trappe) gehört, ebenso wie der bereits erwähnte Essay zum Mittelstand. 1933 emigrierte Geiger nach Dänemark, da er seine Entlassung befürchtete. Zehn Jahre lebte und lehrte er in Aarhus (Dänemark). Nach der deutschen Besetzung des Landes floh er ins neutrale Schweden. Nach Kriegsende kehrte er nach Dänemark zurück. Auf der Rückreise von einer Gastvorlesung in Kanada starb er mit 61 Jahren Mitte Juni 1952 an Bord eines Linienschiffes.

Es kommt nicht oft vor, dass demografisch-statistische und soziologische Erklärungen für Wahlerfolge über 70 Jahre hinweg Bestand haben. Im Falle von Geigers Interpretation der Reichstagswahlen als Ergebnis der erfolgreichen Mobilisierung des deutschen Mittelstandes für die NSDAP und gegen die Weimarer Demokratie ist das geschehen. Der Soziologe (und FDP-Politiker) Ralf Dahrendorf (1929-2009) bestätigte 1961 Geigers Befund: »Die Zerstörung der deutschen Demokratie ist ein Werk der Mittelklasse.« Und der renommierte Wahlforscher Jürgen Falter belegte 1991 mit komplexen statistischen Verfahren, dass rund 60 Prozent der NSDAP-Wähler von 1930 aus der Mittelschicht stammten.

So unbestritten diese Interpretation ist, so offen ist die Frage, inwiefern populistisch-nationalistische Parteien ihre Erfolge heute noch der Mobilisierung der Mitte verdanken. Die verallgemeinernde These, dass der »Extremismus der Mitte« beziehungsweise die Unterstützung des Extremismus durch die Mitte der Gesellschaft auch heute entscheidend für Wahlerfolge der Rechten ist, wurde 1959 erstmals von den amerikanischen Soziologen Seymour M. Lipset und Reinhard Bendix vertreten: »Personen, die ihren Status in Gefahr sehen«, neigen dazu, »rechtsextreme Bewegungen zu unterstützen.«

Den historischen Hintergrund für diese Verallgemeinerung bildete unter anderem der Niedergang der IV. Republik in Frankreich als Folge des algerischen Befreiungskrieges (1954-1962). Nach zahlreichen Regierungskrisen und Parteiintrigen ergriff damals der konservative General Charles De Gaulle seine Chance und ließ die Verfassung der V. Republik auf seine Person und seine politischen Ambitionen zuschneidern. Unterstützt wurde er unter anderem von der mittelständischen Steuerprotestbewegung unter Führung des Papierwarenhändlers Pierre Poujade (1920-2003). Hinter Poujade standen auch die – bei einem Sieg der Befreiungsbewegung – vom Abstieg bedrohten, radikal nationalistischen Algerienfranzosen. Poujades Union de défense des commerçants et artisans (Union zur Verteidigung der Händler und Handwerker) gewann 1956 rund 12 Prozent der Stimmen und 52 Mandate in der Nationalversammlung. Übrigens: Eines davon errang der Jurist und ehemalige Fremdenlegionär Jean-Marie Le Pen, der spätere Gründer des Front National und Vater der heutigen Parteichefin Marine Le Pen.

Angesichts des Wahlerfolgs von Donald Trump in den USA und des drohenden Vormarschs des Front National bei den Präsidentschaftswahlen Ende April und Anfang Mai in Frankreich, der Erfolge der AfD und nationalistisch-populistischer Parteien in anderen Ländern gewinnt die These von der Gefahr des »Extremismus der Mitte« immer mehr Plausibilität und Beachtung. Auch Langzeitstudien des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer und seiner Mitautoren weisen seit 2002 empirisch öfters nach, wie tatsächliche Globalisierungsverlierer, Gruppen, die Statusverluste fürchten, prekär Beschäftigte und sogenannte abgehängte Wähler aus der Mitte populistisch-nationalistische Parteien stärken.

Dieser quer durch Europa ablesbare Großtrend wird eigentlich nur noch von jenen konservativen Politikwissenschaftlern und Soziologen bestritten, die den unter Druck geratenen rechtsbürgerlichen Konservatismus gegen sein williges Hilfspotenzial aus der Mitte abgrenzen wollen, das sich wegen der wirtschaftlichen Krise politisch radikalisiert hat. Ein Blick auf die realen Zustände in vielen Ländern lässt solche Bestrebungen illusorisch erscheinen. Hilflos ist allerdings auch die Antwort vieler linker Parteien auf die Gefahr, die populistisch-nationalistisch verhetzte Mitte der Gesellschaft könnte die Demokratie aus den Angeln heben wie der alte und der neue Mittelstand 1930 mit seinem Votum für die NSDAP. Mit bloßem Anhören lassen sich reale Sorgen und Lebensängste in der Mitte der Gesellschaft nicht beseitigen. Um die Gefahr des Extremismus aus der Mitte zu bannen, müssten soziale Fragen wie wachsende Armut, reale Chancengleichheit im Bildungswesen oder die Verelendung von ganzen Stadtteilen wieder in den Mittelpunkt der politischen Debatten gerückt werden – wie es der Soziologe Klaus Kraemer fordert.

Geschrieben von:

Rudolf Walther

Historiker