Wirtschaft
anders denken.

Eine Flut von Geld ist nie neutral

27.09.2016
Auf einer Wasseroberfläche hat ein Tropfen zu wellenfärmigen Bewegungen geführt.Foto: dommy.de / photocase.deEine Geldschwemme führt nicht automatisch zu mehr Wachstum.

Der Nobelpreisträger Edward Prescott hält eine Geldschwemme der Zentralbanken, um die Wirtschaft anzukurbeln, für sinnlos. Obwohl er recht hat, sind seine Gründe zweifelhaft.

Sind Nobelpreisträger für Wirtschaft klüger als andere Ökonomen? Man darf es bezweifeln, wenn man sich ansieht, wie wieder einmal eine sehr alte Sau durchs mediale Dorf gejagt wird. Und sich immer noch alle umdrehen. Die Sau wird verkörpert durch eine gewisse Kritik an der lockeren Geldpolitik vieler Bundesbanken wie auch der Europäischen Zentralbank.

Losgelassen hat die Sau der 2004 mit dem Nobelpreis belobigte US-Ökonom Edward Prescott. Er hatte zusammen mit dem Norweger Fin E. Kydland Konjunkturzyklen untersucht. Man kam, welch Wunder, zu der Erkenntnis, dass neue Technologien Schübe auslösen und in Phasen der Marktsättigung Rezession die Wirtschaft dämpft. Das hatte auch schon der Russe Nikolai Kondratieff (1892 – 1938) bemerkt. Prescott und seinem Kollegen muss man aber zugutehalten, dass sie mathematische Filter entwickelten, mit denen Überlagerungen und Störungen der »reinen« konjunkturellen Wellen zu beseitigen sind. So weit die nobelpreiswürdige Leistung in Kürze.

Nun hat Prescott aber in der Welt am Sonntag eine harsche Kritik an den Zentralbanken der westlichen Welt formuliert. Die Geldschwemme helfe nicht, die Wirtschaft könne so nicht angekurbelt werden. Das hört sich plausibel an, weil wir westlichen Weltbewohner auch ohne theoretischen Überbau sehr direkt, also empirisch, feststellen können, dass selbst Negativzinsen nicht dazu führen, dass Unternehmen billiges Geld in neue Produkte und Unternehmen stecken, um über diese Produkte und für deren Herstellung geschaffene neue Stellen, somit mehr ausgeschüttete Löhne, die Wirtschaft anzufachen. Sondern eher immer mehr Geld in die globalen Aktienmärkte fließt, was letztendlich nur den Reichen zugutekommt. Zwar nicht in den Zeiten steigender Kurse, aber schon in dem Moment, in dem sie als erste beschließen, Kursgewinne mitzunehmen und dem Kurswachstum damit dem Hahn erst einmal abzudrehen.

Insofern müsste man Prescott zustimmen. Leider ist seine Erklärung für die mangelnde Wirksamkeit der lockeren Geldpolitik bedenklich. Prescott gehört zu einer Gilde von Ökonomen, die man als »Neutralisten« unter den Geldtheoretikern einsortieren kann. Ihr Theorie-Credo: Mit mehr Geld wächst keine Wirtschaft, weil das Mehr sich unmittelbar in höhere Preise verwandelt. Ein neutraler Prozess, da real nicht mehr Wachstum generiert wird. Dummerweise ist es mit der Neutralität des Geldes nicht weit her, sofern man nicht dem idealen Theoriekonstrukt glauben will. Idealerweise sollte mehr Geld unmittelbar zu höheren Preisen, zugleich aber auch höheren Löhnen führen. Das wäre in der Tat ein neutraler Prozess. Am realen Wohlstand aller Beteiligten würde sich nichts ändern.

Das Wirtschaftsgeschehen ist aber nicht idealen Formeln unterworfen. (Es ist ein Teil des sozialen Geschehens, das sich nicht mathematisch präzise vorhersagen lässt, wie es bei der Anwendung von Naturgesetzen oft gelingt.) Und die Wirtschaft reagiert auch nicht unmittelbar. Soziale Systeme haben eine gewisse Trägheit. Passiert an einer Stelle etwas, wissen das nicht »unmittelbar« alle. Manche erfahren es schneller, andere nie. Aus solchen Differenzen schlagen die Schneller-Wisser oftmals ihre Profite. Alles im Wirtschaftsgeschehen geschieht mit Verzögerungen. Selbst dann, wenn manche etwas gleichzeitig erfahren, setzen sich Verzögerungen im nächsten Schritt fort, weil Menschen hoffen, fürchten, erwarten. Und diese Haltungen dazu führen, dass mehr Geld nicht zu höheren Preisen führt. Weil das Geld eben nicht in Konsum umgesetzt wird, was – nach einiger Zeit und eben nicht: unmittelbar – auch zu höheren Preisen führen kann (und nicht muss). Das Geld kann gehortet (gespart) werden, was sich heute natürlich nicht lohnt. Aber es kann eben auch in Aktien investiert werden. Und da der Aktienmarkt nur lose mit dem realen Wirtschaftswachstum gekoppelt ist, können Aktienkurse steigen, ohne dass diese Wertzuwächse durch reales Wachstum der Wirtschaft gespiegelt würden. Wir nennen das im Extremfall dann eine Bubble oder Spekulationsblase.

Nobelpreisträger Prescott hat somit Recht und Unrecht zugleich. Dass die Billionen der Zentralbanken im Aktienmarkt verschwinden, hat mit einer Haltung der Unternehmen zu tun, die beunruhigen muss: Unternehmen wissen nicht, in welche neuen Produkte investiert werden sollte. Zugegeben, manche wissen es noch. Google investiert in Serverfarmen und Satellitentechnik. Milliardär und Tesla-Begründer Elon Musk investiert in Großanlagen zur Produktion von Hochleistungs-Akkus. Aber das reicht nicht. Es ist unendlich viel mehr Geld da, als Unternehmen Investitionsfantasien hätten. Und daher bleiben die Preise niedrig, obwohl die Welt mit Geld geflutet wird. Wir haben also ein Geldmengenproblem, dass das dahinterliegende Investitionsproblem für den schwer erkennbar macht, der sich von Ökonomen wie Herrn Prescott auf eine falsche Fährte locken lässt. Bringen wir es auf den Punkt: Der Kapitalismus als Akkumulationsmaschine hat so viel Geld angesammelt. Dass sich das System der Anhäufung ad absurdum zu führen droht.

Geschrieben von:

Jo Wüllner

freier Journalist