Wirtschaft
anders denken.

Eine Frage der Produktionslogik: Kleinbauern, klassentheoretisch betrachtet

18.01.2019
Paul Casals/unsplash

Marx beschrieb die Kleinbauern als politisch amorph und wie »ein Sack von Kartoffeln«. Wie sieht der Befund heute aus, wenn man durch eine klassentheoretische Brille auf landwirtschaftliche Kleinproduzenten blickt? Ein Beitrag aus »maldekstra #1«, dem linken Auslandsjournal. Mehr hier.

In ihrem Buch »Bauern für die Zukunft«, in dem Silvia Pérez-Vitoria die im globalen Agrarsektor Beschäftigten »auf dem Weg zu einer globalen Bewegung« beschreibt, lenkt die französische Soziologin den Blick auf ein scheinbares Paradoxon: »Just in dem Augenblick, in dem die Arbeiter-Internationale praktisch verschwunden ist«, seien es »gerade die Bauern, denen man so oft ›Lokalborniertheit‹ vorgeworfen hat«, die »den Staffelstab übernehmen«. 

Das, worauf Pérez-Vitoria hier anspielt, beschäftigt nicht nur an Marx orientierte Forscher seit Langem. Historisch war den Bauern nur eine vorübergehende Rolle »zugewiesen« worden. Marx selbst hatte die Kleinbauern als politisch amorph und wie »ein Sack von Kartoffeln« beschrieben, die Skepsis des Alten aus Trier gegenüber der Landbevölkerung war bisweilen so drastisch herablassend wie legendär. Da die Großproduktion als der Kleinproduktion automatisch überlegen betrachtet wurde, ging man recht lange vom baldigen Verschwinden der Kleinbauern und einem sich überall durchsetzenden Trend ihrer Proletarisierung aus. 

»Allen Todsagungen zum Trotz gibt es sie immer noch – Grund genug, ihre Rolle in Ökonomie, Politik und Theoriebildung zu überprüfen«, haben dagegen Bastiaan Wielenga und Alexis Petrioli im »Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus« zu den Kleinbauern angemerkt, ihr Stichwort zeigt aber zugleich die begrifflichen Schwierigkeiten. Die »Frage der klassenmäßigen Zuordnung« werde sehr unterschiedlich beantwortet, »wobei historische Differenzen, revolutionspolitische Interessen und entwicklungspolitische Hypothesen eine Rolle spielen«. 

Allgemein werden von Wielenga und Petrioli »diejenigen Schichten der Landbevölkerung« als Kleinbauern subsumiert, »die auf eigenem Land primär für eigene Bedürfnisse arbeitend ihren Lebensunterhalt bestreiten, ohne auf fremde, das heißt außerfamiliäre Arbeitskräfte zurückzugreifen«. Das stellt die Kleinbauern insgesamt sehr in die Nähe des Begriffs Subsistenzbauern, was von anderen Autoren kritisch gesehen wird: Was ist mit kleineren Landwirten, die für lokale Märkte oder Konzernabnehmer produzieren, was mit jenen, die Beschäftigte als Landarbeiter saisonal anstellen?

Es gibt agrarhistorische, soziologische und meist als der Linken nahestehend wahrgenommene »peasant studies«, die in der »Herrschaftsunterworfenheit ein konstitutives Merkmal bäuerlicher Existenz« sehen. Hier liegt der Fokus weniger auf Fragen des Eigentums an Produktionsmitteln oder der Aneignung fremder Arbeit. Entscheidend ist vielmehr, dass über Jahrhunderte hinweg die »herrschaftliche Abschöpfung des bäuerlichen Mehrprodukts« etwa als Zehnt eine Rolle spielt, gegen die sich allerdings immer auch schon Widerstand regte. Das ist bis heute so. 

Nun engagieren sich Bewegungen von Kleinbauern und Landarbeitern gegen Konzernmacht, Landraub und für selbstbestimmte Ernährung. Der gegenwärtig in Amsterdam lehrende Agrarwissenschaftler Saturnino M. Borras Jr. nennt es mit Blick auf die Vielfältigkeit dieses Aufbegehrens und auch die Widersprüche dabei »notwendig, die Unterschiedlichkeit und Komplexität der transnationalen ländlichen Bewegungen zu betrachten«. 

Schon eine einfache Klassenanalyse zeige deren »Ausdifferenzierung im Hinblick auf ihre Klassenbasis, ihre Ideologie und ihre Politik«, man könne sie also kaum als »einheitliche und homogene Bewegung« darstellen. Borras nennt als Beispiel, „«dass bestimmte indische Bauernbewegungen letztendlich Bewegungen von reichen Großbauern oder durch diese gesteuert und damit strukturkonservativ sind. Auch wenn sie lautstark gegen städtische oder ausländische Konzerne agitieren, lassen sie die grundlegenden Klassenfragen und die Forderungen der Landlosen nach Boden und Arbeit links liegen«. Andere Strömungen und Organisationen würden dagegen sehr wohl »die inneren Widersprüche und Gegensätze« etwa zwischen Bauern und (migrantischen) Landarbeitern zum Thema machen.

Der deutsche Historiker und Klassentheoretiker Karl Heinz Roth verweist darauf, dass es die in den 1970er Jahren sich entwickelnde »gravierende globale Agrarkrise« gewesen sei, die »zur massiven Freisetzung von Kleinbauern im Süden des Weltsystems geführt hat«. Ein Teil »dieser Enteigneten und vom Land Vertriebenen ist auf dem Land geblieben, als Landarbeiter, als Agrarproletarier«, andere wanderten in Städte ab. Eine Proletarisierung im klassischen Sinne ist ihnen dort aber verwehrt, weil nicht mit derselben Dynamik wie in früheren Entwicklungsperioden dort eine Industrialisierung neue Möglichkeiten der Lohnarbeit schafft. 

Der britische Sozialwissenschaftler Henry Bernstein hat vorgeschlagen, sich von Kategorien zu verabschieden, die »Kleinbauern« etwa nach der Hektargröße der bewirtschafteten Fläche einteilen. In seinem 2010 erschienenen Buch »Class Dynamics of Agrarian Change« setzt er stattdessen auf eine Unterscheidung nach der Produktionslogik. Statt von Kleinbauern wird hier also von Kleinwarenproduzenten ausgegangen, die einer Klassendifferenzierung unterliegen, weshalb Bernstein »von kleinkapitalistischen Bauern, relativ erfolgreichen Kleinwarenproduzenten und Lohnarbeitern« spricht.

Es gibt erstens bäuerliche Haushalte, die stabile Einkommen erwirtschaften, einen Teil davon als Kapital investieren und so ökonomische Ressourcen akkumulieren. Bernstein spricht hier mit Marx von einer erweiterten Reproduktion. Diese Haushalte würden auch stark auf fremde Arbeitskraft zugreifen. Es gibt zweitens bäuerliche Haushalte, denen es gelingt, ihr Produktionsniveau stabil zu halten – hier herrsche einfache Reproduktion vor, ein erzielter Mehrwert wird privat verbraucht und nicht zur Erweiterung des Geschäfts eingesetzt. Drittens spricht Bernstein von bäuerlichen Haushalten, denen es trotz Landwirtschaft nicht einmal gelingt, daraus das eigene Überleben zu sichern, was oft dazu zwingt, durch Lohnarbeit woanders zusätzliche Einkommen zu erarbeiten. 

Bernstein hält generell »eine einfache empirische Verallgemeinerung« landwirtschaftlicher Tätigkeiten und ihrer sozialen Beziehungen für »unmöglich«. Neben die Produktionslogik treten nämlich noch weitere Faktoren, etwa die Geschlechterdifferenzierung, koloniale Vermächtnisse und die Aktivitäten von Staaten sowie unterschiedliche landwirtschaftspolitische Pfade oder der Einfluss von Konzernen und Marktmechanismen.

»Kleinbauern« hätten »in den meisten Regionen der Welt keine Lobby, sei es wegen ihrer vermeintlichen Unberechenbarkeit in revolutionären Situationen oder weil sie den Weg zu erhöhter Arbeitsproduktivität durch großflächige industrialisierte Landwirtschaft blockieren«, schreiben Bastiaan Wielenga und Alexis Petrioli in ihrem eingangs genannten Stichwort im »Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus«. Meist werde ihnen von der dominierenden Agrarpolitik die Rolle derer zugewiesen, »die das Feld räumen müssen«. 

Silvia Pérez-Vitorias Bild vom »Staffelstab«, den die »Bauern für die Zukunft« vom »alten Proletariat« übernommen habe, sehen Wielenga und Petrioli zwar als »offenkundig überschwängliche Rhetorik«. Es bestehe aber »kein Grund, die bisherigen Mobilisierungserfolge kleinzureden«.

Geschrieben von:

Vincent Körner