Wirtschaft
anders denken.

Eine Ikone wird nicht nach ihrer Herkunft befragt: Friedrich Engels in der DDR

15.01.2018

Was fing man in der realsozialistischen DDR mit dem kommunistischen Kapitalisten Friedrich Engels an? Anmerkungen zur Rezeption eines Unbequemen von Lutz Brangsch. Ein Artikel aus der Januarausgabe von OXI.

Friedrich Engels war und ist der Unbequeme. Als erfolgreicher Unternehmer und Kommunist, ohne irgendeinen Berufsabschluss oder akademischen Grad verkörpert er mehr noch als Karl Marx das Archaisch-Widerborstige des von ihm mit begründeten »deutschen kritischen Kommunismus«.

Auf der einen Seite steht dieses Doppelleben für den Bruch des Bürgerlichen, kaum dass es zur herrschenden Lebensweise geworden ist. Die bürgerliche Klasse bringt aus den eigenen Reihen die eigenen Totengräber hervor, wie das Kapital das Proletariat. Und Engels war in beiden Sphären zu Hause.

Auf der anderen Seite ist er als kulturvoller Genussmensch die Antithese zu jeder asketischen Kommunismusvorstellung, auch zu der späteren leninistischen Vorstellung vom Berufsrevolutionär bzw. Funktionär oder zum pseudoproletarischen Habitus nicht weniger Spitzenfunktionäre. Stärker noch als Marx steht er für eine Einheit von wissenschaftlicher Weltaneignung, politischem Handeln, Organisierung eines politisch-bildenden Diskurses (einschließlich einer oft polemischen Verteidigung eigener Auffassungen) über die verschiedenen sozialen Schichtungen der damaligen globalen sozialdemokratischen Bewegung hinweg.

Darstellung als Verflacher der reinen Marxschen Lehre

Das ist der Spannungsbogen, in dem sich die Engels-Rezeption bis heute bewegt und auch in der DDR bewegte. Für die Nachfolgenden bereitet ein solches offenes Verständnis der eigenen Stellung in einer Bewegung immer Probleme. Die Person wird hochgradig angreifbar, da die Einheit von Wissenschaft, politischem Handeln und Lernen einerseits die Erhabenheit akademischer Weisheit in Frage stellt und andererseits der Natur der Sache nach Widersprüche einschließen muss. Suchbewegungen und Fehlentscheidungen, persönliche Schwächen und Reagieren auf gesellschaftliche oder Gruppenzwänge wurden und werden gerne genutzt, um das emanzipatorische Kernanliegen zu diskreditieren.

Das betraf und betrifft Engels in viel höherem Maße als Marx. Reflex dieses Unbehagens mit Engels war und ist seine Darstellung als Verflacher der reinen Marxschen Lehre.

Wie reagierte man in der DDR darauf? Die Materiallage für eine Beschäftigung mit Engels war gut. Mit den Marx-Engels-Werken (MEW) lagen praktisch alle relevanten Schriften, Artikel, Briefe und sonstigen Materialien aus dem Engelsschen Schaffen vor. Seine Leistungen als Herausgeber der Bände 2 und 3 des Kapital und sein Anteil an der Entstehung des Marxschen Hauptwerkes waren hinreichend gewürdigt. Vor allem ab 1970 und dann mit der Arbeit an der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) wurde die wissenschaftliche Beschäftigung mit Engels noch intensiver, wie man heute noch in den auf marxforschung.de dokumentierten Beiträgen aus den 1970/80er Jahren recht gut nachvollziehen kann. Das Ökonomenlexikon von 1989 räumt Marx und Engels beinahe gleich viel Raum ein, wobei Engels ein paar Zeilen mehr haben dürfte.

Domestizierung Engels‘ als Erklärer der gerade aktuellen Parteilinie

Je näher die AutorInnen, etwa der diversen Vorworte zu Engels-Texten, der Propaganda und der Praxis kamen, umso schmalspuriger wurden die Darlegungen und umso stärker trat die Domestizierung Engels‘ als Erklärer der gerade aktuellen Parteilinie in den Mittelpunkt. Man hob vor allem die polemischen Elemente hervor und stellte sie als Muster der Auseinandersetzungen mit bürgerlichen oder anderen gerade nicht genehmen Auffassungen dar.

Viel hing also davon ab, aus welcher Perspektive man sich mit Engels beschäftigen wollte. Für die meisten Menschen lag dabei die Bekanntschaft mit Engels vor der mit Marx. Auszüge aus Schriften, wie der »Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft« waren schon in der Schule Teil des Unterrichts und sollten in den FDJ-Studienjahren, im Zirkel junger Sozialisten und auch im Parteilehrjahr diskutiert werden.

Grundlage dafür waren entweder die zweibändige oder die sechsbändige Marx-Engels-Werkausgabe. Die Ausgewählten Werke in zwei Bänden präsentieren Marx und Engels praktisch paritätisch. Die sechsbändige Ausgabe verschiebt den Schwerpunkt etwas zu Marx.

Allerdings wurde Engels, wie auch Marx, meist eher aus Sekundärliteratur rezipiert. Tatsächlich legte dieser Weg der Bekanntschaft in fataler Weise eine bestimmte Sicht auf Engels als denjenigen, der den Einstieg in den Marxismus vermitteln sollte, nahe. Diese grobe Vereinfachung machte zwar die Befassung mit der marxistischen Weltanschauung zugänglicher, verarmte sie aber gleichzeitig.

Marx und Engels verwandelten sich in eine »Doppelperson«

Das war mit zwei Nebeneffekten verbunden: Erstens verwandelten sich Marx und Engels in eine »Doppelperson«, wobei Engels wenigstens in den Augen der NichtspezialistInnen abgewertet, seine Rolle auf die des Popularisators reduziert und gleichzeitig er als solcher ikonisiert wurde.

Damit wurde ein Problem umgangen – eine Ikone wird nicht nach ihrer Herkunft befragt. Der Bourgeoise Engels stand doch in einer Reihe mit Lenin, Trotzki oder Kautsky, die zwar als proletarische Revolutionäre galten, aber nie zum Proletariat gehörten. Die Ikonisierung war der Hebel, mit dem dem gegenseitigen Annäherungsprozess von Arbeiterbewegung und Marxismus seine Widersprüchlichkeit und Kompliziertheit ausgetrieben werden konnte. Zweitens wurde eine Hierarchie des Wissens suggeriert; hier das »wissenschaftliche« Wissen der SpezialistInnen, dort das Wissen für den Hausgebrauch, das aber das eigentlich wichtige, weil Wissen des Apparates war.

Auf einer anderen Ebene war Engels allerdings durchaus immer präsent, vor allem, wenn es um Zukunftsfragen ging. Wie auch die Wirkung von Marx kann die von Engels nicht in der Zahl der Zitate gemessen werden. Vor allem die Breite seiner Interessen und sein historischer Sinn beeinflussten die Arbeitsweise von WissenschaftlerInnen und FunktionärInnen, die sich ernsthaft mit ihm beschäftigen wollten. Seine Aussagen zu Zukunftsoptionen wurden nicht als Beschreibung von Automatismen, sondern als Beschreibungen neuer Widerspruchskonstellationen verstanden. Die »Altersbriefe« schließlich waren, mehr noch als seine gedruckten Werke, eine inspirierende Quelle zum eignen Nachdenken über die Gesellschaft.

Mentor der aufstrebenden Sozialdemokratie

Das Bild der »Doppelperson« Marx/Engels war geeignet, die breite Grundlage und die Komplexität der Arbeit der beiden Personen zu fassen. Engels wurde dabei als Freund und Unterstützer Marx‘ rezipiert, mit dem er arbeitsteilig verbunden war – als Militärtheoretiker, als Herausgeber des Marxschen »Kapital« sowie Mentor der aufstrebenden Sozialdemokratie in Europa und Verteidiger der Marxschen Linie. Er erschloss durch sein Interesse für Naturwissenschaften, Philologie und Geschichte immer neue Felder, die Marx und die junge Sozialdemokratie theoretisch wie praktisch herausforderten.

Engels versuchte schon vor Marx in den »Umrissen zu einer Kritik der Nationalökonomie« (1843/44), eine eigene Position zu den ökonomischen Konzepten seiner Zeit zu gewinnen. Bei der Erarbeitung des »Kapital« war er für Marx ein unentbehrlicher Ratgeber. Seine Erfahrungen des alltäglichen Geschäftslebens des immer globaler werdenden Kapitalismus waren eine der entscheidenden Grundlagen für die Entwicklung der ökonomischen Auffassungen Marx‘.

Das Bild der »Doppelperson« war aber nicht geeignet, die Eigenständigkeit beider Personen zu würdigen. Marx und Engels bewegten sich zum Teil auf unterschiedlichen Gebieten. Allerdings eben nicht als Wissenschaftler (Marx) auf der einen und Popularisator (Engels) auf der anderen Seite, sondern als zwei »organische Intellektuelle«. Dabei folgten sie unterschiedlichen Arbeitsmethoden. Schließlich waren sie in unterschiedlichen sozialen Räumen beheimatet, was für Engels als »fungierender Kapitalist« über 20 Jahre hinweg bedeutend schwieriger war, als für Marx.

Das Unfertige des Marxismus

Ansatzweise wurde die Eigenständigkeit Engels’ in einem Reclam-Bändchen unter dem Titel »Friedrich Engels. Dokumente seines Lebens« (im Jahr 1977 herausgegeben von Manfred Kliem) eingefangen. Dies mag erst einmal unwesentlich erscheinen; aber gerade die Unterschiede in der Arbeitsweise waren entscheidend für die Verbreitung der von Marx und Engels vertretenen Auffassungen, bildeten aber gleichermaßen die Grundlage für Angriffe auf den beiden gemeinsamen emanzipatorischen Anspruch.

Indem Engels auf andere Weise an dieses Gemeinsame heranging (dies gilt auch und vor allem für die Herausgabe des »Kapital«), machte er auch das Unfertige des Marxismus und damit seine Entwicklungsmöglichkeit und -notwendigkeit deutlich. Dem wich die Engels-Rezeption in der DDR aus. Und daran hat sich in den linken Bewegungen bis heute wenig geändert.

Geschrieben von:

Lutz Brangsch

Ökonom