Wirtschaft
anders denken.

Pensionsfonds in den USA: Eine tickende Zeitbombe

09.08.2017
Ein Bündel Dollar-Noten.Foto: Chris Potter / flickr CC BY 2.0Fonds neigen zu einer Strategie der Profitmaximierung, um genügend Vermögen zu erwirtschaften.

Vom staatlich gesicherten Altersruhegeld können amerikanische ArbeitnehmerInnen später als Rentner kaum leben. Sie müssen sich auf ihre Betriebsrenten verlassen. Aber deren Beiträge stecken in Pensionsfonds. Und sind damit vom Auf und Ab der globalen Finanzmärkte abhängig.

US-amerikanische Pensionsfonds sind weltweit als Shareholder unterwegs, auch in Deutschland. In den USA sind sie zu einer tickenden Zeitbombe geworden. Spätestens 2025 wird sogar der Rückversicherung das Geld ausgehen, warnt Direktor Tom Reeder von der Pension Benefit Guaranty Corporation (PBGC) im Jahresbericht 2016.

Für Millionen Angestellte in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst der USA steigt die Gefahr, in Altersarmut leben zu müssen. Denn in US-amerikanischen Privatbetrieben verfügen nur 45 Prozent der Beschäftigten über hinreichende Rücklagen fürs Alter, ermittelten die US-Nachrichtenagentur Bloomberg und das US-Wirtschaftsmagazin Forbes. Denn kaum mehr als zehn Prozent der Unternehmen bieten ihren Beschäftigten eine Altersversorgung an. Im öffentlichen Dienst haben immerhin 70 Prozent der Beschäftigten eine Pensionssicherung, unter den Lehrern sind es 60 Prozent. Aber vielen Fonds geht das Geld aus, und manche wurden bereits zu Kürzungen ihrer Pensionszahlungen gezwungen.

Spätestens 2025 wird sogar der Rückversicherung das Geld ausgehen.

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Im privaten Unternehmenssektor sind immerhin 26 Billionen US-Dollar Vermögen vorhanden, um laufende und künftige Rentenansprüche abzusichern – doch auch dieses hält die Citibank für »nicht nachhaltig«. Nach den Vorhersagen werden innerhalb der nächsten 20 Jahre zwischen 150 und 200 branchenspezifische Rentenfonds vor allem im Speditionsgewerbe und im Bergbau pleitegehen. Seit der US-Kongress im Jahr 2014 ein entsprechendes Gesetz verabschiedet hat, können Rentenfonds, die sich in finanziellen Schwierigkeiten befinden, die Zahlungen kürzen. 20 bis 30 Prozent Abschläge im Monat sind in solchen Fällen häufig, Betroffene berichten von Verlusten von bis zu 50 und sogar 80 Prozent.

Die Fonds für die Angestellten in Städten und Bundesstaaten verfügen zwar laut einer Veröffentlichung der National Association of State Retirement Administrators (NASRA) über fast vier Billionen US-Dollar an Rücklagen. Und die Vermögen dieser Fonds stiegen auch im letzten Jahr um sechs Prozent. Aber »jedes Jahr zahlen sie mehr aus, als sie an Einnahmen bekommen«. Einer Studie der Citigroup zufolge fehlen den Fonds bis zu drei Billionen US-Dollar, damit sie die Leistungen garantieren können, die sie bisher versprochen haben.

26 Prozent der Einnahmen der Pensionsfonds im öffentlichen Dienst stammen von (steuerbegünstigten) Einzahlungen der Arbeitgeber, zwölf Prozent von den Beschäftigten selbst. Die restlichen 62 Prozent speisen sich aus Profiten, die aus Investitionen und Shareholder-Aktivitäten stammen — das heißt aus Spekulationsgeschäften der Fonds im In- und Ausland. Weil sich die Krise trotz der Beschwichtigungen mancher Fondsmanager unter den Betroffenen herumspricht, ziehen in manchen US-Bundesstaaten die künftigen Pensionsberechtigten ihre eingezahlten Gelder vorzeitig ab. Andere Reaktionen bleiben nicht aus. In Dallas laufen Polizisten und Feuerwehrleute der Stadtverwaltung davon. Ihnen erscheint die Altersversorgung aus dem schwer angeschlagenen Dallas Police and Fire Pension System (DPFP) nicht mehr sicher. Um Liquiditätsprobleme abzuwenden, wurden die Rentenzahlungen an die derzeitigen Empfänger bereits gekürzt. Prognosen besagen, dass der Fonds dennoch in zehn Jahren insolvent sein wird. Denn jetzt gehen geburtenstarke Jahrgänge in Pension. Das Loch in der Kasse von vier städtischen Pensionskassen in Dallas ist fünfmal so hoch wie der städtische Jahreshaushalt.

Für Millionen Angestellte in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst der USA steigt die Gefahr, in Altersarmut leben zu müssen.

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Ob öffentlich oder privat: ein großes Durcheinander

Die Verzettelung des US-Rentensystems ist enorm. Die NASRA listet insgesamt 6.277 Pensionssysteme für den öffentlichen Dienst auf. Spitzenreiter unter den Bundesstaaten ist Pennsylvania mit allein 2.260 Fonds. In der Summe sind die Pensionsverpflichtungen in diesem Bundesstaat nur zu 70 Prozent von Vermögen gedeckt. Alle Fonds in Kalifornien zusammen sind nach einer Studie mit einer Billion US-Dollar unterfinanziert.

Ein Beispiel für gravierende Unterfinanzierung liefert der staatliche Pensionsfonds von New Jersey. Die ungedeckten Pensionsverpflichtungen haben hier eine Höhe von 95 Milliarden US-Dollar erreicht. Wie bei anderen Pensionsfonds werden Verluste an den Finanzmärkten in den Jahren 2001 und 2008 als Ursachen für das jetzige Desaster genannt. Beobachter sehen weitere Gründe für die Misere in zu starken Pensionserhöhungen in der Vergangenheit und Wahlkampfspenden zur Unterstützung dieser Politik. Vielen Fonds, die ins Schleudern gekommen sind, wird also auch Missmanagement vorgeworfen.

Ein anderes Beispiel ist Puerto Rico. Die Insel ist noch Kandidat, um der 51. Staat der USA zu werden. Schon 2015 sagten Experten den Bankrott des dortigen Pensionsfonds für 2019 voraus. Aktuell weist der Fonds ein Defizit von 40 Milliarden US-Dollar aus. Er versorgt etwa 150.000 ehemalige Staatsangestellte; 38.000 von ihnen erhalten weniger als 500 US-Dollar Pension im Monat. Unklar ist, was bei einer Aufnahme Puerto Ricos mit dem Fonds geschieht.

Die Probleme des Branchenführers

Der größte Fonds in den USA operiert unter dem Kürzel CalPERS (für: California Public Employees’ Retirement System). Pensionsverträge mit CalPERS haben gut 1,8 Millionen Beschäftigte in 450 Städten, etwa 1,4 Millionen sind krankenversichert. Verluste an den Börsen ließen zwischen 2007 und 2009 das Vermögen von CalPERS von 251 auf 179 Milliarden US-Dollar schmelzen. Seither ging es auf und ab. Alle Vermögenswerte deckten 2015 nach eigenen Angaben etwa 73 Prozent der gegenwärtigen und zukünftigen Pensionsversprechen ab, für 2016 liegen Schätzungen bei 69 Prozent. Der Strategieplan des Managements für die Jahre bis 2022 definiert als eines der Ziele, diesen Prozentsatz nicht unter 50 Prozent fallen zu lassen. Doch Beobachter fragen: Was wird danach?

Im breit gestreuten Portfolio von CalPERS befinden sich alle Arten von Finanzanlagen, von Staatsanleihen über Immobilien bis zu Aktien. Anteile an Apple, Exxon und Microsoft stehen an der Spitze. Auf 62 Milliarden US-Dollar summiert sich das im Ausland liegende Kapital. An die 20 Milliarden US-Dollar sind in Euros angelegt. So steht die Deutsche Bank mit auf der Liste ebenso wie Papiere der Allianz Versicherung, von Axa, der Deutschen Telekom, Lufthansa, Siemens, Südzucker, VW und deutsche Bundesobligationen.

Bei Aktionärsversammlungen taucht der Fonds immer wieder als Sprecher auf. Um die Pensionen der Staatsangestellten in Kalifornien finanzieren zu können, ist das Management von CalPERS zu einer aggressiven Shareholder-Politik gezwungen. Die Unternehmen, von denen der Fonds Aktien besitzt, sollen möglichst hohe Gewinne mit möglichst wenigen Beschäftigten erzielen — überall, auch in Deutschland.

Die Unternehmen, von denen der Fonds Aktien besitzt, sollen möglichst hohe Gewinne mit möglichst wenigen Beschäftigten erzielen.

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Noch vor zehn, zwölf Jahren gab es die Vorstellung, auch bei deutschen Gewerkschaften, die US-Pensionsfonds seien Partner bei dem Ziel, Unternehmen zu einer langfristigen, beschäftigtenfreundlichen und sozialen Strategie zu bewegen. Ein Trugschluss, wie sich zeigt: Auch diese Fonds neigen zu einer Strategie der Profitmaximierung, um genügend Vermögen zu erwirtschaften, mit dem die Pensionsansprüche finanziert werden können.

Hintergrund: Amerikanische Verhältnisse

Das US-amerikanische System der Altersvorsorge ist ebenso kompliziert wie unzureichend. Nach dem Grundgedanken der privaten Selbstverantwortung kümmerte sich der Staat bis 1935 überhaupt nicht um eine allgemeine Absicherung. Das staatliche System, das dann unter dem Präsidenten Franklin D. Roosevelt als Teil des »New Deal« eingeführt wurde, konzentrierte sich zunächst auf das verarbeitende Gewerbe und wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg erweitert.

Das heutige System heißt »Old Age, Survivors and Disability Insurance« (kurz: OASDI) und wird im Sprachgebrauch einfach »Social Security« genannt. Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlen in sie zu gleichen Teilen ein (je 6,2 Prozent), und auch Selbstständige müssen einen Beitrag leisten. Nach wie vor hat das staatliche System aber nicht den Anspruch, die Bürger im Alter materiell wirklich abzusichern. Diese Rentenzahlungen erreichen im Durchschnitt nicht einmal die Hälfte des letzten Lohns. Daraus ergibt sich die hohe Bedeutung der Pensionsfonds und der Betriebsrenten.

Ein Vorreiter unter den firmenspezifischen Programmen war die Eisenbahngesellschaft von Baltimore und Ohio mit einem 1884 eingeführten Pensionsplan. Ein Jahr später wurde in Florida ein Pensionsfonds für Veteranen des Amerikanischen Bürgerkrieges geschaffen. 1889 folgte die American Express Company dem Modell. Ein Bundesgesetz von 1913 bot den Fonds Steuererleichterungen.

Unter den verschiedenen Möglichkeiten einer Zusatzvorsorge für das Alter sind heute sogenannte 401k-Pläne am weitesten verbreitet. Dabei lässt ein Arbeitnehmer einen festgelegten Prozentsatz seines Gehalts vom Arbeitgeber abziehen, Letzterer legt selbst einen Betrag drauf und investiert das Geld in einen Investmentfonds. Wer das tut, hat Steuervorteile, aber er ist auch vom Erfolg des Fonds abhängig.

Manche Pensionsfonds im öffentlichen Dienst starteten als Altersversicherung für Lehrkräfte und erweiterten ihre Klientel allmählich um die übrigen Beschäftigten im öffentlichen Dienst wie Richter, Polizisten und Krankenhauspersonal.

1991 kam eine Untersuchung zum Ergebnis, dass sich 40 Prozent des Aktienkapitals in den USA in der Hand von Renten- und Pensionsfonds befanden. Das waren zu diesem Zeitpunkt 2,5 Billionen US-Dollar. Zunehmend erweiterten die Fonds ihr Portfolio und legten Gelder auch auf ausländischen Aktienmärkten an.

Unter den sogenannten institutionellen Anlegern spielen die Pensionsfonds inzwischen weltweit eine zentrale Rolle – und sei es über den Umweg als Anteilseigner von Hedgefonds, den »Heuschrecken«. Das wird zu einem Kennzeichen im Zeitalter der Globalisierung, zumal dem amerikanischen Modell der Altersversorgung auch andere Länder folgen. Großbritannien und Indien sind nur zwei Beispiele dafür.

Download-Tipp

archiv.labournet.de/diskussion/wipo/rente/pensionsfonds_usa.pdf

Geschrieben von:

Wolfgang Mayer

freier Autor