Wirtschaft
anders denken.

Einstiege in die feministische Kapitalismuskritik

25.10.2018
feministische Kapitalismuskritikprivat

Zwei neue Bücher aus dem Dampfboot-Verlag bieten gute Einführungen in die feministische Kapitalismuskritik: Das erste, um Theorien, Begriffe und Diskurse zu verstehen; das zweite, um die Aktualität und die Weiterentwicklung der Theorien kennenzulernen.

Die Kinderbetreuung ist ein großes Thema, das Elterngeld auch, es wird immer lauter nach Quoten, Gleichberechtigung, Anerkennung gerufen. Gleichzeitig bekommen populistische Kräfte immer mehr Rückenwind, die ein rückwärtsgewandtes Frauenbild propagieren. Noch ein Schlaglicht:  Global mischen Wirtschaftswissenschaftler_innen die Szene der etablierten Ökonomik mit plurale Theorieansätzen auf. Es wird wieder kritisch und wissenschaftlich über den Kapitalismus diskutiert. Feministische Theorien spielen dabei eine wichtige Rolle.

Doch was genau ist feministische Kapitalismuskritik? Antwort darauf geben zwei im Dampfboot Verlag erschienene Bücher. Der Band »Feministische Kapitalismuskritik« von Brigitte Aulenbacher, Birgit Riegraf und Susanne Völker liegt jetzt in neuer Auflage vor und bietet einen wissenschaftlichen Einstieg in eine Bandbreite feministischer Kapitalismusforschung. Die Autorinnen unterscheiden drei zentrale Kapitalismuskritiken, die in ihrer historischen Entwicklung diskutiert werden.

Den ersten Forschungsstrang bildet die traditionsreiche gesellschaftstheoretische Analyse, die die Unterschiede in Dynamik und Struktur des Kapitalismus zu anderen Gesellschaftsformen aufzeigt. Die Autorinnen legen hierbei ein besonderes Augenmerk darauf, wie diese Strukturen Herrschaftsformen transportieren und etablieren. Ein zweites Forschungsfeld untersucht das Spannungsverhältnis zwischen ökonomischer Ungleichheit und bürgerlicher Gleichheit und nimmt die Diskussion um soziale Gerechtigkeit in den Fokus. Der Einführungsband gibt hier nicht nur Einblicke in theoretische Diskurse, thematisiert wird auch, inwiefern Lebensrealitäten und Biografien durch den Kapitalismus geprägt sind. Der dritte, praxistheoretische Ansatz untersucht den Kapitalismus als etwas, das stetigem Wandel unterworfen ist und fragt, welche Kämpfe um Veränderung es gibt und wie diese auf die Kämpfenden zurückwirken.

»Feministische Kapitalismuskritik« bietet so einen weitreichenden, wissenschaftlichen, historisch fundierten und theoretisch angelegten Einblick in die Kapitalismuskritik aus feministischer Perspektive. Vor allem für diejenigen, die einen Einstieg suchen, ist das Buch eine hilfreiche Lektüre. Man sollte sich deshalb nicht vom Einband abschrecken lassen, dessen Layout ein wenig an einen Feminismus gemahnt, der bei der Frauenbewegung der 1970er Jahre stehengeblieben ist.

Das zweite hier vorzustellende Buch ist stärker von aktuellen Ereignissen geprägt. Ein Jahr #metoo, die Präsidentschaft von Donald Trump, die Diskussionen um den Paragraph 219 und das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche bleiben nicht ohne Einfluss auch auf eine kapitalismuskritische Gesellschaftsanalyse. Der Sammelband stellt hier vor allem queer-feministische Positionen vor, die in den gegenwärtigen politischen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen an Boden gewonnen haben.

Die AutorInnen versuchen, zentrale Konzepte, Begriffe und Kategorien wie Demokratie, Krise, Hegemonie, Care-Ökonomie, Ökologie, Neoliberalismus und Heteronormativität nicht nur zu analysieren, sondern die Überlegungen auch mit queer-feministischen und geschlechtertheoretischen Ansätzen zu verbinden. Auch marxistische Denkansätze werden aufgegriffen.

Die Diskussionen, die zu diesem Band führten, wurden vor allem im Rahmen des Arbeitskreises »Gender & Kapitalismusanalyse« der Rosa Luxemburg Stiftung geführt. Es geht darin um Fragen der Regulierung von Sexualität, um solche der Reproduktion, der Herrschaft – kurzum: Behandelt wird ein großer Bogen des kapitalistischen Lebens von seiner kleinsten Zelle, dem Menschen, bis hin zu den Auswirkungen politischer Prozesse darauf. Es kommen unter anderem Christa Wichterich, Brigitte Bargetz, Alex Demirovic und Gundula Ludwig zu Wort.

Das zweite Buch bettet die feministischen Debatten stärker in den Hintergrund aktueller gesellschaftspolitischer Krisen ein. Es lohnt aber sich, beide Bände zu lesen. Den ersten, um Theorien, Begriffe und Diskurse zu verstehen; das zweite Buch, um die Aktualität und die Weiterentwicklung der Theorien kennenzulernen. In einer Zeit, in der die Pluralität der Ökonomie selten über Postwachstum und Keynes hinaus geh, ist die Lektüre bereichernd. Eine weniger akademische Sprache hätte der Popularität der feministischen Kapitalismuskritik sicher keinen Abbruch getan.

Brigitte Aulenbacher, Birgit Riegraf, Susanne Völker: Feministische Kapitalismuskritik, Verlag Westfälisches Dampfboot, Neuauflage 2018, 179 Seiten, 15,90 Euro.

Katharina Pühl, Birgit Sauer (Hrsg.): Kapitalismuskritische Gesellschaftsanalyse: queer-feministische Positionen, Verlag Westfälisches Dampfboot 2018, 289 Seiten, 30 Euro

Geschrieben von:

Anne Schindler

OXI Projektkoordinatorin