Wirtschaft
anders denken.

Mit großem Fragezeichen

27.05.2023
Robert Hobeck schaut kritisch mit MaskeFoto: Björn EichenauerWirtschaftsminister Habeck hat große Pläne bei den Erneuerbaren. Sind sie umsetzbar?

Einer Studie des Westfälischen Energieinstituts zufolge, gibt die von der Bundesregierung geplante Energiewende keinen Aufschluss darüber, wie die Ziele erreicht werden sollen. Aus OXI 4/23. 

Nach dem Studium des neuen EEG 2023 ist im Westfälischen Energieinstitut ein unerklärbares Paradoxon aufgefallen, das ausführlich in einem Positionspapier »Energie- und Klimawende zwischen Anspruch, Wunschdenken und Wirklichkeit« dargelegt worden ist. In der »Energieeffizienzstrategie 2050« vom Dezember 2019 weist das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz unter Peter Altmaier (CDU) sowie die sich hierauf beziehende Website des Umweltbundesamtes einen im Jahr 2050 anzustrebenden Primärenergiebedarf Deutschlands mit 50 Prozent des Bedarfs von 2008 aus. Das wären dann 1.997 TWh/a (1 TWh (Terawattstunde) = 1 Milliarde kWh).

Verschiedene Studien bestätigen im Mittelwert die Machbarkeit dieses Volumens auf Basis des Jahres 2045. Das bekannte Wuppertal-Institut gibt hier in einer Metastudie insgesamt einen Strommengenbedarf für Deutschland im Bereich von 1.851+/-167 TWh/a an. Auch technische Untersuchungen auf Basis eines vom Westfälischen Energieinstitut entwickelten und veröffentlichten komplexen Energiewende-Planers zeigen, dass dies eine realistische, aber auch sehr ambitionierte Annahme ist. Dabei muss man sich der Tatsache bewusst sein, dass der Ist-Primärenergiebedarf Deutschlands im Jahr 2021 noch bei 3.387 TWh/a lag. Demnach wäre, um das 1.997 TWh/a-Ziel in den nächsten 20 Jahren zu erreichen, eine Einsparung von 1.390 TWh/a (41 Prozent) erforderlich. Eine Prognose des ebenfalls bekannten Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin geht hier bei der Bedarfsermittlung sogar nur von 1.200 TWh/a, unter Hinzuaddieren von 25 Prozent Primärenergieverlusten (überwiegend Netzverluste), von 1.500 TWh/a im Jahr 2045 aus, wobei sich realiter die Verluste noch auf rund ein Drittel des Primärenergiebedarfs belaufen. Hier würden die Einsparungen dann sogar bei 55,7 Prozent liegen. Das Westfälische Energieinstitut hält diese DIW-Bedarfsprognose für technisch unrealistisch und auch aufgrund der gesellschaftlichen und ökonomischen Implikationen für nicht annährend konsensfähig (dazu noch später).

Auch die im neuen EEG 2023 veröffentlichten Planwerte des Bundeswirtschafts- und Klimaministeriums unter Robert Habeck (Grüne) weisen weiterhin für das Jahr 2045 einen EE-Bruttostrombedarf  von 1997 TWh/a aus. Davon sollen 1.079 TWh/a., bei einer installierten EE-Leistung von 638,3 GW (1 GW (Gigawatt) = 1 Milliarde W = 1 Million kW), in Deutschland erzeugt werden; 160 GW aus Wind an Land, 70 GW aus Wind auf See, 400 GW aus Photovoltaik, 2 GW aus Biomasse, 5,3 GW aus Wasserkraft und 1 GW aus sonstigen EE.

Um für diese Größenordnungen und Entwicklungen ein besseres Verständnis zu entwickeln, soll kurz ein Blick auf die Vergangenheit geworfen werden. Hier zeigen uns die Ist-Werte, dass im Jahr 2000 mit einer insgesamt installierten Leistung von 12 GW nur 35 TWh/a erneuerbare Primärenergie EE erzeugt wurden. Bis zum Jahr 2021, also binnen 21 Jahren, haben sich diese Werte auf 225 TWh/a bei einer insgesamt installierten EE-Leistung von 139 GW erhöht. Dies entspricht einer gewaltigen Steigerung bei der EE-Leistung um 1.058,3 Prozent! und des EE-Bruttostromverbrauchs um 542,9 Prozent! Bis 2030, so Habeck und die Bundesnetzagentur, soll jetzt mit einer installierten EE-Leitung von 375 GW eine EE-Energie von 600 TWh/a erzeugt werden und 2045 sollen es 638,3 GW bzw. 1.079 TWh/a brutto sein. Von 2021 bis 2045 ergibt sich dann noch eine Steigerung der installierten EE-Leistung um 263,5 Prozent und bei der EE-Energie um 379,6 Prozent. Die Wachstumsraten liegen also weit unter den Zuwächsen der Jahre 2000 bis 2021. Den größten Zuwachs bis 2045 erhofft sich dabei die Politik bei der Photovoltaik mit 574,5 Prozent.

Was heißt das jetzt aber alles im Befund? Nun, die für 2045 prognostizierte und ambitionierte EE-Bruttostromverbrauchsmenge von 1.997 TWh/a wird mit der in Deutschland geplanten erneuerbaren EE-Energiemenge von 1.079 TWh/a nicht annähernd erreichbar sein. Es fehlen schlicht 918 TWh/a bzw. 46 Prozent. Somit ist eine 100-prozentige EE-Autarkie Deutschlands, entgegen immer wieder populistischer Bekundungen in der Öffentlichkeit, ein reines Wunschdenken. Und hierbei sind in den Planungen nicht einmal die Ersatzinvestitionen für die in Deutschland ins Alter gekommenen EE-Anlagen berücksichtigt, deren Leistung, werden sie nicht ersetzt, dann nicht mehr zur Verfügung steht.

Die in Deutschland zukünftig fehlende Strommenge von 46 Prozent soll aber, so Habeck, ganz einfach aus dem Ausland kommen; überwiegend in Form regenerativ hergestellten Wasserstoffs oder seiner Derivate. Hierbei handelt es sich jedoch nur um Nettowerte. Der Wasserstoff im Ausland muss nämlich verlustbehaftet mit Hilfe von EE-Energien hergestellt werden, wodurch dem Ausland schlussendlich eine höhere Bruttoenergieerzeugung abverlangt wird, als es auf den ersten Blick erscheint. Nimmt man für die Elektrolyse von grünem Wasserstoff, der Folgebehandlung, Verdichtung, dem Transport usw. einen nur realistischen Wirkungsgrad von 65 Prozent an, so ist der wahre energetische Aufwand zur Erzeugung der von Deutschland zu importierenden Energie um 54 Prozent höher. Um also die fehlenden 918 TWh/a »offizieller Primärenergie« nach Deutschland zu holen, ist in Wirklichkeit im Ausland ein energetischer Gesamtaufwand von 1.412 TWh/a erforderlich. Damit erhöht sich das 1.997 TWh/a-Ziel (netto) auf 2.491 TWh/a (brutto), also um knapp 25 Prozent. Das Ausland müsste hierfür 130 Prozent des EE-Primärenergieertrags Deutschlands erzeugen. Außerdem bedarf es im Vergleich zum Zeitraum 2011 bis 2021 für den EE-Bruttoausbau Deutschlands bis 2045 einen um den Faktor 4 +/- 0,6 größeren personellen und materiellen Ressourcen-Einsatz.

Käme es unter all diesen Bedingungen zu einem Ausfall an EE-Leistungen im Inland und/oder Ausland, so wäre ein schwerwiegender Blackout die Folge. Es sei denn, das Ausland versorgt uns zu jeder Zeit gesichert und zuverlässig mit grünem Wasserstoff. Diese Prämisse erscheint aber zweifelhaft, zumal das Ausland selbst auf erneuerbare Energien setzen muss.

In diesem gesamten Kontext haben in großer Sorge sieben Professoren des Westfälischen Energieinstituts, ein In-Institut der Westfälischen Hochschule, in einem Brief vom 17. August 2022 (dieser liegt der OXI-Redaktion vor) Bundeswirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck zwei Fragen gestellt: »Ist der Weg bis zur Erzielung des im Jahr 2045 angestrebten Primärenergiebedarfs von 2.000 TWh/a in einem regierungsoffiziellen Papier konkret definiert und veröffentlicht? In welcher Form sollen dann die fehlenden 1.000 TWh/a aus dem Ausland importiert werden?«

Eine Antwort ist Habeck bis heute schuldig geblieben. Wir wissen nicht einmal, ob der Brief ihn erreicht hat. Dies ist sehr ärgerlich, nicht zuletzt auch deshalb, weil sich die Ampel-Regierung aus SPD, FDP und Grüne, im Koalitionsvertrag ein »transparentes Regierungshandeln« wegen einer erschreckenden Zunahme an Politikverdrossenheit in der Bevölkerung auf die Fahne geschrieben hat.

Aber selbst einmal naiv unterstellt es gäbe die aufgezeigten Umsetzungsprobleme bei der Energiewende in Deutschland nicht, dann bleibt ein weiterer Fakt: Der Welt-Primärenergiebedarf wird 2045 nach wie vor zu 70 Prozent aus fossilen und zu 5 Prozent aus nuklearen Energieträgern gedeckt. In Deutschland soll dann der Wert für beide Energieträger bei null liegen. Und von den restlichen in der Welt erzeugten 25 Prozent EE-Energie entfallen vom nur marginalen deutschen Anteil lediglich rund 45 Prozent auf inländische EE-Produktion und 55 Prozent (rund 1.000 TWh/a) müssen noch importiert werden. Da könnte man zynisch sagen: Die Welt meint es offensichtlich gut mit dem angeblichen »Vorbild Deutschland« in Sachen erneuerbare Energie.

Die Realität sieht aber ganz anders aus. Hier hinkt Deutschland bei der Energiewende allen Zielen weit hinterher. Zu dem Ergebnis kommt u.a. eine gerade veröffentlichte Studie der Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young (EY) für den Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Die Vorgabe der Ampel-Regierung, schon 80 Prozent des Strombedarfs aus EE bis Ende 2030 zu decken, lasse sich nicht annährend erreichen. Heute liegt der Wert mal gerade auf 47 Prozent. Auch das Ziel, den CO2-Ausstoß im Vergleich zu 1990, um 65 Prozent zu senken, ist hochgradig gefährdet und wird mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls nicht erreicht werden.

Bis 2030 müssten jedes Jahr mindestens 54 Milliarden Euro investiert werden. Tatsächlich waren es aber bisher im Durchschnitt nur 14,5 Milliarden Euro. Auch das Westfälische Energieinstitut stellt hier in seinen Untersuchungen bezüglich der Ampel-Regierung naives Denken im Hinblick auf die zukünftig zu schulternden notwendigen Investitionen fest. Bei jedoch immer mehr getätigten Finanzierungen durch staatliche Schuldenaufnahme für Pandemie und Ukraine-Krieg können schon heftige Probleme auftreten, die sich noch stark vergrößern, denkt man hier nur an die Beseitigung der Infrastruktur- und Digitalisierungsmängel sowie an die weit unterfinanzierten Bereiche Gesundheit und Bildung. Und dann wurde noch kein Euro für eine Armuts- und Arbeitslosenbeseitigung in Deutschland ausgegeben, ganz zu schweigen von der auf uns zukommenden Renten- und Pflegeproblematik.

Die Notwendigkeiten aus der Klima- und Energiewende werden so unweigerlich in Konkurrenz zu den ebenfalls dringend zu lösenden gesellschaftlichen Problemfeldern geraten und damit umfangreiche soziökonomische Prozesse in Deutschlands auslösen. Hier ist endlich die Verteilungsfrage zu stellen. Ohne massive Primär-Einkommenserhöhungen bei den unteren Einkommensschichten plus staatlicher Transferzahlungen zur Kompensation der aus der Energiewende notwendig folgenden preislichen Belastungen, wird die Transformation nicht gelingen. Hinzukommen müssen beträchtliche Vermögensumverteilungen durch eine drastische Anhebung der Erbschaftssteuern und eine einmalige Vermögensabgabe sowie eine wiedereingeführte Vermögensteuer. Wer aber weiter ernsthaft behauptet, die Energiewende ginge auch ohne eine solche Umverteilung, der sollte sich endlich sachkundig machen und die Ausarbeitungen des Westfälischen Energieinstituts studieren.

Geschrieben von:

Heinz-J. Bontrup

Sprecher der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik

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