Wirtschaft
anders denken.

… und beschnüffelten die Bettlaken: Marx, Engels und das Geheimnis um die Vaterschaft von Frederick Demuth

23.01.2018
Engels Marx OTFW / wikimedia.org

Engels? Oder doch Marx? Wie die Vaterschaft von Frederick Demuth einst Sozialdemokraten bewegte. Und wie Stalin dafür sorgte, dass die Sache Jahrzehnte im Archiv verschwand. Ein Beitrag aus der OXI-Ausgabe 1/2018.

»Das wäre ein gefundenes Fressen für die Philister«, so erinnerte sich später Clara Zetkin an eine Warnung August Bebels in einer Sache, die vor einem Jahrhundert nicht nur führende Sozialdemokraten brennend zu interessieren schien. Es ging um eine Frage, die man für rein privat halten könnte, die aber wie vieles aus dieser Sphäre auch eine politische Seite bekommen kann. Zumal, wenn dabei solche Protagonisten im Spiel sind.

Die Geschichte ist hundertmal erzählt und doch blieb sie über Jahre so etwas wie ein kleiner Aufreger, auch eine kleine Enttäuschungsmaschine, die am Bild des »großen Karl Marx« kratzte: Hatte Friedrich Engels die Vaterschaft des 1851 geborenen Sohns der Marx-Haushälterin Helena Demuth übernommen, um den Freund vor Ärger zu bewahren? Ist also Marx der Vater von Frederick Demuth, jener das Kind einer Affäre, die der Ehefrau von Marx zusetzte? Und wurde das deshalb verheimlicht, weil kein schlechtes Licht auf den großen politischen Kopf fallen sollte?

Es scheint, als hätte diese Sorge mindestens August Bebel, den populären »Arbeiterkaiser«, umgetrieben. Würde die Sache mit dem Marx-Sohn bekannt werden, so erinnerte sich die spätere KPD-Mitgründerin Zetkin daran, fürchtete der Sozialdemokrat um den Ruf von Marx – besser gesagt darum, was an einer Beschädigung auf die eigene Organisation zurückfallen könne. »Marx hat sich ja nie als Tugendbold aufgespielt«, soll Bebel gewarnt haben. »Allein den Spießerseelen brauchen wir keinen Stoff zu dem üblichen Geschrei von der sozialdemokratischen Vielweiberei zu geben.«

Zetkin: Eine unbestreitbare Tatsache

Zetkin hat diese Erinnerung in einem Brief an den berühmten Marx-Archivar David Borissowitsch Rjasanow niedergelegt, der sich mit der Frage nach der Vaterschaft ausdrücklich an sie gewandt hatte. Anlass war ein Artikel Karl Kautskys, noch ein hochrangiger sozialdemokratischer Name jener Zeit, der wiederum auch seine Vorgeschichte hatte – Kautsky hatte mit dem Beitrag versucht, einen anderen Artikel aus dem »Vorwärts« geradezurücken, in dem die Marx-Vaterschaft von Frederick Demuth behauptet worden war.

Kautsky wusste es aber offenbar besser, jedenfalls erinnert sich Zetkin gegenüber Rjasanow so: »Die Existenz eines Sohnes von Karl Marx und Helena Demuth erfuhr ich und zwar als eine unbestreitbare Tatsache, von niemandem anderen als von Karl Kautsky selbst.« Der habe aber hinzugefügt, »die Freunde fänden es ratsam, die ganz unerwartete Entdeckung nicht publik werden zu lassen. Sie würde von den Gegnern ausgenutzt werden, um Marx mit Schmutz zu bewerfen.«

Ein heißes Eisen in der DDR

Das mag für die damalige Zeit zugetroffen haben. Allerdings haben sich, nicht zuletzt dank der von Linken vorangetriebenen gesellschaftlichen Veränderungen auch die Maßstäbe gewandelt. Es gehört zur historischen Wahrheit, dass dies bisweilen ausgerechnet von denen zuallerletzt erkannt wurde, die sich selbst als die Avantgarde jenes Fortschritts ansahen.

In der DDR etwa wurde die These von der Marxschen Vaterschaft umgangen wie ein heißes Eisen. Erst nach der Wende und im Lichte neu bekanntgewordener Dokumente hatte beispielsweise Heinrich Gemkow, international respektierter Marx-Experte und bis zur Wende Vizedirektor des Instituts für Marxismus-Leninismus der SED-Führung, »die Haltung des Forschungsinstituts während der DDR-Zeit einer offenen Selbstkritik unterzogen und sich der These« angeschlossen, Marx müsse der Vater von Frederick Demuth sein.

Anekdoten, Tratsch, Verheimlichung

Nachzulesen ist dies in einem schmalen dreisprachigen Bändchen mit dem Titel »Karl Marx is my father«, das 2011 in Japan erschien. Darin publizieren Izumi Omura, Shunichi Kubo, Rolf Hecker und Valerji Fimocev einige historische Dokumente, Briefe unter anderem von Demuth selbst, von Eduard Bernstein und Bebel, das besagte Schreiben von Zetkin und anderes Material. Vorsichtig formulieren die Herausgeber in ihrem Fazit, die Dokumente »legen zusammen den Schluss nahe«, dass Marx Vater von Frederick Demuth ist.

Das Material eröffnet einen anschaulichen Blick auf die in den 1920er Jahren zu einem Politikum gewordene Auseinandersetzung um die Vaterschaftsfrage. Mehr noch, wie die Protagonisten von damals darüber korrespondieren, was sie an Anekdoten, an Tratsch zu berichten haben, lässt manche der groß gemalten Arbeiterbewegungsikonen ein gehöriges Stück schrumpfen.

Und so verschob sich mit den Jahren und mit jeder neu gewonnenen Erkenntnis über den »Fall Frederick« auch die Wahrnehmung von außen. Nicht eine möglicherweise folgenreiche Affäre von Marx mit der wie zur Familie gehörenden Lenchen Demuth sollte zum Anlass von Kritik werden, sondern im Gegenteil gerade die Verrenkungen, die angestellt wurden, dies zu verheimlichen.

Kleinbürgerliche Prüderie der Weltrevolutionäre

Der »Spiegel« etwa nahm Anfang der 1970er Jahre unter anderem mit Blick auf Recherchen von Werner Blumenberg vom Amsterdamer Internationalen Institut für Sozialgeschichte die Geheimniskrämerei der Parteimarxisten mit ätzender Polemik aufs Korn: »Kleinbürgerliche Prüderie der Weltrevolutionäre, ihre panische Angst, das Proletarier-Idol könnte, würde der Fehltritt bekannt, an Glanz verlieren, und schließlich ihr eifriges Bemühen, den Propheten des Klassenkampfes als in jeder Beziehung unfehlbar darzustellen, verurteilten Marxens einzigen – die Kinderjahre überlebenden – Sohn zur Anonymität, zum blinden Fleck in der Geschichte des Marxismus und seines Begründers.«

Bis heute ist nicht besonders viel über Frederick Demuth bekannt: Ein Arbeiter, der in der Gewerkschaft aktiv war. Zetkin erinnert sich in dem Brief an Rjasanow an ein Zusammentreffen mit ihm 1896 in London, schreibt dann aber auch, nach dem Tod der Mutter sei der Sohn »aus dem Kreise der ›Unseren‹ verschwunden und verschollen«. Dass Zetkins Schreiben heute wieder nachgelesen werden kann, hat seine ganz eigene Geschichte.

Rjasanow hatte seinerzeit auch viel über persönliche Fragen aus dem Leben von Marx und Engels recherchiert. Obwohl er derlei »Problemen«, er selbst formulierte den Begriff in Anführungszeichen, »keine übergroße Bedeutung beizumessen pflege«, erachte er es doch als seine »geschichtsschreiberische Pflicht, die Meinung aller Personen, die darüber wirklich etwas auszusagen haben, zu kennen«. Gegenüber Zetkin ließ er durchblicken, dass er »früher oder später« eine große Marx-Biografie in Angriff nehmen werde, »und da wird natürlich auch jenes in Frage stehende Moment nicht ohne Belang sein«.

Stalins Befehl: in der Tiefe des Archivs verschwinden

Doch dazu kam er nicht mehr. 1931 wurde Rjasanow von Stalin aus der Partei geworfen und später von den Schergen der Diktatur erschossen. Sein Nachfolger Wladimir Viktorowitsch Adoratski lief mit den bis dahin gesammelten Dokumenten zur Marxschen Vaterschaft zu Stalin, der beschied 1934: »Dumme Sache. Dieses Material soll samt und sonders in der Tiefe des Archivs verschwinden.« Erst 1992 wurde die Mappe vom oben bereits angesprochenen Fimocev wiederentdeckt.

Und so kann man heute auch Clara Zetkins Urteil des Umgangs mit dem Fall Demuth lesen. »Ich vertrat die Ansicht, dass wir nicht Angst schwitzen sollten ob einer eventuellen ›Entdeckung‹ des sorgfältig gehüteten Geheimnis durch die Gegner.« An Rjasanow schrieb sie, ihr sei ein Streit darüber mit Kautsky deshalb in lebendiger Erinnerung geblieben, »weil ich den Eindruck nicht abschütteln konnte, dass Kautskys Bewunderung für Marx den Beigeschmack des Offiziösentums hatte.«

Und noch etwas gab die damals 71-Jährige zu Protokoll, das als Urteil über die Sache an sich gelten kann: »In dem kleinen Kreise der ›Unseren‹ wurde reichlich geklatscht und im Besonderen über wirkliche und vermutete Beziehungen von Mann und Weib.« Vor allem deutsche Sozialdemokraten und Sozialisten, »die letzten Endes vom Philistertum nicht loskamen, witterten lüstern hinter jedem freundschaftlichen Verkehr von Genossinnen und Genossen die ›freie Liebe‹ und beschnüffelten die Bettlaken.«

Karl Marx is my father. The Documentation of Frederick Demuth’s Parentage. Edited by Izumi Omura, Shunichi Kubo, Rolf Hecker und Valerji Fimocev, Tokyo 2011.

Geschrieben von:

Tom Strohschneider

OXI-Redakteur