Wirtschaft
anders denken.

Entwicklung ist eine Fata Morgana

Alberto Acosta, ehemaliger ecuadorianische Bergbauminister, über das Konzept vom Buen Vivir – dem Guten Leben – und warum es nicht den einen richtigen Weg zur Überwindung des Kapitalismus gibt.

11.05.2017
Alberto Acosta war 2007 Minister für Bergbau in Ecuador. Als Präsident der Verfassungsgebenden Versammlung Ecuador war er in den Jahren 2007 und 2008 maßgeblich daran beteiligt, dass das »Buen Vivir« in die Verfassung aufgenommen wurde. Er arbeitete als Professor für Ökonomie und Entwicklungstheorien an der Lateinamerikanischen Fakultät für Sozialwissenschaften in Quito.

Ein »gutes Leben« bedeutet für jeden etwas anderes. Was aber ist das »Buen Vivir«?

Alberto Acosta: Der Begriff bezieht sich eher auf Lebenserfahrungen als auf theoretische Konzepte, denn er ist in den indigenen Gemeinschaften entstanden und eine vielerorts gelebte Realität. Er speist sich aus ihren Werten, Erfahrungen und den Praktiken. Es ist also keine Universität, politische Partei oder erleuchtete Person, die das Konzept erfunden hat. Das »gute Leben« beschreibt das harmonische Zusammenleben von Menschen in der Gemeinschaft und mit der Natur und gibt uns damit Hinweise darauf, wie eine andere Welt aussehen könnte. Eine Welt, in der – wie es in Lateinamerika oft heißt – »alle Welten Platz finden« und in der die soziale und ökologische Gerechtigkeit garantiert ist. Dieses Projekt muss sich auf einige allgemeine Prinzipien zur Reproduktion des Lebens – und nicht des Kapitals – stützen.

Dafür, sagen Sie, sind nicht nur Menschenrechte, sondern auch die Rechte der Natur grundlegend. Was heißt das?

Für die indigene Welt stellt sich die Frage nach institutionell verankerten Rechten, die als Norm in der Gesellschaft etabliert werden, natürlich viel weniger als für die Moderne. In der indigenen Welt haben überlieferte Rechte andere Ausdrucksformen im Leben der Gemeinschaft. Wir haben es nicht mit Paragraphen und Gesetzen zu tun, wie wir das aus der westlichen Welt kennen. Nichtdestotrotz werden Menschenrechte und die Rechte der Natur geachtet. Dahinter steckt der Gedanke, dass wir Menschen gleichzeitig eine soziale und ökologische Gemeinschaft bilden. Wir sind also aufgefordert, im Gleichgewicht mit unserer Umgebung zu leben: mit Individuen und Gemeinschaften, aber auch mit der Natur. Aus dieser Perspektive sind Menschenrechte und Rechte der Natur komplementär. Und daraus folgt wiederum, dass es keine soziale Gerechtigkeit ohne eine ökologische geben kann und umgekehrt.

Was bedeutet das konkret?

Versöhnung mit der Natur bedeutet in erster Linie, dass wir akzeptieren, Teil der Natur zu sein. Wir sind nicht dazu da, sie zu beherrschen oder gar zu zerstören. Und daraus folgt die Notwendigkeit, die Natur dem Markt zu entziehen. Wasser beispielsweise darf kein Geschäft sein, weil es Voraussetzung des Lebens ist. Und wenn man die Emanzipation der Natur von ihrem Sklavendasein propagiert, muss man dasselbe auch für Menschen tun. Wir müssen Gemeingüter vor dem Markt schützen und die Ausbeutung von Menschen zugunsten der Kapitalakkumulation überwinden.

Die Aufgabe ist klar, aber extrem komplex und gleichzeitig sehr drängend. Wir müssen die Trennung zwischen Mensch und Natur aufheben und jenen gordischen Knoten wieder zusammenschnüren, der mit der räuberischen kapitalistischen Lebenshaltung zerschlagen wurde.

Buen Vivir bezieht sich eher auf Lebenserfahrungen als auf theoretische Konzepte, denn er ist in den indigenen Gemeinschaften entstanden und eine vielerorts gelebte Realität.

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Lässt sich denn ein Indigenen-Konzept auf die reichen Konsumgesellschaften des Nordens übertragen?

Es geht darum, aus den Erfahrungen anderer Völker zu lernen, die seit Langem in Würde und Harmonie zu leben verstehen – ohne dabei allerdings das indigene Leben zu idealisieren, das von Jahrhunderten der Kolonisierung deformiert worden ist. Das heißt, es gibt viele Formen des »guten Lebens«, nicht ein einziges und homogenes, das wir als Muster heranziehen könnten. Die Aufgabe besteht darin, für jede Wirklichkeit und jedes Territorium ein eigenes »gutes Leben« zu schaffen. Gemein ist allen: die Harmonie und Gleichberechtigung zwischen den Menschen und der Natur. Und selbstverständlich wird eine der größten Herausforderungen lauten, die Entwicklung eines »guten Lebens« für die Städte zu denken. Diese Strategien können von den heute existierenden Staaten allerdings nicht entwickelt werden. Und sie können auch nicht in erster Linie vom Staat ausgehen.

Einerseits verspüren immer mehr Menschen in reichen Gesellschaften Unbehagen darüber, dass die »imperiale Lebensweise«, so Ulrich Brand und Markus Wissen, auf Kosten von Menschen und Natur erfolgt, insbesondere in den Ländern des Südens. Andererseits halten sie an den Glücksversprechen von Konsum und Kapitalismus fest.

Die Verteidigung und Expansion der imperialen Lebensweise hat so etwas wie einen passiven Konsens in weiten Teilen der Bevölkerung geschaffen. Tatsächlich war die imperiale Lebensweise bereits Bestandteil der Kolonisierung ab dem 16. Jahrhundert und der Ausbreitung des Kapitalismus im 19. Jahrhundert. Aber damals beschränkte sie sich auf die oberen Klassen. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts verankerte sich die kapitalistische Konstellation mithilfe der imperialen Lebensweisen – Autos, Fleischkonsum, Industrieprodukte, Einfamilienhäuser, Urlaubsreisen – im Alltag des globalen Nordens. Mit unterschiedlicher Geschwindigkeit durchdrangen diese Lebensweisen dann auch den globalen Süden, und zwar nicht nur bei den herrschenden Eliten. Die offenkundige Attraktivität der imperialen Lebensweise für die Mittelklassen des Südens ist im Übrigen auch ein wichtiger Grund für die Hegemonie des Neo-Extraktivismus, also des Wirtschaftsmodells, das auf der Plünderung und dem Export von Rohstoffen beruht. Die imperiale Lebensweise muss ja mit Erlösen auf dem Weltmarkt finanziert werden.

Heißt das, die Länder des Nordens und des Südens sind daran gleichermaßen schuld?

Die Lebensweise des globalen Nordens ist deshalb »imperial«, weil sie – mit politischen, rechtlichen und mit Mitteln der Gewalt abgesichert und von den Akkumulationsinteressen des Kapitals angetrieben – den unbeschränkten Zugang zu Naturressourcen, zu immer größeren Territorien, zu relativ billiger Arbeitskraft und zu Abwassersenken in anderen Teilen der Welt zur Voraussetzung hat. Das Beunruhigende ist, dass die von dieser Lebensweise geschaffenen Erwartungen ein Ideal konstituieren, nach dem weite Teile der Weltbevölkerung streben – und zwar selbst jene Menschen, die aus ökologischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen oder politischen Gründen niemals in der Lage sein werden, dieses Ideal zu erreichen. Diese Menschen werden in einem Zustand permanenter Frustration leben und unfähig sein, sich so zu organisieren, dass sie Gesellschaften aufbauen können, die ein menschenwürdiges Leben für alle Mitglieder garantiert.

Wir müssen Gemeingüter vor dem Markt schützen und die Ausbeutung von Menschen zugunsten der Kapitalakkumulation überwinden.

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Ist die Vorstellung, sogenannte unterentwickelte Länder könnten irgendwann »zu uns aufholen«, eine Legitimation des imperialen Lebensstils?

Die imperiale Lebensweise kann sich nicht auf der ganzen Welt ausbreiten, sie kann nicht von der gesamten Menschheit übernommen werden. Sie beruht auf der Ausbeutung von Natur und Menschen. Der Kapitalismus ist ein System, das davon lebt, alles Lebendige zu verschlingen: Arbeiter und Arbeiterinnen ebenso wie die Natur. Wie viele Länder haben sich entwickelt? Und wie sind die entwickelten Länder »entwickelt«? Selbst in den reichen Ländern entdecken wir heute Fehlentwicklungen: Der Graben zwischen Reich und Arm wird immer größer. Die Umweltzerstörung hat Ausmaße erreicht, die die Grenzen der Widerstandsfähigkeit und Resilienz der Natur längst überschritten haben. Und der Raubbau an der Umwelt der armen Länder wird weiter vorangetrieben.

Welche Rolle spielt dabei der Kolonialismus?

Mit dem Kolonialismus kam es zu einem Bruch auf allen Ebenen. Die kolonisierten Gesellschaften verloren ihr Wertesystem, ihre Zivilisation brach zusammen, sie büßten sogar die eigene Geschichte ein. Aus der Natur wurden Ressourcen, die als Rohstoff für die industrielle Produktion und den kolonialen Handel bereitgestellt werden mussten. Auf diese Weise wurde die Natur – dem westlichen Konzept entsprechend – in tote und verwendbare Materie verwandelt. Und der Rassismus, der sich seit 500 Jahren ausbreitet, wurde, wie es der peruanische Soziologe Aníbal Quijano ausgedrückt hat, »zum grundlegendsten und hartnäckigsten Ausdruck kolonialer Herrschaft«. Er ist die am tiefsten verwurzelte und effizienteste Form sozialer, materieller, psychischer und politischer Herrschaft. Rassismus, Extraktivismus und die massenhafte Ausbeutung von Arbeitskraft wurden zu vorherrschenden Elementen der Moderne und haben den verarmten Ländern eine untergeordnete und abhängige Rolle zugewiesen. An dieser Realität hat sich bis heute nicht viel geändert.

Das heißt, Kolonialismus, Extraktivismus und Entwicklung bedingen sich gegenseitig?

Die Länder der so genannten Dritten Welt wurden durch die Kolonisierung dazu gezwungen, sich in Rohstoffexporteure zu verwandeln. Und ausgehend von diesem Zwang bildete sich eine nicht nur ökonomische und soziale, sondern auch kulturelle Struktur heraus. Diese beruht auf der allgegenwärtigen Notwendigkeit, den natürlichen Reichtum zugunsten von Wachstum und Entwicklung auszubeuten. Die rohstoffproduzierenden Länder, die ihre Natur zur Ware machen, werden abhängig gehalten, in den Weltmarkt integriert, damit sie für die globale Kapitalakkumulation funktionieren. In unserer Geschichte haben wir immer wieder die Erfahrung machen müssen, dass dies eben keine Entwicklung möglich macht – sofern wir dieses Phantasma, das die Menschheit auf extreme und absurde Weise mobilisiert hat, überhaupt noch für erstrebenswert halten.

Muss erst der Kapitalismus überwunden werden, damit das »Buen Vivir« möglich ist?

Wenn alle Wesen auf dem Planeten ein würdiges Leben führen sollen und ein harmonisches Gleichgewicht zwischen allen herrschen soll, dann müssen wir die Überwindung des Kapitalismus ernsthaft anstreben. Um gute Formen des Zusammenlebens – ich verwende den Plural, um kein global gültiges Rezept zu etablieren, wie es im 20. Jahrhundert »die Entwicklung« war – aufzubauen, müssen wir jedoch emanzipatorische Alternativen innerhalb des Kapitalismus entwickeln, die dann als Grundlage seiner Überwindung dienen können. Die Praktiken, Erfahrungen und Werte des andinen oder amazonischen »guten Lebens« beweisen, dass dies möglich ist. Es geht also nicht darum, erst den Kapitalismus zu besiegen und dann das »gute Leben« zu entwickeln. Nein. Aspekte des »guten Lebens« sind auf vielfältige Weise schon heute vorhanden und werden teilweise seit Hunderten von Jahren praktiziert. Wir müssen also vielfältige Übergänge zur Überwindung des Kapitalismus schaffen. Innerhalb des kapitalistischen Systems werden heute viele solcher Debatten geführt. Sie entspringen der Notwendigkeit, eine harmonische Lebensweise der Menschen und mit der Natur zu stärken. Ein Leben, das auf der Selbstversorgung und -verwaltung von Gemeinschaften beruht. Dieses Projekt muss sich auf einige allgemeine Prinzipien zur Reproduktion des Lebens – und nicht des Kapitals – stützen. Das ist die große Herausforderung für die Menschheit.

In den reichen Ländern des Nordens herrscht die Vorstellung, man könnte einen »grünen Kapitalismus« entwickeln – mit neuen Technologien, Nachhaltigkeitsinitiativen für problematische Rohstoffe, Emissionshandel. Ist das eine Falle?

Die Normalität der imperialen Lebensweise wirkt wie ein Filter bei der Wahrnehmung der Krise. So wird zumindest im globalen Norden die ökologische Krise überwiegend als Umweltproblem und nicht als integrale gesellschaftliche Krise betrachtet. Das führt dazu, dass das Krisenmanagement von technologischen, marktförmigen Lösungen bestimmt wird: die sogenannte Green Economy. Zum Beispiel wird in der Klimapolitik auf den Emissionshandel gesetzt, wodurch die Natur noch weiter in eine Ware verwandelt wird. Es ist absoluter Irrsinn. Die Menschen, die eine umfassende Modernisierung des Kapitalismus, einen Green New Deal oder eine Green Economy propagieren, stellen die Moderne und damit auch den Kapitalismus nicht in Frage. Sie glauben, dass strukturelle Lösungen innerhalb des Systems möglich sind. Und das ist illusionär.

Die neuen Motoren der Ökonomie müssen auf den Prinzipien der Solidarität, Reziprozität, Komplementarität, Harmonie und gegenseitiger Sorge beruhen.

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Welche Rolle spielen die Wohlhabenden und aufstrebenden Mittel- und Oberschichten in den Ländern des Südens bei der Umgestaltung zum »Buen Vivir«?

Wenn globale Degrowth-Prozesse angeschoben werden sollen, dann müssen wir uns im globalen Süden zumindest von der Wachstumsreligion befreien. Es ist nicht nur möglich, viele Probleme ohne Wirtschaftswachstum zu lösen, sondern auch notwendig. Wachstum kann unter bestimmten Voraussetzungen nötig sein, um Defizite beispielsweise im Bildungs- und Gesundheitswesen zu überwinden – mit dem Bau von Schulen und Krankenhäusern. Aber das muss im Sinne einer anderen Bildung und einer anderen Gesundheit geschehen. Das rechtfertigt nicht Wachstum als solches. Der chilenische Ökonom Manfred Max Neef hat das in einem offenen Brief an den Wirtschaftsminister Chiles vom 4. Dezember 2001 klar gesagt: »Wenn ich meine Naturressourcen ausbeute, wächst meine Wirtschaft, obwohl ich gleichzeitig verarme. Tatsächlich nimmt die Bevölkerung den Irrsinn der konventionellen Makroökonomie nicht wahr, die den Verlust des Nationalvermögens als Einkommenssteigerung verbucht. Hinter jeder Wachstumszahl stehen menschliche Geschichten und Geschichten der Natur. Wenn diese positiv ausfallen, ist Wachstum zu begrüßen, weil es besser ist, wenig, aber gut zu wachsen, als viel und dafür schlecht.«

Aus dem Gesagten leitet sich ab, dass die Struktur der Ökonomie selbst grundlegend verändert werden muss. Das ist vermutlich eine der größten Herausforderungen. Wir müssen dem ökonomischen Wachstum, das sich in ein von den großen Staaten und einem Großteil der Weltbevölkerung angebeteten Fetisch verwandelt hat, die Maske herunterziehen. Das lässt sich leicht sagen, wird ohne Beteiligung der Bevölkerung aber sehr schwer zu machen sein. Und natürlich müssen wir auf beiden Seiten des Planeten eine ausgewogenere Verteilung von Einkommen und Reichtum durchsetzen.

Schafft zwei, drei … viele Yasunís!

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Als im Yasuní-Nationalpark Erdöl gefunden wurde, gründete sich mit Ihrer Unterstützung eine Initiative, die dafür kämpfte, das Öl im Boden zu lassen. Weil damit Klima und Biodiversität geschützt wird, sollten andere Länder die Hälfte der entgangenen Einnahmen – 3,5 Milliarden Dollar – zahlen. Doch es machten zu wenig Länder mit, Präsident Rafael Correa erklärte die Initiative für gescheitert. Heute wird das Öl dort gefördert. Warum ist die Yasuní-ITT-Initiative trotzdem wegweisend für Sie?

Die Welt wurde 2007 von Ecuador überrascht, als unser Land vorschlug, ein großes Ölvorkommen im Boden von Yasuní, einem Gebiet in der Amazonasregion, zu belassen. Das Projekt, das aus der Gesellschaft heraus entwickelt worden war, wurde von der Politik des Staates jedoch nicht umgesetzt. Das lag an Widersprüchen in der ecuadorianischen Regierung selbst, aber natürlich auch am mangelnden Verständnis der Regierungen im Norden und an der Gier der Ölwirtschaft. Es ist nicht wahr, dass »die Initiative zu früh kam und nicht begriffen wurde«, wie der ecuadorianische Staatschef Rafael Correa im August 2013 behauptete, als er das Projekt für gescheitert erklärte. Er selbst wusste die Aufgabe, die die ecuadorianische Gesellschaft formuliert hatte, nicht zu beantworten. Und es stimmt auch nicht, dass »die Welt Ecuador nicht genug unterstützt hat«. Die Regierung Ecuadors selbst hat keine kohärente Strategie entwickelt, um diese Utopie zu realisieren. Dennoch hat die Yasuní-Initiative wichtige Ergebnisse gezeitigt. Sie hat dafür gesorgt, dass das Problem des Extraktivismus in der ecuadorianischen und internationalen Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Sie hat einen konkreten Vorschlag sichtbar gemacht, wie in Anbetracht der immer lauter werdenden Forderungen nach einer Verringerung der CO2-Emissionen die Förderung fossiler Brennstoffe gestoppt werden kann. Die Internationale Energieagentur mit Sitz in Paris, die wirklich keine Umweltorganisation ist, hat berechnet, dass wir zwei Drittel der fossilen Brennstoffe im Boden belassen müssen, wenn wir vermeiden wollen, dass die Temperatur auf der Erde nicht um mehr als zusätzliche 2 Grad steigt. Selbst wenn wir uns entsprechend verhalten, stehen die Aussichten, dass wir unser Klimaziel erreichen, nur bei 50 Prozent.

Was hat die Initiative bewirkt?

Um die Bedeutung zu erkennen, müssen wir auch andere Projekte berücksichtigen, die von der Initiative inspiriert wurden – es gibt ja sogar den Begriff der Yasunísierung. Wo? Beispielsweise im Niger-Delta, auf den norwegischen Lofoten, auf San Andrés y Providencia in Kolumbien oder auf der kanarischen Insel Lanzarote. Überall dort wurde das Öl im Boden gelassen. Und auch die Anstrengungen, Fracking in den USA, Mexiko, Argentinien, Kolumbien, in Frankreich und an anderen Orte Europas zu verhindern, gehen in eine ähnliche Richtung. Sie bereiten dem Abschied von den fossilen Brennstoffen, deren biophysische Grenzen absehbar sind, den Weg. In diesem Sinne lautet die Herausforderung: Schafft zwei, drei … viele Yasunís!

Wie sähe ein Wirtschaftssystem aus, dass das »Buen Vivir« ermöglicht?

Einen Reißbrettplan gibt es dafür nicht. Die neuen Motoren der Ökonomie müssen auf den Prinzipien der Solidarität, Reziprozität, Komplementarität, Harmonie und gegenseitiger Sorge beruhen. Wir müssen uns von der Herrschaft der Marktmechanismen, vor allem des Weltmarkts, befreien und dafür sorgen, dass verwendete Rohstoffe nachwachsen können oder wiederverwendet werden. Und wir brauchen ein neues Verständnis der Umwelt, das der Irrationalität der Ökonomie die Versöhnung mit der Natur und eine Re-Territorialisierung der Kulturen entgegenstellt. Der Utilitarismus muss von anderen, auf den Rechten der Natur und den Menschenrechten beruhenden Sichtweisen abgelöst werden. Die Versorgung der Gesellschaft mit Gütern – also mit Wohnraum und Transport, Stadt und Land, Landwirtschaft und Nahrungsmittel, Bildung und Gesundheit, Kommunikation und Bekleidung — muss auf der Grundlage erneuerter Konzepte zur Reproduktion des Lebens gestaltet werden. Die Wirtschaft muss sich von jenen Theorien befreien, die den Begriff der Produktion seines Inhalts beraubt haben, die die ökonomische Vernunft von der realen Welt getrennt und dafür gesorgt haben, dass sich das ökonomische System mit seinem Wachstumskarussell vollständig auf das Feld der Wertschöpfung verlagern konnte. Wenn wir diesen Schritt vollziehen, wird Vielfalt nicht länger zerstört und von Monokulturen und Tagebauminen ersetzt werden. Dabei geht es allerdings nicht darum, die Idee der unberührten Natur zu verteidigen oder zugunsten des ökologischen Gleichgewichts an ungerechten Sozialstrukturen festzuhalten. Wir brauchen eine grundlegende Umverteilung von Macht und Reichtum und verschiedene Formen der Gleichberechtigung – auch dies im Plural. Und: Wir müssen das Konzept der »Rasse« als Strukturmerkmal abhängiger Gesellschaften, aber auch das Patriarchat und den Machismus überwinden, der sich unter anderem in der Homophobie manifestiert.

Wir sind aufgefordert, die Demokratie zu radikalisieren. Also: mehr Demokratie, nicht weniger.

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Wo sehen Sie heute schon Ansätze?

Als Beispiel würde ich auf die so genannten transition towns verweisen, in denen den Bewohnern beim ökologischen Umbau ihrer Städte und der Energiewende die Kontrolle übertragen wird. Diese Bewegung ist in verschiedenen Ländern auf der ganzen Welt aktiv. Einige Aspekte der Energiewende, wie sie ursprünglich aus der Gesellschaft heraus propagiert wurde, könnten ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Oder das bedingungslose Grundeinkommen. Und alle Initiativen, die versuchen, Finanzströme zu kontrollieren oder die imperiale Kontrolle von Auslandsschulden zu beschränken – wie etwa die Initiative für die Tobin-Steuer, ein Internationales Schiedsgericht für souveräne Schulden, die Abschaffung von Steuerparadiesen oder den Aufbau einer Weltzentralbank.

Welche Kräfte müssen wir dafür stärken? Und welche schwächen?

Wir müssen begreifen, dass es sich um einen Epochenbruch handelt. Wir müssen die Postmoderne als Zeitalter der Ernüchterung hinter uns lassen: das zerstörerische Entwicklungsmodell, dessen Paradigma auf einem nicht-nachhaltigen Wachstum beruhte, die Idee des Fortschritts. Ich selbst habe viele Jahrzehnte als Professor für Entwicklungstheorie in Ecuador und im Ausland zu dem Themenfeld geforscht. Aber jetzt fühle ich mich wie ein Astronomieprofessor, der, nachdem er jahrelang in den Himmel gestarrt hat, feststellen muss, dass der von ihm beobachtete Stern erloschen ist. Oder noch schlimmer: dass dieser vermeintliche Stern nur das reflektierte Licht komplexer Sternenbeziehungen war. Entwicklung ist eine Fata Morgana, der die Menschheit blind hinterher läuft. Und genau deshalb müssen wir, ausgehend von der Krise des Kapitalismus, an einer neuen Vorstellung von einem würdigen Leben arbeiten. Wir brauchen neue zivilisatorische Formen, einen anderen – das Lokale und Eigene fördernden –Typus von Staat und Orte regionaler und lokaler Selbstverwaltung, um von dort aus globale demokratische Strukturen aufzubauen.

Wir müssen dabei die politischen und analytischen Probleme auf plurale Weise beantworten. Und wir sind aufgefordert, die Demokratie zu radikalisieren. Also: mehr Demokratie, nicht weniger!

Übersetzung: Raul Zelik

Literaturhinweis:

Alberto Acosta: BuenVivir. Vom Recht auf ein gutes Leben

Ulrich Brand, Markus Wissen: Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus

Das Interview führte:

Kathrin Hartmann

Freie Journalistin