Wirtschaft
anders denken.

»Erbschaften sind leistungslose Einkommen.« Ja, aber… Mythen und Fakten zur sozialen Lage, Teil VII

28.11.2018
Illustration: Marie Geissler

Sind die »Armen« in Deutschland gar nicht arm? Ist Ungleichheit »leistungsgerecht«? Fehlt es Deutschland bloß an Chancengleichheit? Dass Einkommen und Vermögen hierzulande krass ungleich verteilt sind, ist allgemein bekannt. Aber wie läuft die Debatte? Wir haben uns einige der gängigen Rechtfertigungen für die bestehende Ungleichheit und Lösungsargumente angesehen. Eine »Oxi«-Serie.


»Erbschaften sind leistungslose Einkommen.« (Gustav Horn, Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung)

Was wird gesagt? 

Wer erbt, erhält Geld, für das er nichts geleistet, für das er nicht gearbeitet hat. Erbschaften sind somit »leistungsloses« oder »arbeitsloses« Einkommen. Das untergräbt den sozialen Frieden. »Unsere demokratischen Gesellschaften basieren auf einer meritokratischen Weltanschauung […], womit ich einen Glauben an eine Gesellschaft meine, in der Ungleichheit eher auf Leistung und Anstrengung beruht als auf Verwandtschaft und Zinseinkommen«, schreibt der französische Ökonom Thomas Piketty.

Was ist dran? 

Erstens steht Erbschaften tatsächlich keine ökonomische Leistung des Erben oder der Erbin gegenüber. Zweitens fallen Erbschaften vor allem in den reichsten Haushalten an: Laut Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung werden jedes Jahr in Deutschland etwa 145 Milliarden Euro vererbt. Drei Viertel der Erbfälle liegen unter 100.000 Euro, 98 Prozent unter 500.000 Euro. Die zwei Prozent oberhalb von 500.000 Euro machen allerdings ein Drittel des gesamten vererbten Vermögens aus. So weit ist die Beschwerde angemessen.

Aber: Die Beschwerde über »leistungslose« Einkommen basiert auf der Annahme, das Einkommen entspreche üblicherweise der Leistung. Dies ist unzutreffend. Die »Meritokratie«, von der Piketty spricht, ist tatsächlich nur eine »Weltanschauung«, keine Realität.

Dass Erbschaften trotz »Leistungslosigkeit« als legitime und legale Einkommen gelten, speist sich nur aus einer Quelle: dem Eigentum. Wer Besitz hat, der kann darüber verfügen, kann ihn vererben oder verschenken. Eigentum ist im Kapitalismus eine eigene Einkommensquelle. Nicht nur bei Erbschaften, auch bei Zinsen oder bei anderen Kapitaleinkommen. Die Inhaberin einer Fabrik arbeitet oder arbeitet nicht – der Gewinn gehört ihr, weil ihr die Fabrik gehört. Sie hat Eigentum, sie kann also arbeiten lassen. Wer Erbschaften als »leistungsloses Einkommen« kritisiert, der müsste auch kritisieren, dass Eigentum Macht über gesellschaftliche Arbeit ist. 

Anmerkung: Studien wie die des Peterson Institute haben herausgefunden: Etwas über die Hälfte der europäischen Milliardär_innen haben ihren Reichtum ererbt, das Vermögen der anderen Hälfte ist »selbst erwirtschaftet« (»self made«). Zum »self made»« sagt das Gedicht »Fragen eines lesenden Arbeiters« von Bertolt Brecht das Nötige: »Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?«

Diese Serie behandelt Mythen und Fakten zur Ungleichheit in Deutschland. Sie basiert auf der Publikation »luxemburg argumente«, die 2016 von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegeben wurde. Wo es möglich war, wurden Daten aktualisiert. Illustration Marie Geißler, www.mariegeissler.de. Die Broschüre ist derzeit nur online bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung erhältlich.

Geschrieben von:

Eva Roth

Stephan Kaufmann

Journalist