Wirtschaft
anders denken.

Erkundungen im Anthropozän 

10.09.2018
Ivan Pellacani / CC BY-SA 4.0Wenn der steigende Meeresspiegel das Land nimmt

Der Klimawandel findet nicht dort statt, wo er verursacht wurde: Hier wird gewirtschaftet – dort gestorben. Dazwischen liegt eine Distanz, die Susanne Götze in ihrem Reportagen-Buch »Land unter« überwindet. Eine Leseempfehlung.

Es ist drei Jahre her, als Hans Joachim Schellnhuber, Gründungsdirektor des Potsdamer Instituts für Klimaforschung, das fast 800 Seiten umfassende Buch »Selbstverbrennung« veröffentlichte. Ein Buch über die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff. Schellnhuber war maßgeblich daran beteiligt, dass eine weltweit vernetzte Klimaforschung gibt. Seine Weltgeschichte des Kohlenstoffs kann als allgemeinverständliches Grundlagenwerk angesehen werden.

Für die Allgemeinverständlichkeit ist der Wissenschaftler von Kollegen oft gescholten worden, als gehörte es sich nicht, jenen, die nicht vom Fach sind, zu erklären, wie der Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse ist. Manche zeichneten ihn einen Moralprediger, Schellnhuber sagt, er habe sich angesichts der dramatischen Entwicklungen und der enormen Auswirkungen des Klimawandels auf Gesellschaften dazu entschlossen, der Aussage, Physiker dürften nicht über Moral sprechen, kein Gehör mehr zu schenken.

Das Thema ist groß, das Buch ist lang, die Zeit wird knapp. Einer wie Schellnhuber hofft auf Entwicklungen, wie die Divestment-Bewegung (ursprünglich aus dem Widerstand gegen die südafrikanische Apartheid entstanden), auf Einsichten bei jenen, die Entscheidungen zu treffen haben und jenen, die mit ihrer Art des Wirtschaftens die Welt fast im Wortsinn aus den Angeln heben. Mit Buchhaltermentalität, sagt er, komme man nicht mehr weiter.

Information und Hoffnung

Es gibt Menschen, die haben gegenüber der Politik und gegenüber der Wirtschaft einen Erkenntnisvorsprung. Wissenschaftler gehören dazu. Gute, investigative Journalist*innen auch. Beide können nichts anderes machen, als die Öffentlichkeit von dem, was sie erforscht, recherchiert, mit eigenen Augen gesehen oder durch Versuchsreihen und Beobachtung bewiesen haben, zu informieren. Und damit die Hoffnung zu verbinden, dass es in irgendeiner Form eine Auswirkung darauf hat, wie sich Menschen verhalten und Einfluss auf die Veränderung von Systemen nehmen.

Susanne Götze ist Historikerin und Journalistin und seit mehr als zehn Jahren in Afrika, in den USA und in Europa unterwegs, um das Anthropozän zu erkunden. In diesem Jahr erschien im oekom Verlag ihr Buch »Land unter im Paradies«. Es sind Reportagen aus dem Menschenzeitalter, von denen ein Teil bereits in verschiedenen Zeitungen abgedruckt wurde.

Was Schellnhuber, auf den sich die Autorin im Vorwort beruft und mit dem sie für das Buch ein Interview führte, versucht hat verständlich zu erklären, ohne es inhaltlich runterzuhandeln, unterlegt Susanne Götze mit Reportagen aus verschiedenen Regionen der Welt. Je nachdem, ob man ein Mensch ist, dem das Glas mindestens halbvoll oder schon halbleer vorkommt, liest man diese Reportagen mit dem Gefühl zunehmender Verzweiflung oder wachsender Wut.

Hier wird gewirtschaftet, dort gestorben

Die Reise beginnt in der asketischen Mondlandschaft des Toten Meeres. Das Ökosystem der Region kollabiert. Menschen haben Staudämme gebaut, das Klima hat sich aufgeheizt, in atemberaubender Geschwindigkeit fallen Feuchtoasen trocken, werden Landschaften ausgelöscht. Ein Meer, das mit dem Adjektiv tot leben muss, ist vielleicht eines der augenfälligsten Beispiele dafür, was passiert. Was tot genannt wird, war mal lebendig.

»Der Klimawandel findet nicht dort statt, wo er verursacht wurde.« Ein einfacher Schlüsselsatz. Hier wird gewirtschaftet, dort gestorben. Dazwischen liegt eine Distanz, die auch im Informationszeitalter schwer zu überbrücken ist. Wir verfügen über ausreichend Informationen, aber nur, wer unmittelbar betroffen ist, mag sich einen Reim drauf machen und Schlussfolgerungen ziehen.

Alle Reportagen in dem Buch geben in einer kleinen Randspalte Zusatzwissen über das jeweilige Land, die Region, darunter auch die Anzahl der PKW pro Einwohner*in. In Uganda sind es zum Beispiel vier, in Benin 20, in Westbank und Gaza 60, in Marokko 74, in Spanien und Frankreich 480, in den USA 500, in Deutschland 552. 16,50 Tonnen CO2-Ausstoß pro Kopf in den USA, 9,40 Tonnen in  Deutschland, 0,11 Tonnen in Uganda.

Berührung und Aufruhr entstehen durch Fakten

Wir könnten uns ziemlich schnell einen Reim darauf machen. Das hätte aber Folgen. Für uns. Die Reportagen von Susanne Götze sind weder in einem anklagenden noch hoch emotionalisierten Ton geschrieben. Berührung und Aufruhr entstehen durch Fakten. Exemplarisch dafür sei nur eine Geschichte zusammengefasst – einfach weil sie die Erkenntnis unterlegt, dass es im Anthropozän kaum noch möglich ist, die Dinge lokal zu betrachten.

Das kleinste Dorf im kleinen Benin ist geeignet, die Spuren der Globalisierung, vor allem aber die Folgen grenzenloser Ignoranz und ungebändigten Profitinteresses zu verfolgen. So, wie die Dinge zusammenhängen sind wir alle Teil von etwas. Wahr ist also auch: Es gibt eine wachsende Zahl von Menschen, die der selbstgemachten Katastrophe zum Opfer fallen. Und denen durch andere, die über die entsprechende wirtschaftliche und politische Macht verfügen, Handlungsspiel- und Lebensräume genommen werden.

Uganda also: Im Südosten am Ufer des Viktoriasees (über den es den grandiosen Dokumentarfilm »Darwins Nightmare« von Hubert Sauper aus dem Jahr 2004 gibt) leben Menschen in Holzbaracken und winzigen Lehmhütten. Wo diese Menschen einst Ackerbau und Viehzucht betrieben, stehen heute Kiefernwälder. Klingt seltsam, sieht seltsam aus. Die Kiefern haben das Dorf an den Rand des Sees gedrängt. Sie sind Ergebnis einer Entscheidung der Europäischen Union, die im Jahr 2005 gefällt wurde.

Mit frischer Luft reicher werden

Seitdem ist es möglich, sich im Rahmen des Handels mit CO2-Zertifikaten freizukaufen, was vor allem Unternehmen zugutekommt und Emissionshandel heißt. Die Zertifikate, die im Rahmen des Emissionshandels verkauft werden, gehen an Verursacher klimaschädlicher Gase, deren Wirkung durch Baumpflanzungen anderswo ausgeglichen werden soll. Nun ist Boden, das grüne Gold, rar gesät. Wer die Zertifikate verkaufen und damit Profit machen will (doppelten Profit, weil ja auch das Holz vermarktet werden kann), braucht Land. Landraub (Landgrabbing) ist weltweit ein Thema und verbunden mit der Vernichtung von Ackerland, der Einhegung, der Enteignung, Umnutzung, Vertreibung, Flucht infolge von Hunger, tödlichen Auseinandersetzungen, Veränderung des Klimas durch Monokulturen.

Der einstige entwicklungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Manfred Vohrer, hat erkannt, dass sich mit den Zertifikaten Geld machen lässt und dass es in Uganda möglich ist, an Land zu kommen. Er gründete eine Firma namens »Global Woods«, ließ sie sich von einer Stiftung des WWF zertifizieren, versprach den Einheimischen Ausgleichszahlungen und anderes Land, holzte Buschland ab und forstete mit Kiefern auf. Die Viehhirten dürfen ihre Tiere in den Kiefernwäldern nicht grasen lassen, wer zu trotzig war und blieb, dem konnte passieren, dass sein Haus abgebrannt, seine Kinder verprügelt und so der Vertreibung etwas Nachdruck verliehen wurde.

Manfred Vohrer wurde das Land von der ugandischen Regierung zugewiesen. Er fühlt sich im Recht, findet das mit dem Hauen nicht so gut und war angeblich bereit, nachdem in den Medien darüber berichtet wurde, für abgebranntes Haus und Hauen eine Entschädigung zu zahlen.

In den Kiefernwäldern werden Herbizide eingesetzt, einheimische Tiere sind dort nicht zu finden, die Kiefern verändern den Boden nachhaltig, die Biodiversität leidet erheblich bis total, schätzen Forstexperten ein, und anderswo können Unternehmen, die sich mit den Zertifikaten freikaufen, weiterhin Kohlendioxid in die Atmosphäre bringen.

Im Weltklimarat IPPC arbeitet nicht ein Historiker. Warum?

Es ist gut, dass der oekom Verlag all diese Geschichten in einem Buch vereint. Der US-amerikanische Historiker Geoffrey Parker, mit dem Susanne Götze gesprochen hat, verweist in dem Interview auf die historischen Parallelen und damit einmal mehr darauf, dass unser Verhalten sich nicht aus Mangel an Wissen und Erkenntnissen, eher aus Arroganz und Fortschrittsgläubigkeit speist. »Nicht nur Historiker nehmen das Klima nicht ernst, niemand nimmt es ernst. Im Weltklimarat IPPC arbeitet nicht ein Historiker. Warum?«

Tja, warum? »Die Revolution in Frankreich begann am 14. Juli – genau dann hätte die Ernte beginnen müssen. Doch jeder sah, dass diese Ernte eine Katastrophe sein würde. Es war zuerst einmal eine Brotrevolte – wie auch die Russische Revolution 1917.« Dreißigjähriger Krieg, die Aufstände in Großbritannien, Schottland, Irland in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts waren mit einer Klimakrise verbunden. 1637 gab es aufgrund schlechter Ernten in Folge eine Hungerkatastrophe. 2010 litten die Menschen in Syrien an einer der schlimmsten Dürrekatastrophen, Bauern mussten ihr Land verlassen und in die Städte gehen, viele gingen zum Islamischen Staat.

Der menschengemachte Klimawandel ist eine Realität. Man möchte meinen, dass es für diese Erkenntnis solcher Bücher, wie dem hier besprochenen, gar nicht mehr bedarf. Die deprimierende Erkenntnis könnte jedoch in der Gewissheit liegen, dass es offensichtlich noch lange nicht genug solche Bücher gibt.

Susanne Götze: Land unter im Paradies. Reportagen aus dem Menschenzeitalter, oekom Verlag 2018, 208 Seiten, 16 Euro. Weitere Informationen und Bezugsmöglichkeiten finden Sie hier.

Foto: Ivan Pellacani / CC BY-SA 4.0

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin