Wirtschaft
anders denken.

Erster Eintrag und weiter geht’s

08.01.2021

Neuer Lockdown, bekanntes Chaos, erwartbare Egotrips der Bundesländer. Das neue Jahr begann, wie das alte endete. Teil 9 des Corona-Tagebuchs.

Erste Kalenderwoche 2021 – Altneujahr
Nun haben wir uns über die letzten Tage des vergangenen Jahres gebracht in Erwartung all dessen, was die Länder und der Bund Anfang Januar beschließen werden. Überraschend ist nicht, was dann verkündet wurde. Und ohne Frage notwendig. Aber eben auch nicht überraschend in Bezug auf die vielen Süppchen, die gekocht werden und im Hinblick auf das mit dem Lockdown einhergehende Bildungsdesaster, das einen langen, langen Vorlauf hat.
Man mag es übertrieben finden – Wut ist meistens übertrieben – aber Sascha Lobo hat der damit einhergehenden Ratlosigkeit der Gutwilligen und Gutmeinenden und sich wohlverhaltenden Mehrheit schon ganz gut Ausdruck verliehen: „Warum gibt es keine Pflicht zum Homeoffice überall dort, wo es auch nur entfernt geht? Wieso ist buchstäblich jeder Kinderspaziergang härter reguliert als die Arbeitsplätze? Kurz: Warum sehen so viele bundesdeutsche Büros im Alltag noch aus, als sei 2019?“ Gute Frage, schlechte Antworten gibt es frei Haus.
Der Tagesspiegel vermeldete am 5. Januar, dass in Berliner Schulen keine einzige der im November finanziell zugesagten 1200 Luftfilteranlagen installiert sei. Jeder Bezirk agiert oder sitzt das anders aus, die Senatsverwaltung ist keine Hilfe (mit Fingerzeig auf die Bezirke), jetzt fangen die Bezirke mit den Ausschreibungen an – sagen wir mal: Im Sommer könnten die Dinger einsatzbereit sein. Das wäre doch schön.
Die Böckler-Stiftung hat uns noch im vergangenen Jahr darüber aufgeklärt, dass laut einer Umfrage, die sie initiiert hat, Frauen in der Coronakrise höhere Arbeitszeiteinbußen hinnehmen müssen, als Männer und offensichtlich auch seltener Aufstockungen im Kurzarbeitergeld erhalten. Als eine wesentliche Ursache gaben die Befragten an, mehr Sorgearbeit zu leisten. „Darin dürfte sich einerseits spiegeln, dass trotz generell geöffneter Schulen und Kitas wegen lokaler Corona-Ausbrüche individuell immer wieder Betreuungsbedarf entstanden sein wird“, sagte die wissenschaftliche Direktorin Bettina Kohlrausch. „Andererseits könnte ein Teil der Frauen, die ihre Arbeitszeit im Lockdown deutlich reduzieren mussten, Schwierigkeiten haben, zu ihrer alten Arbeitszeit zurückkehren zu können. Es besteht die Gefahr, dass manche Arbeitgeber sagen: Einmal reduziert, immer reduziert.“
Die Bundesregierung sagt, sie werde auf keinen Fall irgendwelche Flüchtlinge da aus Bosnien aufnehmen, die seit Wochen unter unsäglichen Bedingungen bei Kälte und ohne Versorgung ausharren müssen. Never, niemals, auf keinen Fall. Aber sie (die Regierung) wird sich – jetzt festhalten bitte – für eine angemessene Unterbringung einsetzen. Die Autorin stellt sich vor: Sie geht ein wenig spazieren und sieht plötzlich, wie ein Mann seine Frau halbtot schlägt. Dann sagt sie mutig zu dem Mann: „Würden Sie damit bitte aufhören.“ Und der Kerl antwortet: Halt die Fresse, mit der hier kann ich machen, was ich will. Misch dich bloß nicht in meine inneren Angelegenheiten ein. Oder warte, ich schlag jetzt noch so lange, bis du sie mir vom Hals schaffst. Die nervt nämlich.“ Dann appelliert die Autorin an den Kerl, es nicht so doll zu treiben, und geht. Und sie sagt, sie warte jetzt mal noch auf eine europäische Lösung und käme dann wieder, um zu schauen, ob die Frau noch am Leben ist. Und wenn sie dann noch am Leben ist, könne man ja mal weitersehen.
Das würde man wahrscheinlich unterlassene Hilfeleistung nennen.  Ach ja, und einer wie Friedrich Merz, der stimmte dem Vorgehen insofern zu, als dass er sagte: Wenn jetzt jemand der Frau da hilft, dann schaffte das nur einen Anreiz dafür, dass sich andere Frauen auch auf offener Straße verprügeln lassen, nur, um ihrem häuslichen Elend zu entkommen. Und das überfordere dann am Ende alle Systeme.
Gut, wir haben eigene Sorgen und kehren, wenn überhaupt, nur da, wo wir hingucken können und müssen. Bosnien liegt nicht in der Sichtachse.
Wir haben – und das ist nicht zynisch, nicht mal ironisch gemeint – selber viele, viele Tote zu beklagen. Am Arnswalder Platz in Berlin steht der wuchtige Stierbrunnen. Ein guter Platz, um sich draußen zu zweit zu treffen und irgendwas Heißes (also Alkohol ist ja wohl nicht erlaubt oder doch, wenn er mitgebracht wurde, aber vielleicht auch nur bei Tageslicht – also sagen wir, Tee mit Honig oder Kaffee) zu trinken. Und an diesem Stierbrunnen brennen seit Wochen Kerzen, stehen Schilder, die immer mal wieder aktualisiert werden, um der Corona-Toten zu gedenken. Ihnen, wie es da auf den Pappschildern steht, ein Gesicht, eine Gestalt zu geben, über die tägliche Zahl hinaus, die uns bekanntgemacht wird. Dieses Gedenken – und von da führt eins zum anderen, bis nach Bosnien hin – hat hierzulande keine Form gefunden, keine Rituale, keine besondere Sichtbarkeit, außer in sich ähnelnden Wortstanzen. Es werden nicht jeden Tag einmal die Glocken geläutet (gut, das könnten die Kirchen auch ohne irgendwelche Anweisungen oder Vorschläge machen), keine Fahne hängt auf Halbmast, in den öffentlich-rechtlichen Sendern gibt es nicht täglich eine Gedenkminute, es gibt keine Orte (es sei denn, sie sind, wie am Stierbrunnen einfach erobert) an denen derer gedacht werden kann, die an dem Virus, mit dem Virus starben.
Auf den Friedhöfen dieser Stadt ist schon zu sehen, dass viele sich der Tatsache unserer Sterblich- und Verletzbarkeit noch mehr oder überhaupt erst jetzt sehr bewusst sind. Friedhöfe sind überhaupt Orte geworden, an die man geht. Auch mit Kindern, wenn es auf dem Spielplatz zu voll ist.
Michel Houellebecq (ein schrecklich kluger Mensch) schreibt in „Ein bisschen schlechter“ (hier ist mit „Perlentaucher“ verlinkt, einem Online-Portal, dass man unterstützen und lesen sollte) allerdings vom Gegenteil: „Ebenso falsch wäre die Behauptung, wir hätten das Tragische, den Tod, die Endlichkeit etc. wiederentdeckt. Die von Philippe Ariès so gut beschriebene und nun schon über ein halbes Jahrhundert bestehende Tendenz geht dahin, den Tod so weit wie möglich zu kaschieren; nun, der Tod ist nie so diskret gewesen, wie in den letzten Wochen. Die Menschen sterben allein in ihren Zimmern im Krankenhaus oder Pflegeheim, im Verborgenen, werden sofort beerdigt (Oder werden sie eingeäschert? Die Einäscherung entspricht eher dem Zeitgeist), ohne irgendjemanden dazuzubitten. Gestorben, ohne dass wir das geringste Zeugnis davon haben, beschränken sich die Opfer auf einen Zähler in der täglichen Statistik der Toten, und die Angst, die sich in dem Maße in der Bevölkerung ausbreitet, wie die Gesamtzahl steigt, hat etwas sonderbar Abstraktes.“ Noch nie sei, schreibt er, mit „einer so gelassenen Schamlosigkeit“ ausgesprochen, dass nicht jedes Leben gleich viel wert ist, es stattdessen ab einem gewissen Alter in etwa so sei, als wäre man schon tot.
Wäre es also auch hierzulande anders – die Frage drängt sich auf – läge das Durchschnittsalter der Covid-Toten bei 40 oder 35? Das zu diskutieren, geht nur auf ganz dünnem Eis, was nicht heißt, dass wir es besser seinlassen sollten.
kg

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin