Wirtschaft
anders denken.

Kann fairer Handel Teil einer alternativen Infrastruktur sein?

Anselm Meyer-Antz vom Hilfswerk Misereor über die Chancen und Grenzen des fairen Handels und die Unterschiede zum solidarischen Handel. Die OXI-Serie zum solidarischen Handel. Teil sieben.

15.10.2018
Dr. Anselm Meyer-Antz ist Referent bei der entwicklungspolitischen Fachstelle der katholischen Kirche, Misereor, und dort zuständig für deren Förderprojekte, vor allem in Nordindien. Für Misereor ist er auch Mitglied im Fair-Trade-Ausschuss der GEPA.

Von fairem Handel ist immer öfter die Rede, es werden aber teils ganz unterschiedliche Dinge damit bezeichnet. Was ist für Sie wirklich »fairer Handel«?

Anselm Meyer-Antz: Fairer Handel ist nach meiner Ansicht der Versuch, Menschen im globalen Norden Güter möglichst frei von ausbeuterischen Produktions- und Handelsverhältnissen zur Verfügung zu stellen. Hierzu werden Produkte – vor allem aus dem globalen Süden – zu einem höheren Einkaufspreis erworben, wobei darauf abgehoben wird, Konjunkturschwankungen auszugleichen und Handelsspannen zu verringern sowie den Zugang zu kaufkräftiger Nachfrage zu ermöglichen. Der faire Handel basiert einerseits auf einem teilweise kostenintensiven Zertifizierungssystem, das sich im Laufe der Zeit in eine Diversität von unterschiedlich strenger Fairness aufgespalten hat. Andererseits basiert er ursprünglich auf einem zu großen Teilen ehrenamtlich betriebenen Absatzsystem mittels der Weltläden, in dem oft die Arbeit der dort tätigen Ehrenamtlichen nicht richtig abgebildet wird. Meine Berührungspunkte zum Fairen Handel ergeben sich aus meiner Mitarbeit bei der katholischen Fachstelle für Entwicklungszusammenarbeit, Misereor.

Und wie könnte die ehrenamtliche Arbeit abgebildet werden?

Die Betriebswirtschaftslehre kennt verschiedene Instrumente, um Kosten abzubilden, die keinen monetären Niederschlag finden, gleichwohl aber für einen Ressourcenverzehr stehen. Bei ehrenamtlicher Arbeit gibt es dabei ethische und technische Probleme. Es gibt auch Sozialwissenschaftler, die das völlig ablehnen. Es könnte aber zum Beispiel durch einen Stempelaufdruck auf den Produkten darauf hingewiesen werden.

Der solidarische Direkthandel basiert zu einem großen Teil ebenfalls auf unbezahlter Arbeit.

Ich selber habe kaum Erfahrungen mit direkter Solidarwirtschaft. Nach meinem Verständnis handelt es sich dabei darum, kostenintensive Umwege von Gütern und Leistungen, die eine sehr geringe reale Wertschöpfung beinhalten, zu vermeiden. So können wohl auch die hohen Transaktionskosten, wie sie auch im fairen Handel anfallen können, vermieden werden.

Meinen Sie die Kosten der Zertifizierung?

Zertifizierung, Bewerbung, Logistik, Lobbyarbeit – all die Gemeinkosten, die ein mittlerweile großes System obendrauf packen muss. Es wäre für mich nicht überraschend, wenn sowohl der faire Handel als auch der solidarische Direkthandel in ausgesuchten Fällen selber größere Anteile der Wertschöpfungskette entweder verlieren oder für sich vereinnahmen würden. Ich kann mir beispielsweise vorstellen, dass aufgrund der Economies of Scale die Pro-Stück-Handelsspanne bei Tchibo unter Umständen geringer ist als im fairen Handel oder im direkten Handel. Damit wird aber der faire Handel nicht sinnlos oder verwerflich. Wäre Tchibo bereit, immer und überall Produzenten so zu bezahlen, wie es der faire Handel tut, würden die Konsumenten vielleicht trotzdem deutlich weniger bezahlen. Dafür wäre jedoch eine echte Wirtschaftsdemokratie nötig, die Fairness im Handel für die großen Konzerne zur Pflicht macht. Das ist leider nicht sehr wahrscheinlich.

Beim solidarischen Direkthandel sind ja auch die sozialen Beziehungen zwischen Produzierenden und Konsumierenden wichtig. Meist sind das kleinteilige Strukturen und die Leute kennen sich persönlich, was beiden Seiten auch wichtig zu sein scheint, weil daraus neue Formen des Miteinanderwirtschaftens entstehen.

Ich bin so ausgebildet, dass ich die guten sozialen Beziehungen als wirtschaftlichen Zusatznutzen der betroffenen Gemeinwesen verstehen würde. Die Zwischenstufen des fairen Handels aber können durchaus ihren Sinn haben. Manchmal können sie Produzenten klarmachen, dass bestimmte Produkte einfach keine Nachfrage finden. Sie können notwendige Kontrollen durchführen und so beiderseitige Enttäuschungen verhindern. Sie können kleine Mengen bündeln und einem Markt mit großem Bedarf zum richtigen Zeitpunkt zur Verfügung stellen.

Im solidarischen Direkthandel zählt das persönliche Vertrauen mehr als ein Biosiegel. Allerdings kann es sein, dass es dann wirklich Nischen bleiben.

Ich denke, dass die Bedeutung beider alternativen Handelswege ohnehin eher im politischen Bereich zu finden ist als in einer wirklich wirtschaftlichen Dimension. Die europäischen Mittelschichten drücken über den Erwerb von fair gehandelten Produkten und Leistungen ihr Unbehagen an der Weltwirtschaftsordnung aus. Letztlich ist ja auch das als »fair« gesiegelte Produkt bei Lidl Ausdruck eines Eine-Welt-Bewusstseins.

Sie finden Lidl-Fairtrade in Ordnung?

In der Kontroverse Qualität gegen Quantität liegen meine Sympathien auf der Seite der Qualität. Standards aufzuweichen, um damit mehr Platz in den Supermarktregalen einnehmen zu können, andererseits aber auf die Darstellung bestimmter Missstände zu verzichten, bedeutet eine Transformation über Annäherung an herrschende Wirtschaftsstrukturen. An dieser Stelle stehe ich auf Seiten der GEPA.

Die GEPA verwendet anstelle des beziehungsweise zusätzlich zum üblichen Fairtrade-Siegel ein eigenes fair-plus-Siegel – was ist der Unterschied?

Das Fairhandelshaus GEPA und auch die WFTO (World Fair Trade Organization) sind strenger, fairer und letztlich partizipativer. Sie stehen für Qualität. Fairtrade steht für Quantität und Bemerkbarkeit. Trotzdem braucht man beides. Die begrenzte Kaufkraft vieler Menschen verlangt ihnen bei Lidl Fair ungleich mehr ab als mir als relativ gut Verdienendem, und deshalb ist auch das für viele ein Schritt in die richtige Richtung.

Also ist doch letztlich alles gut im fairen Handel?

Im fairen Handel wird das Problem einer gerechten oder ungerechten Produktion vor Ort gelöst. Es bleibt noch das Problem der Nichtabbildung des ökologischen Rucksacks in der Kosten- und Preiskalkulation. Vor diesem Hintergrund stellt abgasintensiver Gütertransfer (ehemaliger) Kolonialwaren auch dann noch ein Problem dar, wenn dies fairer geschieht als auf den üblichen Wegen. Meine Ökobauernfreunde aus dem Allgäu trinken keinen Kaffee, sondern benutzen anregende Kräuter von ihren eigenen Feldern. Sie sind sogar davon überzeugt, dass alles Geröstete ungesund ist und Krebs fördert. Die Montanstufen Guatemalas könnten sicher besser für angepasste Agroforst-Systeme zur Ernährung der Guatemalteken benutzt werden als für Kaffee für den Export. Gäbe es die Umnutzung der Montanstufe in Guatemala gar nicht und tränken wir den Tee aus dem Allgäu, gäbe es unendlich viele Emissionen auch nicht.

Das Interview führte:

Elisabeth Voss

Publizistin