Wirtschaft
anders denken.

Fantasiezahl 21 Prozent? Neue Studien zum Gender Pay Gap

27.10.2017
Gemeinfrei

Der Gender Pay Gap ist doch gar nicht so groß – dieses Echo klingt noch aus dem Wahlkampf nach. Ist die Lücke in Wahrheit kleiner als 21 Prozent? Neue Studien zeigen, dass die Unterschiede innerhalb von Berufen mitunter sogar noch größer sind.

Verdienen Frauen hierzulande 21 Prozent weniger als Männer? Die Frage hat im zurückliegenden Wahlkampf eine Rolle gespielt – Union und Medien hatten ein Plakat der SPD aufs Korn genommen, auf dem die Sozialdemokraten gefordert hatten: »Wer 100 Prozent leistet, darf nicht 21 Prozent weniger verdienen.« Die CDU empörte sich daraufhin über den Wahlkampf mit Fantasiezahlen. »Der Gender Pay Gap bei gleicher Arbeit für Frauen ist wesentlich geringer.« Es handele sich bei der SPD-Marke um eine unbereinigte Zahl, würden die unterschiedlichen Branchen und Berufe sowie Teilzeitarbeit und berufsbedingte Unterschiede im Verdienst berücksichtigt, komme man auf eine Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen, die nur 6 Prozent betrage.

Warum sechs Prozent in Ordnung sein sollten, wäre eine erste Frage. Die zweite Frage lautet: Was stimmt nun und welche Zahlen geben wirklich Auskunft über die Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern?

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung DIW hat jetzt noch einmal nachgelegt – und da tauchen die 21 Prozent wieder auf: Der Gender Pay Gap »lag in Deutschland bezogen auf die Stundenlöhne zuletzt bei 21 Prozent und nimmt nur langsam ab«, schreibt das Institut – also im Durchschnitt bei den Stundenlöhnen, das ist der Wert, den auch die wahlkämpfende SPD im Kopf hatte (die ganz schön lange an der Regierung beteiligt war und in dieser Zeit nicht eben als besonders wirksame Kämpferin für gleiche Löhne und Gehälter aufgefallen ist).

Frauen erhalten nur 51 Prozent des gesamten Bruttoeinkommens

Eine zweite DIW-Zahl illustriert den Gender Pay Gap: Frauen würden »beim gesamten Bruttoeinkommen insgesamt nur 51 Prozent des Einkommens der Männer« erreichen, das hat der Steuerexperte des Instituts, Stefan Bach, aus den »aktuellsten verfügbaren Daten der Lohn- und Einkommensteuerstatistik« errechnet, die stammen allerdings aus 2010. »Bei den Arbeitseinkommen« erreichen Frauen nur 52 Prozent des Einkommens der Männer. Und weiter: »Bei Vermietungseinkünften oder Kapitalerträgen sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern weniger ausgeprägt.«

In dem DIW-Wochenbericht heißt es ergänzend: »Ein wesentlicher Grund für die geringeren Einkommen von Frauen sind die niedrigeren Erwerbseinkommen – die Geschlechtsunterschiede bei anderen Einkommensformen sind deutlich geringer. Zusätzlich zu den Unterschieden in den Brutto-Stundenverdiensten spielt hier der – häufig unfreiwillige – geringere Erwerbsumfang eine große Rolle, der wiederum mit der ungleich verteilten Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern zusammenhängt.«

Lohnlücke bei Sprechstundenhilfen 43 Prozent

Die Berliner Forscher haben sich noch zwei weitere Dimension des Gender Pay Gap angesehen – die Auswirkungen auf die Alterseinkünfte (der sogenannte Gender Pension Gap beträgt in Deutschland etwa 53 Prozent) und die Lohnunterschiede innerhalb von Berufen. Letzteres ergänzt den Hinweis, man dürfe berufsbedingte Differenzen nicht unberücksichtigt lassen, durch einen genauen Blick auf die Berufsgruppen selbst. Dabei zeigt sich unter anderem, dass berufsspezifischen Gender Pay Gaps »in jenen Berufen geringer« sind, »die einen hohen Anteil von Beschäftigten im öffentlichen Dienst haben«.  Was darauf hindeutet, dass es auch eine Frage politischer Regeln ist, ob diese Lücke größer ist oder nicht.

Der Blick auf einzelne Berufe zeigt überdies, dass die Gehaltsunterschiede dort teils deutlich geringer sind – teils aber sogar noch größer sein können als der unbereinigte Gender Pay Gap, der sich auf alle Bruttostundenverdienste bezieht. »So ist die Lohnlücke bei VerkäuferInnen (29 Prozent), Bankfachleuten (25 Prozent) und BuchhalterInnen (24 Prozent) noch höher als der durchschnittliche Gender Pay Gap. Entscheidet sich ein Mann für den typischen Frauenberuf der Sprechstundenhilfe, so verdient er im Durchschnitt sogar 43 Prozent mehr als seine Kolleginnen«, heißt es in der Untersuchung.

Die DIW-Forscher merken zur Debatte über die »richtigen« Zahlen beim Gender Pay Gap an, dass Berufswahl und Erwerbsumfang »allerdings nicht nur Ausdruck von Präferenzen, sondern auch Folge gesellschaftlicher und institutioneller Normen und Restriktionen« sind. Mit dem Hinweis auf »bereinigte« Zahlen ist also noch lange nicht die gesellschaftspolitische Dimension beantwortet. Nicht nur die Einkommensfrage muss gestellt werden, sondern die der Voraussetzungen dafür, dass sich so etwas wie »Frauenberufe« und »Männerberufe« herausgebildet haben.

Gender Pay Gap ist auch Frage gesellschaftlicher Normen

In dem DIW-Papier findet man dazu den Hinweis auf eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB, laut der 2010 insgesamt 60 Prozent der Frauen in Frauenberufen, 29 Prozent in Mischberufen und elf Prozent in Männerberufen tätig waren. »Als Frauenberufe werden diejenigen Berufe bezeichnet, deren Frauenanteil mehr als 70 Prozent beträgt, und als Männerberufe diejenigen mit einem Frauenanteil von weniger als 30 Prozent. Alle übrigen Berufe werden als Mischberufe definiert. Insgesamt 69 Prozent der Männer arbeiten in Männerberufen, 20 Prozent in Mischberufen und elf Prozent in Frauenberufen.«

Hier setzt denn auch die Empfehlung des DIW an: Nötig sei »ein Kulturwandel in der Gesellschaft und vor allem in der Arbeitswelt«, den die Politik antreiben und mit Regeln unterstützen müsste. »Die Verdienstlücke zu schließen ist eine zentrale Voraussetzung für mehr Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern«, so formuliert es Katharina Wrohlich. Dazu gehörten bessere Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie »Anreize für eine ausgeglichene Aufteilung von Erwerb- und Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen«. So müsse unter anderem das Ehegattensplitting auf den Prüfstand.

Geschrieben von:

OXI Redaktion