Wirtschaft
anders denken.

Finanzkrisen als Spiegelkabinett

06.02.2018
Mike Lewinski / flickr CC BY 2.0

Die zwei großen Krisen des modernen Kapitalismus 1929 und 2008 weisen verblüffende Parallelen auf. Barry Eichengreen hat entgegen der modernen geschichtsvergessenen Wirtschaftspolitik in »Hall of Mirrors« seziert, welche Lehren aus 1929 hätten gezogen werden können. Eine Rezension der Kriwis FU Berlin.

In »Hall of Mirrors«, das bisher nicht in deutscher Übersetzung vorliegt, zieht der renommierte Wirtschaftshistoriker Barry Eichengreen zahlreiche Parallelen zwischen der Weltwirtschaftskrise 1929 und der Finanz- und Bankenkrise 2008 und verweist auf die Absurdität einer modernen geschichtsvergessenen Wirtschaftspolitik. In seinem 2015 veröffentlichten Buch veranschaulicht der Berkeley-Professor, welche Lehren politische Entscheidungsträger aus der »Great Depression« umgesetzt haben – und wieso eine Vielzahl an Reformen nicht weit genug gegangen sind.

Die 500 Seiten sind in vier große Abschnitte gegliedert, von denen jeder einen Beitrag zur Analyse und dem Vergleich der zwei größten Krisen des modernen Kapitalismus leistet. Im ersten Teil »Best of Times« stellt Eichengreen verblüffende Parallelen dar: so wird im Rückblick auf 2008 wie auf 1929 sichtbar, dass in beiden Fällen die systematische Verletzlichkeit der Finanzmärkte kontinuierlich aufgebaut wurde. Aus diesem »Build-up of Vulnerabilities« folgte damals wie heute eine Reaktionskette, an deren Beginn in beiden Fällen eine Blasenbildung stand.

Einzelne Mechanismen oder Abfolgen wiederholten sich deckungsgleich: So hinderte der bindende Goldstandard in den 1930er-Jahren die US Notenbank an einer raschen Abwertung des Dollars, nach 2008 galt das gleiche für schwächelnde Nationalökonomien innerhalb des Euro-Raumes, denen die Europäische Zentralbank (EZB) keinen Handlungsspielraum ließ. In beiden Krisen waren es Risikoaffinität zu Gunsten größerer Gewinnmargen sowie ein unumstößliches und flächendeckendes Vertrauen in große Institutionen, die ein frühzeitiges Eingreifen staatlicher Akteure verhinderten. So wurden Blasen weiter aufgepumpt, bis sie plötzlich platzten. Und so kam es zu Dominoeffekten. Das Beispiel Lehman Brothers, die den Ruf genossen, »too big too fail« zu sein, illustriert das Zusammenspiel dieser Prozesse anschaulich.

Im zweiten Teil diagnostiziert Eichengreen unter dem Motto »Worst of Times« inwieweit die Charakteristika der beiden Krisen strukturell übereinstimmen. Dazu gehört auch die Hinwendung staatlicher Akteure zu mehr Protektionismus anstelle internationaler Krisenbekämpfung. Im letzten und realpolitisch spannendsten Teil »Toward Better Times« widmet sich Eichengreen der finanzpolitischen Kurzsichtigkeit in der Gegenwart. Obwohl die Entscheidungsträger einige der wichtigsten Lehren aus der vorangegangenen auf die jetzige Krise angewandt haben, reichen diese Bemühungen nicht weit genug. So gelang nur eine halbe Erholung, die unter ihren Möglichkeiten geblieben ist. Noch dazu bergen diese halben Reformen das zusätzliche Risiko für eine noch tiefere Krise in absehbarer Zukunft. So betrachtet sind die Lehren aus der Großen Depression Fluch und Segen zugleich: Zwar wurden die größten Fehler von 1929 durch aktive Zinspolitik und Regulierung verhindert. Gleichzeitig jedoch geriet in den Hintergrund wie ein »nächstes Mal« verhindert werden könnte.

»Hall of Mirrors« leistet so einen äußerst wichtigen Beitrag zur Debatte über das »Was tun« der Krisenpolitik nach 2008 und eine gelungene wirtschaftshistorische und -politische Analyse der genutzten und ungenutzten Möglichkeiten. Denn die Finanzkrisen von 1929 und 2008 spiegeln sich in vielerlei Hinsicht. Durch ein genaueres Studieren und Reflektieren dieses Spiegelkabinetts könnte und kann vieles verhindert werden – zumindest, wenn die nächste Krise kommt.

Eichengreen, Barry : Hall of Mirrors. Oxford University Press. Oxford 2015

Dieser Beitrag wurde verfasst von V. Laszlo Barrena von den Kritischen WirtschaftswissenschaftlerInnen an der FU Berlin.

Geschrieben von:

Kriwis FU Berlin

studentische Initiative