Wirtschaft
anders denken.

Forschen, beraten, bilden: Das Institut für zukunftsfähige Ökonomien ZOE

25.07.2018
Gemeinfrei

Think & Do Tank: Das Institut für zukunftsfähige Ökonomien ZOE will sich für die Gestaltung einer sozial und ökologisch zukunftsfähigen Wirtschaft einsetzen. Forschung soll dafür mit Beratung und Bildungsarbeit verknüpft werden.

Sie kommen aus dem Netzwerk Plurale Ökonomik. Sie sind jung, haben Wirtschaft und angrenzende Bereiche studiert, wissenschaftliche Expertisen erworben, Netzwerke geknüpft. Das alles ist noch nicht ausreichend, um den Entschluss zu fassen, in die zwar noch überschaubare, aber auch nicht kleine Landschaft bestehender Institute, die sich mit Pluraler Ökonomie im weiteren Sinne befassen, ein neues Institut zu fügen. Trotzdem gründeten sie 2017 das Institut für zukunftsfähige Ökonomien, kurz ZOE, als einen »Think & Do Tank, der sich für die Gestaltung einer sozial und ökologisch zukunftsfähigen Wirtschaft einsetzt«, wie es auf der Webseite des Instituts heißt.

»Wir verstehen uns als Plurale Ökonominnen und Ökonomen und wollen ökonomische Forschung am Zahn der Zeit mit Beratung und Bildungsarbeit verknüpfen«, sagt Jonathan Barth, Geschäftsführer des Institutes. Er hat Umweltmodellierung mit Fokus auf sozio-ökonomische Systeme in Oldenburg studiert und ist Mitglied im Think Tank 30 des deutschen Club of Rome, sowie in einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe, die sich mit nachhaltigem Geld befasst.

Für die Gründung eines neuen Instituts braucht es – wenn es nicht ausschließlich oder ganz vordergründig um Marketing geht – eine Unzufriedenheit mit dem Bestehenden und eine Idee für etwas Neues. Beides ist formuliert. »Wir nehmen die fehlende Vielfalt in der Lehre sehr wohl wahr. Viele von uns haben das während ihres Studiums am eigenen Leib erfahren. Zugleich ist bei uns die Überzeugung entstanden, dass es besserer Schnittstellen zwischen neuer ökonomischer Forschung und der Wirtschaftspolitik bedarf, weil wir glauben, dass über den Dialog ein besseres Verständnis über die ökonomische Wirkung von Politikvorschlägen entstehen kann.«

Das klingt erst einmal nach einer schönen Vorstellung, die sich an der Realität bislang nicht messen kann. In der Realität ist die durch Politik abgefragte Expertise wesentlich die der neoklassische Ökonomie, auf keinen Fall aber plural. Wachstum auf Teufel komm raus sozusagen. Da haben Vorstellungen von einer tiefgreifenden Transformation des bestehenden Wirtschaftssystems wenig Platz und noch weniger Freunde.

Jonathan Barth ist optimistischer. Die Suche nach der Wahrheit sei ein Abwägen von Ideen. Dafür brauche es aber erst einmal eines Grundverständnisses davon, worüber hier geredet. Das wäre sozusagen der Bildungsauftrag, den sich das Institut stellt. ZOE heißt auf altgriechisch »das Leben«, Aristoteles habe es – sagt Barth – sogar als »das gute Leben« verstanden. Auf politischer Ebene seien aber gegenwärtig die Narrative des guten Lebens an ihr vorläufiges Ende gelangt. Stattdessen nehme die ökonomische und soziale Polarisierung zu, wüchse die Zahl derer, die in der globalisierten Ökonomie abgehängt werden.

»Es gibt aber auch oder vielleicht wegen dieses Befundes eine Aufbruchsstimmung. Wir haben, als wir uns ein Jahr lang darüber auseinandergesetzt haben, ob es sinnvoll ist, ein Institut zu gründen, eine ausreichend große Lücke gefunden. Und wir glauben, mit unseren Angeboten Fuß fassen zu können.«

Die Lücke meint eine Kombination aus verschiedenen methodischen Ansätzen, die Welt der Ökonomie zu erklären, verschiedenen Formaten, in denen diese Ansätze erklärt und diskutiert werden, Forschung, in denen neue Vorschläge entwickelt und Schnittstellen, an denen diese neuen Vorschläge gemeinsam mit denen, die sie am Ende in politisches Handeln münzen müssten, zu diskutieren. Und so widmet sich das erste große Projekt auch dem Versuch, Wirtschaft und Politik ins Reden zu bringen, wie sich Ökonomie jenseits von Wachstum beschreiben lasse. Wie müssen Sozialsysteme künftig aussehen, um trotz abnehmender Wachstumsraten Stabilität zu erlangen, welche Institutionen, Entscheidungsträger*innen müssen eingebunden werden? Radikale Umbrüche hätten ja immer Machtverschiebungen zur Folge oder entstünden im Ergebnis von Machtverschiebungen. »Ich persönlich halte die Marktwirtschaft für nicht verwerflich«, sagt Barth. »Aber wenn ein Prozent der Konzerne in Deutschland zwei Drittel des Umsatzes produzieren, dann können wir nicht von Wettbewerb und Marktwirtschaft sprechen. Diese Marktkonzentration erzeugt Schieflagen, die inzwischen systemisch sind. Und die große Frage gegenwärtig ist doch, wie politische Entscheidungsträger eingebunden werden und sich ermächtigen können, am Bestehenden etwas zu ändern.«

Diskutiert wird – und dabei ist ein wesentlicher Bestandteil auch die Aufbereitung dessen, was bereits gedacht, geschrieben und vorgeschlagen wurde. Die Diskussion über Nachhaltigkeit wird sehr kontrovers geführt. Die Kontroverse führt entlang an der Frage, ob Wirtschafts- und Unternehmenswachstum sozusagen eine Mentalitätsfrage sind oder ob es einen strukturellen Wachstumszwang gibt. Dazu wurde ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen, das in Kooperation mit anderen praktische Handlungsempfehlungen für eine Politik jenseits des Wachstums entwickeln will. Nicht, dass dazu nicht schon viel gedacht und geschrieben worden ist, aber die Frage des Wachstumsparadigmas ist existenziell und tatsächlich wäre es mehr als gut und notwendig, sie nicht nur theoretisch zu debattieren, sondern in praktisches Handel münden zu lassen.

»In Deutschland beobachten wir, dass die Wachstumsraten kontinuierlich abnehmen. Das könnte fatale Auswirkungen haben, wenn technischer Fortschritt und Digitalisierung am Ende zu weniger Arbeitsplätzen führen. Das Rezept war deshalb bisher, das Wachstum einfach wieder anzukurbeln. Aber faktisch können wir das der Natur kaum mehr zumuten. Wie wir diesem Dilemma entkommen können, bleibt also ungelöst«, so Barth. Diskutiert wird also über institutionelle Verbrauchsbegrenzungen (Cap & Trade) für Ressourcen, eine Bodenwertsteuer und eine Begrenzung der Akkumulation.

Das ist interessant und ebenso spannend ist, ob die Debatten und deren Ergebnisse am Ende in einem klugen und relevanten Reader landen, der von denen, die aus den Ergebnissen Schlussfolgerungen ziehen müssten, nicht gelesen wird, oder ob sich daraus tatsächlich Umdenken und praktisches Handeln ableitet. So wie es wahrscheinlich dem umfangreichen und sehr interessanten Sammelband »Postwachstumspolitiken«, herausgegeben von Frank Adler und Ulrich Schachtschneider (Oekom Verlag) geschehen ist.

Den Gründer*innen des Instituts ist sehr wohl klar, dass sie nicht die ersten sind, die darauf bauen und hoffen, dass Vernunft stärker ist. Sie finden aber schon, dass dies nicht daran hindern sollte, es erneut und anders zu versuchen. Deshalb setzten sie nicht nur auf die Kraft von Argumenten, sondern von Prozessen in denen die Politiker und Politikerinnen eng in die Entwicklung von Politikvorschlägen eingebunden sind. Ob das neue Institut Ausstrahlungskraft bekommt und den gesteckten Zielen nahe und näher kommt, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin