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Frauen sind am Lohnunterschied selbst schuld

16.06.2016
Frau schreibt in Heft, closeFoto: willma / photocase.deWenn Frauen alles addieren, bleibt ein Defizit übrig.

Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern gibt es in Deutschland nicht. Ein Gesetz soll die Lücke schließen, doch laut dem Institut der deutschen Wirtschaft ist ein Gesetz gar nicht nötig.

Frauen verdienen in Deutschland durchschnittlich 21 Prozent weniger als Männer. Diese Lohnlücke wird als Gender Pay Gap bezeichnet. Deutschland steht in Europa sehr weit oben in Fragen Lohnungerechtigkeit. Darüber wird seit Jahren diskutiert und ein »Lohngerechtigkeitsgesetz« soll Abhilfe schaffen. Sagt die Bundesregierung. Nun aber hat sich das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) dazu aufgeschwungen, der Regierung zu erklären, dass sie das lieber lassen soll.

Manchmal unterscheiden sich Wirtschaftsinstitute und Stammtische nur in der Frage der Deutungsmacht. Der Stammtisch reüssiert zwar regelmäßig in Wahlkampfzeiten, auf Wirtschaftsfachleute, die gern auch Weise genannt werden, hört die Regierung aber in der Regel auch sonst gern. »Die Annahme, bei der Lohnlücke handelt es sich Diskriminierung durch die Unternehmen ist unsachgemäß.« Das sagt IW-Direktor Michael Hüther. Viel mehr ergäben sich die Gehaltsunterschiede aus den individuellen Entscheidungen der Frauen. Sie arbeiteten eben eher in kleineren Betrieben anstatt in Hochlohnbranchen, besonders gern in niedrig entlohnten Bereichen wie Erziehung und Unterricht, Gesundheits- und Sozialwesen, häufiger in Teilzeit und sie nähmen seltener Führungsaufgaben wahr. Rechnet man all diese selbstverschuldeten Ursachen ab, käme man nur auf einen Lohnunterschied von rund 6,6 Prozent und das sei einer der niedrigsten Werte in der EU. Zähle man noch andere Faktoren, wie Berufserfahrung, hinzu, reduzierte sich der Wert noch einmal auf 3,8 Prozent. Damit aber sei Deutschland Spitze in Sachen Lohngerechtigkeit. Würde man nun noch das – nun ja – eher blöde Verhalten der Frauen in Gehaltsverhandlungen hinzurechnen und deren »abweichende Präferenzen« einbeziehen, bliebe eigentlich gar kein Unterschied mehr übrig. »Der Politik fehlt damit die entscheidende Begründung für das Lohngerechtigkeitsgesetz.« Hüther ist wirklich ein Knaller, wenn es darum geht, dem Staat zu erklären, dass seine Einmischung in Dinge, die ihn nichts angehen, kontraproduktiv ist.

In diesem Jahr – aber das sagen eben Frauen und die haben bekanntlich ein kleineres Gehirn als Männer – war der 19. März jener Tag, an dem Frauen begonnen haben, Geld zu verdienen. Bis dahin haben sie sozusagen für die Gerechtigkeitslücke gearbeitet.

Es ist noch keine 40 Jahre her, da wurde in Deutschland das Familienrecht novelliert. Erst seitdem dürfen Frauen arbeiten gehen, ohne vorher ihre Ehemänner um Erlaubnis zu fragen. Und erst seit dem haben sie die gesetzliche Grundlage bekommen, sich nach der gläsernen Decke zu strecken, die bis heute anzeigt: Bis hierhin und nicht weiter, meine Liebe, da oben sitzen Männer und passen auf, dass du es nicht übertreibst mit Ehrgeiz und Karriere.

Die Unternehmensberaterin Henrike von Platen hat in einem schönen Text in der Zeit darüber geschrieben, wie in all den Jahren, seit es den Equal Pay Day gibt, all jene verunglimpft werden, die für Lohngerechtigkeit kämpfen. Zu doof zum Rechnen seien die Frauen und das hehre Max-Planck-Institut wählte den Equal Pay Day bereits zwei Mal zur Unstatistik des Monats. Sie rechneten aus, dass der Tag auf den 20. Januar fiele, Todestag von Audrey Hepburn, die ja richtig viel Asche verdient habe.

»Fürs fröhlich kichernde Männerhirn sei es darum noch einmal in Ruhe erklärt«, schreibt Henrike von Platen: »Um den Equal Pay Day zu ermitteln, wird der Bruttostundenlohn von Frauen mit dem Bruttostundenlohn von Männern verglichen. Und zwar immer der Durchschnitt. Also nicht das Gehalt vom Vorstandsvorsitzenden irgendeines DAX-Konzerns mit dem Gehalt der Bundeskanzlerin oder das Einkommen eines Professors mit dem einer Verkäuferin im Einzelhandel. Am Ende gibt es einen Durchschnittsmann und eine Durchschnittsfrau: Max Mustermann und Minni Musterfrau. Der Mann verdient demnach, so ermittelte es das Statistische Bundesamt dieses Frühjahr, 21 Prozent mehr als die Frau.«

Das private Institut der deutschen Wirtschaft, einer der renommiertesten Stammtische bundesweit, sieht das alles anders. Man kann nur hoffen, dass die Familienministerin Schwesig sich von solchem Schwachsinn nicht beeindrucken lässt. Auch wenn der Widerstand gegen ihr Gesetz wächst. Die Wirtschaft hat zum Kampf geblasen. Sie will nicht für etwas büßen, was Frauen selbst verschuldet haben.

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin