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Frauen & Ökonomie

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Bei Frauen verrechnet sich Mann immer noch ganz schön

13.03.2017
Piktogramm Mutter mit Kind auf StraßenpflasterFoto: cacciatore.di.sogni / photocase.deWert nicht eingerechnet: Frauen im Abbild der Nationalökonomie.

Was Frauen für die Gesellschaft leisten, ihre Anteile an pädagogischer, psychologischer, pflegerischer und Fürsorgearbeit, fehlt in der Gesamtbilanz des Sozialproduktes. Was stattdessen immer noch zählt, ist der Homo oeconomicus, der nach dem Prinzip der Nutzenmaximierung handelt und zu Produktivität und Wohlstand beiträgt. Der Mann, die Stütze der Wirtschaft. Die Frau, die nützliche Idiotin.

»Jetzt soll ich auch noch ein Haushaltsbuch führen!«, empört sich Melanie S., als sie von der Schuldnerberatung kommt. Dort hatte man ihr aufgetragen, alle laufenden Ausgaben in ein Heft zu schreiben, um den Überblick über ihr verfügbares Einkommen zu behalten. Melanie verdient als Hilfskraft in einem Krankenhaus nicht viel, und sie geht schon gerne mal shoppen. Für die Schulden allerdings ist ihr Ex verantwortlich, der sie mit zwei Bankdarlehen hat sitzen lassen. Seit ihrer Privatinsolvenz steht sie unter Kuratel.

Frauen und Ökonomie. Die Geschichte einer schwierigen Beziehung. Melanie S., die sich unverschuldet in ein Finanzchaos verwickelt sieht, empfindet das Haushaltsbuch als Schikane, als Disziplinierungsmittel. Würde es sie trösten, wüsste sie, dass die 17-jährige Frau Rat Goethe, Mutter von Johann Wolfgang von Goethe, in Frankfurt auch ein solches Haushaltungsbuch akribisch hatte führen müssen? In die Zeit der Aufzeichnungen zwischen 1753 und 1779 fiel die Geburt von sechs Kindern, und deren Mutter stand einem großbürgerlich-repräsentativen Haushalt vor.

Der Ende 1933 promovierten Soziologin Mar­ga­rethe Freudenthal lieferten die Budgetrech­nungen das Material, um zu untersuchen, wie sich im ausgehenden 18. Jahrhundert das bürgerliche und das proletarische Haushaltswesen verändert haben. Erstmals eröffnete die Mikroökonomie des Haushalts unvermutete Einsichten in die National­ökonomie. »Die Frau im Hause, heißt es«, schrieb die Frauenrechtlerin Käthe Schirmacher bereits 1905, »konsumiert Werte, verteilt Werte, schafft aber keine Werte.« Und sie fügt hinzu, dass das nicht stimmt: »Frauenarbeit wird fast immer unter ihrem Werte bezahlt.« Das beträfe insbesondere die von Frauen im Haus erbrachte Arbeit. Schirmacher war eine der Ersten, die forderten, dass diese Tätigkeit zu entlohnen sei.

Die sogenannte Hausarbeitsdebatte war also keinesfalls eine Erfindung der Neuen Frauenbewe­gung. Sie holte nur ein Faktum ins kollektive weibliche Gedächtnis zurück, das Frauen in Fleisch und Blut übergegangen ist: Frauen werden, wenn sie erwerbstätig sind, nicht nur schlechter bezahlt als Männer, sondern für einen Teil ihrer Arbeit – ihre Haus-, Erziehungs- und Pflegetätigkeiten – überhaupt nicht direkt entlohnt, sondern höchstens über das, was der (Ehe-)Mann als »Familienlohn« nach Hause bringt. Die theoretische Frage nach den »Reproduktionskosten der Gattung« füllt viele Seiten der berühmten blauen Bände. Dass die häusliche weibliche Arbeitsleistung bei diesen Überle­gungen aber gar nicht in Erscheinung tritt, war das feministische Skandalon.

Die sogenannte Hausarbeitsdebatte war keinesfalls eine Erfindung der Neuen Frauenbewe­gung.

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Das klassische Modell hat ausgedient

Die herkömmliche und bis heute so gelehrte Nationalökonomie hält an dieser Trennung von marktvermittelten Teilen des Wirtschaftens und der Hausarbeit fest. Das schlägt sich ganz praktisch nieder in der gesellschaftlichen Gesamtrechnung, denn die unbezahlten Anteile – vom Kampf gegen Schmutz und Keime über die Herstellung von Mahlzeiten, die psychologische und pädago­gische Betreuung von Kindern, die Pflege kran­ker oder behinderter Menschen bis hin zur Herstellung einer häuslichen Atmosphäre, die es dem »Hauptverdiener« erlaubt, sich zu regenerieren – gehen nach wie vor nicht ins Sozialprodukt der Gesellschaft ein.

Die Nationalökonomie trennt weiterhin in marktvermittelte Teile des Wirtschaftens und Carearbeit.

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Der Homo oeconomicus, der nach dem Prinzip der Nutzenmaximierung handelt, ist ein Mann. Hausfrauen werden von Ökonomen höchstens als Konsumentinnen wahrgenommen, deren Kauf­kraft gestärkt werden muss. Im aufrührerischen Italien der 1970er-Jahre haben Dario Fo und Franca Rame in der schrillen Satire »Bezahlt wird nicht!« diese neue Marktmacht der Frauen auf die Bühne gestellt und durchgespielt, was passiert, wenn sie sich den üblichen Tauschverhältnissen einfach entziehen.

Doch das klassische Modell der Fürsorgearbeit, der »berührenden Sorge«, von der der Nationalöko­nom Adam Smith alle Menschen abhängig sah und die ihm, gerade weil sie nicht auf Vorteil schielte, prädestiniert schien, menschliche »Glückseligkeit« zu erreichen, funktioniert nicht mehr reibungslos. Immer mehr Frauen streben in den Beruf, es fehlt ihnen an Zeit und Kraft, sich 24 Stunden um die Familie zu kümmern, Eltern oder Schwiegereltern zu pflegen und die hohen Ansprüche an Kinderer­ziehung zu erfüllen. Die »zweite Schicht« zu Hause ist so wenig attraktiv wie das Zuverdienermodell, das für Frauen wenig berufliche und persönliche Anerkennung bereithält.

Hausfrauen werden von Ökonomen höchstens als Konsumentinnen wahrgenommen, nicht als Wertschöpferinnen.

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»Das bisschen Haushalt« macht sich eben nicht von alleine, wie auch Melanie S. weiß, die als Alleinerziehende nun die ganze Sorgearbeit stemmen muss: »Wenn ich müde aus dem Krankenhaus komme, geht’s schnell zum Einkaufen und Vorkochen für den nächsten Tag, dann noch schauen, ob die beiden Kinder ihre Hausaufgaben gemacht haben, die Waschmaschine beladen und Wäsche aufhängen. Alles andere bleibt bis zum Wochenende liegen. Und jetzt wollen die auch noch, dass ich ein Haushaltsbuch führe!« Melanie S. ist 39, ihre Mutter über siebzig und kränklich. »Sie würde mich gerne unterstützen, aber eigentlich bräuchte sie mich. Sie wohnt aber nicht in Berlin.« Schlechtes Gewissen.

Unbezahlte Fürsorgearbeit

Für diese umfassende Sorge für sich und andere hat sich in der feministischen Theorie der Begriff »Care« herausgebildet. Der Umfang dieser weitgehend unsichtbaren, weil nicht entlohnten Arbeit umfasste im Jahr 2001 noch 96 Milliarden Stunden, das 1,7-Fache der gesamten bezahlten sogenannten produktiven Erwerbsarbeit mit 56 Milliarden Stunden. Inzwischen hat sich das Verhältnis etwas zugunsten der bezahlten Arbeit verschoben, die geschlechtsspezifische Verteilung der Zuständigkeit ist jedoch weitgehend erhalten geblieben. Da unbezahlte Tätigkeiten im Privathaushalt statistisch nicht erfasst werden, existieren nur Schätzungen über die dort erbrachte Wertschöpfung: rund 40 Prozent des deutschen Bruttoinlandprodukts.

Im Westdeutschland der Nachkriegszeit sorgte die Hausfrauenehe dafür, dass Kinder aufgezogen, Alte gepflegt wurden und Männer unbelastet ihrem Job nachgehen konnten. Doch die dazu erforderlichen Sozialversicherungssysteme, weist Gabriele Win­ker in ihrem Buch Care-Revolution nach, erwiesen sich als relativ teuer. Außerdem benötigte der Arbeitsmarkt immer mehr qualifizierte Frauen. Sie sehen sich nun mit dem sogenannten Verein­bar­­keits­problem konfrontiert: Sie sollen als fitte »Arbeitskraftunternehmerinnen« bereitstehen, aber gleichzeitig ihre Familien managen, bei erhöhten Anforderungen an Erziehung und Ausbil­dung von Kindern.

Einen Ausweg sehen die etwas finanzkräftigeren Mittelschichtsfamilien darin, Teile der Sorgearbeit einfach auf relativ schlecht bezahlte Dienstkräfte auszulagern. In seinem kürzlich erschienenen Buch Die Rückkehr der Diener beschreibt der Kultursoziologe Christoph Bartmann aus eigener Anschauung die neue häusliche Servicewelt in den »Wohnhotels« von New York. Die »domestic workers« wirken weitgehend unsichtbar für einen Mindestlohn, den sich die obere Mittelschicht gerade noch leisten kann. Was sie dafür erhalten, entlastet sie.

Wie die Verhältnisse feministisch drehen?

Bartmanns sehr anschauliche und materialreiche Erzählung über die neuen globalen Sorgeketten, in deren Sog rund 100 Millionen Migranten um die Welt wandern und sich prekär verdingen müssen, ist allerdings auch ein ärgerliches Beispiel dafür, dass immer erst ein Mann kommen muss, wenn es einen Missstand öffentlichkeitswirksam zu machen gilt. Denn alles, was Bartmann beschreibt, ist von zahlreichen feministischen Theoretikerinnen schon viel früher skandalisiert worden. Dass Frauen (und deren Kinder) auch unter den neuen Dienstboten die besonders Leidtragenden sind, beweisen die sogenannten Euro-Waisen, die von den 300.000 osteuropäischen Arbeitsmigranten in ihrer Heimat zurückgelassen worden sind. Und die eingewanderten Nannys, kommentiert die kalifornische Soziologin Arlie Russel Hochschild die Situation in den USA sarkastisch, ermöglichten genau genommen nicht den reichen Frauen die Partizipation auf dem Arbeitsmarkt, stattdessen den reichen Männern, die zweite Schicht zu vermeiden.

Um die ökonomischen Verhältnisse feminis­tisch zu drehen, kann es also nicht darum gehen, dass Frauen lediglich ihr »Vereinbarkeitsproblem« lösen, indem sie ein paar Kitaplätze mehr zur Verfügung haben und das Schmutz-, Aufsichts- und Pflegemanagement an ärmere Frauen delegieren. Zunächst, gibt die Schweizer Ökonomin Mascha Madörin zu bedenken, müsse man beide Aspekte von Care-Arbeit – bezahlte und unbezahlte Tätig­kei­ten – zusammen­denken unter der Bedingung, dass es sich um personenbezogene (Kinderer­ziehung, Pflege etc.) Arbeiten mit unterschiedlichen Graden von Abhängigkeit und nicht personenbezogene Dienstleistungen (z.B. Sauberma­chen oder Pizza-Service) handeln kann.

Teile von Care-Arbeiten lassen sich leicht in den kapitalistischen Produktionsprozess integrieren: Im Rahmen von Industrie 4.0 wird der intelligente Kühlschrank entwickelt oder über das sich selbst reinigende Haus sinniert. Anderes wiederum sperrt sich. Die Erziehung eines Kindes oder die Pflege eines behinderten Menschen folgen einer anderen Zeit- und Effizienzlogik als der auf dem Markt üblichen, selbst wenn auch hier über den Einsatz von Pflegerobotern nachgedacht wird. Aber grundsätzlich braucht die menschliche Sorge um und für den Menschen Zeit und ist nicht unbegrenzt rationalisierbar, wie das Scheitern der »Minutenpflege« im deutschen Pflegesystem eindrücklich gezeigt hat. Madörin ist überzeugt, dass sich gerade im Gesundheits- und Erziehungsbereich die strategischen Kämpfe der Zukunft abspielen werden: »Es wird dabei nicht um das Verhältnis von Staat und Markt gehen, sondern um die Nichtstan­dar­disier­barkeit der Care-Arbeit.«

Kindererziehung oder Pflege folgen anderer Zeit- und Effizienzlogik als der auf dem Produktionsmarkt üblichen.

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Diese neue Arbeitsdebatte tangiert aber auch die Makroökonomie. Denn wenn einmal akzeptiert wird, dass Fürsorgearbeiten unverzichtbar, aber nicht im Takt zu erledigen sind, muss auch darüber gesprochen werden, wie das Sozialprodukt verteilt werden soll. Wollen wir immer mehr in Billig­lohnländern geschaffene Konsumgüter kaufen oder von diesem Geld lieber personenbezogene Dienste bezahlen, fragt Madörin.

Ökonomie des Commons

Denn Care könnte auch so etwas wie der »Vorschein« auf ein weniger entfremdetes, teilhabeorientierteres und faires Arbeiten sein. In der ökofeministischen Debatte der 1980er-Jahre wurde dieser Aspekt gelegentlich ideologisch überhöht, brachte aber immerhin die Abkehr von den marktförmigen Tauschverhältnissen ins Spiel, die in der neueren feministischen Diskussion wieder thematisiert wird.

Eine Ökonomie des Commons, wie sie etwa Friederike Habermann in ihrem Buch Ecommony skizziert, hätte Melanie S. möglicherweise die Finanzmalaise durch nicht zu tilgende Darlehen erspart. Commons bedeutet alles, was aktiv gebraucht, aber nicht besessen wird. Das Auto, für das einer ihrer Kleinkredite draufgegangen war, hätte sie vielleicht von jemand anderem zur Verfügung gestellt bekommen nach dem Prinzip des freiwilligen Teilens: Jeder trägt bei, was er hat und was er kann, in einer freien und offenen Produktions- und Verteilungsatmosphäre. Vielleicht hätte sich Melanie »revanchiert«, indem sie ein krankes Kind pflegt – aber eben nicht auf der Basis einer Zeit-Leistungs-Verrechnung wie etwa bei einem Tauschring, sondern im Rahmen der von ihr bestimmten Handlungsmöglichkeiten.

Unfair ist es, Frauen unbequeme Arbeiten zu übertragen, nur weil sie Frauen und scheinbar dazu geboren sind.

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Auf diese Weise würden der »strukturelle Hass«, die immer gegenwärtige marktvermittelte Konkurrenz, und die »strukturelle Verantwortungs­losigkeit« (»ich zuerst und nach mir die Sintflut«) in ein kooperatives, freiwilliges Miteinander überführt. Commons bedeutet nicht wie bei einer Genossenschaft, dass eine bestimmte Gruppe Eigentum besitzt und darüber verfügt. Stattdessen besteht für alle – wie es beim Saatgut sein sollte – der gleiche Anspruch, was aber voraussetzt, dass genügend vorhanden ist und alle problemlos Zugang haben. Verzichtsideologie hat in diesem System keinen Platz.

Die Vorstellung von Commons knüpft am menschlichen Grundbedürfnis an, nicht unfair behandelt werden zu wollen. Und unfair ist es, bestimmten Gruppen, zum Beispiel Frauen, unbequeme Arbeiten zu übertragen, nur weil sie Frauen und scheinbar dazu geboren sind. Identitätsdenken verträgt sich mit Ecommony also so wenig wie Eigentum oder Zwang. Diese Prinzipien, so Habermann, gälten in alternativen Wirtschaftsan­sätzen wie der Degrowth-Bewegung oder dem sozialökologischen Umbau nicht. Sie blieben in der Marktlogik gefangen.

Etwas verhindern, etwas ermöglichen

Habermanns weiträumiger Entwurf ist darauf ausgerichtet, in der Gegenwart kleine Zukunftsinseln zu bauen, die sie zahlreich vorstellt. Es geht darum, Handlungsmöglichkeiten und Spielräume auszuloten, die darauf ausgerichtet sind, etwas zu verhindern und gleichzeitig etwas zu ermöglichen. So haben viele Frauenprojekte in Deutschland begonnen, aber auch wichtige Einrichtungen in den Ländern des Südens wie die Grameen-Bank in Bangladesch, wo das Prinzip verpflichtender sozialer Kontrolle es ermöglicht, auch mittellosen Frauen Kredite zu gewähren.

Mascha Madörin behauptet, dass es für eine feministische Theorie nicht nur die Analyse vergangener Ausbeutungsverhältnisse braucht, sondern auch Antizipation und Fantasie dessen, was erstrebenswert erscheint. Das Gold (und das Geld) gab als Marktabstraktum einmal ein solches Versprechen auf die Zukunft. Die Aufgabe feministischer Ökonomie aber ist es, sich von dieser Gestaltmacht zu lösen, von dem Fetisch, dass das Geld alles vermittelbar und alles machbar macht. Kritisch ist aber auch mit dem vermeintlich besseren Leben in der Vergangenheit umzugehen. Das Wirtschaften im alten »Oikos«, im »ganzen Haus«, war Miteinander und Ausbeutung zugleich. Die Entstehung des bürgerlichen Haushalts wie der von Frau Rat Goethe hatte es vermocht, die wahren Verhältnisse zu verschleiern.

Dieser Text erschien in OXI 3/2017 zum Themenschwerpunkt »Frauen, wie sie Wirtschaft denken und machen«.

Geschrieben von:

Portraitfoto
Ulrike Baureithel

Journalistin