Wirtschaft
anders denken.

Führende Ökonomen und die Rente mit 70

07.09.2017
Foto: Michael Gaida/PixabaySpaß mit 70 - oder Rente mit 70?

Führende Ökonomen kritisieren das Nein Merkels zur Rente mit 70, heißt es nun allerorten. Was für Argumente aber sind das, die da »führen« – und warum spielen nicht andere Experten auch einmal die Führungsrolle?

Angela Merkel hat sich gegen die Verlängerung der Lebensarbeitszeit ausgesprochen. Nun mag man ihr Nein zur Rente mit 70 als Wahlkampfspruch abbuchen, es wurden auch schon andere Dinge versprochen. Die Sache hat aber noch eine andere Seite, und die heißt in den Nachrichtenagenturen: Die Kanzlerin habe »knapp drei Wochen vor der Wahl eine Kontroverse über die Dauer des Arbeitslebens entfacht«. Wie aber sieht die Kontroverse aus?

»Führende Ökonomen kritisieren das Nein«, wurde am Dienstag überall vermeldet. Das klang wie eine Generalabsage aus der Wirtschaftswissenschaft – war aber bloß mediale Angeberei. Allerdings eine, die den politischen Diskurs verschiebt. Denn wer will schon »führenden« Ökonomen widersprechen, die haben doch Ahnung, die sagen das doch nicht ohne Grund, oder? Die »Rheinischen Post« hatte Michael Hüther, den Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, gefragt. Die »Märkische Oderzeitung« hat sich bei Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung erkundigt. Beide verwiesen auf die demografische Entwicklung, »anders kann das System nicht finanziert werden«, so Fratzscher.

Man kann das auch anders sehen, und es ist eine Frage des politischen Standpunktes, ob man die Experten, die stattdessen das Herbeireden der Rente mit 70 zurückweisen, nicht genauso gut als führende bezeichnen könnte. Im »nd« nannte der Arbeitssoziologe Gerhard Bosch den Ruf nach neuer Ausweitung der Lebensarbeitszeit »eine von Akademikern erfundene Kopfgeburt« und einen strategischen Erfolg der Wirtschaftsliberalen. Die Debatte verenge Rentenpolitik auf die Stellschraube Eintrittsalter, wer auskömmliche Altersbezüge wolle, müsse stattdessen »die Löhne durch Tarifbindung« erhöhen.

Kritisch ist auch Gustav Horn, Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung – immerhin so »führend«, dass er auch im FAZ-Ökonomenranking auf der Liste steht: »Man glaubt mit der Rente mit 70 sich aller Probleme zu entledigen. In Wirklichkeit verschärft man Altersarmut sogar«, sagte Horn dem »nd« und forderte, den Riesterzuschlag auslaufen zu lassen und mit frei gewordenen Mitteln die gesetzliche Rente zu stärken. Er plädierte außerdem für eine Mindestrente und die Anhebung des Rentenniveaus.

Ver.di-Chef Frank Bsirske macht sich angesichts von Merkels Absage an die Rente mit 70 nichts vor, es sei nur »eine Festlegung ausschließlich für die nächsten vier Jahre«, sagte er der »Neuen Passauer Presse« – der Gewerkschafter erinnerte aber an eine andere Seite der Debatte um die Altersversorgung: »Geplant ist, das Rentenniveau bis 2030 auf bis zu 43 Prozent abzusenken.« Und zwar unter Führung der Union und der Kanzlerin. Der Paritätische Wohlfahrtsverband forderte daher auch einen grundlegenden Kurswechsel bei der Rente – bessere Löhne und eine Anhebung des Rentenniveaus von 47,7 Prozent auf 53 Prozent. Nach Berechnungen des Verbandes bekommen Beschäftigte, die 40 Jahre lang durchschnittlich 2.300 Euro brutto verdient und Rentenbeiträge einbezahlt haben, derzeit eine Rente nur knapp oberhalb des Grundsicherungsniveaus.

Die »Rheinische Post« hat auch bei dem »Wirtschaftsweisen« Lars Feld nachgefragt, der Verwies auf den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, welcher vorgeschlagen habe, das Renteneintrittsalter an die fernere Lebenserwartung zu koppeln: »Das ist keine Rente mit 70, aber könnte je nach demografischer Entwicklung darauf hinauslaufen.«

Susanna Kochskämper vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, das nicht nur so heißt, sondern genau das ist, sieht »bei fortschreitender Bevölkerungsalterung« nur eine »Stellschraube« – die Anhebung der Regelaltersgrenze. »Sicher, man mag einwenden, dass als vierte Stellschraube die Höhe des Steuerzuschusses ansteigen kann«, so die Sozialökonomin. »Allerdings geraten auch die Staatseinnahmen bei einer alternden Bevölkerung unter Druck.«

Kommt darauf an, wo man sich traut, die Einnahmen zu holen. Der Statistiker Gerd Bosbach hat schon vor ein paar Jahren auf eine Überlegung hingewiesen, die in der Debatte heute kaum noch eine Rolle spielt: »Wenn die These stimmen würde, dass eine wachsende Rentnerzahl ein sinkendes Rentenniveau erzwingt, hätte im letzten Jahrhundert die Rente massiv reduziert werden müssen«, so Bosbach. Denn der Anteil der Rentner verdreifachte sich von unter fünf Prozent im Jahre 1900 auf über 17 Prozent im Jahre 2000. Was passierte? Die Rente ist nicht gesunken, sondern gewachsen. Ursache dafür: »der Produktivitätsfortschritt. Genau der wird heute aber aus fast allen Überlegungen zu Rente und Demografie ausgeklammert«, so Bosbach. »Stattdessen wird mit nackten Bevölkerungszahlen für die nächsten 50 Jahre Angst gemacht.«

Und er stellte eine Rechnung an: »Beträgt der Produktivitätsfortschritt in den nächsten 50 Jahren durchschnittlich nur ein Prozent – und das ist eine sehr pessimistische Prognose für unsere Wettbewerbswirtschaft – so würden im Jahr 2060 in jeder Arbeitsstunde zwei Drittel mehr als heute hergestellt.«  Beschäftigte könnten also ihren Anteil für die gesetzliche Rente auf 20 Prozent »verdoppeln und hätte trotzdem noch fast 50 Prozent mehr in der Tasche. Selbst ein absurd hoher Arbeitnehmer-Anteil von 30 Prozent für die Rente ließe ihm noch 28 Prozent mehr in seiner Tasche. Dazu käme dann noch der Arbeitgeberanteil, so dass die prognostizierte höhere Rentnerzahl sogar noch gut am Fortschritt teilnehmen könnte.«

Bleibt die Frage, warum spielt das nie eine Rolle. Bosbachs Antwort: Seine Rechnung setzt vor, dass der Produktivitätsfortschritt anteilig auch an die Arbeitenden ausbezahlt wird. Nur so könnte das Geld auch bei den Sozialversicherungen landen. Aber, und das sei der Knackpunkt. »Eine Teilnahme der Löhne am Produktivitätsfortschritt wird bewusst nicht mitgedacht.« Stattdessen wird über die Verlängerung der Lebensarbeitszeit gesprochen. Und führende Ökonomen werden ins Feld geführt. Dabei könnten ja auch einmal andere Experten die Führung in so einer Debatte übernehmen.

Die FAZ übrigens spricht auch von »Denkverboten«, meint aber das angebliche Tabu, über die Rente mit 70 zu sprechen. Dass die Wahlkämpfer das Eisen lieber im Feuer lassen, ist klar. Abgesehen davon, dass die schrittweise Anhebung auf eine Rente mit 67 erst im Jahr 2031 erreicht wird – bis dahin wird man daran nicht schrauben. Eine neue Rentenkommission ist aber schon in Sicht, es geht darum, Pflöcke in die Debattenlandschaft einzuschlagen.

Geschrieben von:

OXI Redaktion