Wirtschaft
anders denken.

Gefährliche Muslime und verschlagene Organsammler: In der Buchbranche geht die Angst um

24.08.2018
OXI

Manchmal wünscht man sich, mehr Leute im Buchhandel versuchten, im Gegensatz zu Thilo Sarrazin, wieder symbolisches Kapital mit Literatur und Aufklärung zu erwirtschaften. Vielleicht wären dann auch wieder mehr Leserinnen und Leser vom Buch zu überzeugen. Ein Beitrag aus dem OXI-Schwerpunkt der gedruckten August-Ausgabe.

Im Literaturbetrieb geht nun neuerdings die Angst um. Die nackte Existenzangst. Doch sind es nicht etwa »das E-Book« und die Idee vom Open Access, also dem freien Zugang zu wissenschaftlichen Texten, die den Buchhändlern und Verlegerinnen schlaflose Nächte bereiten, auch ist es diesmal kein amerikanischer Internetriese, der der Branche einen immensen Schaden zufügt. Nein, es sind die Leserinnen und Leser selbst.

Denn eine neue Studie des Börsenvereins, die das Nürnberger Marktforschungsinstitut GfK vor wenigen Wochen erhob, zeigte, dass immer weniger Menschen Bücher lesen. Das »Börsenblatt« des deutschen Buchhandels schrieb: »Von 2012 bis 2016 gingen dem Buchhandel laut GfK 6,1 Millionen Buchkäufer verloren. Die Käuferreichweite – der Anteil der Bevölkerung, der Bücher kauft – sank von 54,5 Prozent im Jahr 2012 auf 45,6 Prozent im Jahr 2016, also um knapp neun Prozentpunkte. Die Zahlen für das erste Halbjahr 2017 zeigen, dass sich der Trend fortsetzt: In den ersten sechs Monaten gingen weitere 600.000 Käufer verloren.«

Die Studie wartete nach dem Branchenblatt sogar mit einem Horrorszenario für die Branche auf: »Massiv eingebrochen ist die Käuferzahl im Jahr 2016: Dort wurden nur noch 30,8 Millionen Käufer errechnet, sieben Prozent beziehungsweise 2,3 Millionen Käufer weniger als noch 2015. Die absolute Zahl an Buchabwanderern ist sogar noch deutlich höher: 8,9 Millionen Kunden, die 2014 und 2015 noch mindestens ein Buch gekauft hatten, kauften 2016 keines. Darunter waren rund 800.000, die vor 2016 noch fünf und mehr Bücher gekauft hatten.«

Ein herber Schlag für die Branche

6,1 Millionen Kundinnen und Kunden weniger. Ein herber Schlag für die Branche, die nach einer Boomphase nach dem Mauerfall eh ständig von Krisen und Krisenängsten geschüttelt wird. In den Feuilletons war nach der Veröffentlichung der GfK-Studie zu lesen, dass das Buch nun kein »Leitmedium« mehr sei, andere schrieben bereits Nekrologe auf das Lesen von Büchern.

Selbst wenn man die Zahlen nüchtern betrachtet, muss man konstatieren, dass es nicht besser geworden ist – obschon sich die Umsätze sogar halbwegs gehalten haben, jene, die weiterhin Bücher kaufen, kaufen also offenkundig mehr, denn die Buchpreise sind in den vergangenen Jahren nur leicht angestiegen. Noch immer gelten die Preisgrenzen von 10 bis 15 Euro für Taschenbücher, und 15 bis 25 Euro für populäre belletristische Titel, die zu überschreiten sich nur wenige trauen.

Zudem sehen viele Buchmenschen die Bibliodiversität in Gefahr – jenes Ausgleichsverhältnis in der Bücherwelt, das, orientiert am Ökosystem (und der dort zu schützenden Biodiversität), dafür sorgt, dass auch kleine Formen wie das Gedicht, sogenannte kleine Sprachen wie etwa das Georgische oder auch Texte von Minderheiten veröffentlicht und sichtbar gemacht werden. Durch die Konzernbildung im Verlags- wie im Buchhandelswesen hat es hier einige Verwerfungen gegeben, so dass Dramenbände oder schwule Literatur oft nicht mehr in den Buchhandlungen zu finden sind. Dies nicht etwa aus ästhetischen oder politischen Erwägungen, sondern allein, weil der Umsatz – oder, genauer, die Umsatzerwartung – darüber bestimmt, was manche Buchhandlung anbietet.

Viele Branchenkennerinnen und -kenner hatten die Zahlen der GfK-Studie schon vorausgeahnt, denn die Berichte über sinkende Umsätze, Menschen, die in den Buchhandlungen nicht mehr stöbern und selbstverständlich die obligatorischen Klagen über die nichtlesende Jugend hatten sich in den vergangenen fünf Jahren zu einem lauten Chor vereint, der nicht mehr zu überhören war.

Monströse Missetäter, martialische Massenmörder

Dabei sieht es, wenn man etwa die Buchmessen betrachtet, zunächst doch ganz gut aus. Nahezu jedes Jahr können die Buchmessen einen neuen Besucherrekord vermelden, und wenn ein literarischer Superstar wie Sebastian Fitzek (anders als als Superstar wird man ihn wohl kaum noch bezeichnen können) zur Signierstunde einlädt, dann kann die Schlange der Wartenden schon mal eine halbe Messehalle ausfüllen. Der Thrillerautor ist mit den enormen Umsätzen, die seine Bücher erwirken, ein Liebling der Buchbranche.

Fitzek ist beliebt, da er, obschon sich seine Bücher millionenfach verkaufen, nicht unnahbar ist, im Gegenteil, er wirkt äußerst sympathisch, besucht gern kleine Buchhandlungen und geht auf die Fragen seiner Fans ein. Anders als die treibenden Figuren seiner Romane. Die Romane behandeln oft die Taten von Psychopathen, die »Seelen brechen« oder in Serie labile Frauen überfallen, Täter aus der Nachbarschaft.

Fitzek ist ein klassischer Spannungsautor, dessen Werke sich allerdings von den Romanen besserer Thrillerautoren dadurch unterscheiden, dass die Plots sehr konstruiert sind, den Autor die sozialen Umstände seiner Figuren offenkundig recht wenig interessieren. Anders als in den Romanen etwa von Stephen King dienen Fitzek die Orte, Wohnungen und Arbeitsplätze nur als Kulisse für seine nicht selten sehr gewalttätigen Verwicklungen. Eine Poetik im Sinne Dietmar Daths, in der sich im Drastischen auch immer die Gegebenheiten und Ängste der Menschen spiegeln, ist bei dieser Art von Thrillern nicht gegeben.

Dennoch beherrschen vor allem solche Bücher den Krimimarkt in den deutschsprachigen Ländern. Monströse Missetäter, die als Serienvergewaltiger durch die Städte ziehen, oder martialische Massenmörder, die die Organe ihrer Opfer sammeln, scheinen auf dem Buchmarkt mehr Grusel zu erzeugen als all die feinsinnigen Familien- oder Gesellschaftsanalysen, die ein Kommissar Maigret oder eine Miss Marple zur Lösung eines Falles erst einmal vornehmen muss – und in denen sich auch ein Gutteil der Wirklichkeit wiederfindet, in der sich die Leserinnen und Leser befinden. So wie es in den Thrillern Stephen Kings auch oft darum geht, die Verderbtheit jenes egoistischen Redneck-Milieus zu zeigen, das lieber das Verderben wählt, als auch nur einen einzigen Selbstzweifel zuzulassen.

Funktion: die Bestätigung bestehender Ansichten

Die die Thrillermode flankierenden Regionalkrimis haben, zugespitzt gesagt, die Funktion, den lesenden Köpenicker oder die lesende Westfälin in ihren bisherigen Ansichten zu bestätigen, indem das angsteinflößende Befremdliche in Form von unerwarteten Irrsinnsanfällen oder eben in der Person eines Ortsfremden mordend in die Idylle einbricht, sie zerstört und damit erst als solche sichtbar macht. Es ist jene Idylle, in die sich jener Köpenicker oder jene Westfälin gern hineinträumt oder in der sie sich wähnen, um der Widersprüchlichkeit ihres alltäglichen Lebens entfliehen zu können.

Selbstverständlich haben auch Liebesromane Konjunktur, immer häufiger greifen deren Autorinnen und Autoren allerdings ein vorgefertigtes Thema auf, das auch ARD und ZDF für ihre Fernsehfilmproduktionen erschlossen haben – eine vom Leben in der Stadt allzu gestresste und verängstigte, von ihrem Mann betrogene, nun alleinerziehende Mutter oder aber eine angstgestörte junge Frau kommt neu in ein Dorf oder kehrt zu ihren Eltern zurück, trifft auf ihre erste große Liebe oder erlebt das Glück der Birnenernte, lernt die deutsche Landschaft und das schrullig-archaische Landleben schätzen, von dem sie zunächst abgestoßen war, und ist seelisch kuriert, am Ende läuten Hochzeitsglocken oder es wird ein Biohofladen eröffnet. Von den Heimatromanen der fünfziger Jahre unterscheiden sich diese Bücher nur insofern, als dass Frauen nun selbstverständlich Hosen tragen dürfen, manchmal sogar außerhalb der Küche Rechte und eine Meinung haben und vorehelicher Sex geradezu obligatorisch ist.

Eine Kritik der Provinz oder der Stadt findet man in solchen Romanen selten, hier dient das soziale Umfeld, sofern es überhaupt mit mehreren Sätzen beschrieben wird, lediglich als Kulisse für einen zuverlässig vorhersagbaren Plot. Angst und Angstzustände im Arbeits-, Ehe- und Elternleben braucht es hier nur, um am Ende eine Art Heilung behaupten zu können. »Schön geschrieben« allerdings müssen diese neuen Heimatromane heutzutage sein, einige als Reflektionen auftretende Gemeinplätze und ein paar nicht ganz so ausgelutschte Metaphern lassen sich in diesen Büchern daher immer finden.

Freiwillig entintellektualisiert

Oft werden Maxdome- und Netflix-Serien – neben einer zunehmend eingeschränkten Aufmerksamkeitsspanne von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten – als eine der größten Bedrohungen des Buchhandels angesehen. 

Angesichts dessen ist es verwunderlich, dass ausgerechnet in jenen Netflix-Serien, die besonders beliebt beim Publikum sind, sehr wohl immer auch gesellschaftliche Fragen behandelt werden, und dies nicht selten auf einem recht hohen Reflexionsniveau. Oder aber es wird die Vielheit der menschlichen Gesellschaft unaufdringlich, jedoch nachdrücklich vorgeführt, indem es in Krimis und Liebesfilmen, in Scifi- und Comedyserien ganz selbstverständlich starke Frauen, Schwule und Lesben, People of Colour und Gehandicapte gibt, ohne dass deswegen minderheitenpolitische Fragen besondere Erwähnung finden.

In den Thrillern und Schmonzetten deutscher Bestsellerverlage sieht das bislang anders aus. Könnte die zunehmende Leseunwilligkeit also vielleicht daraus resultieren, dass sich ein Gutteil der sogenannten gehobenen Unterhaltungsliteratur selbst so sehr freiwillig entintellektualisiert hat, dass die Bücher den Leserinnen und Leser schlicht zu einfach, zu langweilig, zu ähnlich gestrickt oder sogar zu unwirklich erscheinen? 

Sind es also trotz des Verschwindens der Leserinnen und Leser und angesichts der Gefährdung der Bibliodiversität vielleicht einfach die falschen Probleme, Gelüste oder Ängste, die in den aktuellen Verlagsprogrammen behandelt werden? Kann es sein, dass die Mehrzahl der Bücher, die jetzt in die Buchhandlungen gedrückt werden, viele Leserinnen und Leser nicht mehr interessiert? Dass die Bücher »zu weit weg« sind vom Alltag der Menschen?

Der ziemlich verblüffende Erfolg des Buches »Rückkehr nach Reims« von Didier Eribon im deutschsprachigen Raum könnte davon zeugen, dass dem so ist. Und die Art und Weise, wie nun einerseits Eribon als Erklärer für fast alle politischen Phänomene in Europa herhalten muss, und die enorme Anstrengung, mit der nun andererseits einige Lektorate »realistische«, autobiografisch gefärbte und erzählende Texte suchen, die als Milieustudien herhalten können, die allerdings nicht zu analytisch sein dürfen, zeigen wohl auch, was schiefläuft in der Buchbranche. 

Verarschen können sich die Leute auch selbst

Wenn ein Buch zugleich nicht mehr mit seinem Thema und dessen Bearbeitung beworben wird, sondern mit dem Wort »Umsatzgarant« oder mit dem Claim »Ein Buch für alle Leute, die gern ins Kino gehen« – dann hat die Marketingabteilung des Verlages das Buch als Leitmedium schon selbst aufgegeben. Um es derber zu sagen: Verarschen können sich die Leute auch selbst, dafür müssen sie nicht in den Buchladen.

Aber es gibt Hoffnung. Es gibt neuerdings wieder einige »sozial-realistische Romane«, wie es der Literaturwissenschaftler Enno Stahl nennt, literarische Texte also, in denen Milieus durchdacht werden (selbst wenn es im Vordergrund um ein Ehedrama geht), es gibt sogar junge Literatur, die sich in die Tradition der kritischen Heimatromane stellt, etwa Marie Gamillschegs Debütroman »Alles was glänzt«, in dem bei aller Melancholie, aller Schönheit der Sprache und aller klassischen Metaphorik die gesellschaftlichen Verhältnisse im Fokus der Autorin bleiben.

Und es gibt leider auch Hoffnung für all jene, denen die Ware Buch wichtiger ist als das Kulturgut, und die ihre Erfüllung im Kassensturz finden: Thilo Sarrazin wird 2018 einen neuen Bestseller publiziert haben. Dank eines Gerichtstermins mit seinem bisherigen Verlag, der Deutschen Verlagsanstalt (zum Random-House-Konzern gehörig), der sehr geschickt an die Medien durchgestochen wurde, ist das Buch »Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht« schon einen Monat vor seiner Auslieferung ein »Umsatzgarant«. Die Käuferinnen und Käufer stimmen dem Autor dabei vielleicht nicht einmal zu – ein Thema, an dem sie sich reiben können, ist schon ein hinreichender Kaufanreiz.

Wenn Gewinnerwartung Einwände beiseite schiebt

Der neue Publikationsort Sarrazins, der FinanzBuch Verlag (zum Bonnier-Konzern gehörig), bringt das Buch, obschon Bedenken aufkamen. »Man habe es sich gut überlegt, aber zu einer freiheitlichen Demokratie gehöre es, dass alle Meinungen vertreten sein dürfen, solange sie nicht gegen rechtliche Vorschriften verstoßen«, so zitiert das »Börsenblatt« den FinanzBuch-Pressesprecher. Die Gewinnerwartung wird dem Verlag vermutlich dabei geholfen haben, alle Einwände gegen den Text beiseitezuschieben.

»Geld hat symbolische Bedeutung, Herr Vorsitzender.« Dies soll Thilo Sarrazin laut »Süddeutscher Zeitung« am ersten Prozesstag mit erhobenem Zeigefinger gesagt haben. Er wollte damit wohl betonen, dass ein hohes Schmerzensgeld, das Random House zu bezahlen hätte, ihm – auch für seine PR-Kampagne – sehr dienlich sein könnte. 

Manchmal wünscht man sich, mehr Leute im Buchhandel versuchten, im Gegensatz zu Thilo Sarrazin, wieder symbolisches Kapital mit Literatur und Aufklärung zu erwirtschaften. Vielleicht wären dann auch wieder mehr Leserinnen und Leser vom Buch zu überzeugen.

Jörg Sundermeier betreibt mit Kristine Listau den Verbrecher Verlag und ist Autor für diverse Zeitungen und Magazine. Seit 2015 sitzt er im Vorstand der Kurt-Wolff-Stiftung und seit 2014 ist er Mitglied im Vorstand des Börsenvereins, Landesverband Berlin Brandenburg.

Geschrieben von:

Jörg Sundermeier