Wirtschaft
anders denken.

Gegen die Verschwendung weiblicher Talente

17.10.2017
Bild: wikimedia commons

Harriet Taylor Mill war eine der radikalsten feministisch-politischen Denkerinnen und Vorkämpferinnen des 19. Jahrhunderts. Gemeinsam mit John Stuart Mill entwickelte sie ein philosophisches Gemeinschaftswerk und scherte sich trotz wirtschaftlicher Abhängigkeiten wenig um die Konventionen der besseren britischen Gesellschaft.

Otto Hahn oder Bertolt Brecht – manch bekannter Wissenschaftler oder Schriftsteller verdankte seinen Ruhm zu einem erheblichen Teil der engen Zusammenarbeit mit Frauen und verleugnete deren Beitrag später. John Stuart Mill, der als Klassiker der Sozialphilosophie und der politischen Ökonomie gilt, gehörte nicht dazu. Im Gegenteil.

Wiederholt betonte er, wie entscheidend die Begegnung mit Harriet Taylor für sein gesamtes Werk war. So schrieb er in seiner Autobiografie: »Wenn zwei Personen in ihrer Denkweise und in ihren Spekulationen vollkommen übereinstimmen […] – wenn sie von denselben Prinzipien ausgehen und durch gemeinsam verfolgte Prozesse zu ihren Schlüssen gelangen, so ist es hinsichtlich der Originalitätsfrage von geringem Belang, wer von ihnen die Feder führt.« Und: »Abgesehen von dem mächtigen Einfluß ihres Geistes auf den meinigen, gingen die werthvollsten Ideen und Züge in unseren vereinten Produktionen […] von ihr aus.«

Harriet Hardy heiratete mit 18 Jahren John Taylor, einen Kaufmann, dessen Horizont sie als einengend und öde empfand. In einem Gesprächs- und Debattierzirkel von Freunden traf sie 1830 auf John Stuart Mill, der bereits eine Karriere als intellektuelles Wunderkind hinter sich hatte. Während John Taylor seinen Klub besuchte, entwickelten Harriet Taylor und John Stuart Mill bald gemeinsame Interessen, aus denen die Schrift »On Marriage and Divorce« (1832, dt. »Über Ehe und Scheidung«) hervorging – ein Thema, an dem ihnen vermutlich nicht nur wegen der gesellschaftspolitischen Relevanz lag. Harriet Taylor warf die Frage auf, woher es kam, dass Frauen arrangierte Ehen und deren oft trostlose Folgen mittrugen. Ihrer Ansicht nach war vor allem der Mangel an Bildung verantwortlich: »Im gegenwärtigen System von Gewohnheiten und Meinungen treten die Mädchen ahnungslos über seine Bedingungen in das ein, was man einen Vertrag nennt, und dass sie so sind, wird als absolut wesentlich für ihre Eignung angesehen.«

Die Themen, mit denen sich die Mills – sie heirateten 1851 – befassten, waren breit gefächert. In »On Liberty« (1859, dt. »Über die Freiheit«) behandelten sie Fragen der Meinungsfreiheit, der Individualität (wobei sie sich für die Anerkennung verschiedenster Lebensweisen aussprachen) sowie der staatlichen Regulierung von Privatangelegen­heiten (deren Notwendigkeit sie nur in einigen wenigen Fällen als gegeben ansahen). Eine weitere zentrale Thematik stellte die Situation der Frauen in England dar und hier wurden die Grenzen herkömmlichen Denkens noch sehr viel radikaler überschritten. Bereits vor ihrer Heirat hatte Harriet Taylor den Essay »The Enfranchisement of Women« (1851, dt. »Das Stimmrecht der Frauen«) verfasst. Darin hielt sie ein flammendes Plädoyer für die Gleichberechtigung in allen Bereichen des Lebens: bei Wahlen, beim Zugang zu öffentlichen Ämtern und bei der Erwerbstätigkeit. Vorbild war die damalige US-amerikanische Frauenrechtsbewegung, als Bewegung nicht nur »für, sondern auch von Frauen«.

Diese Überlegungen wurden ausführlicher in der späteren Schrift »The Subjection of Women« (1869) aufgegriffen, an der neben den Mills auch Harriet Taylors Tochter Helen beteiligt war. »Die Hörigkeit der Frau«, so der deutsche Titel, wurde als Ergebnis der Macht von Vorurteilen und sozialen Institutionen gesehen, wie sie etwa im englischen Eherecht verkörpert waren, wonach sämtliches Eigentum einer Frau bei ihrer Heirat auf den Ehemann überging. Derartige Verhältnisse seien ein grundsätzliches Hindernis für die Entstehung und Entfaltung aufrichtiger Gefühle zwischen Eheleuten. Insofern sei die »Gleichheit der Eheleute vor dem Gesetz« sowohl eine Forderung der Gerechtigkeit, wie sie auch »eine Quelle wahren Glücks für beide Teile« bilden könne.

Gefordert wurde zudem der uneingeschränkte Zugang von Frauen zu allen Erwerbsbereichen und Ämtern, ein Zustand der als Unrecht und Unbilligkeit bezeichnet wurde. Es sei moralisch und politisch empörend, dass der Hälfte der Menschheit qua Geschlecht die Fähigkeiten abgesprochen würden, »Beschäftigungen, welche gesetzlich dem einfältigsten, untergeordnetsten Geschöpfe männlichen Geschlechts offenstehen« auszuüben. Auch ökonomisch sei diese Verschwendung an Talenten zu kritisieren. Den Ausschluss der Frauen aus Ökonomie und Politik führten sie darauf zurück, dass »das männliche Geschlecht in seiner großen Mehrzahl nun einmal den Gedanken nicht ertragen kann, an der Seite eines gleichstehenden Wesens zu leben«.

Das für ÖkonomInnen interessanteste Werk der Mills ist zweifellos »Principles of Political Economy« (dt. »Grundsätze der politischen Ökonomie«), das erstmals 1848 erschien, später zahlreiche Neuauflagen erlebte, mehr als 1.000 Seiten umfasste und für Generationen von (damals ausschließlich männlichen) Studenten als Standardwerk galt. Es skizzierte Umrisse eines Reformprogramms, das, wie John Stuart Mill mehrfach betonte, im Wesentlichen auf Harriet zurückging. Sie forderte eine radikale Veränderung des Erbschaftsrechtes, außerdem setzte sie auf die Schaffung von Produktions-, Konsum- und Kreditgenossenschaften, die dem liberalen Credo der Mills entsprachen, darauf, dass eine Besserung der Lage der »arbeitenden Klassen« durch Selbsthilfe erfolgen sollte und nicht durch paternalistische bürgerliche Wohltätigkeit.

Die Gleichstellung von Männern und Frauen sei dabei ein zentrales Moment: »Diese Vorteile würden bestehen in einer Vermehrung der Hauptsumme an Denk- und Arbeitskraft und in einer großen Verbesserung der allgemeinen Bedingungen der Verbindung zwischen Männern und Frauen. Es würde jedoch eine klägliche Darstellung der Sache sein, wollten wir den direktesten Vorteil mit Stillschweigen übergehen, nämlich den unaussprechlichen Gewinn an besonderer Glückseligkeit für die befreite Hälfte der Menschheit, den Unterschied für sie zwischen einem Leben der Unterjochung unter den Willen anderer und einem Leben vernünftiger Freiheit.« Während manche dieser Überlegungen und Forderungen sich auf den gesellschaftlichen Kontext Englands und des 19. Jahrhunderts beziehen, ist Vieles angesichts anhaltender Erfahrungen von Ungleichheit und Diskriminierung auch nach mehr als 150 Jahren aktueller denn je.

Leben und Werk

Harriet Hardy wurde 1807 als Tochter eines Chirurgen in London geboren, erhielt eine gute Allgemeinbildung und heiratete 1825 auf Wunsch ihres Vaters John Taylor, der als Kaufmann im Großhandel von pharmazeutischen Produkten tätig war. Sie bekam zwei Söhne von ihm, Herbert und Algemon. 1830 lernte sie im Freundeskreis John Stuart Mill kennen, später auch lieben. 1831 wurde das dritte Kind von Harriet und John Taylor geboren, die Tochter Helen.

Mit John Stuart Mill pflegte sie fortan einen intensiven Gedankenaustausch. Welcher Art ihre Beziehung in den folgenden Jahren war, darüber wurde damals und wird heute immer noch gerätselt. Gegenüber John Taylor wie gegenüber der sonstigen »besseren Gesellschaft« verfolgten sie eine Art von Doppelstrategie: ihre enge Verbindung unbeirrt fortzuführen und gleichzeitig aller Welt kundzutun, dass dies in keiner Weise einen Ehebruch darstellte. John Taylor willigte schließlich darin ein, dass Harriet getrennt wohnte, aber als er 1849 an Krebs erkrankte, kehrte sie zu ihm zurück, um ihn zu pflegen. Er starb nach wenigen Monaten, und zwei Jahre später heirateten Harriet Taylor und John Stuart Mill. John Stuart Mill verzichtete dabei ausdrücklich auf alle ehelichen Privilegien.

Ihre intensive Zusammenarbeit mündete in einer Reihe von gemeinsamen Publikationen, die in der Folge (und auch nach Harriets Tod) allesamt unter dem Namen von John Stuart Mill erschienen. Dies entsprach keineswegs seinen Wünschen, sondern ging auf Marktüberlegungen der Verleger zurück. Solange sie mit John Taylor verheiratet war, verwahrte auch er sich dagegen, ihren Namen zusammen mit demjenigen von John Stuart Mill angeführt zu sehen. 1848 wurde »Principles of Political Economy« (»Grundsätze der politischen Ökonomie«) daher lediglich unter dem Namen von John Stuart Mill veröffentlicht.

1851 erschien »The Enfranchisement of Women« (»Das Stimmrecht der Frauen«). Nach ihrer Hochzeit im selben Jahr lebten Harriet Taylor und John Stuart Mill zunächst in London, später in Avignon. Beide litten an schweren Lungenerkrankungen und hofften, dass ihnen das Klima im Süden gesundheitliche Besserung bringen würde. Das war bei John Stuart Mill auch der Fall, während Harriet Taylor Mill 1858 starb. 1859 erschien »On Liberty« (»Über die Freiheit«), 1869 »The Subjection of Women« (»Die Hörigkeit der Frau«). John Stuart Mill ging für drei Jahre als Abgeordneter ins britische Unterhaus, wo er sich u.a. für Frauen- und Kinderrechte einsetzte. Er lebte danach bis zu seinem Tod 1873 weiter in Avignon – in einem Haus, von dem aus er einen Blick auf den Friedhof hatte, auf dem seine Frau begraben war.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Mai2017-Ausgabe von OXI.

Geschrieben von:

Friederike Maier und Dorothea Schmidt

Gründerinnen des Harriet Taylor Mill Instituts