Wirtschaft
anders denken.

Geglückte Kampagnen, fortgesetzte Kriminalisierung 

26.10.2018
www.farmworkersforum.orgBeim ersten Farm Workers Forum

Wie lässt sich die kollektive Handlungsmacht in der Landwirtschaft stärken? Was sind die Erfahrungen aus den Kämpfen um die Lebensbedingungen von LandarbeiterInnen? Ein kurzer Bericht vom ersten internationalen »Farm Workers Forum« im südafrikanischen Stellenbosch. 

In den meisten Teilen der Welt ist Landwirtschaft bis heute ein arbeitsintensiver Sektor. Obwohl sich die Zahl der Beschäftigten seit Mitte der Neunziger Jahre um beinahe ein Viertel verringerte, rechnete die Internationale Arbeitsorganisation ILO für das Jahr 2014 mit einem Anteil von 31 Prozent noch immer knapp ein Drittel der weltweit lohnarbeitenden Menschen dem Landwirtschaftssektor zu – etwa 400 Millionen. Während ihr Anteil sich für die OECD-Staaten im unteren einstelligen Bereich bewegt, arbeitet im bevölkerungsreichen südlichen Asien beinahe jede und jeder Zweite in der Lebensmittelproduktion, in Subsahara-Afrika sogar beinahe zwei Drittel. 

Abhängig Beschäftigte in der Landwirtschaft gehören überall auf der Welt zu den am härtesten arbeitenden und gleichzeitig am schlechtesten entlohnten. Häufig sind sie von grundlegenden Rechten ausgeschlossen und fristen ihr Dasein unter härtesten Bedingungen. Von den jährlich 170.000 tödlichen Arbeitsunfällen sind 40.000 allein auf mangelnden Arbeitsschutz im Umgang mit Pestiziden zurückzuführen. Ein Großteil der weltweit existierenden Zwangsarbeit findet im Nahrungsmittelsektor statt, mit geschätzten 100 Millionen entfallen zudem annähernd drei Viertel der Kinderarbeit auf diesen Bereich. 

Miese Bezahlung, schlechte Behandlung und Rechtlosigkeit haben dabei System. In der industriellen Agrarproduktion herrscht ein harter Preiskampf, der von den beteiligten Unternehmen entlang der gesamten Lieferkette, vom Acker bis zum Supermarktregal, auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird. 

Unsicher und unsichtbar

Am härtesten trifft es dabei die Beschäftigen am Anfang dieser Kette, jene, die den Boden bearbeiten, die anbauen und ernten. Sie können sich in Ermangelung von Alternativen am wenigsten wehren, viele von ihnen sind Migrantinnen und Migranten, ihre Situation bleibt unsicher und unsichtbar. Auch in Deutschland spielen jene, die auf der ganzen Welt dafür sorgen, dass die meisten hierzulande von recht vollen Tellern essen können und dafür nur einen geringen Teil ihres Einkommens aufbringen müssen, im öffentlichen Bewusstsein kein Rolle. Die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern des globalen Südens schaffen es hin und wieder noch in einen Demonstrationsaufruf oder kritischen Dokumentarfilm, mit der abhängigen Arbeit auf den Plantagen sieht es zumeist noch schlechter aus.

Trotz und wegen der schlechten Ausgangsbedingungen gibt es Widerstand und eine lange Geschichte von Kämpfen gegen diese Verhältnisse. Anfang Oktober fand im südafrikanischen Stellenbosch das erste internationale »Farm Workers Forum« statt, das diese Auseinandersetzungen zum Ausgangspunkt machte. Im Zentrum des Kooperationsprojekts der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit der IUF, dem Weltdachverband der Lebensmittelarbeiter_innen, dem in Deutschland die NGG und die IG BAU angehören, standen der Erfahrungsaustausch rund um Fragen der Organisierung und die Verständigung zu Strategien für eine langfristige Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen von Landarbeiterinnen und -Arbeitern und ihren Familien.

Unterschiedliche Lageberichte

Manche der Teilnehmenden, die meisten von ihnen Vertreterinnen und Vertreter von Gewerkschaften und Basisbewegungen, standen seit frühen Kindestagen auf den Feldern. So unterschiedlich wie die Hintergründe der Anwesenden aus mehr als 30 Ländern, so verschieden fielen auch die Lageberichte aus: Während einige auf geglückte Kampagnen und Verhandlungserfolge gegenüber den Arbeitgebern verweisen konnten, gab es auch Berichte von systematischer Kriminalisierung und der Verfolgung von Aktivistinnen und Aktivisten. 

Als geteilte Erfahrung erwiesen sich erwartungsgemäß Schwierigkeiten, in ländlichen Räumen und Agrarbetrieben Organisierung zu anzustoßen und aufrechtzuerhalten. So steht es um die kollektive Handlungsmacht im Landwirtschaftssektor ungleich schwieriger als in der Industrieproduktion, weltweit ist nur ein kleiner Teil der Arbeiterinnen und Arbeiter Mitglied einer Gewerkschaft, nur etwa fünf Prozent haben Zugang zu Aufsichts- und Beschwerdesystemen.

Kampfruf der Anti-Apartheidsbewegung

Eine wichtige Rolle in den Debatten nahm die Situation in Südafrika ein, das durch mehrere Organisationen vertreten war. Nicht zuletzt mit dem Boykott von Agrarprodukten hatte die internationale Solidaritätsbewegung immer wieder Druck auf die Apartheidsregierung ausgeübt – ein Mittel, das einige zur Durchsetzung besserer Arbeitsbedingungen auch heute wieder ins Spiel brachten. 

Amandla awethi (Die Macht dem Volk), ein Kampfruf der Anti-Apartheidsbewegung, eröffnete zugespitzte Redebeiträge, die für die Arbeiterinnen und Arbeiter auf den noch immer überwiegend von Weißen geführten Farmen des Landes von 25 verlorenen Jahren sprachen. Seit der Wahl von Nelson Mandela zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes habe sich zwar vieles zum Guten geändert, die Arbeitsverhältnisse im Agrarsektor seien aber noch immer unerträglich. 

Vor-Ort-Besuche auf mehreren Farmen der östlichen Kapregion bestätigten diesen Eindruck: Arbeiterinnen und Arbeiter berichteten eindrücklich, wie der gesetzliche Mindestlohn von umgerechnet etwas mehr als einem Euro oft noch unterboten wird, dass es in ihren Siedlungen zwischen den Feldern Probleme mit dem Zugang zu sauberem Wasser, medizinischer Versorgung und schulischer Bildung gibt und vermeintliche Wortführer gezielt unter Druck gesetzt werden. 

In den vergangenen Jahrzehnten wurden allein in Südafrika mehr als zwei Millionen Menschen von Farmen vertrieben, auf denen sie zuvor gelebt und gearbeitet hatten. Die Frage der Landverteilung spielt auch für die Gewerkschaften aus anderen Teilen der Welt eine immer größere Rolle. Bodenspekulation, Landgrabbing und die wachsende Konzentration der Verfügungsgewalt über landwirtschaftlich nutzbare Flächen werden als wachsende Gefahr wahrgenommen. 

In seiner Abschlussdeklaration begrüßte das Forum die Resolution für eine UN-Erklärung für die »Rechte von Kleinbauern und anderen Menschen, die in ländlichen Räumen arbeiten«, die der UN-Menschenrechtsrat Ende September in Genf verabschiedete. Wird sie nun auch durch die UN-Vollversammlung angenommen, wären erstmalig Rechte geregelt, die Verhandlungsposition gestärkt. Deutschland enthielt sich bei der Abstimmung. Im Sinne der auf hiesigen Feldern Beschäftigten war das nicht.

Steffen Kühne ist Referent für Sozialökologischen Umbau und Vizedirektor der Akademie für Politische Bildung der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Mehr zum Thema Ernährungssouveränität findet sich in der ersten Ausgabe der »maldekstra«, die von der common Verlagsgenossenschaft produziert wurde.

Geschrieben von:

Steffen Kühne