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Frauen sind wie Männer, nur billiger

Sozialwissenschaftlerin Dr. Alexandra Scheele im Gespräch über die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern, die Aufgabe von Gewerkschaften und die Anerkennung von Arbeit.

20.03.2016
Dr. Alexandra Scheele ist Vertretungsprofessorin für Sozialwissenschaften an der Universität Bielefeld. Sie ist außerdem akademische Mitarbeiterin am Lehrstuhl Wirtschafts- und Industriesoziologie an der BTU Cottbus-Senftenberg. Seit 2012 ist sie als Expertin für das European Network of Experts on Gender Equality (ENEGE) der Europäischen Kommission tätig. Sie ist außerdem Redakteurin der Femina Politica.

Frauen verdienen im Durchschnitt 22 Prozent weniger als Männer. Warum?

Scheele: Die Gründe dafür sind vielfältig: Eine zentrale Rolle spielt die Geschlechtersegregation von Berufen, also die ungleiche Verteilung von Frauen und Männern in den Wirtschaftsbereichen und den einzelnen Berufsfeldern. Dies ist die horizontale Geschlechtersegregation. Frauen üben aber nicht nur mehrheitlich andere Berufe aus als Männer, sondern sind auch häufig innerhalb eines Berufes in anderen Hierarchiestufen tätig. Überspitzt gesagt: Die meisten Frauen arbeiten unten in der Hierarchie, und die meisten Beschäftigten, die »oben« arbeiten, sind männlich. Darüber hinaus arbeiten viele Frauen Teilzeit – und zwar häufig aus familiären Gründen. Auch berufsbiografisch weisen viele Erwerbsverläufe von Frauen Unterbrechungen auf, die sich negativ auf das Einkommen auswirken.

Verteilt sich der Gender Pay Gap gleich über die gesamte Wirtschaft?

Dem statistischen Bundesamt zufolge gibt es keinen Wirtschaftszweig, in dem Frauen mehr verdienen als Männer. Am geringsten ausgeprägt ist das Gender Pay Gap in den Wirtschaftszweigen der Wasserversorgung und Abwasser- und Abfallentsorgung und im Verkehrsbereich. Im ersten Sektor beträgt der Unterschied nur zwei, im zweiten nur drei Prozent. Allerdings arbeiten in diesen beiden Branchen kaum Frauen. Besonders groß ist die Verdienstlücke in dem Sektor der »Erbringung von freiberuflichen, wissenschaftli­chen und technischen Dienstleistungen« – dort verdienen Frauen im Durchschnitt 33 Prozent weniger als Männer. Und im Bereich der Finanz- und Versicherungsdienstleistungen liegt der Unterschied bei knapp 30 Prozent. Beides sind Bereiche, in denen viele Frauen tätig sind. Im Finanzsektor stellen sie sogar mehr als die Hälfte der Beschäftigten. Zwei weitere Befunde sind noch wichtig: So gibt es einen großen Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland. In Ostdeutschland liegt das Gender Pay Gap bei lediglich acht Prozent, im Westen bei 23 Prozent. Außerdem ist im öffentlichen Dienst der Unterschied zwischen den Verdiensten von Männern und Frauen deutlich niedriger als in der Privatwirtschaft.

Dieser Zustand wird bereits seit vielen Jahren beklagt: ohne Konsequenzen. Warum ändert sich nichts?

Der Grundsatz »Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit« weist bereits auf die Bedeutung des »Wertes« von Arbeit hin. Der Streik der Erzieherinnen (und Erzieher) in den Kitas im letzten Jahr hat gezeigt, dass diese trotz ihrer großen Verantwortung und ihres bedeutenden gesellschaftlichen Auftrags relativ wenig verdienen. Um das zu ändern, bräuchten wir eine gesellschaftliche Debatte darüber, warum die Arbeit mit Menschen – das gilt beispielsweise ja auch für die Alten- und Krankenpflege – in der Regel schlechter bezahlt wird, als die Arbeit mit Computern und Maschinen. Ich denke, eine solche Debatte führte dazu, dass die gesamte Verdienst-Struktur grundsätzlich in Frage gestellt werden müsste. Da würde es dann vermutlich nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer geben. Wer sollte eine solche Diskussion anstoßen wollen? Das ist ein heißes Eisen. Auch das Interesse der Gewerkschaften an einer solchen Debatte ist letztlich gering.

Wir bräuchten eine Debatte, warum die Arbeit mit Menschen schlechter bezahlt wird, als die mit Maschinen.

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Was könnten Gewerkschaften für eine Angleichung der Löhne unternehmen?

Zunächst einmal verdienen Frauen (und Männer) dort mehr, wo es Tarifverträge gibt. Aus Untersuchungen im Finanzsektor wissen wir, dass es insbesondere die sogenannten variablen Entgeltbestandteile sind, die zu der starken Differenz in den Gehältern von Frauen und Männern beitragen. Das sind beispielsweise die berühmten Boni-Zahlungen und umsatzabhängige Erfolgsprämien. Allerdings erzielen die Gewerkschaften in den männerdominierten Branchen noch immer deutlich höhere Lohnabschlüsse als beispielsweise in den von Frauen dominierten Gesundheits- oder Dienstleistungsberufen. Das bedeutet auch, dass sich die Lohnabstände weiter vergrößern. In einem EU-Projekt, an dem ich beteiligt bin, werden gemeinsam mit Gewerkschaften Strategien diskutiert, wie diese Ungleichheiten in Lohn und Gehalt abgebaut werden können. Mein Eindruck ist, dass die Frauenabteilungen der Gewerkschaften bereits einiges tun, um beispielsweise die Pflegeberufe aufzuwerten. Auch bieten sie tarifpolitische Schulungen für Betriebsräte und Vertrauensleute an, um diese für diskriminierende Tatbestände in Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen zu sensibilisieren und Anhaltspunkte zu geben, wie sie darauf wirksam reagieren können. Allerdings sind es eben auch dicke Bretter, die gebohrt werden müssen.

Femina Politica: femina-politica.de

Das Interview führte:

Wolfgang Storz

Kommunikationsberater