Wirtschaft
anders denken.

Gesundheitsversorgung anders denken

27.06.2017
Areal des zukünftigen GesundheitszentrumFoto: Gesundheitskollektiv Berlin e.V.Das Areal der ehemaligen Kindl-Brauerei in Berlin-Neukölln, auf dem das zukünftige Sozial- und Gesundheitszentrum entstehen soll.

Ein Gesundheitsprojekt in Berlin-Neukölln versucht, an demokratische Bewegungen der 1980er-Jahre anzuknüpfen. Das klingt ungewöhnlich, ist aber machbar.

Vor ungefähr einem Jahr war es soweit: Die Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Neukölln, Franziska Giffey, eröffnete zusammen mit der Schweizer Stiftung Edith Maryon die Kindl-Treppe, mit der die acht Meter Höhenunterschied zum Gelände der ehemaligen Kindl-Brauerei überwunden werden können; Rollifahrern steht auch eine Rampe zur Verfügung. Auf diesem Gelände soll es künftig Vorzeigeprojekte im Rahmen der Sozialen Stadt geben. Mieter und Kreativwirtschaft sollen eine Nische finden, die der Immobilienspekulation entzogen ist.

Wenn alles gut geht, wird sich dort spätestens Anfang 2019 auch ein ungewöhnliches Gesundheitsprojekt ansiedeln. Keine herkömmliche Arztpraxis, in der Patienten im Minutentakt abgefertigt werden und das Augenmerk auf deren körperliche Zipperlein liegt. Vielmehr geht es um die »bio-psycho-soziale« Wahrnehmung und Behandlung von Menschen. Gesundheit, sagen Ben Wachtler und Maike Grube vom Gesundheitskollektiv e.V., sei nämlich vom Status eines Menschen abhängig, von seiner Bildung und Arbeit, von seinen Lebensbedingungen. »Soziale Determinanten von Gesundheit«, heißt das im Soziologendeutsch. Alltagstauglich ausgedrückt: Armut macht krank. Und je ärmer jemand ist, desto mehr schließt das Gesundheitssystem ihn aus.

Besonders neu ist diese Erkenntnis nicht, alljährlich wird sie gebetsmühlenartig etwa auf dem Kongress »Armut und Krankheit« wiederholt. Doch in den Niederungen der Gesundheitspraxis ist sie immer noch nicht angekommen. Das will das Kollektiv ändern; es hat sich vor zwei, drei Jahren gefunden.

Ein Gesundheitsprojekt in Berlin knüpft an demokratische Bewegungen der 1980er-Jahre an. Klingt ungewöhnlich, ist aber machbar.

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Das Rollberg-Viertel in Neukölln, ein so genannter Problemkiez, scheint dafür prädestiniert. Knapp 6.000 Menschen aus 30 verschiedenen Ländern leben und arbeiten dort, die Hälfte bezieht Transferleistungen, ein Großteil lebt unter der Armutsgrenze. Wo, wenn nicht hier, wäre eine Gesundheitsversorgung vonnöten, die berät, die präventiv arbeitet, die die Menschen beteiligt und motiviert?

Gesundheitsversorgung für 6.000 Menschen aus 30 Ländern

Inzwischen arbeiten 20 Leute mehr oder weniger fest mit. Die Hälfte der Gruppe besteht aus Ärzten und Ärztinnen, zu denen auch Ben Wachtler gehört; eine Berufsgruppe, die für Maike Grube leider »extrem im Übergewicht« ist. Aber auch Pfleger und Therapeutinnen, Sozialarbeiter und Pädagoginnen, Gesundheits- und sogar eine Kulturwissenschaftlerin gehören dazu. Viele werden angetrieben von ihren negativen Erfahrungen im Gesundheitssystem.

Aus den Arbeitsbedingungen im Krankenhaus hat auch Wachtler die Konsequenz gezogen: »Mir erschien das ganze System sinnlos« – und er begann, sich für die demokratische Gesundheitsbewegung der 1980er-Jahre zu interessieren. Maike Grube, Gesundheitswissenschaftlerin, ist in der medizinischen Flüchtlingshilfe in Berlin aktiv. Sie engagiert sich, dass auch Nichtversicherte ausreichend gesundheitlich versorgt werden und nicht auf die Zufälligkeit ehrenamtlicher Hilfe angewiesen sind.

Ziel des Kollektivs ist es, ein Gesundheitszentrum für diesen Stadtteil zu schaffen: in das die Leute nicht nur zum Arzt gehen, sondern in dem sie auch mit einem Psychotherapeuten reden oder sich von einer Sozialarbeiterin beraten lassen können, das zudem auch Treffpunkt für alle wird. Zunächst ist eine allgemein- und kinderärztliche Grundversorgung geplant, flankiert von Angeboten, die im Kiez bereits bestehen. »Wir haben nicht den Anspruch, alles ganz neu oder selbst zu machen«, sagt Grube, »sondern wir versuchen das, was es gibt, in unsere Arbeit einzubinden.« Die Kontakte sind schon geknüpft.

Nicht nur die Ärzte sind wichtig

Wichtig ist den Initiatoren die präventive Arbeit und die Verbesserung der Lebensbedingungen. Statt sich individuell im Fitnessstudio zu ertüchtigen oder sich in der Einzeltherapie wieder aufrichten zu lassen, wie es in der Mittelschicht verbreitet ist, müssen in sozialen Brennpunkten wie dem Rollbergviertel die Menschen aufgesucht werden: von der Kita bis zum Altenheim, dort, wo sie wohnen und leben. Zum Beispiel mit einem Gesundheitsmobil.

Ein weiteres wichtiges Prinzip der Arbeit: nicht die Ärzte sollen im Mittelpunkt stehen. Den Initiatoren geht es auch darum, Hierarchien abzubauen, die zwischen ÄrztInnen und PflegerInnen etwa, aber auch die zwischen den Professionellen und den PatientInnen. Wie soll das gehen? Zeit ist die Münze, die das Kollektiv dafür bereitstellen will. Aber Zeit kostet Geld. Bislang hat das Projekt von der Robert-Bosch-Stiftung eine Anschubfinanzierung von 50.000 Euro erhalten. Die zweite Förderstufe ist inzwischen erreicht, es können zudem drei Stellen geschaffen werden. »Das Ganze«, darauf beharrt Wachtler, »muss sich am Ende wirtschaftlich tragen.« Das Zentrum wird sich also über die Gesetzliche Krankenversicherung finanzieren müssen, es werden allerdings auch Drittmittel notwendig sein.

Wichtig ist den Initiatoren des Gesundheitszentrums die präventive Arbeit und die Verbesserung der Lebensbedingungen.

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Beteiligung wird im Projekt zwar großgeschrieben, aber sie hat auch Grenzen. Von der frühen Gesundheitsbewegung lernten die Initiatoren: Dass Ärzte mit ihren höheren Einkommen die anderen mit finanzieren, etwa Pfleger oder Therapeutinnen, das funktioniert nicht. »Irgendwann«, so fasst Grube diese Erfahrungen zusammen, »verlassen die Ärzte dann die Praxis. Aber wir wollen etwas schaffen, das nachhaltig ist, auch wenn keiner reich werden will.« Die Praxis könne nur starten, ergänzt Wachtler, wenn die ÄrztInnen, die bei dem Projekt dabei sind, entsprechende Kredite aufnehmen, um die technische Ausstattung zu finanzieren. Und sie tragen dann auch das Risiko. Deshalb halten sie es für realistischer, wenn es keine Einheitslöhne geben wird. Jedoch sollen die Löhne und Honorare für die einzelnen Berufsgruppen ausgeglichener sein als es normalerweise der Fall ist.

Internationale Vorbilder für Gesundheitszentren

Die Robert-Bosch-Stiftung fördert insgesamt acht solcher Gesundheitsprojekte. Internationale Vorbilder gibt es bereits: etwa die Community Health Centers in Kanada, die gesundheitliche und soziale Angebote eng vernetzen und die Gruppen wie Nichtversicherte oder alte Menschen besonders im Blick haben. Aber auch in Graz, Maribor und Bologna gibt es Einrichtungen, von denen sich das Berliner Team inspirieren lässt. In Hamburg hat kürzlich die etwas anders konzipierte Poliklinik auf der Veddel seine Tore geöffnet; sie bietet unter anderem Sprechstunden für Migranten an.

Gesundheitsversorgung anders denken: Neue Wege zu demokratischer Medizin.

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Auch wenn künftig im Berliner Gesundheitszentrum nicht alle alles machen werden, wie in basisdemokratischen Hochzeiten gefordert, soll die Arbeitsteilung doch »ein bisschen gemildert werden«, sagt Grube. Es schade nicht, wenn die Ärztin die Arbeit des Therapeuten oder des Pflegers besser versteht und umgekehrt. Und obwohl das Projekt das große Gesundheits-Rad nicht neu erfinden will, sind die ehrgeizigen Ziele im Gespräch doch herauszuhören. »Wir wollen die Leute im Kiez ermächtigen und dazu anstiften, sich zu organisieren und ihre Probleme nicht mehr nur individuell zu verstehen«, erklärt Grube. Dass man dabei durchaus vernünftig mit den ökonomischen Ressourcen des Systems umgehen sollte, ist für Wachtler selbstverständlich. Was dem Kollektiv bisher noch fehlt, sind Mitstreiter aus dem Migrationsmilieu. Bislang sei die Gruppe noch homogen »biodeutsch« zusammengesetzt.

Hintergrund zur Gesundheitsbewegung

1967 gründeten StudentInnen in Berlin die »Kritische Universität« als Gegenbewegung zur herrschenden Institution Universität. Eine der vielen Arbeitsgemeinschaften hieß »Medizin ohne Menschlichkeit«. Wenige Jahre später entstand die Anti-Psychiatriebewegung. 1975 erschien von Ivan Illich das medizinkritische Buch Die Enteignung der Gesundheit; in den 1980er-Jahren wurde es unter dem Titel Die Nemesis der Medizin erneut publiziert.

Viele Menschen hatten bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren das Gefühl, im Gesundheitssystem ausschließlich Versorgungsobjekt zu sein, weil die psychosozialen und lebensweltlichen Folgen von Krankheit und Behinderung vernachlässigt wurden. Infolge dessen entstand die Gesundheits- und Selbsthilfebewegung, die auf Teilhabe, Mitentscheidung, Mitgestaltung und Hilfe zur Selbsthilfe setzte. Als Leitdokument der Gesundheitsförderung gilt die 1986 verabschiedete Ottawa-Charta »Towards a new public health« der Weltgesundheitsorganisation WHO, die bis heute Referenz für partizipative Gesundheitspolitik ist. Die Gesundheitsbewegung knüpfte an die Vorstellung von aktiven BürgerInnen und mündigen PatientInnen an, statt am anspruchsberechtigten Leistungsträger, der im Mittelpunkt der Gesundheitswirtschaft und des Gesundheitssystems steht.

Kritische Gegenkultur im Aufwind: eine Selbsthilfe- und Gesundheitsbewegung will mehr demokratische Medizin.

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Auch in Deutschland formierte sich unter den Begriffen »demokratische Medizin« und »alternative Medizin« eine Selbsthilfe- und Gesundheitsbewegung, die viele Ideen und Forderungen der Frauenbewegung, der Bürgerrechtsbewegung und später der Umweltbewegung aufnahm. Gesundheitsinitiativen, Gesundheitsläden und Selbsthilfeorganisationen entstanden. Zu den Standesinteressen von MedizinerInnen, Versorgern und privaten Anbietern von Gesundheitsleistungen (Versicherungen) sollte eine kritische Gegenkultur entwickelt werden. Den InitiatorInnen war es wichtig, dass Gesundheitsversorgung nicht missbraucht wurde, um Kapital zu verwerten und Gewinne zu machen.

Bis heute spiegeln sich die Auseinandersetzungen dieser Jahre und die entstandenen Strukturen in den zahlreichen Selbsthilfegruppen und Betroffenenvertretungen wider. Selbsthilfegruppen jedoch sind kein Phänomen der letzten Jahre oder Jahrzehnte. Die Anonymen Alkoholiker wurden 1935 in den USA gegründet und der erste Selbsthilfeverein für Gehörlose in Deutschland entstand bereits im Jahr 1848. Von einer sozialen Bewegung kann man aber erst in den 1980er-Jahren des 20. Jahrhunderts sprechen, als zehntausende Menschen für ein sozialeres und an den Bedürfnissen der Betroffenen orientiertes Gesundheitssystem zu kämpfen begannen. Das waren nicht nur Kranke und Behinderte, sondern auch GesundheitsarbeiterInnen, die eine neue ethische Orientierung ihrer Arbeit einforderten. 1980 folgten 12.000 Menschen dem Aufruf des Berliner Gesundheitsladens zum ersten »Gesundheitstag«. Er gilt als Startschuss für eine Bewegung, die neue Wege einer sozialen Medizin suchte und zum Widerstand gegen das vorhandene Gesundheitssystem aufrief. Die Gesundheitsbewegung wirkt bis heute: Selbsthilfegruppen, Vereine, Organisationen, Lehrstühle, Forschungsprojekte entstanden, staatliche und politische Institutionen ließen sich von ihr anregen oder wurden in Folge oder im Zusammenhang mit dieser Bewegung gegründet.

Buchtipp:

Ivan Illich: Die Enteignung der Gesundheit – Medical Nemesis. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975

Geschrieben von:

Portraitfoto
Ulrike Baureithel

Journalistin