Wirtschaft
anders denken.

Geträumt und aus: Franziska Linkerhand, Hermann Henselmann und das DDR-Wohnungsbauprogramm

31.07.2018
Bundesarchiv, Bild 183-1987-0128-310 , Lizenz: CC BY-SA 3.0

1973 beschloss die SED ein riesiges Wohnungsbauprogramm für die DDR. Im selben Jahr starb die Autorin Brigitte Reimann. Ihr Roman »Franziska  Linkerhand« ist ein Gleichnis für die Widersprüche des Versuchs, eine andere Gesellschaft zu errichten. Ein Text aus der Juli-Druckausgabe.

Beginnen wir mit dem Ökonomischen. Ohne das Ökonomische ist auch heute schwer über »Franziska Linkerhand« zu schrei­ben. Und über die DDR sowieso. 1971 beschloss der VIII. Parteitag der SED, dass von nun an eine andere Wirtschaftspolitik das bis dahin geltende Neue Ökonomische System der Planung und Leitung ablösen würde. Erich Honecker rief die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik aus. Der Lebensstandard sollte erhöht werden und in der Folge die Produktivität steigen. Klingt nach einer falschen Reihenfolge. War ein Paradigmenwechsel. Und die falsche Reihenfolge.

Zu der Zeit betrug der Anteil der Akkumulation am Nationaleinkommen 29 Prozent, bis 1988 sollte er auf 21 Prozent sinken. Die produktive Akkumulation, wesentlich bestimmt durch das 1973 vom Politbüro der SED beschlossene Wohnungsbauprogramm, sank von 16,1 auf 9,9 Prozent.

1973, das Jahr, in dem der Deutsche Bundestag den Grundlagenvertrag beschloss, der ein neues Kapitel deutsch-deutscher Beziehungen aufschlug, ist für die DDR ein gutes Jahr gewesen und beinhaltete doch alle notwendigen Zutaten für ihren späteren Untergang. In der Hauptstadt des Landes finden die Weltfestspiele statt, kurz vor deren Ende stirbt Walter Ulbricht, Staatsratsvorsitzender des Landes, die DDR tritt der Wiener Konvention bei, nimmt diplomatische Beziehungen mit Frankreich und Großbritannien auf, die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) beginnt ihre Arbeit, die ersten Westberliner Müllautos fahren durch die DDR und laden ihre Last in der ostdeutschen Mülldeponie Groß-Ziethen ab, der Grundstein für den Palast der Republik wird gelegt, in Berlin-Lichtenberg wird der erste Plattenbau der Wohnungsbauserie WBS 70 montiert, den ersten baureifen WBS-70-Block hatte zuvor das Wohnungsbaukombinat Neubrandenburg in der dortigen Altstadt errichtet.

Eine unendliche Qual, ein unausrottbares Bedürfnis

1973 stirbt die DDR-Autorin Brigitte Reimann mit 39 Jahren an Krebs und hinterlässt einen fast fertigen Roman, der den Titel »Franziska Linkerhand« trägt und erst ein Jahr später erscheint. Heute weiß man, dass rund vier Prozent des Originals Kürzungen anheimgefallen waren. Lange wurde vermutet, es hätte weitaus mehr politisch motivierte Veränderungen am Manuskript gegeben. 1998 gab der Aufbau Verlag Berlin eine ungekürzte Neuausgabe heraus. Und gewiss ist es heute angeraten, die zu lesen, statt jener, die ein Jahr nach Brigitte Reimanns Tod erschienen war.

Reimann hat zehn Jahre an dem Roman gearbeitet, er war ihr eine unendliche Qual und ein unausrottbares Bedürfnis. Und wahrscheinlich hätte sie, wäre ihr ein längeres Leben vergönnt gewesen, auch das Wohnungsbauprogramm, seine in Beton gegossene und mit der Typenbezeichnung WBS 70 versehene Ausformung in ihren Roman einfließen lassen. Die gottlose gerade Linie, der die Wohnstädte und -siedlungen folgten, als seien sie einzig den Gleisen und möglichen Wendekreisen eines Krans geschuldet. An der Grundhaltung des Buches, an der ihm innewohnenden Melancholie und Verzweiflung, am Überschwang des Glaubens an das Gute oder gut Gemeinte, der aus dem real Existierenden keine Stärke ziehen konnte, stattdessen nur Blessuren erfuhr, hätte das wahrscheinlich nichts geändert.

»Ich fühle mich schuldig«, widersprach sie. »Wir haben sie in Komfortzellen gesperrt, Nachbarschaft nicht gefördert … Schlaf ruhig, Bürger; was auf deiner Straße passiert – wie, sagte ich: Straße? Man trennt sich schwer von lieben alten Wörtern. Ach, unsere Träume von einer schönen Gesellschaft: Studententräume, die an der Wirklichkeit zerschellen; unsere Projekte – umstreitbar, das schon –, die Wohnungen, Wohneinheiten für eine tausendköpfige Familie … Zukunftsmusik, aber wir hörten sie schon, und wir hörten und verstanden Reger, bei dem wir lernten, daß ein Architekt nicht nur Häuser entwirft, sondern Beziehungen, die Kontakte ihrer Bewohner, eine gesellschaftliche Ordnung. Wir haben versagt.«

Franziska Linkerhand ist Architektin. Ihr Lehrer, der berühmte Professor Reger, bietet ihr an, bei seinen Prestigeobjekten, den schönen, lichten Prachthäusern, mitzubauen. In Städten, deren Charme auch der notgeborene und durch Ignoranz gespeiste Verfall nicht vollends würde den Garaus machen können.

Die 24-Jährige entscheidet sich stattdessen für den Städtebau und geht nach Neustadt, bei dem wir davon ausgehen können, dass Hoyerswerda die Vorlage gegeben hat. Hier müssen viele Wohnungen für Arbeiterfamilien gebaut werden. Hier wird der neue Mensch geboren und wenn nicht geboren, dann kann der Mensch hier wachsen und das Neue wird ihm Bedürfnis sein: das Schaffen für eine andere Gesellschaft.

Hier wird der neue Mensch geboren

Schön und licht geraten jedoch mit schnell und billig ins Gehege. Der neue Mensch schuftet am Tag und verschwindet abends in seinen vier Wänden. Die Trostlosigkeit des Alltags ist kaum in Übereinstimmung zu bringen mit dem Pathos, das wie eine klebrige Patina über allem liegt, und mit dem Versprechen, das gegeben und Tag und für Tag gebrochen wird.

Franziska Linkerhand begräbt ihre Träume, um sie zugleich wieder auszugraben, das Tote wiederzubeleben, zu schminken und erneut zu Grabe zu tragen. Was sie baut, ausgefüllt »mit Fenstersturz, Gashahn, Schlaftabletten«, ist nicht, was sie bauen möchte, nämlich Häuser, »die ihren Bewohnern das Gefühl von Freiheit und Würde geben«.

In einem Brief an die Freundin Annemarie Auer schreibt Brigitte Reimann über ihre Hauptfigur Franziska Linkerhand: »Da kommt ein Mädchen, jung, begabt, voller leidenschaftlicher Pläne, in die Baukastenstadt und träumt von Palästen aus Glas und Stahl – und dann muss sie Bauelemente zählen, schnell bauen, billig bauen, sich mit tausend Leuten rumschlagen (…) und die Heldentaten bestehen darin, dass man um ein paar Zentimeter Fensterbreite kämpft, und alles ist so entsetzlich alltäglich, und wo bleiben die großen Entwürfe der Jugend?«

Glas und Stahl und die große Geste wurden nach dem Tod der Autorin am Palast der Republik geprobt. Aber das konnte Brigitte Reimann nicht wissen und wahrscheinlich wäre sie auch nicht mit WBS 70 zu versöhnen gewesen, weil es ihrer Linkerhand ja weitaus mehr um die Frage ging, ob der neue Mensch in einer Schlafstadt überhaupt entstehen kann.

Briefe an Hermann Henselmann

In Reimanns Briefen an Hermann Henselmann, der von 1953 bis 1959 Chefarchitekt der DDR-Hauptstadt war und später Chefarchitekt des VEB Typenprojektierung und des Instituts für Städtebau und Architektur wurde, schwankt die Autorin zwischen Optimismus und Verzagen, wenn sie ihm von ihrem Linkerhand-Projekt berichtet.

In den 1994 im Verlag Neues Leben veröffentlichten Briefen heißt es im Nachwort: »Vollendung ist im strengen Sinne keine marxistische Kategorie. Das gilt auch für den Aufbau einer neuen Stadt, der mit den Schicksalen ihrer Erbauer und Bewohner das zentrale Thema des Romans ist – Bild und Gleichnis des Aufbaus unserer Gesellschaft, die in der Selbstverwirklichung des einzelnen als sozialistische Persönlichkeit ihr Ziel sieht.«

»Übrigens habe ich neulich in einer Präsidiumssitzung des Bundes Deutscher Architekten mit Ernst auf Ihre Bemerkung hingewiesen, die Sie im Nationalrat über den Bau von Hoyerswerda machten, nämlich über den Mangel an Intimität. Das ist ein sehr wichtiger und kritischer Hinweis. Den meisten Dingen, die wir bauen und die auf Baukunst abzielen, mangelt es an Dialektik. Denn natürlich kann Großräumigkeit nur entstehen, wenn sich ihr die Intimität hinzugesellt.« (Hermann Henselmann in einem Brief an Brigitte Reimann, 1963)

»Sie haben mich auch bestärkt mit Ihren Bemerkungen über unsere Stadt. Hier reagierte man bös auf jene Kritik: es gab eine behutsame Protestnote von der Bezirks-Baukommission, und die Zeitung entfesselte einen Leserstreit über die Frage >Kann man in Hoyerswerda küssen?<, die auf eben diesen Mangel an Intimität zielte und sich zu einem grotesken Mißverständnis ausgewachsen hat. Entrüstete Leser schreiben, daß sie für ihre Freizeit Besseres wüßten, als nur Küssen, daß die Jugend ein Recht auf Verliebtsein habe, daß ihr Leben ausgefüllt sei durch ständige Qualifizierung und daß im übrigen unsere sozialistische Stadt jung und schön sei.« (Brigitte Reimann an Hermann Henselmann, 1963)

644.900 Wohneinheiten gebaut

Insgesamt wurden in den Jahren 1972 bis 1990 in der DDR 644.900 Wohneinheiten gebaut. Immer mehr Variationen des gleichen Typs entstanden, vorwiegend wurde fünf- oder sechsgeschossig gebaut, aber auch Elfgeschosser entstanden. Kunst am Bau, Mansarde, Atelier, Maisonette, Loggia oder Balkon – die Bauserie WBS 70 war zugleich wandelbar und statisch. Wenn es dem Willen der Partei entsprach, konnte eine Platte auch als Altbau verkleidet werden.

Die Vision von der sozialistischen Stadt brach sich jedoch am real existierenden Sozialismus das Genick und leistete ihren Beitrag zum wirtschaftlichen Untergang der DDR. In den Großsiedlungen wuchs nicht der neue Mensch heran, stattdessen richtete man sich darin ein. 1991 verließen in Hoyerswerda, dem Schauplatz des Romans, Menschen ihre Plattenwohnungen, um draußen Ausländerheime plattzumachen.

Es wäre wirklich übertrieben, Brigitte Reimann aufzubürden, dies alles hätte sie ahnungsvoll in ihrem Roman »Franziska Linkerhand« vorweggenommen. Trotzdem war es 1991, angesichts der Bilder, die aus Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen in die Wohnzimmer flimmerten, ein seltsames Gefühl, den Roman noch einmal zu lesen.

Die Vision von der sozialistischen Stadt

Die Vision von der sozialistischen Stadt, die Ideale, die schon während der Aufbauphase der Realität nicht standhielten, und ein ökonomischer Kraftakt, der von Beginn an nicht ausreichend unterlegt war, um zu triumphieren. Die ganze große Tragik, denn es war ja mitnichten darum gegangen, für möglichst viele, möglichst enge »Fickzellen mit Wohnklo«, wie der Dramatiker Heiner Müller es nannte, zu bauen. Sondern darum, den Menschen gleich mit zu formen, als wäre durch den bescheidenen, aber doch warmen Komfort einer Plattenwohnung dafür eine ausreichende Grundlage geschaffen.

Die Konzentration der Mittel auf den Wohnungsneubau in der DDR hatte zur Folge, dass andere Bereiche vernachlässigt wurden: Gesundheitswesen, Infrastruktur (Verkehr, Post- und Fernmeldewesen, Wasserwirtschaft), Umweltschutz, Erhalt der Altbausubstanz. Alles musste hintenanstehen, die Unwucht wurde immer größer. Auch so ließe sich die Geschichte eines wirtschaftlichen Desasters beschreiben, wäre aber doch nur ein Ausschnitt und noch nicht mal 3-D.

Hermann Henselmanns Brief an Brigitte Reimann, den er am 29. Dezember 1964 schrieb, liest sich heute wie eine Textminiatur auf das Große und Ganze:

»Deine freundlichen Worte über das Haus des Lehrers haben mich sehr gefreut. Ich hatte schon gedacht, daß Du aus irgendeinem Grunde enttäuscht warst. Leider ist es ja sehr schwierig, bei uns zu bauen. Es gibt kein Detail, das ich nicht selbst beeinflusst habe und auch beeinflussen mußte. Aber es gibt auch keinen Raum, der nicht durch irgendeine Pfuscharbeit beeinträchtigt wurde. Schließlich macht es mir überhaupt keine Freude, das Haus zu betreten, wenn ich sehe, wie das vergammelt. Da stehen Aufwischeimer unter den Treppen, die Klotüren stehen offen, weil der Mann vom Klo auch ein bißchen sehen möchte, was da draußen vor sich geht, in den Foyers werden die Sessel gegen die Glaswände geschoben, weil man Stühle und Tische aufstellen will, obwohl spezielle Transportwagen entwickelt wurden, damit die Möbel im Magazin gespeichert werden können, jedoch es fehlt an Hilfskräften, na und so weiter. Der Höhepunkt ist, daß die HO (Handelsorganisation) im Imbißraum riesige Schilder an den Ausgangstüren zum Foyer angebracht hat, die den Gast darauf hinweisen, daß er keine Messer und Gabeln mitnehmen dürfe. Trotz allem hoffe ich, daß das Gebäude als ein Aufruf zum goldenen Wagnis des Lebens und zur Heiterkeit angesichts aller Bedrohungen aufgefaßt wird.«

Das goldene Wagnis des Lebens

Als 1973 in der DDR das Wohnungsbauprogramm beschlossen wurde, folgte dies sowohl politischem Kalkül als auch dem Gelernten und Verinnerlichten, dass der Mensch wahrlich erst wohnen und essen müsse, bevor er sich dem goldenen Wagnis, eine neue Gesellschaft aufzubauen, zuwenden kann. Nicht mehr »Jedem eine Wohnung« sollte gelten, stattdessen »Jedem seine Wohnung«. Für mehr als die Hälfte der Bevölkerung würden sich die Wohnverhältnisse bessern, rund drei Millionen Wohnungen dafür gebaut werden. Am Ende waren es 1,92 Millionen Plattenbauwohnungen, und es klingt wie ein Gleichnis für das, was die DDR war, sich daran zu erinnern, dass kurz vor Toresschluss offiziell verkündet wurde, die dreimillionste Wohnung sei fertiggestellt.

Das goldene Wagnis des Lebens, von Reimanns Franziska Linkerhand verzweifelt gesucht, von Henselmann beschworen und gewünscht, hatte sich in Berlin-Marzahn und -Hohenschönhausen, in Halle-Neustadt, Rostock-Lichtenhagen, Dresden-Gorbitz, Chemnitz-Hutholz nicht verwirklichen können. 1973 hätte das wohl kaum jemand wissen können. Das macht die Sache aber nicht weniger traurig.

»Es muß, es muß sie geben, die kluge Synthese zwischen Heute und Morgen, zwischen tristem Blockbau und heiter lebendiger Straße, zwischen dem Notwendigen und dem Schönen, und ich bin ihr auf der Spur, hochmütig und ach, wie oft, zaghaft, und eines Tages werde ich sie finden.« (»Franziska Linkerhand», Ausgabe 1974, Verlag Neues Leben)

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin