Wirtschaft
anders denken.

Gewitterwolken, Abschwung, Minsky-Moment: Geht der globale Boom in eine rezessive Phase über?

20.06.2018
OXIIst das so? Wirklich?

Es mehren sich die Anzeichen, dass der globale Boom zu Ende geht. Wie viel »Regen« fällt dann aus den »Gewitterwolken«? Kommt die rezessive Phase? Und was haben Regierungen und Zentralbanken dann noch dagegen aufzufahren?

Die Schlagzahl, mit der nun Meldungen über schwächere Wachstumserwartungen und herunter korrigierte Prognosen kommen, erhöht sich. Zuletzt sah das Münchner ifo-Institut »Gewitterwolken am deutschen Konjunkturhimmel«, zuvor hatte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung »wegen hoher Unsicherheit« seine Wachstumsprognose für dieses und nächstes Jahr gesenkt.

Es kommt einiges zusammen an Hinweisen: Olaf Gersmann von der »Welt« hat darauf hingewiesen, dass »die deutschen Exporte (kalender- und saisonbereinigt)« in sechs der vergangenen acht Monate rückläufig waren. Die Produktion im Produzierenden Gewerbe sank im April um ein Prozent, ohne Bauboom wäre das Minus noch größer ausgefallen. »Während sich die Erzeugung in der Industrie um 1,7 Prozent verringerte, stieg die Bauproduktion kräftig um 3,3 Prozent. Innerhalb der Industrie verzeichneten die Produzenten von Vorleistungs- und Konsumgütern Rückgänge von 2,0 Prozent bzw. 2,1 Prozent. Die Produktion von Investitionsgütern wurde um 1,3 Prozent zurückgefahren«, heißt es im Wirtschaftsministerium in Berlin.

Bereits vor ein paar Wochen hatte das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung seinen IMK-Indikator für eine Rezessionsgefahr deutlich nach oben korrigiert. In der »Welt« war von einer »düsteren Prognose« die Rede. Im neuesten World Economic Outlook schreibt der Währungsfonds, das weltweite Wachstum werde sich in ein paar Jahren abschwächen. Und: »Die meisten wohlhabenden Volkswirtschaften werden dann auf ein langfristiges Wirtschaftswachstum zurückgeworfen, das weit unter dem liegt, das sie vor dem Ausbruch der Finanzkrise gewohnt waren

Wie werden die aktuellen Zahlen bewertet? André Kühnlenz hat in seinem Datenschatz gekramt und schreibt, »bislang nur eine Vermutung, aber die Nachfrageschwäche im Euro-Raum könnte zyklischer Natur sein«. Ein Aufschwung sterbe allerdings »nie an Altersschwäche, sondern am Ausmass des Allgemeinen Makroungleichgewichts«. Die KollegInnen von makroskop.eu werfen einen etwas weiteren Blick: »Der Abschwung in Europa gewinnt eindeutig an Breite. In fast allen Ländern ist er nun klar erkennbar und müsste spätestens jetzt eine wirtschaftspolitische Reaktion nach sich ziehen.«

Dieter Wermuth vom »Herdentrieb«-Blog traut den immer noch mittelfristig optimistischen Prognosen von EU-Kommission, OECD und Internationalem Währungsfonds nicht über den Weg, er wisse nämlich, »dass es diesen Organisationen nie gelingt, eine Rezession vorherzusagen, geschweige denn eine Finanzkrise. Wenn alle zuversichtlich sind, dann geht es los – dann kommt es zu dem ominösen ›Minsky-Moment‹, dem großen Ausverkauf von Aktien, Immobilien und Rohstoffen, manchmal jedenfalls. Oft hält die Euphorie länger an als das skeptische Beobachter wie ich für möglich halten, aber irgendwann kippt die Sache dann doch. Nur: wann?«

Auf den Minsky-Moment ist auch Fred Schmid vom Münchner isw-Institut für Wirtschaftsforschung unlängst schon zu sprechen gekommen. »Die gegenwärtige ökonomische Großwetterlage und auch die politische Konstellation in den USA ist geradezu idealtypisch für die Auslösung des so genannten Minsky-Moments

Laut dem Linkskeyesianer führt Stabilität zu Instabilität. Je größer und je länger die Stabilität ist, umso instabiler wird alles, wenn die Krise eintritt. Im Windschatten eines Booms würden sich versteckte Risiken akkumulieren. »Eine Mixtur aus hohen Schulden, faulen Krediten, geringem Eigenkapital und Sorglosigkeit der Marktakteure kann dann in inmitten eines Aufschwungs und aus heiterem Himmel einen plötzlichen Crash und eine Finanzkrise hervorrufen. Die wiederum, wie nach dem Finanz-Crash 2007/08, in eine Rezession münden kann.« Schmid weiter: »Insbesondere dauerhaft niedrige Zinsen verleiten dazu, Investitionen mit geringer Rentabilität zu tätigen und auch riskante Firmen-Übernahmen durchzuführen.«

Was dann tatsächlich so einen Minsky-Moment auslösen könnte, steht dahin. Ein politisches Erdbeben, eine plötzliche Wende in der Geldpolitik, eine Eskalation im Handelskrieg? »Auch Minsky wusste es nicht; war sich aber sicher, dass« der nach ihm benannte Moment »immer wieder eintritt«. Das aktuelle Problem ist laut Schmid: »Kommt es zur Rezession, dann haben Staat und Zentralbanken ihr Pulver zum Entlastungsangriff weitgehend verschossen.«

Das sieht auch der US-Ökonom Larry Summers so. Im »Fazitblog« fasst Gerald Braunberger eine Rede des früheren Weltbank-Chefökonomen auszugsweise so zusammen: »Wir können uns in absehbarer Zeit aus wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Gründen keine neue Rezession erlauben. Aus politischer Sicht könnten davon Populismus, Protektionismus und wirtschaftlicher Nationalismus profitieren. In wirtschaftlicher Hinsicht musste man früher den Leitzins um fünf Prozentpunkte senken, um eine Rezession zu bekämpfen. Das wird auf Jahre in Amerika, Europa und Japan nicht der Fall sein. Und die Wirksamkeit von Anleihekaufprogrammen ist begrenzt.«

Auch der Nobelpreisträger Robert Shiller hat sich mit Warnungen zu Wort gemeldet. Mit Blick auf den Handelskonflikt zwischen den USA und China sagte er, dieser werde die Investitionstätigkeit der Unternehmen bremsen, was das Potenzial für einen sofortigen wirtschaftlichen Abschwung hätte. »Die unmittelbare Folge wird eine Wirtschaftskrise sein, weil diese Unternehmen auf einer langfristigen Planung aufbauen. Sie haben qualifizierte Arbeitskräfte und Arbeitsweisen entwickelt. All diese Dinge müssen wir in jedem Land neu aufbauen, nachdem die Importe abgeschnitten sind.« Dabei hänge das Ausmaß der Auswirkungen auf die Wirtschaft auch stark von der Psychologie ab. »Es sind genau diese abwartenden Einstellungen, die eine Rezession verursachen.«

»Eine Krise ist noch nicht in Sicht«, meint Carsten Klude, der Chefvolkswirt von M.M.Warburg – auch ihm fällt es aber schwer, »eine plausible Antwort auf die Frage zu finden, worauf diese plötzlich auftretende Schwäche beruht«. Die umreißt Klude wie andere auch: »Ebenso wie die schwachen realwirtschaftlichen Daten hat der Rückgang von Frühindikatoren, wie den Einkaufsmanagerindizes oder dem Ifo-Geschäftsklimaindex, Zweifel der Investoren an der wirtschaftlichen Dynamik geweckt. Insbesondere in Deutschland haben fast alle wichtigen Konjunkturdaten seit Jahresbeginn den Rückwärtsgang eingelegt, sei es die Industrieproduktion, die Einzelhandelsumsätze oder die Ausfuhren.«

Doch während man bisher abrupte Veränderungen im Konjunkturzyklus »in erster Linie durch exogene Schocks (etwa bei starken Veränderungen der Rohstoffpreise) oder durch eine restriktivere Geld- beziehungsweise Fiskalpolitik« ausgelöst sah, könnten diese Faktoren »dieses Mal nicht zur Erklärung der derzeitigen Entwicklung beitragen, da es hier in den vergangenen Monaten nur wenig Bewegung gegeben hat«. Doch die Fragen bleiben und werden drängender: Wie viel »Regen« fällt im Falle eines nachhaltigen Einbruchs aus den »Gewitterwolken«? Wie sieht die nächste rezessive Phase aus? Und was heißt das politisch?

Geschrieben von:

OXI Redaktion