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Gleichstellungsziel bunter, jünger, weiblicher

18.03.2017
Porträt Christiane BennerFoto: IGMetall
Wenn es um Lohngerechtigkeit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bessere Aufstiegschancen für Frauen geht, spielen Gewerkschaften eine wichtige Rolle. Aber was haben sie bisher geschafft und was können sie wirklich tun, um strukturelle Diskriminierung und Ungleichbehandlung zu beenden? OXI sprach mit Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall.

Der Gender Pay Gap von rund 21 Prozent scheint trotz starker Gewerkschaften in Beton gemeißelt. Warum ist das so?

Christiane Benner: Dort wo Tarifbindung herrscht und Tarifverträge existieren, ist auch der Gender Pay Gap deutlich niedriger. Dennoch haben wir Handlungsbedarf. Im Rahmen unserer Initiative »Auf geht’s – faires Entgelt für Frauen« haben wir die Eingruppierungen und Entgelte von Frauen und Männern unter die Lupe genommen. Sie stimmen überwiegend.

Die Ursachen für die Lücke sind vor allem, dass Frauen in höheren Entgeltgruppen häufig fehlen, bei Höhergruppierungen seltener berücksichtigt werden oder ihre Aufstiegschancen schlechter sind. Kurz gesagt, trotz guter Eingruppierungspolitik haben wir noch Handlungsbedarf in den Betrieben.

In den meisten Branchen, in denen mehr Männer als Frauen arbeiten, werden deutlich höhere Löhne gezahlt als in frauendominierten Branchen. Müssen nicht alle Gewerkschaften gleiche Bezahlung und wirkliche Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt zu ihrem Megathema machen?

Bei dem Thema passt kein Blatt zwischen IG Metall und unsere Schwestergewerkschaften im DGB. Gerade die Kolleginnen und Kollegen in den pflegenden und erziehenden Berufen verdienen mehr Anerkennung und eine bessere Bezahlung. Ob Abschaffung der Leichtlohngruppen oder das Ende der sogenannten Hausfrauenehe vor 40 Jahren – ohne organisierte ArbeitnehmerInnenvertretung hätten wir das heute nicht. Auch Themen wie die Frauenquote, mehr Entgelttransparenz oder das Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit stünden ohne unseren Einsatz nicht auf der politischen Agenda.

Das Thema Arbeitszeit ist ein Schwerpunkt für die IG Metall. Spielt dabei auch die Forderung eine Rolle, die Arbeitszeit generell zu verkürzen?

Die IG Metall unterstützt das von Bundesministerin Manuela Schwesig vorgeschlagene Modell der Familienarbeitszeit. Wir wollen den Beschäftigten mehr Zeitsouveränität und Selbstbestimmung ermöglichen. Viele Beschäftigte möchten zeitweise kürzer arbeiten, um sich zum Beispiel um pflegebedürftige Eltern oder die Kindererziehung zu kümmern. Dafür sind Möglichkeiten zur kurzen Vollzeit mit Entgeltersatzleistungen notwendig.

Wer die Besten will, kann auf Frauen nicht verzichten, verkündete die IG Metall 2016. Was tun Sie, um mehr Frauen für die IG Metall zu gewinnen?

Unsere vielen Aktiven in den Betrieben wissen, wo bei den Kolleginnen der Schuh drückt, und unterstützen sie, wenn es um faire Entgelte, bessere Entwicklungsmöglichkeiten, die Vereinbarkeit von Arbeit und Leben oder um Qualifizierung und Weiterbildung für das digitale Zeitalter geht. Das kommt bei Frauen gut an. So sind inzwischen mehr als 407.000 Frauen Mitglied der IG Metall. Im Jahr 2016 waren 20 Prozent aller Neuaufnahmen Frauen. Wir organisieren Frauen also fast im gleichen Verhältnis, in dem sie auch in unseren Branchen arbeiten.

Trotzdem bleibt die IG Metall eine Männergewerkschaft. Bleibt das alte Familienmodell – gut bezahlter Facharbeiter in der Automobilindustrie als »Familienernährer« mit Gattin als »Hinzuverdienerin« – nach wie vor bestimmend?

Wir sind bunter, jünger und weiblicher geworden. Das spiegelt sich auch in unserer Politik wider. Unsere Arbeitszeitkampagne, bei der eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Leben eine zentrale Rolle spielt, ist dafür ein gutes Beispiel.

Eines Ihrer Schwerpunktthemen ist die digitale Zukunft der Arbeit. Wie wollen Sie den Wandel gestalten?

Durch die Digitalisierung – vor allem durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz – wird es zu einer weiteren Verschiebung der Berufsfelder kommen. Frauen müssen genauso wie Männer über Weiterbildung und Qualifizierung fit für die digitale Arbeitswelt gemacht werden. Bisher gilt bei Qualifizierung und Weiterbildung aber viel zu oft: Wer hat, dem wird gegeben. Das darf nicht die Maxime sein. Qualifizierung muss es auch für Frauen geben, die in Teilzeit arbeiten. Bei ganztägigen Qualifizierungen muss dann eben auch die Kinderbetreuung geregelt sein. Wenn man auf solche Rahmenbedingungen nicht achtet, dann sind Frauen automatisch außen vor.

Das Interview erschien in OXI 3/2017. Sie können die Zeitung auch im Abo beziehen.

Das Interview führte:

Anne Graef

Geschäftsführerin Graewis-Verlag