Wirtschaft
anders denken.

»Glücklicherweise erwischt es nun auch die Bienen«

06.05.2019
Niklas Pntk/pixabay

Eva Rosenkranz und Andreas H. Segerer im Gespräch über die Schönheit von Schmetterlingen, vom Menschen gemachte Artenvielfalt und die möglichen Folgen des Insektensterbens.

Gerade flatterte mir der neue Gedichtband »Die Live Butterfly Show« von Jan Wagner ins Haus. Darin ruft er unter anderem Schmetterlinge auf, die sich aus ihren Netzen befreien und Loopings drehen. Ist das die lyrische Anrufung dessen, was wir gerade verlieren? 

Rosenkranz: Mir fällt jedenfalls auf, dass die Natur in den letzten Jahren in die öffentliche Debatte zurückkehrt, es gibt nicht nur viel mehr Bücher über Natur, sondern auch die philosophische Beschäftigung damit. 

Segerer: Es wäre schön, wenn sich die Schmetterlinge aus ihren Netzen befreiten. Das Insektensterben wird zwar zur Kenntnis genommen, aber was wirklich auf uns zukommt, ist bei den meisten Menschen noch nicht angekommen.

Was ist an Schmetterlingen eigentlich so faszinierend, dass man sein ganzes Leben mit ihnen verbringen kann? 

Segerer: Ich glaube, es ist eine Liebe, die einem in die Wiege gelegt wird. Ich habe schon mit fünf Jahren angefangen, Schmetterlinge hinterm Haus zu fangen. Das ist wohl ein archaischer Jagd- und Sammeltrieb. Wissenschaftlich gesehen sind Schmetterlinge aber auch die viertgrößte Tiergruppe der Welt, wir finden sie schön und sympathisch, wissen aber viel zu wenig über sie. 

Sie haben zusammen ein sehr verstörendes, aber auch ungewöhnlich anschauliches und sinnliches Buch über das »große Insektensterben« geschrieben. Wie sind Sie als Literaturwissenschaftlerin und als Schmetterlingsforscher überhaupt dazu gekommen?

Rosenkranz: Der Leiter des Oekom-Verlags, mit dem ich zusammenarbeite, kam auf mich zu, weil ich mich schon früher mit Biodiversität befasst hatte. Das war im vergangenen Sommer, als die Krefeld-Studie erschien. Und weil wir dafür natürlich einen Naturwissenschaftler brauchten, haben wir bei Herrn Segerer angefragt, ob er mitmacht. 

Segerer: Ich bin in das Thema Insektensterben eher reingerutscht. Wir hatten vor zwei Jahren in Bayern erstmals eine zeitlich und räumlich differenzierte Checkliste der Schmetterlinge, die anerkannte Bioindikatoren sind, erarbeitet und stellten einen gravierenden Rückgang der Arten und Menge fest. In diese Zeit fiel die medial stark wahrgenommene Krefeld-Studie, die mit ganz anderen Methoden und Fragestellungen 27 Jahre lang in Schutzgebieten Nordwestdeutschlands die Menge, also die Biomasse von Fluginsekten bestimmt und festgestellt hat, dass diese um mindestens 76 Prozent zurückgegangen ist, in den Sommermonaten noch mehr. Und nicht nur die Krefeld-Studie, sondern auch viele andere Untersuchungen kommen weltweit zu denselben Ergebnissen. 

Rosenkranz: Die Krefeld-Studie ist aus meiner Sicht auf so viel Resonanz gestoßen, weil die Forscher und Beobachter ohne Angst vor Simplifizierung eine einfache Botschaft hatten: Drei Viertel der Fluginsekten sind verschwunden. Das wirkte direkt und so erschütternd, dass es breit aufgegriffen wurde. 

Das Sterben der Bienen ist seit geraumer Zeit in aller Munde, Landwirtschaftsministerin Klöckner hat sie für systemrelevant erklärt, und wir machen uns auch über das Aussterben der Eisbären Gedanken. Aber warum haben Insekten insgesamt so wenig Lobby?

Segerer: Ich habe im Buch den etwas zynisch wirkenden Satz geschrieben: Glücklicherweise erwischt es nun auch die Bienen. Wenn es beispielsweise um Käfer oder stechende Mücken geht, sind die Sympathiewerte begrenzt. Den bedrohten Bienen kommt das Verdienst zu, dass nun überhaupt über Insekten gesprochen wird. 

Dass Insekten wichtig sind, um Blütenpflanzen zu bestäuben und unsere Ernährung zu sichern, ist jedem einsichtig. Welche Rolle spielen sie außerdem für das Ökosystem?

Segerer: Der Evolutionsbiologe Edward Wilson ist der Meinung, dass die Menschheit ohne Insekten nur noch zehn Jahre überleben kann …

… klingt dramatisch.

Segerer: Ja, aber die Zusammenhänge in der Natur sind so komplex und unverstanden, dass man meines Erachtens mit solchen Prognosen zurückhaltend sein sollte. Sicher ist aber, dass die Welt völlig anders aussehen wird ohne Insekten. Wenn die Insekten ausfallen, entsteht nicht nur ein wirtschaftlicher Schaden in dreistelliger Milliardenhöhe, wir verlieren auch massenhaft Obst und Gemüse, das ist mit Vitaminpillen nicht zu kompensieren. Mindestens genauso wichtig ist, dass Insekten jede Menge Biomasse recyceln wie Aas und Kot. In Australien, wo man infolge der Einführung von Wiederkäuern daran fast erstickte, musste man deshalb Dungkäfer aus Afrika ansiedeln. Außerdem sind Insekten eine wichtige Nahrungsquelle für andere Tiere wie Vögel, Fledermäuse oder Reptilien. 

Rosenkranz: In der Diskussion um das Artensterben spielen die Insekten, die von der Artenzahl her die größte Tiergruppe der Welt sind, eine wichtige Rolle, weil ihr Verschwinden für uns wahrnehmbar ist und deshalb mobilisieren kann. Da gibt es ja nicht nur das bekannte Beispiel der Windschutzscheibe, die im Sommer nicht mehr mit Insekten verklebt ist, sondern wir sehen auch, dass etwa Schmetterlingsarten, die wir aus unserer Kindheit kennen, kaum mehr zu finden sind.

Wir erleben aber auch, dass sich in Brandenburg wieder Wölfe ansiedeln. Ist es nicht denkbar, dass nicht-heimische Insektenarten einwandern und solche ersetzen, die wir verlieren?

Segerer: Grundsätzlich schon, Wölfe oder Bären sind Effekte des Naturschutzes. Aber das Schutzkonzept für Wirbeltiere, die man nicht jagen darf, nützt den Insekten wenig, denn das Schicksal des einzelnen Tieres spielt bei den großen Vermehrungsraten keine Rolle, 99,9 Prozent werden ohnehin gefressen. Bei ihnen macht es die Masse. Das Entscheidende für Insekten ist also der Lebensraum, in dem sie meist als Larven existieren. Die Habitate und Biotope zu schützen ist aber in der Bundesartenschutzgesetzgebung nicht vorgesehen. Man darf völlig legal naturnahe Wiesen umwandeln, Monokulturen anlegen oder die Fläche zubetonieren, doch genau damit zerstört man den natürlichen Lebensraum der Insekten. 

Aber stellen Sie, wenn Sie Insekten sammeln und präparieren, nicht auch eine Bedrohung dar?

Segerer: Wir Forscher, aber auch die Hobbysammler werden durch das Artenschutzgesetz inzwischen stark behindert, Tiere zu sammeln. Dabei gefährdet das die Populationen überhaupt nicht, sofern alle übrigen Lebensbedingungen der Tiere stimmen. Der Schaden, der durch das Sammeln eines einzelnen Forschers möglicherweise entsteht, wird um ein Vielfaches aufgewogen durch den wissenschaftlichen Nutzen seiner Arbeit, durch die man überhaupt erst weiß, was zu schützen ist.

Rosenkranz: Nur mal zum Vergleich: Ich habe kürzlich gelesen, dass ein Schwalbenpaar in einer Brutsaison 150.000 Insekten vertilgt. Und es ist natürlich viel einfacher, sich mit der kleinen Gruppe der Insektenforscher anzulegen als mit den Bauern oder Städteplanern. 

Womit wir bei den eigentlichen Tätern und ihren Taten wären …

Rosenkranz: Der wichtigste Grund für das Artensterben ist die Intensivierung der Landwirtschaft. Wo wir früher noch bunte Wiesen mit einer Vielzahl von Pflanzen hatten, gibt es heute fast nur noch sogenannte »Grünflächen«, die oft gemäht werden, oder landwirtschaftliche Monokulturen. 

Segerer: Das eine ist die Landschaftsausräumung, also die Umwandlung artenreicher Kulturlandschaft in monotones, intensiv bewirtschaftetes Kulturland durch die intensive Landwirtschaft und den Flächenfraß. Der zweite Faktor ist, dass die noch verbliebenen artenreichen Lebensräume, zum Beispiel Naturschutzgebiete, inzwischen Inselcharakter haben, was dazu führt, dass die dort vorhandenen Arten genetisch verarmen, weil der Zuzug aus benachbarten Gebieten erschwert oder unmöglich gemacht wird. Viele Insekten können eine Barriere wie etwa eine Autobahn einfach nicht mehr überwinden. 

Rosenkranz: Es ist wichtig, dass das Wissen um diese Zusammenhänge verbreitet wird. Wenn ich weiß, dass Wildbienen einen Flugradius von einigen hundert Metern haben und der Parkplatz eines Baumarkts auf diese Wiese gebaut wird, dann kann ich abschätzen, welches Schicksal die betroffenen Tiere erwartet.

Welche Rolle spielt die Überdüngung?

Segerer: Viele Pflanzen vertragen Stickstoff aus Gülle und Dünger nicht, der sich auch in der Luft oder ins Wasser verteilt. Das gefährdet wiederum die Insekten, die von und mit solchen Pflanzen leben. Der Boden verändert sich und auch das bodennahe Klima. Wenn das den Insekten nicht den Garaus macht, sind es die Pestizide und Insektizide, insbesondere die hochgiftigen Neonics. Mit 732 Milliarden Kilometern, die die deutschen Autofahrer im Jahr zurücklegen, sind auch sie zumindest an der Verminderung der Masse an Insekten beteiligt, ebenso wie die nächtliche Lichtverschmutzung, die den nachtaktiven Insekten zusetzt. Die beiden letzten Faktoren bedrohen aber nicht die Arten als solche. 

Kann der Klimawandel dazu beitragen, dass wärmeliebende Insekten sich vermehren?

Segerer: Wir haben das am Beispiel der Schmetterlinge untersucht und festgestellt, dass gerade die wärmeliebenden Arten bei uns am stärksten rückläufig sind. Das heißt nicht, dass es keinen Klimawandel gibt, sondern dass die anderen Faktoren in der Summe so viel wirksamer sind, dass sich der für sie positive Effekt der Erderwärmung nicht mehr auswirkt. 

Ihr Buch liest sich wie ein Drama in mehreren Akten. In der klassischen Dramentheorie gibt es die Anfangssituation, Aufstieg, Umkehr, fallende Handlung und Katastrophe. Ist das auch die Dramaturgie des Artensterbens und in welchem Stadium befinden wir uns?

Segerer: Das kann man durchaus so lesen. Der Artenreichtum, dessen Verlust wir heute so beklagen, entstand durch menschliches Handeln, durch Waldrodungen, die Ackerland und Freiflächen Platz schafften. Im Laufe der Jahrhunderte entstand eine Kulturlandschaft, die im 18. Jahrhundert, was den Artenreichtum betrifft, ihren Höhepunkt erreichte und sich seit der industriellen Revolution zunehmend schneller verringert. Noch sind 30 Prozent unserer Fläche Wälder, und den Waldinsekten geht es besser als denen in der offenen Flur. So lange, wie die menschlichen Eingriffe einen gewissen Grad nicht überschreiten, ist alles in Ordnung. Aber nun ist das nicht mehr der Fall. In Deutschland werden 52 Prozent der Gesamtfläche landwirtschaftlich, meist intensiv, bewirtschaftet und 15 Prozent sind zugebaut. Und neben allen anderen negativen Umweltereignissen – Klimawandel und die damit verbundenen Migrationswanderungen, die Verseuchung mit Plastik und vieles mehr – ist das Artensterben gravierend: Seit 66 Millionen Jahren, seit die Dinosaurier ausgestorben sind, haben wir so etwas nicht mehr erlebt. Es ist ein epochales Ereignis erdgeschichtlichen Ausmaßes. 

Also Katastrophe. So ähnlich haben wir in den achtziger Jahren auch über das Waldsterben gesprochen, aber den Wald gibt es nach wie vor. Neigen wir nicht auch ein wenig zum Dramatisieren?

Rosenkranz: Ich weiß nicht, ob man das Dramatisieren nennen kann. Mir erscheint es eher als Ausdruck des Erschreckens. Das Thema Wald ist ja nicht ausgestanden. Und wir können über die letzten 50 Jahre hinweg beobachten, dass dieses Erschrecken äußerst wichtig und produktiv war, denken Sie nur an die Kernkraft. Leider spielten die Katastrophen –Tschernobyl und Fukushima – eine wesentliche Rolle bei den »Wenden«. Wir sind viel emotionalere Wesen, als wir uns das eingestehen, und die Analysen reichen oft nicht, um Veränderung anzustoßen. 

Obwohl Ihr Buch ein sehr pessimistisches Szenario zeichnet, versinkt es nicht in Schwermut. Das ist dem Teil zu verdanken, den Sie, Frau Rosenkranz, verantworten und in dem Sie auch auf die Möglichkeit hinweisen, dass wir selbst etwas dazu beitragen können, das Insektensterben zu beeinflussen.

Rosenkranz: Robert Macfarlane, ein renommierter Vertreter des Nature Writing, hat kürzlich gesagt, wir bewegten uns zwischen Verlust und Hoffnung, und in der Wahrnehmung dieses Spannungsverhältnisses läge für ihn auch das Potenzial für Veränderung. Für mich ist die Entwicklungsrichtung klar. Wir brauchen die analytische Kühle, die Verluste zu benennen. Aber wir brauchen auch eine Perspektive. Wir müssen zum Beispiel mit den Bauern über die Zukunft der Landwirtschaft reden, ohne sie an den Pranger zu stellen, ihre fast vergessene Bedeutung für unsere Kulturlandschaft in Erinnerung rufen. Und jeder von uns kann in seinem Umfeld etwas verändern. Wir können damit insgesamt etwas ins Rollen bringen und auch politisch Druck aufbauen. Und wir brauchen das, was kürzlich jemand den schmalen Grat der Zuversicht nannte. Für mich gilt ein Bild des syrischen Dichters Faraj Bayrakdar, der viele Jahre in Assads Gefängnissen saß: »Ein einziger Vogel genügt, damit der Himmel nicht stürzt.«

Sie schreiben in Ihrem Buch viel über die Kraft des grünen Daumens und die weltweite Bewegung, die sich auch im Kleinen um den Erhalt der Arten bemüht. Was tun Sie konkret?

Rosenkranz: Ich achte in meinem Garten zum Beispiel auf heimische Pflanzen und Gehölze, auf Blühzeiten von Frühjahr bis Herbst, lasse wilde Ecken als Schlafplatz oder Kinderstube für Insekten zu, mähe selten. In unserem Ort haben wir vor ein paar Jahren angefangen, über öffentliche Grünflächen zu diskutieren, haben in einer Bürgeraktion dort Wildkrokusse gepflanzt und Wildblumenmatten ausgebracht – als buntes Band. Zuerst waren wir zwei Frauen, schließlich haben 60 Leute mitgemacht. Ein Netzwerk ist entstanden, wo vor Ort kontinuierlich an Veränderung im Denken und Handeln gearbeitet wird. Dabei ist der Umgang mit öffentlichen Flächen konfliktträchtig, weil es schnell heißt: Wie sieht das denn aus! Wir sind inzwischen in unserem Schönheitsempfinden geprägt durch Gartencenter und überdüngte Wegwerfpflanzen, die suggerieren, es müsse immer blühen. In der Natur gibt es das nicht; dort gibt es einen Rhythmus, der sich nicht nach unseren ästhetischen Vorstellungen richtet. 

Kann man Insekten auch richtig ansiedeln? Ich habe mit Entzücken über die Glühwürmchen gelesen, die sich von Nacktschnecken ernähren, und wir denken darüber nach, sie in unseren Garten zu holen.

Rosenkranz: Ob man die wirklich ansiedeln kann, weiß ich nicht. Für mich gehören sie zu den kleinen Wundern im Garten, die sich vier Jahre unauffällig entwickeln, dann wenige Tage im Sommer leuchten, um einen Partner zu locken. Das ist ja nur ein Beispiel dafür, wie anhand einer Geschichte erzählt werden kann, was um uns herum existiert, wovon es bedroht wird und wie man im Einzelfall fördernd wirken kann.

Herr Segerer, Ihr Kollege Josef Reichholf hat kürzlich in einem Interview gesagt, die Stadt sei das neue Refugium für Insekten. Sehen Sie das ähnlich?

Segerer: Ich teile, was Reichholf über die Stadt sagt, in mancher Hinsicht. Die Stadt stellt tatsächlich Refugien bereit. Am unteren Inn, wo Reichholf wohnt, ist der kleine Weinschwärmer, eigentlich eine Allerweltsart, ausgestorben, bei mir in Regensburg ist er seit Jahren stabil. Das ist ein Beispiel für die regionalen Unterschiede beim Insektensterben. In der Stadt finden bestimmte Insekten mittlerweile einen besseren Lebensraum als in der Flur. Aber im Hinblick auf die Artenvielfalt würde ich die Prognose verneinen, die größte Artenvielfalt finden wir in der extensiv bewirtschafteten Kulturlandschaft, und die Arten, die wir auf Magerrasen und in Felsfluren verlieren, finden keinen adäquaten Lebensraum in der Stadt. 

Kann das, was wir jetzt als Graswurzelbewegung für den Artenschutz ausgemacht haben, überhaupt erfolgreich sein, ohne politisch flankiert zu werden?

Segerer: Wir brauchen tatsächlich eine politische Agenda, die ergibt sich aus dem, was wir hier besprochen haben. Aber die Bottom-up-Bewegung, der Druck von unten, ist dafür unabdingbar, es muss in der Bevölkerung ein Bewusstsein für das Artensterben erwachsen, von oben kommt sonst nicht viel. Man darf das, was in den Gärten gemacht wird, auch nicht unterschätzen, die Gesamtfläche der Gärten ist in Deutschland fast so groß wie die der Naturschutzgebiete. Und die Veränderung der intensiven Landwirtschaft ist auch über die Veränderung des Konsumverhaltens möglich, von der Politik muss man jedoch fordern, dass sich die Art und Weise der Verteilung von Agrarsubventionen verändert und kleine Betriebe gefördert werden. 

Wir haben uns am Flughafen München getroffen. Über uns schwirren keine Schmetterlinge, sondern Flugzeuge heben lautstark ab, es ist der Sieg des Anthropozäns, der unsere Insekten bedroht. Aber wenn es keine Flugzeuge gäbe, könnte ich hier nicht sitzen und mit Ihnen dieses Gespräch führen, denn über Skype wäre es ein ganz anderes geworden. Ist das alles nicht paradox?

Rosenkranz: In diesem Paradox leben wir aber. Das richtige Verhalten gibt es nicht und gab es nie. Wir leben mit diesen Widersprüchen, und die Natur tut es auch. Wir können nicht eins zu eins ausrechnen, was passiert, wenn ich dies oder jenes mache, und es ergibt auch keinen Sinn, es paralysiert. Für mich ist es wichtiger, diese Widersprüche auszuhalten. Die Natur ist immens großzügig und vorausschauend. Wenn aber 99,9 Prozent aller Insekten ihr eigentliches Lebensstadium gar nicht erreichen müssen, um die Art zu sichern, ist es in unserer aller Verantwortung, die Vielfalt und Masse, die das Zehntelprozent repräsentiert, zu schützen und zu erhalten. 

Einmal angenommen, Sie glaubten an Wiedergeburt: Als welches Insekt würden Sie die Erde gerne wieder besuchen?

(Beide lachen) Segerer: Ich wäre gerne ein schöner Schmetterling im tropischen Regenwald, aber da würde ich wahrscheinlich schnell gefressen werden. 

Rosenkranz: Ich finde Libellen faszinierend, am forschesten sind die großen …

Segerer: … die blaugrünen Mosaikjungfern …

Rosenkranz: Ich finde sie nicht nur aufgrund ihrer Optik schön, sondern ich habe das Gefühl, dass, wenn sie auf ein Problem stoßen, sie ihren Hinterleib aufstellen und einen zornigen Eindruck vermitteln. Das gefällt mir.

Eva Rosenkranz ist Literaturwissenschaftlerin und Autorin mit Garten; sie engagiert sich in ihrer Heimatgemeinde seit vielen Jahren für den Schutz der Natur. Andreas H. Segerer ist Schmetterlingsexperte an der Zoologischen Staatssammlung München und Präsident der Entomologischen Gesellschaft München. Im oekom-Verlag haben beide unlängst »Das große Insektensterben. Was es bedeutet und was wir jetzt tun müssen« (208 Seiten, 20 Euro) veröffentlicht. Infos zum Buch gibt es hier. Mit Eva Rosenkranz und Andreas H. Segerer sprach Ulrike Baureithel. Foto: Niklas Pntk / Pixabay

Geschrieben von:

Portraitfoto
Ulrike Baureithel

Journalistin