Wirtschaft
anders denken.

Tendenziöse Griechenland-Berichte deutscher Medien

12.04.2016

Unabhängige Presse? Da ist in Deutschland offenbar noch Luft nach oben. Eine Studie kritisiert die Berichterstattung deutscher Medien über die »Griechenlandkrise« als verzerrend und tendenziös.

Hatten Sie im letzten Jahr auch manchmal den Eindruck, die griechische Regierung verfolge in der Schuldenkrise ziemlich egoistische Ziele und setze die wirtschaftliche Zukunft Europas aufs Spiel? Können Sie sich erinnern, das ein oder andere Mal gedacht zu haben, die Griechen sollten erstmal ihre Hausaufgaben machen, bevor sie weitere Forderungen an die EU stellen? Falls ja, könnte das daran liegen, dass Sie vor allem deutsche Medien konsumiert haben.

25. Januar 2015, in Griechenland gewinnt das Linksbündnis SYRIZA die Parlamentswahl. Wenige Tage später steht die neue Regierung, Präsident ist Alexis Tsipras, Finanzminister wird der Ökonom Yanis Varoufakis. Mit dem Regierungswechsel ändert sich das Klima in den Verhandlungen zwischen dem hochverschuldeten Griechenland und den Gläubiger-Institutionen, allen voran der EU-Kommission und den europäischen Finanzministern. Den Sparkurs, zu dem das Land seit Jahren verpflichtet ist und durch den sozialstaatliche Leistungen bedenklich geschrumpft und die Armutsquote drastisch in die Höhe getrieben wurde, zu beenden, das war SYRIZAs Ziel. Schluss mit Privatisierungen und Sozialabbau, stattdessen ein Sozialprogramm, einen Schuldenschnitt und die Neuverhandlung der Kreditauflagen – mit diesen, von einer Mehrheit der griechischen WählerInnen unterstützten Forderungen gingen Tsipras und Varoufakis in die Verhandlungen mit EU, EZB und IWF. Erfolglos. Ein halbes Jahr dauerte das Ringen, im Sommer schließlich musste Griechenland ein weiteres Spar- und Kürzungsprogramm akzeptieren. Die EU-Länder, insbesondere Deutschland, hatten gedroht, anderenfalls den Geldhahn zuzudrehen und Griechenland aus dem Euro zu werfen. Der griechische Staat wäre zahlungsunfähig gewesen.

Schwierige Verhandlungen in einem komplexen Institutionengefüge – ein klassischer Fall für die Medien, deren Aufgabe darin bestünde, die unterschiedlichen Interessen und Vorannahmen der Beteiligten darzustellen und Hintergründe zu den institutionellen Rahmenbedingungen und Logiken der Auseinandersetzung zu liefern.

Aber das ist nicht geschehen. Eine Studie von Wissenschaftlern der Uni Würzburg im Auftrag der Hans Böckler Stiftung hat die Berichterstattung deutscher Medien zur »Griechenlandkrise« ausgewertet – und kommt zu einem recht eindeutigen Urteil: Hiesige Medien haben den Streit zwischen der griechischen Linksregierung und ihren europäischen Gläubigern ziemlich verzerrt dargestellt. Die griechische Position wurde in deutschen Medien einseitig negativ gedeutet.

Kim Otto, Professor für Wirtschaftspublizistik an der Universität Würzburg, und sein Kollege Andreas Köhler haben 1.442 Artikel untersucht, die zwischen Ende Januar und Ende Juni 2015 in den Tageszeitungen Bild, Welt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, taz und der Onlineplattform Spiegel Online erschienen sind. Die Ergebnisse sind für die meisten der untersuchten Medien alles andere als schmeichelhaft. So sei kaum oder nur selektiv über Reformprojekte der griechischen Regierung, dafür sehr viel über Hilfsprogramm der EU und die griechische Forderung nach Reparationszahlungen Deutschlands für Zerstörungen und Plünderungen im Zweiten Weltkrieg berichtet worden.

Insbesondere den journalistischen Grundsatz der Neutralität sehen die Wissenschaftler verletzt. Sie sprechen von einer mehrheitlich meinungsorientierten und wertenden Berichterstattung. Selbst neutrale Darstellungsformen wie Nachrichten und Berichte seien zu über einem Drittel wertend gewesen. Dabei waren die Wertungen in drei Vierteln der Fälle nicht einmal offen als AutorInnenmeinung erkennbar, vielmehr flossen sie versteckt, etwa durch einseitige Quellenauswahl oder Zitate, in die Texte ein.

Die Wissenschaftler stellen außerdem eine starke Tendenz zur Personalisierung fest. Statt über Strukturen und Institutionen wurde vor allem über Personen berichtet – insbesondere, wenn es um die griechische Regierung ging. Dabei standen griechische Regierungsmitglieder zwar häufig im Fokus, kamen aber selbst nur selten zu Wort.

Bei den Wertungen selbst zeigt sich eine erhebliche Diskrepanz. Mitglieder der griechischen Regierung wurden mehrheitlich negativ beurteilt (in 51 Prozent der Beiträge, nur in 16,9 Prozent positiv und in 32,4 Prozent ausgewogen), während die Bundesregierung entweder gar nicht oder ausgewogen bis positiv bewertet wurde. Das Ausmaß, in dem tendenziös berichtet wird, schwankt allerdings stark, je nach untersuchtem Medium. Bei der taz hielt sich der Anteil positiver und negativer Wertungen über die griechische Regierung die Waage, bei der Bild sind die Bewertungen fast durch die Bank negativ.

Woher kommt diese Parteilichkeit in der Berichterstattung? Abgesehen davon, dass das Selbstverständnis des kritischen Journalismus ohnehin nicht für alle der untersuchten AkteurInnen gilt – die Bild begreift sich seit jeher als politischen Akteur – kommt in den Befunden ein Problem zu Ausdruck, das man vielleicht mit dem Begriff der realpolitischen Bequemlichkeit umschreiben könnte. Je weiter sich der Journalismus von einer Diskussion über Grundsatzfragen und prinzipielle Alternativen entfernt, umso näher rückt er an die Politik – und übernimmt ihre Prämissen ebenso wie ihr Denken. Regierungen werden nur noch daran gemessen, ob und wie gut sie ihre eigenen Ziele umsetzen; in internationalen Konflikten übernimmt der oder die JournalistIn unhinterfragt die Position des »eigenen Landes«. JournalistInnen, die aus Zeitmangel oder gedanklicher Bequemlichkeit darauf verzichten, »grundsätzlich zu werden«, machen sich über kurz oder lang die Maßstäbe der Regierung zu eigen und degradieren sich selbst zu besseren PressesprecherInnen.

Auch Otto und Köhler warnen: »Für die journalistische Praxis ergeben sich aus der Auflösung der Trennung von Nachricht und Meinung, einer zunehmenden Akteursorientierung und einer Politisierung des Wirtschaftsjournalismus Gefahren für dieses Ressort.« Ihr Fazit: »Wenn sich der Wirtschaftsjournalismus den Regeln des Politikjournalismus unterordnet, … erfüllt er seine Funktionen nicht mehr und verliert somit auch seine Existenzberechtigung.«

Geschrieben von:

Anonyme OXI-AutorInnen

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