Wirtschaft
anders denken.

Illusionsfabrik »Gute Arbeit«

29.04.2016
Ein Faultier hängt im BaumFoto: Alice / Flickr CC-BY-NC-ND 2.0 LizenzGute Arbeit? Ist immer noch Arbeit. Hochachtungsvoll, Ihr Faultier.

Auch an diesem 1. Mai wird wieder versucht, uns die große Idee der Befreiung von der Arbeit mit Appellen für gute Arbeit auszutreiben. Das ist eine Falle der Arbeitsgesellschaft.

Für den Volksmund ist die Sache klar: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen! Entweder arbeiten oder es sich gut gehen lassen, weit und breit keine Verwechslungsgefahr. In den Reden zum 1. Mai wird der Unterschied zwischen Arbeit und Vergnügen gerne verwässert. Da wird auf »gute Arbeit« Wert gelegt. Seit sich kaum noch jemand traut, Arbeitszeitverkürzungen zu fordern, wird der Ruf nach »guter Arbeit« vielstimmiger und lauter. »Gute Arbeit verbindet«, verkündet der SPD-Parteivorstand zum 1. Mai 2016.

Der Volksmund weiß: Arbeit ist kein Vergnügen

Gewerkschaft und Sozialdemokratie krönen ihre Appelle gerne mit dem Zusatz, ohne gute Arbeit kein gutes Leben. In der landläufigen Unterscheidung zwischen Arbeit und Leben – arbeitest du noch oder lebst du schon? – schwingt Nachdenklichkeit und Distanz zu solchen Vorstellungen mit. Ob das Arbeiten wirklich Teil eines guten Lebens ist, erscheint doch vielen fraglich. Die Bibel jedenfalls hat die Arbeit erst nach der Vertreibung aus dem Paradies eingeführt. Die Apostel der Arbeitsgesellschaft, die PredigerInnen von »Arbeit, Arbeit, Arbeit« widersprechen: Arbeit sei nicht nur notwendig, sie stifte Sinn für das Leben und sei ein Königsweg zur Selbstverwirklichung. Der Mensch, ein arbeitendes Wesen, ein animal laborans – oder eben ein untätiges, parasitäres Subjekt. So wollen es Menschenbild und Moral der Arbeitsgesellschaft.

Im Kapitalismus arbeiten die meisten Menschen viel mehr als nötig und leben wesentlich schlechter als möglich. Das Fatale: Wer einfach nach guter Arbeit ruft, hilft mit, alles beim Alten zu lassen.

Im Kapitalismus arbeiten die meisten Menschen viel mehr als nötig und leben schlechter als möglich.

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Zu einem guten Leben gehören Freiheit, viel Zeit und Selbstbestimmung. Frei gewählte Tätigkeiten. Tun, was man und frau für sinnvoll hält. Freiwilliges Engagement für eine gute Sache, auch Muße und Spiel, Bildung, Liebe, Fürsorge, anregende Unterhaltung, Kunst und Sport – da fällt allen etwas ein. Und jedem etwas anderes.

Arbeit kann keine freie, selbstbestimmte Tätigkeit sein – weil sie Arbeit ist. Ihr Anlass ist ein Bedarf, ihr Ziel ist, dass andere ein Produkt oder einen Dienst gebrauchen. Gibt es keinen Bedarf, muss niemand arbeiten. Tätigkeiten, die Folge eines Bedarfes sind, werden offenkundig nicht freiwillig ausgeübt. Werden hergestellte Produkte und angebotene Dienste nicht gebraucht, wurde vergeblich gearbeitet. Die Arbeitstätigkeit hängt also von den Entscheidungen der KundInnen ab. Allein deshalb ist die Forderung nach »selbstbestimmter Arbeit« ein Widerspruch in sich.

Überall Verbote – das Regime der Arbeit

Bis hierher haben wir überhaupt noch nicht über das Regime gesprochen, unter dem die Arbeit geleistet wird. Es ist zuallererst ein Verbotsregime, das regelt, was man alles nicht machen darf während der Arbeitszeit – nämlich so ziemlich alles, was Spaß macht. Es ist darüber hinaus in der Regel ein strenges Kostenregime, das auf Intensivierung der Leistungen aus ist, auf die Gesundheit zu wenig Rücksicht nimmt, mit Vorliebe Überstunden, nicht selten Schicht- , Nacht- und Sonntagsarbeit verlangt und dafür möglichst wenig bezahlt, gerne auch nur Billiglöhne oder einen Euro.

Der DGB-Index Gute Arbeit streut Sand in die Augen und gaukelt die Möglichkeit eines Arbeitslebens vor, das keine Wünsche offen lässt.

Der Index schnürt ein dickes Wohlfühlpaket und legt Kriterien für gute Arbeit an, die sich selbst im Urlaub kaum erfüllen lassen: Müssen Sie Ihre Gefühle verbergen? Kommt es zu Konflikten und Streitigkeiten?

Nimmt uns die Technik die Arbeit weg? Schön wärs!

Zu erinnern wäre noch an ein paar andere Probleme. Probleme, über die am 1. Mai, der in Deutschland gern »Tag der Arbeit« genannt wird, wenig geredet wird. Zum Beispiel die Tatsache, dass sich eine kapitalistische Wirtschaft für den Bedarf gar nicht interessiert. Elend, das nicht zahlungsfähig ist, lässt sie gleichgültig, auf kaufkräftigen Luxus fährt sie ab. Oder haben Sie schon einmal einen Werbespot der Textilindustrie für Decken für Obdachlose gesehen?

Kapital will aus viel Geld noch mehr Geld machen und das überall und immer. Die Folge ist, dass Arbeit kein Ende findet, grenzenlos wird. Wäre es das Ziel, Bedürfnisse zu befriedigen, könnte das Arbeiten bei steigender Produktivität weniger werden. Aber wer auf Geld ohne Ende aus ist, muss eine Arbeitsgesellschaft wollen, muss Arbeit ohne Ende organisieren, ob technische oder menschliche.

Offen bleibt: Wird die Arbeit von Technik (Maschinen, Automaten, Robotern) oder Menschen verrichtet? Diejenigen, die sich sorgen, unserer Gesellschaft gehe die Arbeit aus, gehen in die Irre, weil sie zwei Fragen zusammen- und durcheinanderwerfen, die strikt getrennt werden müssen: Kommt der Arbeitsprozess weitgehend ohne menschliche Arbeitsleistungen aus, weil Technik die Arbeit übernimmt? Oder braucht die Gesellschaft immer weniger Arbeit, egal ob von Mensch oder Technik verrichtet, weil der Bedarf zunehmend befriedigt ist?

Die Forderung nach »guter Arbeit« ist eine Falle

Eine Gesellschaft, in der ständig Milch und Honig fließen, die deshalb ohne Arbeit funktioniert, wird es wohl nie geben. Aber: Die Menschen werden – ein wunderbarer Fortschritt – immer weniger selbst arbeiten müssen. Die Digitalisierung bringt uns dem Ziel, die Arbeitskraft des Menschen überflüssig zu machen, einen großen Sprung näher. Wir Menschen kommen in den Genuss von Produkten und Diensten, ohne einen Finger dafür zu rühren. Wünsche werden Wirklichkeit. Was wollen wir mehr? Diente die heutige Wirtschaft dem Menschen, seinem Lebenssinn und seinen Bedürfnissen, die materielle Existenz aller Menschen auf diesem Planeten wäre gesichert. Jedem und jeder eröffneten sich zudem Spielräume für freie, selbstbestimmte Tätigkeiten, von denen wir heute nicht einmal auf Mai-Kundgebungen zu träumen wagen.

Die Arbeit, die dann noch zu tun bleibt, soll gute Arbeit sein. Die Forderung nach guter Arbeit stimmt natürlich – auch. Wie sie heute vorgetragen wird, mobilisiert sie jedoch Illusionen. Sie lockt uns in die Falle der Arbeitsgesellschaft. Sie suggeriert, dass die Arbeitsgesellschaft eine gute Gesellschaft sein könnte. Die Forderung nach Befreiung in der Arbeit wird zum Gegenprogramm der Forderung nach Befreiung von der Arbeit. Die große Idee der Befreiung von der Arbeit wird uns abgekauft für die Illusion einer Befreiung in der Arbeit.

Geschrieben von:

Hans-Jürgen Arlt

Professor für strategische Organisationskommunikation