Wirtschaft
anders denken.

»Gute Lohnarbeit« oder »Bullshit-Jobs«? Zum DGB-Index über die Qualität abhängiger Beschäftigung 

15.11.2017
Mattbuck / CC-BY-SA 4.0

Der Gewerkschaftsbund DGB hat seinen jährlichen Index zur Qualität der Lohnarbeit veröffentlicht. Ein Ergebnis: Ein Drittel der Beschäftigten glaubt nicht, dass ihre Tätigkeit einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten.

Der DGB-Index heißt »Gute Arbeit«, es geht bei dieser jährlichen Umfrage aber natürlich aus gewerkschaftlicher Perspektive eher darum, den Abstand zu vermessen, den Beschäftigte noch vor sich sehen, bevor das, was ihr Job ist, auch eine aus ihrer Sicht gute Arbeit wäre. Da geht es etwa um das Einkommen, wo der diesjährige Index den schlechtesten Wert ausweist; oder um den »Sinn der Arbeit«. Laut DGB-Maßstab liegt hier die Zufriedenheit mit 80 Punkten am höchsten, ein Wert, bei dem laut Gewerkschaftsdachverband die Grenze zur »Guten Arbeit« beginnt.

Man fragt sich: Kann das sein? Ist ausgerechnet der »Sinn der Arbeit« das, woran Beschäftigte hierzulande nichts zu meckern haben? Haben wir nicht gerade noch über David Graebers »Bullshit-Jobs« nachgedacht, also die Zunahme von eigentlich überflüssigen Arbeitsgelegenheiten? Oder um es den Autor selbst sagen zu lassen: »Riesige Schwaden von Menschen, besonders in Europa und Nordamerika, verbringen ihr gesamtes Berufsleben damit, Tätigkeiten zu verrichten, die sie insgeheim als nicht notwendig einschätzen. Der moralische und seelische Schaden, der durch diese Situation entsteht, ist beträchtlich. Es ist eine Narbe, die sich über unsere kollektive Seele zieht. Dennoch spricht so gut wie niemand darüber«, so Graeber dieser Tage auch noch einmal auf »Krautreporter«.

Ungefähr jeder Sechste sieht sich offenbar in einem »Bullshit-Job«

Schaut man sich den DGB-Index genauer an, der in diesem Jahr seinen Schwerpunkt auf die Vereinbarkeit von Job, privaten Interessen und Familie legt, sieht es mit dem »Sinn der Arbeit« schon nicht mehr ganz so rosig aus. Wohlgemerkt, es geht hier um die Lohnarbeit.

Auf die Frage »Haben Sie den Eindruck, dass Sie mit Ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten?«, antworteten zehn Prozent der Befragten mit »gar nicht« und weitere 23 Prozent mit »in geringem Maße« – das ist immerhin ein Drittel. Wenn es darum geht, ob die einzelne Tätigkeit »einen wichtigen Beitrag für Ihren Betrieb« leistet, sagen insgesamt 11 Prozent, diesen Eindruck hätten sie »gar nicht« oder nur »in geringem Maße«. Die Differenz zeigt, dass die Beschäftigten sehr wohl zwischen gesellschaftlichen und betrieblichen Interessen Unterscheiden können. Was als »wichtiger Beitrag« bei einem sagen wir: SUV-Hersteller gilt, tut das in gesellschaftlichem Maße nicht ebenso. Auf die Frage, wie sich die Beschäftigten mit Ihrer Arbeit identifizieren, antworteten 16 Prozent »gar nicht« oder nur »in geringem Maße«. Mit Graebers Worten: Ungefähr jeder Sechste sieht sich offenbar in einem »Bullshit-Job«.

Fortschritt wird nicht zur Reduzierung der Arbeitszeit genutzt

Graeber übrigens hat seine Überlegungen dazu unter anderem im Magazin »Strike!« veröffentlicht, man kann das auch hier lesen. Er knüpft an »Economic Possibilities for our Grandchildren« von John Maynard Keynes an, der 1930 prognostiziert hatte, dass der technologische Fortschritt und wachsende Produktivität binnen 100 Jahren dazu führen würden, dass die Menschen von den »drückenden wirtschaftlichen Sorgen erlöst« seien und enorm viel Freizeit haben würden. Karl Marx hätte sich über den Zuwachs von diposable time sicher gefreut: Keynes jedenfalls glaubte, dass dann »Drei-Stunden-Schichten oder eine Fünfzehn-Stunden-Woche« völlig ausreichend seien.

Stattdessen wird die durch Automatisierung, Digitalisierung, Fortschritt und so weiter gewonnene Zeit »nicht zu einer Reduzierung der Arbeitszeit genutzt oder dazu, dass die Menschen ihre eigenen Projekte, Visionen und Ideen verwirklichen können. Stattdessen sehen wir, wie der Dienstleistungssektor aufgebläht wird, sei es in der Verwaltung oder in der Schaffung von neuen Bereichen im Finanzwesen, Telemarketing oder der historisch einmaligen Ausdehnung von Unternehmensrecht, Gesundheitsadministration, Personalwesen und Public Relations«, schreibt Graeber.

Nun wird sich nicht jeder, der in einer dieser Branchen tätig ist, das Urteil, er sei in einem »Bullshit-Job«, gefallen lassen. Aber der DGB-Index »Gute Arbeit« zeigt eben auch, dass für einen nicht unbeträchtlichen Teil der Beschäftigten die abhängige Tätigkeit genau das zu sein scheint: zumindest gesellschaftlich mehr oder weniger unnütze Arbeit.

Der Arbeitspsychologe Felix Frei hat unlängst im »Tagesanzeiger« darauf verwiesen – wie Graeber -, dass es nicht zuletzt Jobs sind, deren Inhalt darin besteht, etwas oder andere zu kontrollieren, zu überwachen. »Wenn etwa Männer im Anzug stundenlang vor einer Uhrenboutique stehen müssen und warten, dass oder ob etwas passiert. Das muss grauenhaft sein«, so Frei. »Zudem nimmt das Bedürfnis nach Kontrolle immer weiter zu. Für so viele erwachsene Menschen, die einer Tätigkeit nachgehen, gibt es andere Erwachsene, die ihnen über die Schulter schauen. Auch das sind für mich Bullshit-Jobs.«

Im »Stern«-Ableger »Neon« konnte man vor ein paar Wochen die Geschichte von Joaquín García lesen, einem Ingenieur, der in ein Wasserwerk versetzt worden war, um den Bau eines Klärwerks zu überwachen. Als der Mann für langjährige Dienste ausgezeichnet werden sollte, stellte sich heraus – er war seit sechs Jahren nicht zur Arbeit gegangen. »Die Wasserwerke gingen davon aus, dass García dem Stadtrat unterstellt war, und der Stadtrat ging davon aus, dass García den Wasserwerken unterstellt war. Am Ende kümmerte sich keiner darum, was der Mann tat oder nicht tat.« Wahrscheinlich wäre auch der Bau des Klärwerks ohne ihn vorangekommen.

»Joaquín García war sechs Jahre nicht zur Arbeit gegangen, ohne dass es jemandem auffiel«, dafür wurde er juristisch belangt. Aber, schreibt das Magazin weiter, »wäre es nicht viel trauriger gewesen, wenn García sechs Jahre zur Arbeit gegangen wäre und es wäre niemandem aufgefallen?«

Geschrieben von:

Svenja Glaser