Wirtschaft
anders denken.

Ham’se nich’ noch Altpapier

19.12.2017
Stefan Kühn / CC0 1.0

In der DDR ließ man Sekundärrohstoffe staatlich gelenkt sammeln. Das »geniale System« brach im Kapitalismus zusammen. Ein kurzer Rückblick auf Sero, Emmy und die Altstoffsammler – aus dem OXI-Schwerpunkt zur politischen Ökonomie des Abfalls.

Das endgültige Aus kam erst Jahre später und machte schon kaum noch Schlagzeilen: 2002 wurde die Pleite des »ehemaligen ostdeutschen Vorzeigeunternehmen Sero« vermeldet. Die Ursprünge dieser Firma lagen in der frühen DDR, bis zu deren Ende wurden »Sekundärrohstoffe« staatlich gesammelt.

Rund 11.000 Menschen waren in dieser Form der Recyclingwirtschaft beschäftigt. Es gab über 5.000 private Gewerbetreibende, deren Geschäft im Aufkauf von Altglas, Zeitungen, Lumpen oder leeren Sprayflaschen bestand. In staatlichen Sero-Annahmestellen und mobilen Stationen arbeiteten kurz vor der Wende rund 1.400 Menschen. Es gab Hunderte regelrechte Nebenberufs-Sammler, die mit Kindern um leere Flaschen und »Thermoplaste« konkurrierten – das Maskottchen »Emmy« sollte zum »Aufspüren und Wiederverwerten« motivieren. »Ham’se nich’ noch Altpapier« hieß es dann an den Wohnungstüren, der Spruch fand sogar Eingang ins ostdeutsche Liedgut. Mitunter stand die Sammelei im Zeichen von Solidaritätsaktionen.

30 Pfennig für ein Kilo Altzeitungen

Dass es für die »Altstoffe«, so seinerzeit der Sprachgebrauch, auch Geld gab, machte die Sache noch attraktiver. Für ein Kilogramm Altzeitungen gab es Mitte der 1980er Jahre 30 Pfennig, ebenso für Konservengläser. Leere Flaschen waren mit 5 bis 20 Pfennig taxiert. Für ein Kilogramm Altkleider bekam man eine halbe DDR-Mark. Das konnte sich leicht summieren und war auch angesichts eines durchschnittlichen DDR-Bruttoeinkommens Ende der 1980er Jahre von etwa 1.300 Mark relativ viel Geld.

So kam einiges zusammen. 1989 wurden in der DDR rund 11.000 Tonnen Plasteabfall recycelt, 422.000 Tonnen Schrott gesammelt und 620.000 Tonnen Altpapier wieder in die Produktion zurückgelenkt. Das ging nicht ohne Subvention, die den Anreiz erst ermöglichte. Zahlen aus der Endzeit der DDR illustrieren, was das kostete – damals war von rund zehn Millionen DDR-Mark pro Monat die Rede.

Aber das lohnte sich durchaus. Das staatliche Motiv für die Errichtung einer so umfangreichen Recyclingwirtschaft war dabei nicht in erster Linie die Müllvermeidung. Vielmehr sorgte das Sero-Kombinat für eine Entlastung der in der DDR stets angespannten Rohstoffsituation und wurde so auch als Hebel gegen Devisenknappheit genutzt. 1989 sollen Rohstoffimporte im Wert von drei Milliarden DDR-Mark durch die Wiederverwertung eingespart worden sein.

Auch ein Hebel gegen Devisenknappheit

Dass gesammelter und wiederverwerteter Abfall aber auch die Müllberge begrenzt, war ein willkommener Nebeneffekt. Und einer, der auch in der Wendezeit eine gewisse Popularität hatte. »Das international anerkannte System ist es wert, in die deutsche Einheit eingebracht zu werden«, hoffte der letzte DDR-Umweltminister Karl-Hermann Steinberg – ein CDU-Politiker. Doch das staatliche Sammelsystem brach im Jahr 1990 mit hoher Geschwindigkeit zusammen.

Die Gründe sind vielfältig – so konnten die Aufkaufpreise nicht mehr gehalten werden, das ehemals volkseigene Sero-System wurde in GmbHs überführt, als Dach fungierte zunächst eine Holding unter Kontrolle der Treuhandanstalt. Auch hinterließ »die neue Zeit« rasch ihre Spuren. Der »Spiegel« formulierte es 1990 einmal so: »Mit der Wirtschaftsunion kommt die Wegwerfgesellschaft.« Das schlug sich auch in Zahlen nieder: Produzierte eine Person 1989 in der DDR noch 380 Kilogramm Abfall, waren es Ende 1990 bereits rund 570 Kilogramm – das entsprach den Zahlen aus dem Westen.

Selbst bei der Treuhandanstalt, sonst nicht eben eine behördliche Gegnerin der marktwirtschaftlichen Verhältnisse, beklagte man das Ende von Sero-Ost. Dies sei ein »geniales System«, so wurde damals Wolf Schöde zitiert, der Sprecher der Privatisierungsbehörde: »Ein geniales System, das unter dem Kapitalismus zusammenbricht.«

Geschrieben von:

Vincent Körner