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Handicap erwünscht: Computer-Recycling mit Effekt

31.08.2017
Mann mit Handicap am Arbeitsplatz, repariert LaptopFoto: AFBErfolgsmodell AfB: Behindertengerechtes Arbeiten an 17 Standorten, soziale Verantwortung und wirtschaftlicher Erfolg.

In den Regalen der IT-Hardware-Firma AfB stapeln sich Laptops, daneben lagern Dutzende Bildschirme, Beamer und Drucker: Hier sieht es aus wie in einem ganz normalen IT-Hardwareladen. Doch bis vor Kurzem standen die hochwertigen Geräte in Büros von Siemens, der Postbank, einer Stadtverwaltung oder des ZDF. Für die Käufer ist das nicht mehr feststellbar, denn alle Daten sind gelöscht. Die Preise sind günstig, Service und Beratung gut, auf alles gibt es ein Jahr Garantie – der Laden läuft.

»Wir verbinden Soziales mit wirtschaftlichem Erfolg«, sagt Lars Keller, der die AfB-Niederlassung im baden-württembergischen Ettlingen leitet. Die Abkürzung steht für »Arbeit für Menschen mit Behinderungen GmbH«. Über 250 Angestellte verdienen ihr Geld an inzwischen 17 Standorten des Unternehmens in Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz; die Hälfte von ihnen hat ein physisches, psychisches oder geistiges Handicap.

Bei AfB ist es kein Nachteil, einen Schwerbehindertenausweis vorweisen zu können.

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Die Geschäftsidee kam Unternehmensgründer Paul Cvilak vor knapp 15 Jahren, als er viel Geld mit mehreren Firmen für Computerleasing verdiente. Eines Tages fragte ihn ein Kunde, ob er nicht auch die sichere Löschung seiner Daten übernehmen könnte. Cvilak war überzeugt, dass das in Deutschland »nicht darstellbar« sei; schließlich dauert so etwas pro Festplatte manchmal mehrere Stunden. Da kam er auf die Idee, bei einer benachbarten Behindertenwerkstatt der Caritas nachzufragen, wohl wissend, dass die immer händeringend nach Aufträgen suchte. Die Beschäftigten waren begeistert, mit Computern arbeiten zu können, und fühlten sich durch die eher monotone Arbeit nicht überfordert. Der Auftraggeber war ebenfalls zufrieden, und so entschloss sich Paul Cvilak, eine kleine Firma mit vier Angestellten an seinem Wohnort Ettlingen zu gründen und dafür die Gemeinnützigkeit zu beantragen.

Misstrauische Behörden

Die Sozialbehörden beäugten ihn misstrauisch und vermuteten niedere Beweggründe: Schließlich gibt es für die Beschäftigung von Behinderten Kostenzuschüsse von Ämtern und Sozialversicherungsträgern. Dass Cvilak ein Geschäftsfeld entdeckt hatte, bei dem sich Behinderte als besonders geeignet erwiesen hatten, war für sie unvorstellbar.

Das neue Angebot fand zunehmend Kundschaft. Zum einen war inzwischen klar, dass es gefährlich werden konnte, PCs mit Firmendaten einfach zu entsorgen. Zum anderen schadet es dem Firmenimage, wenn Elektronikschrott irgendwo in Afrika auftaucht. Das Argument, dass durch die Weiterverwendung der Geräte Rohstoffe gespart werden, kam Cvilak damals noch gar nicht in den Sinn. »Alle redeten von Green-IT und dass neue Geräte weniger Strom verbrauchen.« Vor allem aber weil die Softwareprogramme immer aufwendiger werden, ersetzen viele Firmen ihren Computerpool alle 12 bis 36 Monate.

Stellenprofil Handicap

Im ebenerdigen Büro der Ettlinger Firmenzentrale sitzt Julian Stolz und beendet dieser Tage seine Ausbildung zum IT-Systemkaufmann. Der 22-Jährige ist froh, hier auch künftig sein Geld zu verdienen: »Ich beschäftige mich sehr gerne mit PCs und freu mich, wenn ich die Probleme von Kunden lösen kann.« Per Telefon und E-Mail beantwortet er technische Anfragen, stellt Produkte in den Online-Shop und findet im Gespräch heraus, welche Hardware ein Käufer tatsächlich braucht. Auf die AfB aufmerksam gemacht hatte ihn ein Berater bei der Arbeitsagentur, nachdem er sich vergeblich bei vielen anderen Firmen beworben hatte. »Wenn man im Rollstuhl sitzt und mittlere Reife hat, ist es sehr schwer, einen Ausbildungsplatz zu finden«, berichtet der junge Mann. Hier aber werde er behandelt wie jeder andere – und das sei gut so.

Niederlassungsleiter Keller, der zugleich Sozialarbeiter für das Gesamtunternehmen ist, bestätigt: »Wir sind eigentlich ein ganz normaler Betrieb.« Werde eine Stelle neu ausgeschrieben, formulierten die Zuständigen wie überall sonst auch das Anforderungsprofil. »Nur ist es bei uns kein Nachteil, einen Schwerbehindertenausweis vorweisen zu können.« Entsprechend dem Grad, zu dem die Leistungsfähigkeit eines Beschäftigten eingeschränkt ist, bekommt das Unternehmen Lohnkostenzuschüsse vom Integrationsamt. Ansonsten aber trägt sich die Firma wirtschaftlich selbst, zahlt branchen- und ortsübliche Löhne und ist weder auf Spenden noch Förderprogramme angewiesen.

Geschäftsführer Cvilak wird inzwischen häufig zu Kongressen eingeladen, nachdem seine Firma 2012 den deutschen Nachhaltigkeitspreis gewonnen hat. Vor allem die Zigarettenpausen nutzt er, um Kontakte zu Türöffnern bei großen Unternehmensvorständen zu knüpfen. Gelingt es ihm, Zugang in die Chefetagen zu bekommen, hat die AfB fast immer den nächsten Großauftrag sicher.

Dieser Beitrag erschien in OXI 7/2017.

Geschrieben von:

Annette Jensen

Journalistin