Wirtschaft
anders denken.

Historisch progressive Durchgangsform: zur Eigentumsfrage

24.02.2019
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In der Linken wurde der Eigentumsbegriff lange Zeit als eine Art politisch-theoretischer Universalschlüssel angesehen. Doch Gesellschaftsveränderung soll nicht immer nur im »Frontalangriff« auf die kapitalistische Entwicklung gedacht werden – sondern mit ihr.

Seit Beginn der bürgerlichen Gesellschaft steht das Eigentum in der Kritik, man denke nur an den vielzitierten Satz »Eigentum ist Diebstahl« von Pierre-Joseph Proudhon, Zeitgenosse von Karl Marx, wozu Letzterer aber bemerkte, dass »die Frage: ›Qu’est-ce que la propriété?‹ … nicht beantwortet werden konnte mit einer Invektive, sondern nur durch Analyse der modernen ›politischen Ökonomie‹«. 

Mit Rückgriff auf die Kritik der politischen Ökonomie lässt sich denn auch der oft moralisch aufgeladene und »ordnungspolitisch« festgefügte Grundbegriff Eigentum verflüssigen, das heißt in soziale Beziehungen und das bedeutet innerhalb der Produktionsverhältnisse in Aneignungsverhältnisse auflösen. »Alle Produktion ist Aneignung der Natur vonseiten des Individuums innerhalb und vermittelst einer bestimmten Gesellschaftsform. In diesem Sinn ist es Tautologie zu sagen, dass Eigentum (Aneignen) eine Bedingung der Produktion sei. Lächerlich aber ist es, hiervon einen Sprung auf eine bestimmte Form des Eigentums, zum Beispiel des Privateigentums, zu machen. (Was dazu noch eine gegensätzliche Form, die Nichteigentum ebensowohl als Bedingung unterstelle.) … Dass aber von keiner Produktion, also auch von keiner Gesellschaft die Rede sein kann, wo keine Form des Eigentums existiert, ist eine Tautologie. Eine Aneignung, die sich nichts zu eigen macht, ist contradictio in subjecto«, so Marx. 

Jeder gesellschaftliche Produktionsprozess ist also immer zugleich Aneignungsprozess des produzierten Reichtums und resultiert damit in Eigentumsverhältnissen, die dann über Recht, Politik und staatliche Sanktionsgewalt gesellschaftlich weiter ausgestaltet und befestigt werden. Diese Ausgestaltung war aber geschichtlich immer umkämpft und daher im Kapitalismus offen für Einwirkungen der Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung.

In der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie erweist sich so die bürgerlich-kapitalistische Eigentumsform als eine historisch progressive Durchgangsform, in der durch die Trennung der unmittelbaren Produzenten von ihren Produktionsbedingungen (in Form der Lohnarbeit) alle objektiven und subjektiven Potenzen der gesellschaftlichen Arbeit auf dem Wege zyklischer Revolutionierung der Arbeitsprozesse und Verwissenschaftlichung der Produktion entwickelt und so die Bedingungen einer höheren Eigentumsform geschaffen werden.

Marx schreibt: »Zwei Hauptfacts der kapitalistischen Produktion: Erstens Konzentration der Produktionsmittel in wenigen Händen, wodurch sie aufhören, als unmittelbares Eigentum des einzelnen Arbeiters zu erscheinen, sondern als Potenzen der gesellschaftlichen Produktion, wenn auch noch zunächst als Eigentum der nicht arbeitenden Kapitalisten; diese sind ihre trustees (Verwalter) in der bürgerlichen Gesellschaft und genießen alle Früchte dieser Trusteeschaft. Zweitens: Organisation der Arbeit selbst als gesellschaftliche durch Kooperation, Teilung der Arbeit und Verbindung der Arbeit mit den Resultaten der Herrschaft über die Naturkräfte. Nach beiden Seiten hin hebt die kapitalistische Produktion Privateigentum und Privatarbeit auf, wenn auch noch in gegensätzlichen Formen.«

Zusammenhang von Kapitalismus und Demokratie

In der sozialistischen und kommunistischen Linken wurde der Eigentumsbegriff lange Zeit als eine Art politisch-theoretischer Universalschlüssel angesehen, mit dem man im Kapitalismus sowohl die (Lenin’sche) Machtfrage »Wer – Wen?« stellen als auch die Notwendigkeit des Sozialismus begründen zu können glaubte. 

Eigentum wurde mit dem Kapital identifiziert und daraus dann die politische Macht abgeleitet. Die Monopole instrumentalisieren den Staat, was zur neuen Eigentums- und Herrschaftsform eines Staatsmonopolistischen Kapitalismus führe. Aber in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft bestimmen die Eigentumsverhältnisse in der Ökonomie nicht unmittelbar die Politik wie in vorbürgerlichen, feudalen Strukturen, sondern jenseits ihrer »antagonistischen« Eigentümerposition als Kapitalist und Lohnarbeiter sind beide Akteure als bürgerliche Marktsubjekte gleich, und als Staatsbürger mit gleichen Rechten bestimmen sie den politischen Willensbildungsprozess. Die Eigentums- und Machtfrage von links muss also den Zusammenhang von Kapitalismus und Demokratie berücksichtigen.

Entwicklungsdimension innerhalb des Kapitalismus

Genauso ist die Kurzformel vom Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung zu differenzieren. Damit wird zwar richtig erfasst, dass der Kapitalismus auf kooperativen und gesellschaftlichen Formen der Lohnarbeit beruht, die den Resultaten ihres Produktionsprozesses gegenüber entfremdet bleibt und sie nicht kollektiv mit Bewusstheit aneignet, was ja gerade die Notwendigkeit des Sozialismus begründen soll. 

Aber auch hier gilt es, eine Entwicklungsdimension noch innerhalb des Kapitalismus zu berücksichtigen, die eine einfache Gegenüberstellung von eigentumsloser Lohnarbeit und kapitalistischem Privateigentum verkompliziert. Im entwickelten Kapitalismus findet eine Ausdifferenzierung von Aneignungsmöglichkeiten gesellschaftlichen Reichtums und damit eine Pluralität von Eigentümerpositionen statt, die im Wesentlichen im Kreditverhältnis begründet ist. Von hierher rührt die gängige Vorstellung, dass im Kapitalismus jeder seines Glückes Schmied sein kann, jenseits aller Klassenschranken, und damit auch seine Eigentümerposition wechseln oder erweitern kann – zum Beispiel der Facharbeiter als »Kollege Aktionär«. 

Auf diese politisch legitimatorische und bewusstseinsmäßige Bedeutung des Kapitals als zinstragendes Kapital, das einen ganzen »Kreditüberbau« von Eigentumstiteln hervorbringt, hat auch Marx hingewiesen: »Selbst wo ein vermögensloser Mann als Industrieller oder Kaufmann Kredit erhält, geschieht es in dem Vertrauen, dass er als Kapitalist fungieren, unbezahlte Arbeit aneignen wird mit dem geliehenen Kapital. Es wird ihm Kredit gegeben als potenziellem Kapitalisten. Und dieser Umstand, der so sehr bewundert wird von den ökonomischen Apologeten, dass ein Mann ohne Vermögen, aber mit Energie, Solidität, Fähigkeit und Geschäftskenntnis sich in dieser Weise in einen Kapitalisten verwandeln kann.«

Nun hat allerdings die Dynamik des Kredit- und Finanzmarktes dazu geführt, dass die Vervielfältigung von Vermögenstiteln und Eigentümeransprüchen an den Resultaten der Wertschöpfungsprozesse diese belastet und enorm unter Druck setzt und so auf allen gesellschaftlichen Ebenen Disproportionen und krisenhafte Fehlentwicklungen hervorruft. Der Kapitalismus gerät so in eine Legitimationskrise, da der bürgerlich-besitzindividualistische Zusammenhang von Arbeit – Leistung – Einkommen – Aneignung – Eigentum immer wieder aus den Fugen gerät und die Akzeptanz der Eigentumsordnung untergräbt. 

Idealisierung ausgeglichener Eigentümergesellschaften

Aufgeklärtere Vertreter der politischen Klasse, die diese Entwicklungstendenzen nicht einfach neoliberal schönreden, sprechen dann auch davon, dass die kapitalistische Eigentumsordnung »Maß und Mitte« verloren habe. Diese »ideologische Krise« ist mit der Grund dafür, dass in den letzten Jahren verstärkt für eine Neubegründung der sozialen Marktwirtschaft plädiert wird und Ludwig Erhard in aller Munde ist. Mit »Wohlstand für alle« sei die kapitalistische Marktwirtschaft eine ausgeglichene Eigentümergesellschaft für alle gewesen.

Eine vergleichbare Idealisierung findet sich auch bei dezidiert kapitalismuskritischen und antikapitalistisch-sozialistischen Positionen. So argumentierte beispielsweise Oskar Lafontaine in der Eigentumsfrage exemplarisch in Absetzung vom ehemaligen sozialdemokratischen Parteifreund: »Schröder ist bei seinen Positionen geblieben, während ich meine noch mehr ins Grundsätzliche präzisiert habe: Eigentum sollte nur durch eigene Arbeit entstehen und nicht dadurch, dass man andere für sich arbeiten lässt. Darauf ist die Gesellschaft aufzubauen.« (SZ, 27. 9. 2013) 

Abgesehen davon, dass das moderne kapitalistische Privateigentum historisch gerade auf dem »Grab« des Eigentums durch eigene Arbeit beruht, werden bei dieser Art von Kapitalismuskritik nur wieder die ordnungspolitisch durchaus wirksamen Grundprinzipien der kapitalistischen Marktsphäre – »in der Tat ein wahres Eden der angebornen Menschenrechte. Was allein hier herrscht, ist Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham« (Marx) – der Dynamik kapitalistischer Reichtumsentwicklung entgegengehalten, in deren Verlauf, wie aktuell zu sehen, »alle Maßstäbe, alle mehr oder minder innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise noch berechtigten Explikationsgründe verschwinden. Was der spekulierende Großhändler riskiert, ist gesellschaftliches, nicht sein Eigentum.« 

Aber dagegen hilft kein Zurück zu der Formel »Eigentum nur durch eigene Arbeit«. Im Gegensatz dazu geht Marx sogar so weit – entgegen einer weitverbreiteten Kritik an den Eigentumsformen des Aktionärskapitalismus –, in der Rolle des Kredits und der Bildung von Aktiengesellschaften Entwicklungsformen von Gesellschaftskapital auszumachen, die zugleich Möglichkeiten und Ansatzpunkte für weiterführende »Changes der kapitalistischen Produktionsverhältnisse« bieten. 

Kleinkarierte Verteufelung des Privateigentums

Worin ist eine solche Sichtweise begründet? Marx: »In den Aktiengesellschaften ist die Funktion getrennt vom Kapitaleigentum, also auch die Arbeit gänzlich getrennt vom Eigentum an den Produktionsmitteln und an der Mehrarbeit. Es ist dies Resultat der höchsten Entwicklung der kapitalistischen Produktion ein notwendiger Durchgangspunkt zur Rückverwandlung des Kapitals in Eigentum der Produzenten, aber nicht mehr als das Privateigentum vereinzelter Produzenten, sondern als das Eigentum ihrer als assoziierter, als unmittelbares Gesellschaftseigentum. Es ist andrerseits Durchgangspunkt zur Verwandlung aller mit dem Kapitaleigentum bisher noch verknüpften Funktionen im Reproduktionsprozess in bloße Funktionen der assoziierten Produzenten, in gesellschaftliche Funktionen.«

Die These innerhalb der Marx’schen »Kritik der politischen Ökonomie« vom privatkapitalistischen Eigentum als einer historisch progressiven Durchgangsform ist ernst zu nehmen und kann nicht durch eine kleinkarierte Verteufelung des Privateigentums ersetzt werden. 

In der kapitalistischen Gesellschaftsformation entwickeln sich – wenn auch in höchst widersprüchlichen Formen – ein universeller Stoffwechsel und allseitige Bedürfnisentwicklung gerade durch die »Losreißung der Individualität von den ursprünglich … gemütlichen Banden … der primitiven Gemeinwesen« (Marx) und damit »rohen« Formen von Gemeineigentum, und – im Zuge politischer Emanzipationsbewegung – durch die Transformation in persönliche Unabhängigkeit, die jetzt auf ein System sachlicher Abhängigkeit innerhalb eines dynamischen, marktvermittelten ökonomischen Reproduktionszusammenhangs gegründet ist. 

Linke Schwierigkeiten, sich auf Transformationsprozesse einzulassen

Da der Kapitalismus kein historisch allemal feststehender »Kristall«, sondern ein »wandlungsfähiger Organismus« (Marx) ist, kommt es im historischen Verlauf mit den Entwicklungsetappen der großen Industrie, den Rationalisierungsansätzen eines »organisierten Kapitalismus« in der Zwischenkriegszeit, der internationalen Durchsetzung des Fordismus nach dem Zweiten Weltkrieg und mit den zunehmenden Finanzialisierungsschüben in den Wertschöpfungsketten seit Beginn der 1980er Jahre zu Transformationen kapitalistischer Unternehmens- und Eigentumsstrukturen, die in bestimmten zeitgeschichtlichen Phasen und Konstellationen politischer Kräfteverhältnisse die kapitalistischen Eigentumsstrukturen für gesellschaftliche Steuerung und regulierende Gestaltung öffnen – wie nach dem Ersten Weltkrieg und im Fordismus –, aber auch wieder durch Privatisierungswellen wie in den Blütezeiten des Neoliberalismus zu Schließungsprozessen führen. 

Nicht zuletzt aufgrund einer intransigenten (unversöhnlichen) Frontstellung gegen Privateigentum und Markt tat sich die sozialistische und kommunistische Linke immer schwer damit, sich auf Transformationsprozesse in Richtung Kooperativunternehmungen und Genossenschaften bei Beibehaltung von Marktsteuerung politisch-gestalterisch einzulassen. 

Auch im staatssozialistischen Entwicklungsweg, insbesondere in der frühen Sowjetunion, stand die genossenschaftliche Eigentumsform immer in dem Verdacht eines Zugeständnisses an die kapitalistische Marktwirtschaft und galt als nicht entschieden genug für die antikapitalistische Aufhebung des Privateigentums. Es gelang weder im Realsozialismus, verschiedenen Eigentumsformen, die es entweder als historisch überkommene in den 1920er Jahren in der Sowjetunion (von Resten der Dorfgemeinde über die Bauern bis zu Formen städtischer Lohnarbeit) oder im Zuge von Modernisierung und Reformen 1960ff. in den RGW-Staaten (von Kombinaten über Kommissionäre bis zu einfachen Warenproduzenten) gab, politisch angemessen und differenziert Rechnung zu tragen, noch im Kapitalismus, die Mächtigkeit des bürgerlichen Eigentümersinns und des damit verbundenen Leistungsgedankens, die auch in den subalternen Klassen der Eigentümer der Ware Arbeitskraft wirksam sind, im gegenhegemonialen Stellungskrieg gegen das kapitalistische Privateigentum ernst zu nehmen.

Eigentum im Sinne der Kritik der politischen Ökonomie ist daher nicht nur Ausdruck von Produktionsverhältnissen, sondern immer auch mit Produktivkraftentwicklung, Innovation, (individueller) Motivation und ideologischer Legitimation verbunden – und damit zentral auch eine Frage des Alltagsbewusstseins im Kapitalismus und der politischen Herausforderung, dieses emanzipatorisch zu verändern. 

Diskussion um »Wirtschaftsdemokratie von unten«

Das gilt gerade für die »eigentumslosen« LohnarbeiterInnen, die als Marktteilnehmer und Revenuequellenbesitzer auch an der wirkmächtigen »ökonomischen Alltagsreligion« eines bürgerlichen Besitzindividualismus partizipieren. Gerade die postfordistische Entfesselung des Kapitalismus – erhöhte Flexibilität und die verschiedensten Varianten von Marktöffnungsprozessen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilbereichen – setzt mit ihrer Internalisierung des Marktes in Unternehmensstrukturen bezogen auf das lebendige Arbeitsvermögen immer wieder den oben schon betrachteten zwieschlächtigen Prozess von konkurrierenden Marktsubjekten und erhöhter Subjektivität in der Arbeit mit Kompetenz, Empowerment und inklusionsfähiger Solidarität frei – Eigenschaften, die die Lohnarbeit im Unterschied zu allen anderen bisherigen Formen und Kulturen der Arbeit »zu einer ganz andren historischen Action befähigen« (Marx). 

An diesem Punkt geht die Analyse der alten Eigentumsfrage strategisch in die sich gegenwärtig neu belebende Diskussion um eine »Wirtschaftsdemokratie von unten« über – eine vielversprechende Transformationskonzeption. Unternehmerische Qualitäten, die aufseiten des kapitalistischen Privateigentums in bornierte und gesamtgesellschaftlich blinde Verwertungszwecke gebannt bleiben, entwickeln sich rhizomartig im Shopfloor der Unternehmen und Verwaltungen, sozusagen im »Maschinenraum« unserer Gesellschaft, als Fähigkeiten zur Selbststeuerung von Wertschöpfungsprozessen. 

Moderne Belegschaften sind damit viel direkter als in fordistischen Zeiten mit den kapitalistischen Rahmenbedingungen und damit der Gesamtheit kapitalistischer Eigentumsformen konfrontiert. Heute gilt: »Du bist Kapitalismus«, wie in der Zusammenführung von Kapitalismusanalyse, arbeitspolitischen Antworten und wirtschaftsdemokratischen Reformansätzen zugespitzt formuliert werden kann. Das birgt sprengendes Potenzial. 

Mit der Entgrenzung der Arbeit und der Internalisierung des Marktes im gegenwärtigen Finanzmarktkapitalismus wird der Ort der Wertschöpfung gegenüber seiner gesamtgesellschaftlichen Umwelt durchlässiger. In der konkurrenzvermittelten Kostenökonomie wird der Zusammenhang der Produktivkraft gesellschaftlicher Arbeit in den Betrieben und der gesamtgesellschaftlichen Verteilung der Produktivitätsgewinne sowie von Zeitwohlstand hergestellt, für kompetente Akteure transparent und sozialer Kritik sowie alternativen Unternehmensstrategien zugänglich. Denn diese Schnittstellen im gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsgefüge entscheiden über den Charakter mehr oder weniger zerstörerischer oder zivilisierender Regulierungen in den kapitalistischen Metropolen. 

Auf diesen »Knotenpunkt« in der kapitalistischen Betriebsweise muss sich auch eine Transformationskonzeption einer alternativen Wirtschaftspolitik beziehen: Ökologischer Umbau der Industriegesellschaft, ressourcensparende Produktqualität, Gruppenarbeit, Enthierarchisierung und Selbstqualifizierung der Beschäftigten sind letztlich nur durch eine weitergehende Emanzipation der assoziierten Arbeit auf betrieblicher und gesamtgesellschaftlicher Ebene zu haben.

Hier ist in der Formationsgeschichte von Lohnarbeit und Entfremdung im Kapitalismus zugleich die Anschlussstelle an die Diskussion um eine postfordistische Betriebsweise des Kapitals, die Plattform-Ökonomie, markiert. Diese hat zu ihrem Ausgangspunkt die Revolutionierung der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit und ihre Inbesitznahme durch das Kapital. 

Ambivalenzen und Paradoxien – und Potenzen?

Dieser organisatorische Knotenpunkt im komplexen Strukturaufbau entwickelter bürgerlich-kapitalistischer Gesellschaften, die Schnittstelle von betrieblicher Mikro- und gesamtwirtschaftlicher Makroebene, wird durch gegenwärtige Tendenzen in der Veränderung betrieblicher Arbeitsorganisation und Formen der Plattform-Ökonomie immer enger geknüpft. Eine vergleichbare Argumentation findet sich auch in der Kritik der politischen Ökonomie: Die Marx’schen Ausführungen zu »Teilung der Arbeit innerhalb eines Unternehmens und Teilung der Arbeit in der Gesellschaft« im ersten Band des »Kapitals« beinhalten weitreichende gesellschaftspolitische Dimensionen.

So erweisen sich die Ambivalenzen und Paradoxien innerhalb der Charaktere der Lohnarbeit als die eigentlichen zukunftsweisenden Vergesellschaftungspotenzen im Produktionsprozess des Kapitals, die ja gerade auch eine Entwicklung von Individualität mit einschließen und nicht wieder machttheoretisch in die beiden Pole gesellschaftlicher Arbeit – repräsentiert durch die klassenbewusste Lohnarbeiterschaft – und privater Aneignung – verkörpert durch kapitalistischen Privatbesitz – auseinanderdividiert werden dürfen. 

Denn sonst kann Gesellschaftsveränderung immer nur im »Frontalangriff« auf die kapitalistische Produktivkraftentwicklung gedacht werden, aber nicht mit ihr. Gerade in Letzterem aber besteht das Credo der Kritik der politischen Ökonomie – auch in der Eigentumsfrage. Von Anbeginn ist die Marx’sche Analyse darauf angelegt, nachzuweisen, dass sich die »materiellen Produktionsbedingungen« und die »Produktionsverhältnisse« als »Verkehrsverhältnisse« erweisen, »die ebenso viel Minen sind, um die bürgerliche Gesellschaft zu sprengen« (Marx). 

Verkehrsverhältnisse sind aber allemal mehr als einfache Klassenkampfkonstellationen. In sie gehen alle Errungenschaften der kapitalistischen Produktivkraftentwicklung mit ein, sowohl aufseiten des Kapitals wie der Lohnarbeit, die den Nexus von Privateigentum und Produktivkraftentwicklung aufheben und eine entwickeltere Gesellschaftlichkeit des Reproduktionsprozesses ermöglichen.

Auszug aus dem gerade erschienenen Buch Die Anatomie und Zukunft der bürgerlichen Gesellschaft. Wertschöpfung, Mystifizierung und Klassenverhältnisse im modernen Kapitalismus von Joachim Bischoff, Stephan Krüger und Christoph Lieber. VSA-Verlag Hamburg, 192 Seiten, 16,80 Euro. ISBN 978-3-89965-795-1. Infos und Bezug über vsa-verlag.de. Joachim Bischoff, Stephan Krüger und Christoph Lieber arbeiten seit vielen Jahren über die »Kritik der Politischen Ökonomie«. Von ihnen erschien 2017, zusammen mit Fritz Fiehler, bei VSA: Vom Kapital lernen.

Geschrieben von:

Joachim Bischoff

Mitherausgeber Sozialismus

Christoph Lieber

Stephan Krüger