Wirtschaft
anders denken.

»Ich tricks dich aus, du System!«

06.11.2018
Flickr, Joe Loong / CC BY-SA 2.0

Vom überwachenden »Führer« zum kontrollierenden »Sextoy«: Die industrielle Digitalisierung führt zu einem neuen Produktionsregime, in dem Warenproduktion, Datenverarbeitung und Kontrolle in ein und denselben Prozess fallen. Ein Update zum kybernetischen Kapitalismus. Ein Text aus dem Schwerpunkt der Oktoberausgabe über Linke und Technik.

Ich sitze an meinem Arbeitsplatz in der Fabrikhalle und schraube Steckdosenpaneele zusammen. Ich bin mir unsicher, wie der Konstruktionsprozess genau funktioniert, lehne mich immer wieder zu meinem Nebenmann hinüber und frage nach. Als der Teamleiter auf seiner Route durch die Halle an mir vorbeikommt, bleibt er sofort stehen und hält mir eine Standpauke. 

Es gebe einen vorgeschriebenen Abstand zwischen den Arbeitern, der einzuhalten sei, ansonsten komme es, wie sich hier bestätige, dauernd zu Gesprächen. Das lenke von der Arbeit ab. Schlussendlich sei Zeit doch immer Geld. Es ist Herbst 2017 und für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen: Ich habe ein Praktikum als ungelernter Monteur in einer Fabrik in Süddeutschland bekommen. Nun habe ich endlich die Möglichkeit, am eigenen Leib zu erfahren, was der kybernetische Kapitalismus für die Industriearbeit bedeutet. 

Zuvor hatte ich bereits soziologisch zur Kybernetisierung anderer Lebensbereiche gearbeitet. Besonders interessant schien mir dabei die sogenannte »Quantified Self«-Bewegung, die aus Personen besteht, die mittels digitaler Technologie ihre Lebensäußerungen überwachen, um sich auf dieser Grundlage selbst optimieren zu können. 

Permanente Optimierung aller Lebensbereiche

In einer Analyse von Werbung für diese Self-Tracking-Technologien stellte ich fest, dass der gesamte Diskurs von einer dezidiert ökonomischen Rhetorik durchzogen war. Potenzielle Kund_innen wurden als »Manager« angesprochen, auch wenn die Applikationen offensichtlich für den privaten Gebrauch gedacht waren. Nicht nur Fitness und Gesundheit, sondern auch das Pflegen von Freundschaften und die Frage, mit wem man auf welche Weise Kontakt halten solle, wurden zu einer Frage des »Managements« deklariert. Dieses Management, so die implizite Argumentation, die sich durch die Werbung zog, könne nur auf Grundlage einer umfassenden Buchführung über das Unternehmen des Selbst rational durchgeführt werden. 

Im kybernetischen Kapitalismus, so scheint es, ist die permanente Optimierung aller Lebensbereiche zur Voraussetzung für das erfolgreiche Verkaufen der eigenen Arbeitskraft geworden. Vor diesem Hintergrund kann die digitale Selbstüberwachung keineswegs als narzisstische Obsession einiger Nerds abgetan werden, wie es in der »kritischen« Berichterstattung gerne dargestellt wird. Wenn Selbstoptimierung zum essenziellen Bestandteil des Arbeitsprozesses wird, ist die Entstehung von Rationalisierungstechniken für diese Selbstoptimierung die logische Konsequenz. In diesem Sinne kann das Self-Tracking in der Tat als kybernetische Buchführung für das Unternehmen des Selbst verstanden werden.

Feedbackbasierte Selbstregulierung auf neuer Stufe

Ursprünglich wurde die Kybernetik im Zweiten Weltkrieg als »Wissenschaft von Kontrolle und Kommunikation« begründet. Sie plädierte für einen Modus der Kontrolle, der nicht auf einer deterministisch-hierarchischen Ordnung, sondern auf permanenter Datenerhebung und unmittelbaren Feedbacks beruhte. Diese sollten dann wiederum zur Selbstregulierung und Selbstoptimierung der Systeme führen. 

Die ursprünglichen Kybernetiker_innen konnten diese Konzepte vor allem deshalb nicht in die Praxis umsetzen, weil ihnen die entsprechende technologische Grundlage für Datenerhebung und Feedback fehlte. Heute sieht das jedoch ganz anders aus und darin liegt der Grund für die gegenwärtige Revitalisierung kybernetischer Steuerungsideen. 

Die gegenwärtige Welle der Digitalisierung besteht ganz zentral darin, dass fast alle technischen Geräte mit Sensorik ausgestattet werden und selbst Daten verarbeiten können. So wird die feedbackbasierte Selbstregulierung der Kybernetik zum ersten Mal in größerem Maßstab technisch realisierbar. 

Das, so meine Hypothese für die industrielle Digitalisierung, müsste zu einem neuen Produktionsregime führen, in dem Warenproduktion, Datenverarbeitung und Kontrolle in ein und denselben Prozess fallen: Produktionsmittel werden mit Sensorik ausgestattet, die es nicht nur erlaubt, den Produktionsprozess zu kontrollieren und optimieren, sondern auch, zusätzlich zum materiellen Produkt, Waren in Datenform (zum Beispiel Optimierungsmodelle) zu verkaufen und so Profite zu maximieren. 

Das kuriose Element der freiwilligen Selbstüberwachung

Ein zentraler soziologischer Unterschied zwischen Self-Tracking und industrieller Digitalisierung besteht in der Tatsache, dass Letztere in hierarchischen Organisationen stattfindet. In solchen expliziten Herrschaftssituationen können sich die »Nutzer_innen« der entsprechenden Technologien – also die Industriearbeiter_innen – nicht freiwillig für oder gegen die Nutzung entscheiden. 

Deshalb spielt das kuriose Element der freiwilligen Selbstüberwachung, das mich am Self-Tracking fasziniert hatte, in diesem Kontext kaum eine Rolle. Nichtsdestotrotz erwartete ich, dass ich in der Industrie ähnliche Kontrollmechanismen wie das Self-Tracking finden würde. Ich ging davon aus, dass die Mehrzahl der Arbeiter_innen durch eine Mischung aus Konkurrenzdruck und Unternehmensideologie zur Selbstoptimierung gedrängt werden könnte und damit auch die digitale Evaluation ihrer Arbeit akzeptieren würde. 

Ich begann damit, Interviews mit Manager_innen und Ingenieur_innen zu führen. So wollte ich mehr über ihre Ideen bezüglich der Digitalisierung lernen. Tatsächlich stellte sich heraus, dass die Visionen der Industriemanager_innen und Ingenieur_innen implizit und teilweise auch explizit auf das kybernetische Steuerungsmodell von feedbackbasierter Selbstregulierung zurückgriffen. 

So erklärte mir ein Manager der Fabrik, in der ich später das eingangs erwähnte Praktikum absolvieren würde: »Also, ich tracke ja alles. Wann fährt der Arbeiter den Tisch hoch, wie hält er den Lötkolben, alles.« Die Arbeiter bräuchten aber keine Angst zu haben, denn sein Ziel sei nicht die Überwachung, schon allein, weil kein Mensch mehr imstande sei, die riesigen Datenberge auszuwerten, die im Zeitalter des allgegenwärtigen Trackings anfallen. »Gib die Daten nicht mir als Vorgesetztem, gib sie dem Arbeiter selbst. Dann kann er schauen, wo bin ich langsamer als der andere, dann kann er sich selber tunen.«

Selbst die Erfahrung der digitalisierten Arbeit machen

In einem anderen Fall erklärte mir ein Ingenieur sein neues Produkt: ein Handschuh für manuelle Arbeit, der mit Sensoren in allen Fingergliedern ausgestattet ist, sodass er jede Fingerbewegung erfassen kann. Wenn dann eine unerwünschte Bewegung ausgeführt wird, vibriert der ganze Handschuh. Zusätzlich soll der Handschuh zukünftig in der Lage sein, Feedbacks für die Optimierung des Arbeitsablaufs zu geben. So bekomme der Arbeiter »ein unmittelbares Feedback, direkt an seinem Körper«, was ein »selbstorganisiertes Arbeiten« ermögliche. 

Sowohl der Manager als auch der Ingenieur schienen also direkt das kybernetische Steuerungsmodell der feedbackbasierten Selbstregulierung zur Anwendung zu bringen. Als ich dann jedoch den Arbeitsalltag in den angeblich voll kybernetisierten Fabriken selbst miterleben konnte, bot sich mir ein ganz anderes Bild.

Während viele Soziolog_innen ihren Studien hauptsächlich dadurch Aussagekraft verleihen, dass sie möglichst viele Menschen dazu bringen, Fragebögen auszufüllen, bringe ich eine andere Methode in Anschlag: Ich versuche die Erfahrung der digitalisierten Arbeit dadurch zu begreifen, dass ich mich ihr selbst aussetze. 

Diese Methode veränderte mein Verständnis davon, wie Arbeiter_innen mit der Digitalisierung umgehen, tiefgreifend. Ich hatte das Glück, vor und nach der Implementierung eines digitalen Assistenzsystems in einer Fabrik arbeiten zu können. Dieses System soll die Arbeiter_innen anleiten und evaluieren. 

Anfänglich sah es danach aus, als würde die Kontrollstrategie der feedbackbasierten Selbstoptimierung vollumfänglich aufgehen. Während meiner ersten Arbeitsphase wurden die Arbeiter_innen durch einen menschlichen Vorarbeiter kontrolliert. Dabei bedeutete jeder Akt der Disziplinierung einen persönlichen Konflikt. Als der Vorarbeiter mir einen Rüffel erteilte, weil ich zu nah am nächsten Arbeiter saß, solidarisierten sich die umsitzenden Kolleg_innen sofort. Als der Vorarbeiter weg war, erklärten sie, ich solle ihn nicht zu ernst nehmen, »der macht halt einen auf Führer«. 

Unwillkürlich erhöhte ich meine Arbeitsgeschwindigkeit

Als ich ein halbes Jahr später in die Fabrik zurückkehrte, wurde meine Arbeit von besagtem digitalem Assistenzsystem angeleitet. Auf einem Bildschirm wurde mir mit Fotos und Schriftzügen angezeigt, was ich zu tun hatte. Jeden Arbeitsschritt musste ich durch einen Klick bestätigen. Dann begannen auf dem Display die Zehntelsekunden zu rasen, sodass am Ende genau sichtbar war, wie lange ich an dem Produkt gearbeitet hatte. 

Noch immer kannte ich mich nicht gut aus in der Fabrik und als das System plötzlich ein Teil anzeigte, das ich noch nie gesehen hatte, dauerte es eine Weile, bis ich es gefunden hatte. Beim Abschluss des Produkts wurde mir angezeigt, dass ich um ein Dreifaches hinter meine durchschnittliche Arbeitszeit zurückgefallen war. Ich drehte mich zu meinem Sitznachbarn, um einen flapsigen Spruch loszuwerden, aber der starrte gebannt auf seinen Bildschirm und bemerkte mich nicht. Ich wandte mich wieder meinem Steckdosenpaneel zu. Unwillkürlich erhöhte ich meine Arbeitsgeschwindigkeit. 

Der Widerstand gegen die Disziplinierung schien also durch das Feedback des Systems und die Anrufungen zur Selbstoptimierung getilgt worden zu sein. Bald merkte ich jedoch, dass die Arbeiter_innen die Ideologie der Manager_innen keineswegs gekauft hatten.

Während die Arbeiter_innen sich vorher über ihre Vorgesetzten lustig gemacht hatten, taten sie das nun mit der digitalen Technologie. Der autonome Transportroboter, der in der Fabrik umherfuhr, wurde stets »Fiffi« genannt, weil er sich ständig verfuhr und trainiert werden musste wie ein besonders begriffsstutziger Hund. 

Strategien zur Aneignung der Technologien

Ein Regal, in dem besonders teures Werkzeug gelagert wurde, das mittels WLAN sofort registrierte wenn es entnommen wurde, bezeichneten die Arbeiter_innen nur als »Süßigkeiten-Automaten« und lagerten darin ihre Snickers-Riegel ein. Und der »smarte Handschuh«, der die Arbeiter_innen kontrollieren sollte, hieß aufgrund der Vibrationen nur »das Sextoy«. 

Anstatt in die Ideologie der Selbstoptimierung einzusteigen, benannten die Arbeiter_innen diese durchweg als Kontrollstrategie des Managements: »Du hast das Gefühl, du wirst permanent überwacht«, erklärt einer von ihnen. »Du bist immer im permanenten Wettstreit mit anderen, weil die Konkurrenz aufs Maximum gedrückt wird, entsteht dabei eine unglaubliche Belastung für den Kopf. Sollen wir denn alle Berufssportler werden? Alle müssen permanent rennen und der Beste sein.« 

Um diese Belastung zu reduzieren, entwickelten die Arbeiter_innen ihre eigenen Strategien zur Aneignung der Technologien: »Dann überlegt sich der ein oder andere schlaue Mitarbeiter: Ich tricks dich aus, du System! Ich bin schlauer als du. Dann mach ich eben einen Gang weniger. Und dann versuchen auch die Kollegen einen Gang weniger zu machen.« Tatsächlich waren die Arbeiter_innen sehr kreativ dabei, »das System auszutricksen«. 

Eines der digitalen Assistenzsysteme berechnete unter anderem die voraussichtliche Fehleranfälligkeit der Produktion. Wenn diese als gering angegeben wurde, überließen die Arbeiter_innen die Maschinen einfach sich selbst und legten eine zusätzliche Zigarettenpause ein. Da es nun weniger Vorarbeiter gab, fiel diese Praxis lange niemandem auf. 

Die Arbeiter_innen entwickelten aber auch aktive Strategien, wie sie sich gegen den technologischen Angriff auf ihre Autonomie wehren konnten. Dabei nutzten sie gezielt die Verwundbarkeiten der neuen Technologien aus. So legten sie beispielsweise ein digital organisiertes Lagersystem dadurch lahm, dass sie ein paar Güter umsortierten. Dadurch geriet die gesamte Ordnung durcheinander und das System musste komplett neu aufgesetzt werden. 

Der Erfolg direkter Aktionen

Durch diese und andere direkte Aktionen drückten die Arbeiter_innen ihre Unzufriedenheit über die digitale Kontrolle aus, die vom Betriebsrat und der Gewerkschaft kaum artikuliert wurde. Dadurch gelang es ihnen, Druck aufzubauen, der neben anderen Dingen dazu führte, dass die Einführung des »smarten Handschuhs« zurückgenommen wurde.

Nach der Erfahrung dieser Auseinandersetzungen musste ich mein Verständnis des kybernetischen Kapitalismus abändern. Auf der einen Seite traten deutlich die Managementvisionen hervor, die davon träumten, die gesamte Fabrik in ein kybernetisches System zu verwandeln. Dieses System sollte eine vollständig funktionale Maschine darstellen, die sich auf der Grundlage digitaler Feedbacks selbst regulierte und in der es keine inneren Konflikte gab. 

Auf der anderen Seite bildeten diese Visionen nur die ideologische Oberfläche des kybernetischen Kapitalismus. Die Arbeiter_innen selbst schienen keineswegs auf die falschen Versprechungen der Selbstoptimierung hereinzufallen. Stattdessen entstanden teilweise widerständig organisationale Subkulturen, deren Alltagskommunikation sich wesentlich durch ein Lächerlichmachen des neuen Produktionsregimes auszeichnete. 

In den meisten Medienberichten über das Hype-Thema »Industrie 4.0« wird Digitalisierung als unvermeidbarer Prozess dargestellt, der über uns kommt wie eine Naturkatastrophe. Diese scheint kaum andere Optionen zuzulassen als die Anpassung an die neuen technischen Sachzwänge. 

Tatsächlich sind die Entwicklung und Implementierung digitaler Technologie jedoch ein hochpolitischer Prozess. Algorithmen sind Organisationstechnologien. Ähnlich wie Gesetze legen sie Regeln fest. Anders als Gesetze wird die Implementierung eines algorithmischen Managements jedoch meist nicht als politischer Prozess begriffen. Dabei entstehen Algorithmen ebenso wie Gesetze im Kontext gegensätzlicher Interessen, von denen manche mehr Chancen auf Durchsetzung haben als andere. 

Deshalb ist es wichtig, Technikpolitik als eine der zentralen politischen Arenen unserer Zeit auszuflaggen. Denn wenn Algorithmen unseren Alltag immer weiter durchdringen, ist diese Arena das Schlachtfeld, auf dem wichtige Konflikte über die Organisation unserer Gesellschaft ausgetragen werden. Die Digitalisierung als politischen Prozess zu verstehen ist deshalb Voraussetzung dafür, dass sie so gestaltet werden kann, dass sie zu einer würdevollen menschlichen Existenz beiträgt und nicht nur zur Akkumulation von Kapital. 

Simon Schaupp ist Soziologe an der Universität Basel. Von ihm erschien unter anderem »Digitale Selbstüberwachung. Self-Tracking im kybernetischen Kapitalismus«. Außerdem hat er den Band »Kybernetik, Kapitalismus, Revolutionen: Emanzipatorische Perspektiven im technologischen Wandel« mitherausgegeben.

Geschrieben von:

Simon Schaupp