Wirtschaft
anders denken.

Im toten Winkel der Volkswirtschaftslehre

07.03.2017
Foto: Axel Hartmann / Flickr CC-BY-SA 2.0 LizenzBlind Spot oder Schotten dicht?

Die Kontraste werden schärfer: Deutschland geht es – im Vergleich – wirtschaftlich sehr gut. Unverändert vertrauen viele der herrschenden Wirtschaftsweise, die der ganzen Welt mehr Wohlstand verspricht. Doch stagnierende Wachstumsraten, weltweit wachsende Ungleichheit und steigende Terrorgefahr nähren auch unter Experten Zweifel.

Angesichts wirtschaftlicher Probleme in vielen Ländern der EU und anderswo geht es uns hierzulande prächtig. Die Wirtschaftsleistung ist stabil, die Arbeitslosigkeit niedrig, die Zahl der Erwerbstätigen steigt. Für die Haushalte von Frauen und Kindern, deren Lebensumstände oft nicht ganz so rosig sind, erwartet man bessere Zeiten. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), hält Frauen für das größte noch zu hebende Potenzial der deutschen Wirtschaft.

Marcel Fratzscher, Präsident des DIW, hält Frauen für das größte noch zu hebende Potenzial der deutschen Wirtschaft.

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Die Tages- und sogar die Fachpresse verbreiten Optimismus und vertrauen in die Tragfähigkeit einer Wirtschaftsweise, die angesichts globaler Märkte der ganzen Welt wirtschaftliches Wohlergehen verspricht. Doch stagnierende Wachstumsraten, weltweit wachsende Ungleichheit und steigende Terrorgefahr nähren auch unter Experten Zweifel, ob dies gelingen kann. Bemerkenswert ist die politische Bandbreite der sich vermehrenden Skeptiker.

Schon 2016 glaubten die Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums in Davos eine Tendenz zur Regionalisierung der weltweiten Handelsströme wahrzunehmen. Und auch 2017 war das Treffen der Wirtschaftselite geprägt von Zweifeln an den Segnungen von Wettbewerb und offenen Märkten. Wenig Zustimmung erhielt der chinesische Staatschef Xi Jinping für seinen Vergleich der Globalisierung mit einem Ozean, dessen Ausbreitung man nicht verhindern könne.

Auf der Suche nach sozial gerechtem Wirtschaftsmodell

Die Wirtschaftsführer sind jedoch nicht die einzigen, die sich auf der Suche nach einer inklusiveren anderen Wirtschaftsweise befinden. Auch die UNO nimmt wahr, dass mit rücksichtslos offenen Märkten weder Armut verhindert noch Wohlstand verbreitet werden kann. Man will soziale Aspekte von Anfang an einbeziehen, anstatt lediglich über Schadenvermeidung nachzudenken. Der Flagship Report 2016 von UNRISD sondiert die Perspektiven der Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung und fordert die Zivilgesellschaft zum Weiterdenken auf.

Wachstums- und globalisierungskritische Initiativen europäischer Zivilgesellschaften haben sich in den vergangenen zehn Jahren im großen Pool der Postwachstumsbewegung zusammengefunden. Ihr Ziel ist das Gute Leben für alle im Einklang mit den 1972 vom Club of Rome angemahnten Grenzen der Belastbarkeit unseres Planeten. Um dies zu erreichen, muss auch die soziale Frage bearbeitet werden. Abgesehen von dem Anliegen, Armut zu vermeiden, besitzt das Thema Soziale Nachhaltigkeit bislang kein eigenes Profil.

Soziale Leitplanken für globale Märkte

Schon vor Jahren warnte WTO-Chef Pascal Lamy angesichts weltweit wachsender Ungleichheit vor populistischen Widerständen gegen die rückhaltlose Öffnung der Warenmärkte. Die Globalisierung brauche soziale Leitplanken, wenn sie nicht am eigenen Erfolg ersticken solle. Indessen wächst überall die Überzeugung, dass es Zeit ist für einen grundlegenden Wandel. Man plädiert für neues Denken in der Ökonomie, das über die Kapitalismuskritik der vergangenen Jahrzehnte hinausweist und das Terrain erkundet, auf dem eine menschengerechte Wirtschaftsweise gedeihen kann. Einen Überblick über die Herausforderungen für eine Transformation unseres Wohlstandsmodells im Sinne des guten Lebens vermittelt die Denkschrift der Initiative Denkwerk Demokratie. Der Verein betrachtet sich nicht als Think Tank der Experten, sondern als ein Netzwerk für einen breiten Diskurs in allen Schichten der Bevölkerung.

Nicht nur Reichtum muss umverteilt werden. Wir brauchen eine andere Wirtschaft und andere Wirtschaftswissenschaften. Es darf nicht länger nur um Effizienz und Wettbewerb gehen. Eine der Sammelstellen für Andersdenkende und AbweichlerInnen ist das Netzwerk EAEPE (European Association for Evolutionary Political Economy), das sich als Alternative zum Mainstream neoklassischer Analyse versteht.

Nicht nur Reichtum muss umverteilt werden. Wir brauchen eine andere Wirtschaft und andere Wirtschaftswissenschaften.

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Es arbeitet auf der Überzeugung, dass die Dynamik von Marktprozessen nicht automatisch zu sozialem Ausgleich tendiert, sondern eingebettet ist in die Formation konkreter Gesellschaften und deren historische Entwicklung. Damit gewinnen Werte und Normen ebenso wie institutionelle Rahmenbedingungen Bedeutung für innovative Entwicklungspfade nationaler Ökonomien. Welche Parameter müssen geändert werden, um den Trend zu wachsender sozialer Ungleichheit umzukehren? Und: Was wird unter Arbeit verstanden?

Im toten Winkel der Volkswirtschaftslehre

Seit Jahrzehnten erregt die Frage nach der Zukunft der Arbeit die Gemüter derer, die für wirtschaftliches Wohlergehen verantwortlich sind. Schon 1930 prophezeite Keynes, in etwa 100 Jahren werde es möglich sein, mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von 15 Stunden den Bedarf der Menschen an materiellen Gütern abzudecken. Er dachte dabei an industriell definierte Lohnarbeit, deren Produktivkraft dank fortschreitender Automatisierung kontinuierlich wächst. Dienstleistungen zur Befriedigung persönlicher, sozialer und kultureller Bedürfnisse waren bestenfalls mitgemeint.

Für Adam Smith, den Gründervater der klassischen Nationalökonomie, galten Dienste für Menschen einst als zweischneidig, wenn nicht gar als Vergeudung. Er hielt sie nicht nur für unproduktiv, sondern bedauerte, dass die dafür aufgewendeten Ressourcen für das Mehren des Wohlstands verloren waren. Auch für Smith war Arbeit vor allem Güterproduktion, und seine Unterscheidung zwischen produktiven und unproduktiven Tätigkeiten beeinflusst bis heute das ökonomische Instrumentarium ebenso wie die Wirtschafts- und Sozialpolitik, auch wenn dies nicht auf den ersten Blick erkennbar ist.

Wenn überhaupt, hat sich am Primat industrieller Arbeit nur wenig geändert, obwohl der Anteil der im ursprünglichen Sinn produktiven Sektoren an der Wirtschaftsleistung der Industrieländer kontinuierlich sinkt. Die Effizienzsteigerung der Güterproduktion war nicht Anlass zum Verkürzen von Arbeitszeit sondern Mittel zum Ausdehnen der Arbeitsmärkte in Richtung personen- und haushaltsnaher Dienstleistung. Quasi naturwüchsig profitierten der Handel, die Gastronomie, die Mobilität, die Unterhaltung und andere Felder alltäglicher Versorgung von der Ausdifferenzierung der wachsenden Warenfülle.

Revision des Produktionsparadigmas

Die Chance, den Wandel bezahlter Arbeit für eine Revision des Produktionsparadigmas zu nutzen, wurde in der Vergangenheit weitestgehend vertan. Anstatt zu einer Neuorientierung ökonomischen Denkens führte die geringere Produktivität von Dienstleistungen zu niedrigeren Löhnen oder höheren Preisen überall dort, wo sich menschliche Arbeit nicht durch Maschinen ersetzen lässt. Insbesondere diejenigen Tätigkeiten von Betreuung, Pflege und Erziehung, die als bezahlte Arbeit aus den Familienaufgaben von Frauen hergeleitet wurden, bieten häufig keine existenzsichernde Beschäftigung.

Solche Entwicklungen spiegeln das Geschlechterverhältnis des Industriezeitalters, das durch die Unsichtbarkeit von Frauen und das Ausblenden ihrer Aufgaben gekennzeichnet war. Im Rechenwerk des industriellen Wohlstandsmodells ist unbezahlte Arbeit für die Familie eine Leerstelle, während die Unterhaltsansprüche der (Haus)Frau das Volkseinkommen mindern. Das unreflektierte Festhalten der ökonomischen Fachdisziplin am industriellen (Ernährer)Haushalt als kleinster Wirtschaftseinheit unterläuft bisher jede Bemühung, die Gleichheit der Geschlechter anzuerkennen und anzustreben.

Seit Jahren zeihen vor allem junge ÖkonomInnen ihr Studienfach des Autismus. Es ist höchste Zeit, die Analyse der globalen Marktwirtschaft auszuweiten über das von Produktion und Konsum handelbarer Güter eingehegte Blickfeld hinaus. Ein Modell, das zugunsten von Effizienz und Wettbewerb CareArbeit dem Regime der Warenproduktion unterwirft, wird niemals in der Lage sein, Geschlechter- und Generationengerechtigkeit herzustellen.

Geschrieben von:

Elisabeth Stiefel

promovierte Volkswirtin