Wirtschaft
anders denken.

»Land ist seit Jahrtausenden Teil unseres soziokulturellen Erbes«

Ein Gespräch mit Ruby Hembrom über das soziokulturelle Erbe der Adivasi in Indien und ihren Bezug zum Boden. Aus OXI 4/21.

19.04.2021
Foto: privat
Ruby Hembrom begründete den Verlag Adivaani, der sich auf die Produktion von Literatur für und von Adivasi konzentriert. Neben der Archivierung und Veröffentlichung versteht sie sich als Vertreterin der Stimmen von Adivasi mit weniger Zugang zu Medien, da viele weder Internetzugang noch Englischkenntnisse haben. Mit ihr sprach in OXI 4/21 Friederike Habermann.

Ruby, viele Adivasi, also Indigene Indiens, bevorzugen es weiterhin, auf dem Land oder in den Wäldern zu leben. Wie kommt es, dass Sie in Kalkutta wohnen?

Meine Eltern bekamen mich ein Jahr nachdem sie in die Stadt gezogen waren. Beide waren die erste Generation mit formaler Ausbildung und die erste Generation in der Stadt. Für den Lebensunterhalt sind wir in die Stadt gegangen, und wir blieben dort. Unsere Verbindung mit der Heimat und unserer Kultur blieb durch Besuche in allen Ferien, also etwa viermal im Jahr, und durch Besuche von Familie und Freund*innen erhalten – was einen stetigen Strom von Sprache, Essen, Geschichten und Verbundenheit bedeutete.

Was bedeutet Boden für Adivasi?

Die Identität der Adivasi entsteht aus dem Land und ist untrennbar mit ihm verbunden. Boden ist nur ein Aspekt von Land. Land ist seit Jahrtausenden ein Teil unseres soziokulturellen Erbes, und unsere Weltanschauungen und Glaubenssysteme stammen von ihm – wir sind nicht von ihm getrennt, alles kommt vom Land und geht zum Land. Die Begräbnisstätten unserer Vorfahren, die Geisterwelt, in die sie sich begeben, die Haine, in denen Geister besänftigt werden, liegen auf dem Land.

Land ist auch Pädagogik – unsere Wissenssysteme, Lektionen im Leben und unser nachhaltiges Leben materialisieren sich aus ihm. Alle Schöpfungsgeschichten der Adivasi erzählen davon, wie das Leben entstanden ist, aber nicht, ohne über Land zu sprechen.

Auch diese Woche gab es wieder Berichte über Enteignungen. Wie kommt es dazu?

Land ist für Adivasi sowohl individuell als auch gemeinschaftlich. Landurkunden waren nicht vorhanden, bis die Regierung begann, sie zu verlangen – von einem Volk der Mündlichkeit und für Land, das meist im Namen eines toten Vorfahren gehalten wird.

Der Verlust von Land bedeutet damit weit mehr als nur eine wirtschaftliche Entbehrung. Er ist der brutalste Angriff auf die indigene Identität, da er einen Angriff auf die indigene Lebens- und Seinsweise bedeutet: auf Subsistenzlandwirtschaft, auf das Leben vom Wald.

Auch Berichte von Polizeigewalt in diesem Zusammenhang gab es schon mehrfach in diesem Jahr. Seit wann ist das so?

In Indien – wie auch in Australien, Nordamerika und vielen anderen Orten – begann das Konzept des Landeigentums mit der Ankunft der europäischen Kolonisatoren. Als die Briten ankamen, starteten sie ein riesiges Unternehmen der Forstwirtschaft im ganzen Land und führten die Idee des Eigentums an Waldland ein, was zum Verlust des Landbesitzes für eine große Anzahl von Adivasi führte. Die Versuche, das verlorene Land zurückzugewinnen, haben immer wieder in Aufstände gemündet.

Mit dem Blut dieser Held*innen wurden gemeinschaftliche Waldrechte in Gesetze geschrieben, die es den Gemeinschaften erlauben, Obhut bei der Erhaltung, Bewirtschaftung und Verwaltung des Waldes auszuüben, die Existenzsicherung zu gewährleisten und die Entscheidungsfindung bei Entwicklungsprojekten zu beeinflussen. Doch obwohl dies als offizielle Politik des Staates gilt, ist die Realität, dass die Bundes- und die Landesregierungen oft für die Aneignung von Adivasi-Land verantwortlich sind, mithilfe der Manipulation von Gesetzen, nationaler Forstpolitik, groß angelegter Entwicklungsprogramme, Nichtumsetzung der Landrückgabepolitik und/oder einfach dadurch, dass indigenes Land nicht vor transnationalen Konzernen geschützt wird.

Gibt es Widerstand?

Die zügellose Missachtung dieser Gesetze zwingt die Menschen, zu protestieren – rechtlich sowie im Angesicht von Polizei. Denn Repression ist die regelmäßige Antwort. Indigene verteidigen ihr Land mit ihrem Leben, ihrem Körper und indem sie sich organisieren, schreiben, reden, demonstrieren und oft Hilfe von anderen Verbündeten suchen und bekommen – durch physische Solidarität, Rechtshilfe und gemeinnützige Organisationen. Das ist nicht neu, und dieser Widerstand besteht schon länger als aufgezeichnet, nur die Intensität ist mit den Mitteln der Unterdrückung gestiegen.

Diese Menschen leben in ständiger Angst, sich selbst und alles, was sie zu Adivasi macht, zu verlieren, weil sie mit dem Land verbunden sind. Wir kommen ins Gefängnis, nur weil wir protestieren. Und da wir kein eigenes Kapital oder soziales Kapital haben, verweilen wir im Gefängnis, ohne irgendeinen vernünftigen Rechtsbehelf. Dörfer werden von protestierenden Erwachsenen geleert, was dazu führt, dass Kinder und ältere Menschen schutzlos zurückbleiben. Das ist ein Weg, die Kraft und den Schwung der Bewegung zu brechen.

Sie selbst sind transnational verbunden. Sehen Sie Ähnlichkeiten in anderen Teilen der Welt?

Sicherlich, die Verbindungen sind frappierend. Der »Ressourcenfluch« plagt Indigene weltweit. In Indien befinden sich rund 70 Prozent der Wälder, 80 Prozent der Mineralien sowie 90 Prozent der Kohleminen auf dem und im Boden der Adivasi. Dazu über 3.000 hydroelektrische Dämme. Daher liegen die Hauptressourcen für Indiens Industrialisierung und Urbanisierung in Adivasi-Gebieten. Dennoch wird ihnen ihr Anteil am Reichtum verweigert. Bis zu 20 Millionen Adivasi, etwa ein Viertel also, wurden seit der Unabhängigkeit Indiens durch »Entwicklung« vertrieben. Ihre eigentlich unveräußerlichen Rechte an den Wäldern, dem Land und den Flüssen werden an andere vergeben. Folglich leben 85 Prozent der Adivasi unterhalb der offiziellen Armutsgrenze. Vier von fünf Menschen in Schuldknechtschaft sind Adivasi.

Aus Lateinamerika wird der Begriff »Pachamama« in Europa immer bekannter. Sehen Sie Ähnlichkeiten zu dem indigenen Verständnis von Erde, Natur und Leben insgesamt in Indien?

Die Grundvoraussetzung ist die gleiche. Indigene verstehen sich als mit der Umwelt verbunden, deren Teil sie sind. Es ist kein Zufall, dass man plötzlich auf Indigene schaut, um die Erde und die Menschheit vor der Klimakrise zu retten. Unser Umgang mit dem Land ist Schutz; es ist Hüterschaft, Obhut, die dem westlichen oder Mainstream-Verständnis von Eigentum, Reichtum und Akkumulation entgegengesetzt ist. Aber warum sollte die Verantwortung für eine Auslöschung, die Adivasi nicht verursacht haben, auf ihnen liegen? Uns aus unseren Lebensräumen zu vertreiben hindert uns daran, Nachhaltigkeit zu praktizieren, und verursacht den Verlust von Wissenssystemen. Wie können Indigene mit fragilen oder gar keinen Beziehungen zum Land und ihrem traditionellen Wissen zur Wiederherstellung des Ökosystems beitragen, wenn Kapitalismus und Extraktivismus wie gewohnt weitergehen? Diese Erwartung ist fehl am Platze und paternalistisch.

Das Interview führte:

Friederike Habermann

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