Wirtschaft
anders denken.

Ist es Zeit für eine Partei For Future?

15.07.2019
NiklasPntk, pixabay.com

Immer mehr Menschen haben die Nase voll von einer fantasielosen Weiter-so-wie-bisher-Politik, die der Dringlichkeit der sich immer weiter verschärfenden ökologischen und sozialen Krisen Hohn spricht.

Es scheint, als hätten viele Menschen nur darauf gewartet, dass endlich jemand ihre vielleicht nur diffuse Einsicht in die Notwendigkeit eines radikalen Gesellschaftswandels klar zuspitzt und sichtbar macht. Wie sonst ließe sich erklären, dass sich immer mehr gesellschaftliche Gruppen mit der Fridays-For-Future-Bewegung und ihren Zielen solidarisch erklären: Parents For Future, Scientists For Future, Teachers For Future und und und. 

Diejenigen, die sich schon seit Jahren und Jahrzehnten mühevoll an der kapitalistischen Konsumgesellschaft abarbeiten und für soziale und ökologische Alternativen einsetzen, reiben sich die Augen und blicken teils verwundert, teils hoffnungsvoll auf eine Gesellschaft, die plötzlich in großen Teilen aus Ökos und Aktivist*innen zu bestehen scheint. Davon zeugen nicht nur der kometenhafte Aufstieg des Rezo-Videos und die starken Verschiebungen bei der Europawahl, sondern auch eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts You-Gov Anfang Juni. Diese besagt unter anderem, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland unter entsprechenden Umständen auf Kurzstreckenflüge verzichten, das Auto in den Innenstädten stehen lassen und deutlich weniger Fleisch essen würde. Außerdem sei eine knappe Mehrheit für deutlich höhere Flug- und Fleischpreise, und immer noch ein Viertel für höhere Spritpreise. 

Dies alles zeigt: Immer mehr, vor allem junge, aber auch ältere Menschen haben die Nase voll von der fantasielosen Weiter-so-wie-bisher-Politik der etablierten Parteien, die der Dringlichkeit der sich immer weiter verschärfenden ökologischen und sozialen Krisen Hohn spricht. Die Gretchenfrage (oder Gretafrage?) ist allerdings diese: Ist wirklich allen, die sich für eine effektive Klimapolitik und Klimagerechtigkeit einsetzen, klar, mit welch tiefgreifenden Veränderungsprozessen dies notwendig einhergehen müsste? An der Beantwortung dieser Frage wird sich entscheiden, ob eine Klimapolitik, die diesen Namen verdient, langfristig genügend Zustimmung findet, selbst oder gerade wenn sie auch den Einzelnen viel Veränderungsbereitschaft abverlangt. Das lässt sich natürlich nicht nur für den Klimanotstand, sondern auch alle anderen sich gegenseitig verstärkenden ökologischen Brennpunkte wie Artensterben, Entwaldung, Ozeanversauerung und Bodendegradierung sagen.

Solange die Illusion vorherrscht, wir können unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur im Großen und Ganzen behalten und mit einigen Anpassungen so weiterleben wie bisher, wird es nichts mit einer angemessenen Klimapolitik. Ein englischer Cartoon bringt diese Situation gut auf den Punkt: Auf die Frage: »Who wants change?«, also »Wer will Veränderung?«, jubelt das komplette Publikum, während es auf die Frage »Who wants to change?«, also »Wer will sich verändern?« peinlich berührt schweigt. 

Es sind es immer die anderen, die sich verändern sollen, aber niemals die eigene Komfortzone. Solange sich an der »kognitiven Dissonanz«, also der Diskrepanz zwischen Bewusstsein und Handeln, nichts ändert und die Wähler der Grünen weiterhin diejenigen mit dem größten ökologischen Fußabdruck sind, sehe ich schwarz. Einfach nur weniger fliegen, weniger Fleisch essen und weniger Autofahren ist angesichts der Dramatik der Situation lächerlich wenig, und sobald es an angestammte Privilegien geht, ist es dann mit effektiver Klimapolitik schnell vorbei.

Geht die Forderung nach einer ökologisch ausreichenden und sozial gerechten politischen Antwort auf die Klimakrise allerdings mit der ernsthaften Bereitschaft einher, sich selbst auf die durch eine solche Politik gebotenen Veränderungsprozesse einzulassen, liegt darin eine große Chance: Matthias Schmelzer, Dennis Eversberg und Gabriele Schmidt schreiben in einer Analyse der jungen Degrowth-Bewegung, die in vieler Hinsicht mit Fridays For Future vergleichbar ist: »Zentral ist die Suche nach Formen transformativer Praxis, die am eigenen Alltag ansetzen und auf eine Veränderung nicht nur der sozialen Strukturen, sondern auch und zunächst des eigenen Selbst als Teil derselben zielen. Es geht bei diesen Aktions- und Organisierungsformen darum, nicht nur reale Spielräume für ›anderes‹ Handeln zu eröffnen, sondern dabei als Handelnde zugleich im Tun ›etwas anderes zu werden‹, sich zu anderen, in und von nicht-wachstumsfixierten Praktiken erzeugten Subjekten zu machen.«

Ist die wirkliche Bereitschaft da, »jemand anderes zu werden« und sich von den festgefahrenen inneren Prägungen der kapitalistischen Wachstumswirtschaft zu befreien, können sich eine kluge transformative und emanzipatorische Politik und der Wunsch nach einem persönlichen Leben und Sein, das mit dem globalen Gemeinwohl in Einklang steht, gegenseitig bestärken.

Angenommen, es gäbe jetzt eine »Partei For Future«, ob nun aus bestehenden Parteien hervorgegangen oder nicht: Hätte eine solche Partei auch dann noch genügend Rückhalt, wenn sie ihre eigenen Wähler*innen so richtig herausfordern und an ihre Grenzen bringen würde? Kann die theoretische Einsicht, dass es persönliches Wohlergehen nur in Zusammenhang mit dem Wohlergehen aller geben kann, auch Nagelproben bestehen, oder fällt sie, sobald es brenzlig wird, kurzfristigen Individualinteressen zum Opfer? Das können wir von der jetzigen Warte aus nicht wissen, aber vielleicht ist es an der Zeit, es auszuprobieren: Gelänge ein solches Experiment, könnte eine »Partei For Future« sowohl eine politische Antwort auf die ökologischen Krisen unserer Zeit sein als auch ein sozial gerechte, emanzipatorische und inklusive Alternative zu Kapitalismus und rechtspopulistischen Rattenfängern.

Christiane Kliemann ist Journalistin und Degrowth-Aktivistin. Ihre Schwerpunkte
sind Postwachstum, alternatives Wirtschaften, Gesellschaftswandel. Sie hat das Webportal www.degrowth.info mit aufgebaut.

Geschrieben von:

Christiane Kliemann