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Je gebildeter desto umweltschädlicher

Über neue Lebensstile, Vorbilder, Öko-HeuchlerInnen und die große Rolle der Avantgardisten. Ein Gespräch mit dem Wachstumskritiker Niko Paech.

03.06.2017
Foto: Rico Prauss
Niko Paech gilt als einer der profiliertesten Wachstumskritiker in Europa. Sein Buch »Befreiung vom Überfluss« (2012) prägte die Postwachstumsökonomie. Seit 2016 lehrt er im Rahmen des Masterstudiengangs Plurale Ökonomik an der Universität Siegen. Ebenfalls 2016 erschien im Oekom-Verlag ein Streitgespräch zwischen Paech und Erhard Eppler: »Was Sie da vorhaben, wäre ja eine Revolution.«

Sie sagen, mit Verboten und Geboten sei die Postwachstumsökonomie, seien die notwendigen Änderungen in Leben, Konsum, Produktion und Arbeit nicht durchzusetzen. Dann bleibt ja nur noch das gemeinsame Aushandeln im demokratischen öffentlichen Diskurs. Oder wie soll dieses andere Verhalten erreicht werden?

Niko Paech: Der Übergang geht von einer Postwachstums-Avantgarde aus. Glaubwürdige Vorbilder, die durch vorgelebte Beispiele andere inspirieren, sind der einzige realistische Schüssel. Und die gibt es ja schon.

Wer ist das?

Das sind Menschen, die bereits heute beispielhaft und ohne Zwang innerhalb ökologischer Grenzen leben und so vorwegnehmen, was zukünftig auch für den Rest der Gesellschaft nötig werden wird, wenn Krisen eintreten, die eine Fortsetzung unser Wohlstandsparty unmöglich machen. Diese Menschen – ich nenne sie im guten Sinne Störenfriede – sind Künstler, Postwachstums-Avantgardisten, Suffizienz-Pioniere, Degrowth-Aktivisten, Flugreisenverweigerer, Selbstversorger, Minimalisten, es gibt zahllose Szenen. Sie führen ihren Zeitgenossen glaubwürdig vor, dass maßvolle Existenzformen nicht wehtun, sondern sogar Lebensfreude verheißen können. Damit Menschen bereit sind, neue Daseinsformen zu erproben, benötigen sie Orientierung und Bestärkung durch andere, die dasselbe praktizieren. So entstehen Subkulturen, die die ruinösen Hedonismus untergraben und ihn mit einer Alternative konfrontieren.

Bei genauem Hinsehen entpuppen sich viele vermeintlich nachhaltige Handlungen als symbolische Kompensationen.

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Wie groß ist diese Avantgarde? Sind das Nischen oder viele Millionen?

Was die Quantität anbetrifft: Da muss ich passen. Aber es würde auch nichts nützen, alle Repair Cafés, Gemeinschaftsgärten oder vegane Existenzen zu zählen. Denn es zählt nur die Summe der ökologischen Wirkungen aller Handlungen innerhalb eines Menschenlebens. Wenn jemand pro Woche fünf Stunden im Gemeinschaftsgarten mitarbeitet, kein Auto fährt, im Bioladen einkauft, nur fair produzierte Kleidung kauft – und zwei Mal im Jahr nach New York fliegt, lebt er unter dem Strich ruinöser als jemand, der niemals ökologische Produkte kauft und aufgrund seiner konservativ-bodenständigen Haltung nie ein Flugzeug besteigt. Hier schlummert ein unsägliches Nachhaltigkeitsversteckspiel, zumal globale Mobilität einerseits kolossale Schäden verursacht, die durch keine anderen noch so gut gemeinten Aktivitäten aufgewogen werden können. Und andererseits ist globale Mobilität gerade bei Menschen beliebt, die sich für besonders aufgeklärt, weltoffen und eben nachhaltigkeitsbewusst halten. Je gebildeter Menschen sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich einen kerosintriefenden Aktionsradius zu Eigen machen, aber zugleich über ein hohes Umweltbewusstsein verfügen. Entsprechend hoch ist die kognitive Dissonanz, die sie durch Ökokaffee, ein Elektromobil, ein Passivhaus oder die Mitwirkung in der Transition-Town-Gruppe therapieren. Auf diese Weise entpuppen sich viele Nachhaltigkeitsprojekte und -handlungen als symbolische Kompensation. Folglich können nur Daseinsformen ernst genommen werden, die darauf beruhen, die Summe aller Aktivitäten im ökologischen Rahmen zu halten.

Je gebildeter Menschen sind, desto höher ist meist sowohl ihr Umweltbewusstsein als auch ihr kerosintriefender Aktionsradius.

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Trotzdem: Nimmt die Zahl derjenigen zu, die es ernst meinen?

Vieles spricht dafür, dass es immer mehr Menschen sind, die sich neu orientieren, anders leben, insbesondere Nachhaltigkeit als ganzheitliches Konzept ansehen. Nach der Finanzmarktkrise 2008 gab es eindeutig einen Schub: als die Menschen diese Abhängigkeit und Ohnmacht gegenüber dem geldbasierten Industriesystem erkannten. Eine Postwachstumsökonomie bedeutet ja auch, Abhängigkeiten zu verringern und die Eigenständigkeit zu erhöhen.

Was zeichnet diese Menschen aus? Sie sind ja umgeben von Menschen, die, so gut sie können, dem materiellen Konsum frönen – und leben selbst trotzdem ganz anders.

Es lassen sich mehrere Typen beobachten. Beispielsweise ökologische Lebensgemeinschaften, in denen ein soziales Gefüge entsteht, durch das sich die betreffenden Personen bestimmten Regeln unterwerfen, die andernorts nicht gelten. Dann gibt es den Typ des Widerborstigen. Der will nicht nur die Natur schützen, sondern braucht die vielen Produkte gar nicht, auch nicht das neueste Smartphone, auch kein Auto, weil der darin nur Ballast sieht. Dieser Personenkreis fühlt sich eigenständiger, weniger anfällig für technische Krisen, weniger abhängig vom Geld. Und dann gibt es humanistisch gesinnte Wertkonservative. Die fragen sich, was darf ich mir anmaßen: gegenüber anderen Menschen und der Natur. Sie legen Wert auf Eigenverantwortung. Das sind drei grobe Typ-Beschreibungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Aber nehmen Sie diese Typen lediglich als Beobachtungsleistung eines Wissenschaftlers.

Politik auf dem Rücken der Ökosphäre zu machen, wird belohnt.

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Welche Rolle spielt für Sie die Politik?

In überentwickelten Konsumgesellschaften agiert die Politik nicht, sondern reagiert. Sie eilt einem nötigen Kulturwandel zum Weniger niemals voraus, sondern bestenfalls in sicherem Abstand hinterher. Und weil sie sich darin seit 40 Jahren übt, ist sie an allen Abzweigungen in Richtung Nachhaltigkeit vorbeigerauscht. Die Politik hat Angst davor, sensible Wähler mit unbequemen Wahrheiten zu verschrecken. Die Befähigung zu einer maßvolleren Lebensführung kann Menschen, die darin ungeübt sind, nicht einfach aufoktroyiert werden. Erst wenn eine gewisse Quantität an Menschen, die Rede ist von einer sogenannten »kritischen Masse«, als Postwachstumspioniere in Erscheinung tritt, kann die Politik den Mut fassen, daran anzuknüpfen und diesen Entwicklungspfad zu unterstützen.

Es gibt ja sehr viele verschiedene kapitalistische Volkswirtschaften. Schweden hat beispielsweise einen sehr viel geringeren Anteil von Industrie an der gesamten Volkswirtschaft und einen viel höheren an Humandienstleistungen. Gibt es für Sie zwischen den Volkswirtschaften nennenswerte Unterschiede?

Das sind minimale Unterschiede. Relevant sind die Pro-Kopf-Verbräuche an Material, Fläche, Müll, Emissionen und Energie. Wenn die Schweden viele der vor Ort verbrauchten Konsumgüter nicht selbst produzieren, sondern aus Asien beziehen, führt das zu keiner Verbesserung – das Gegenteil kann sogar der Fall sein. Ich sehe momentan keine Konsumdemokratie, die als Vorbild taugt. Natürlich gibt es Länder, die ihr Umwelt-Budget nicht ausschöpfen. Das liegt aber oft daran, dass sie in Armut verharren, was ebenfalls keine Lösung ist. Wir stehen vor der Aufgabe, überentwickelte Konsum- und Industriegesellschaften zurückzubauen und umzugestalten. Das ist eine Aufgabe ohne Beispiel. Deshalb geht es bereits heute darum, Reallabore und Gegenkulturen aufzubauen, um Wissen, Erfahrungen und Praktiken zu sammeln, die dabei helfen können. Das wäre übrigens auch eine mögliche Lösung für Griechenland – eine Postwachstumsökonomie aufzubauen, mit hohem Anteilen an Selbstversorgung.

Mit der Systemlogik zeitgenössischer Konsumdemokratien ist es unvereinbar, das Wachstumsdogma in Frage zu stellen.

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Gibt es etwas, was Ihre Kritiker vortragen, das Sie akzeptieren und von dem Sie sagen, ja, da haben die recht?

Oh je….

Ist das so eine blöde Frage?

Nein. Früher war ich arrogant, heute bin ich perfekt (lacht). Mal im Ernst: Der Schwierigkeitsgrad, Mobilitäts- und Konsumjunkies dazu zu bewegen, ihr Leben zu entrümpeln, werde von mir unterschätzt, heißt es oft. Da könnte etwas dran sein. Andere Kritiker sagen, ich würde zu wenig herausarbeiten, was die Politik tun müsse. Und wieder andere sagen, es fehle ein makroökonomisches Modell, nach dem mal alles durchgerechnet worden sei. Darüber lässt sich immerhin streiten.

Ich nehme den Punkt der Politikferne auf. Sie scheinen von der Politik tatsächlich wenig zu erwarten. Woher kommt diese Skepsis?

Mit der Systemlogik zeitgenössischer Konsumdemokratien ist nichts weniger vereinbar, als das Wachstumsdogma auch nur zaghaft in Frage zu stellen. Je moderner das Entwicklungsstadium einer Gesellschaft, desto abhängiger ist die Daseinsberechtigung politischer Instanzen davon, sich der Wählermehrheit mit ständig neuen Freiheits- und Wohlstandsgeschenken anzudienen. Wer das Mobilitäts- und Konsumparadies antastet, wird nicht nur medial, sondern sogar in den eigenen Reihen sofort abgestraft. Daran sind die Grünen gescheitert. Und deshalb sind auch die Linken noch immer wachstumsorientiert. Die Gleichsetzung von Fortschritt und Wachstum ist das Wesensprinzip der Moderne.

Als letzter Ausweg bleibt nur, die Ansprüche an materielle Selbstverwirklichung zu reduzieren.

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Vermeintliche Gerechtigkeit auf dem Rücken der Ökosphäre auszutragen, wird politisch belohnt. Und obendrein einen politischen Bonus bekommen jene, die die Wohlstandsorgie als grünes Wachstum reinwaschen, also dem bekümmerten Wähler versprechen, ich wasche euch den Pelz und mache euch nicht nass. Die Postwachstumsökonomie bricht mit dieser Logik. Insoweit jeder Versuch, das europäische Wohlstandsmodell mit technischen Tricks von ökologischen Schäden zu entkoppeln, gescheitert ist, bleibt als letzter Ausweg nur die Reduktion der Ansprüche an materielle Selbstverwirklichung. Aber genau diese Reduktionsleistungen lassen sich an niemanden delegieren – auch nicht an die Politik. Letztere könnte nur mit harten Regelungen und Gesetzen dafür sorgen, dass die Leute weniger fliegen, weniger Fleisch essen, weniger Auto fahren, weniger konsumieren, langfristig im Durchschnitt nur noch 20 Stunden pro Woche arbeiten, folglich weniger Geld haben und deshalb Güter mit anderen teilen und reparieren, um nicht so oft teure Neuanschaffungen tätigen zu müssen. In Gärten und Repair Cafés arbeiten, mit der Familie Urlaub im Schwarzwald anstelle auf den Malediven verbringen – dies alles muss eingeübt werden. Genauso wie Belastungen, Unbequemlichkeiten und Konflikte auszuhalten. Haben Sie schon mal versucht, Ihrer Partnerin schonend beizubringen, dass Sie nicht mehr fliegen? Haben Sie Ihren Kindern schon mal am 23.12. mitgeteilt, dass am 24.12. keine elektronischen Geräte unter dem Weihnachtsbaum liegen werden? Solange nicht wenigstens ein Teil der Bevölkerung in der Lage ist, mit maßvollen Praktiken umzugehen, wird kein Politiker das Wagnis eingehen, Menschen zu etwas zwingen zu wollen, was sie abwehren und offensichtlich überfordert.

Dieses Gespräch ist Teil des OXI-Schwerpunktes »Weniger Wachstum. Mehr Zukunft!« in der Juni-Ausgabe 2017.

Das Interview führte:

Wolfgang Storz

Chefredakteur OXI