Wirtschaft
anders denken.

»Es ist an der Zeit für kürzere Arbeitszeiten«

Der DGB mobilisiert unter dem Motto »Zeit für…« zum Tag der Arbeit. Doch Zeit für kürzere Arbeitszeiten sucht man vergebens. Ingrid Kurz-Scherf über Gewerkschaften und ihren erlahmten Kampf für Arbeitszeitverkürzung.

29.04.2016
Die Politikwissenschaftlerin Ingrid Kurz-Scherf hat als feministische Marxistin eine ebenso kreative wie ungewöhnliche Laufbahn in Wissenschaft, Politik und Gewerkschaften absolviert. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften, promovierte an der TH Aachen, habilitierte an der FU Berlin, war viele Jahre Leiterin des Tarifarchivs beim gewerkschaftsnahen WSI und auch Staatsekretärin für Arbeits- und Frauenpolitik im Saarland. Von 2001 bis Mitte 2015 war sie Professorin für Politische Wissenschaften an der Philipps Universität Marburg. Der feministische Eigensinn und die feministische Arbeitsforschung stehen im Zentrum ihrer wissenschaftlichen und publizistischen Arbeiten.

In den 1980er Jahren war der Konflikt um die 35 Stunden-Woche in Westdeutschland ein großes Thema. Zuletzt versuchte die IG Metall im Jahr 2003 vergeblich, die 35 Stunden-Woche in Ostdeutschland durchzusetzen. Seither ist das Thema verschwunden, auch bei den Gewerkschaften. Warum?

Ingrid Kurz-Scherf: Weil die deutschen Gewerkschaften aktuell die wirklich große Auseinandersetzung um die Zukunft der Arbeit scheuen. Und sie haben auch nicht wirklich ein eigenes Konzept. Der Kampf um die 35-Stunden-Woche war 1984 in Westdeutschland ein gewaltiger Kraftakt, der auch innergewerkschaftlich mit harten Kontroversen verknüpft war. Das Ergebnis war eher zwiespältig. Es wurde zwar ein bescheidener Einstieg in die Arbeitszeitverkürzung erreicht, aber um den hohen Preis von flexiblen Arbeitszeiten und auch einer Arbeitsverdichtung. Und in Ostdeutschland musste der Streik um die 35-Stunden-Woche ohne Ergebnis abgebrochen werden, weil es an Durchhaltevermögen mangelte und an der notwendigen Solidarität aus dem Westen. Bis heute heißt es bei den Gewerkschaften, für die Forderung nach weiteren allgemeinen Arbeitszeitverkürzungen könne nicht mit Erfolg mobilisiert werden. Jedenfalls nicht in Deutschland. Denn in Österreich gibt es zurzeit starke Bestrebungen, die Arbeitszeitverkürzung neu auf die gewerkschaftliche Agenda zu setzen.

Während sich die deutschen Gewerkschaften davon verabschiedet haben?

Nein, das kann man so nicht sagen. Gerade im letzten Jahr haben ver.di und IG Metall auf ihren Gewerkschaftstagen sogar neue arbeitszeitpolitische Initiativen und Offensiven beschlossen. Für die IG Metall geht es dabei aber nicht um kürzere Arbeitszeiten. Sie will die mittlerweile ja sehr flexiblen Arbeitszeiten stärker im Interesse der Beschäftigten gestalten. Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di hält zwar am Ziel der Arbeitszeitverkürzung fest, bleibt dabei aber in ihren Beschlüssen vage. Es gab Anträge zu dem Gewerkschaftstag, die 30 Stunden Woche zu fordern, die wurden sogar dezidiert abgelehnt. Es gibt allerdings außerhalb der Gewerkschaften durchaus Bemühungen, das Thema Arbeitszeitverkürzung am Leben zu erhalten. Die Initiative Arbeitszeitverkürzung Jetzt! wird von attac und anderen sozialen Bewegungen getragen, das strahlt auch in die Gewerkschaften hinein. Meine Bilanz: Das Thema der kürzeren Arbeitszeiten ist nicht verschwunden. Aber von einer Hochkonjunktur kann sicher nicht gesprochen werden.

Es gibt das Argument, Arbeitszeiten kollektiv zu verkürzen, sei überholt, die Leben der Beschäftigten und ihrer Familien seien zu verschieden. Wichtiger seien flexible Arbeitszeiten, so dass Arbeit und Familienleben besser zu vereinbaren seien. Ist das richtig?

Darauf antworte ich mit einem Jein. Für viele Beschäftigten ist es sicher wünschenswert, ihre Arbeitszeiten flexibler zu gestalten – wenn sich diese Flexibilität dann tatsächlich auch nach ihren Bedürfnissen richtet. Das ist aber oft nicht der Fall. Vergessen Sie nicht: Flexible Arbeitszeiten hört sich erst einmal gut an. Aber oft geht es nur darum, dass die Beschäftigten so arbeiten müssen, wie es die Auftragslage des Unternehmens fordert. Deshalb haben viele Beschäftigte in gleichem Maße auch ein Interesse an mehr Stabilität und Planbarkeit der Arbeitszeiten. Es geht konkret um den Abbau von Schichtarbeiten, um weniger Überstunden. Und es geht ihnen deshalb unter’m Strich auch um generell kürzere Arbeitszeiten. Es liegt ja meist nicht an starren Arbeitszeiten, dass Familie und Beruf schwer zu vereinbaren sind. Beides ist nur schwer zu vereinbaren, weil die Arbeitszeiten generell zu lange sind und oft sehr unregelmäßig, also eine Planung gar nicht oder nur schwer möglich ist. Weil sich die Frauen immer noch in der Hauptsache alleine dem Problem dieser Vereinbarkeit stellen müssen, deshalb arbeiten viele von ihnen sehr oft in Teilzeit, oft erzwungenermaßen. Teilzeit ist nichts anderes als eine individuell verkürzte, aber regelmäßige Arbeitszeit.

Teilzeit ist nichts anderes als eine individuell verkürzte, aber regelmäßige Arbeitszeit.

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Trotzdem: Was spricht heute noch für pauschal kürzere Arbeitszeiten? Die Beschäftigungsquote ist hoch, so fällt das einst vorgetragene Argument weg, damit die Arbeitslosigkeit zu verringern.

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist immer noch ziemlich hoch. Sie ist nur niedriger als in anderen Ländern. Und ein großer Teil der Arbeitslosigkeit steckt heutzutage in Minijobs, in befristeter und unregelmäßiger Beschäftigung, in jeder Menge ungewollter Teilzeitarbeit, in Frühverrentung und so weiter. Es darf auch nicht vergessen werden: In Deutschland wird das relativ hohe Beschäftigungsniveau in Teilen auf Kosten anderer Länder aufrechterhalten, mit der Exportstrategie und den damit verbundenen Überschüssen. Das wird auf die Dauer nicht funktionieren. Und denken Sie an die Aufgabe, die Geflüchteten in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Das heißt für mich: Es gibt allein genügend gute beschäftigungspolitische Gründe, um die Perspektive von kollektiv kürzeren Arbeitszeiten auf keinen Fall aufzugeben.

In Deutschland wird das relativ hohe Beschäftigungsniveau in Teilen auf Kosten anderer Länder aufrechterhalten.

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Gibt es noch weitere Gründe, außerhalb der Beschäftigungspolitik?

Für mich sind kürzere Arbeitszeiten ein bedeutendes Instrument, um endlich aus dem Zwang und der Logik des Wirtschaftswachstums auszuscheren. Ich denke, anders zu wirtschaften, also auch ökologisch nachhaltig zu wirtschaften, eine neue Kultur von Arbeit und Leben und eine neue Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen möglich zu machen, eine solche Art des Wirtschaftens erlaubt und fordert kürzere Arbeitszeiten.

Für mich sind kürzere Arbeitszeiten ein Instrument, um aus der Logik des Wirtschaftswachstums auszuscheren.

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Es heißt, die Digitalisierung der Industrie – Stichwort Industrie 4.0 – werde die Produktivität erheblich steigern, beispielsweise weil künftig Roboter in einem viel größeren Umfang eingesetzt werden. Linke Politiker und Gewerkschafter halten deshalb eine wöchentliche Arbeitszeit von weniger als dreißig Stunden für möglich. Ist das realistisch und finanzierbar?

Es gibt internationale Studien, die davon ausgehen, dass im Zuge der Digitalisierung die Hälfte der heute noch bestehenden Jobs wegfallen wird. Das hört sich erst einmal furchtbar an. Ich will hier auch nicht bewerten, wie realistisch solche Prognosen sind. Mir ist ein anderer Punkt wichtig. Diese Entwicklung ist längst im Gang: Unbefristete Vollzeitjobs, das sogenannte Normalarbeitsverhältnis, sind doch in vielen Wirtschaftsbranchen längst zu einem Privileg für eine Minderheit von Beschäftigten geworden. Schon vor langer Zeit wurde von ernstzunehmenden Wissenschaftlern und Politikern – wie beispielsweise dem mittlerweile verstorbenen FDP-Politiker und Sozialwissenschaftler Ralf Dahrendorf – vor der Zweidrittel-Gesellschaft gewarnt. Eine Gesellschaft also, in der ein Drittel der Bevölkerung buchstäblich abgehängt wird. So schrumpft die sogenannte Arbeitsgesellschaft, mit einer in der Regel einigermaßen gesicherten Vollzeitarbeit, bereits seit vielen Jahren auf eine immer kleinere Partialgesellschaft zusammen. Auch mit kürzeren Arbeitszeiten ist diese Entwicklung nicht aufzuhalten oder gar umzukehren. Aber der Verzicht auf Arbeitszeitverkürzung wird diese Entwicklung weiter beschleunigen. Werden die Arbeitsmärkte noch instabiler, dann sehe ich darin auch große Risiken für diese Demokratie.

Sind kürzere Arbeitszeiten auch bei vollem Lohnausgleich machbar, also für die Unternehmen finanzierbar?

Es gab Zeiten, da haben die Leute zehn Stunden am Tag und siebzig bis achtzig Stunden in der Woche und noch mehr gearbeitet. Und sie haben dabei deutlich weniger verdient als die meisten, die heute sieben oder acht Stunden am Tag und vierzig Stunden in der Woche arbeiten. Ich hoffe sehr, dass es Zeiten geben wird, in denen die Leute im Durchschnitt noch drei Stunden am Tag oder tausend Stunden im Jahr arbeiten. Und dabei jedenfalls nicht weniger verdienen als heutzutage. Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx, wollte, in seiner satirischen Schrift „Das Recht auf Faulheit“, schon Ende des 19. Jahrhunderts ein Gesetz erlassen, das allen verbietet, mehr als drei Stunden pro Tag zu arbeiten. John Meynard Keynes, der bedeutende britische Ökonom, dachte, schon seine Urenkel würden nur noch höchstens vier Stunden am Tag arbeiten. Und auch der große Liberale John Stuart Mill war ein Anhänger des Prinzips der Arbeitszeitverkürzung – wenn denn die Grenzen des Wachstums in den modernen Volkswirtschaften einst erreicht sein würden. Und das ist doch zweifellos längst der Fall. Deshalb ist es meines Erachtens höchste Zeit, die Option auf kürzere Arbeitszeiten wieder zu revitalisieren und auf die Tagesordnung zu setzen. Denn sonst könnten die modernen Gesellschaften ausgerechnet an dem Fortschritt zugrunde gehen, den die Technik möglich macht.

Das Interview führte:

Wolfgang Storz

Kommunikationsberater