Wirtschaft
anders denken.

Kann man soziale Verantwortung lehren?

Die Cusanus Hochschule lehrt Studierenden sich über den Tellerrand der neoklassischen Ökonomie hinauszuschauen. Walter Ötsch über die Krise, das Gesellschaftliche und die Notwendigkeit, weiter zu denken, als es die herrschende Lehre heute vorgibt.

28.07.2016
Walter Ötsch ist Ökonom und Kulturhistoriker und seit 2015 Professor für Ökonomie und Kulturgeschichte am Institut für Ökonomie der neu gegründeten Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues (an der Mosel). Dort lehrt er im Masterstudium »Ökonomie«. Zuvor war Ötsch Universitätsprofessor an der Johannes Kepler-Universität Linz und dort als Vorstand für das Zentrum für Soziale und Interkulturelle Kompetenz sowie als Vorstand für das (Forschungs-)Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft (ICAE) tätig.

Das Bildungs- und Selbstverständnis Ihrer Hochschule setzt offensichtlich weniger darauf, marktkonforme Ausbildungsgänge anzubieten, die sich an Verwertungslogik und Optimierung orientieren. Sie ermutigen zur souveränen Gestaltung der eigenen Biografie, statt lediglich Kompetenzen vermitteln zu wollen. Werden Ihre Student*innen zumindest ermuntert und befähigt, über das geltende und herrschende Wirtschaftssystem hinauszudenken? Und wie unterscheiden sich die Methoden und Inhalte von denen anderer Hochschulen?

Ötsch: Wir wollen Studierende auch als Persönlichkeiten bilden, durchaus im traditionellen Verständnis nach Humboldt oder jenem der Humanisten. Dazu dient auch das Studium Humanitatis, mit der Studierende u.a. angeleitet werden, über ihre Biografie zu reflektieren. Zugleich wird versucht, eine Reflexion über die Wirtschaft und des Denkens über die Wirtschaft zu vermitteln. Wir lehren z.B. im Master eine Kulturgeschichte der Grundbegriffe der Ökonomie (das ist meine Spezialität). Die Studierenden sollen verstehen, wie wandelfähig das Denken über die Wirtschaft, ihre Modelle, Theorien und Bilder im Laufe der Jahrhunderte gewesen ist. Eine vergleichbare Ausbildung, die einerseits auf die eigene Persönlichkeit und anderseits auf diese Art von Reflexionen über ökonomisches Denken und über das Wirtschaftssystem abzielen, kenne ich von anderen Hochschulen bzw. Universitäten nicht.

In der öffentlichen Wahrnehmung sind Ökonomen, Wirtschaftsweise, Wirtschaftsexperten meist Wachstumsapologeten. Natürlich gibt es auch andere Stimmen, aber sie haben kaum Gewicht. Es scheint, als sei die von Ihrer Einrichtung formulierte Zielsetzung »gesellschaftliche Verhältnisse in Verantwortung für Mitmensch und Mitwelt zu verändern« verloren gegangen. Hilft die Beschäftigung mit der Geschichte des Denkens, wie Sie es formulieren, das zu ändern? Was lehrte uns an dieser Stelle die Geschichte des Denkens?

Eine geschichtliche Darstellung der Wirtschaftstheorie relativiert auch das Wachstumsziel bzw. führt dazu, andere Ziele in den Blick zu nehmen. Viele Fragen zum Wirtschaftssystem, die heute aufgeworfen werden, wurden ja schon in der Vergangenheit diskutiert. Unser Ansatz geht, wie Sie richtig gesagt haben, von einer Priorität der Gesellschaft und nicht der Wirtschaft aus. Letztlich geht es um ein neues Konzept des »guten Lebens«, das sowohl mit Demokratie und gesellschaftlichem Frieden als auch mit einer funktionsfähigen und innovativen Wirtschaft verträglich ist. Ob und wie nun von unserem Ansatz gesellschaftliche Effekte ausgehen, kann nicht gewusst werden. Niemand kennt die Wirkungen des eigenen Tuns in der Zukunft.

Sie sagen auch, das ökonomische Denken befände sich in der Krise. Woran machen Sie das fest und wer oder was hat diese Krise verursacht?

Die Krise des ökonomischen Denkens hat viele Facetten. Sie bezieht sich auch darauf, dass z.B. die Mikroökonomie, wie sie in den Lehrbüchern gelehrt wird, kein theoretisches Fundament mehr besitzt, bzw. dass ein solches Fundament philosophisch, wissenschaftstheoretisch, vom Menschen-Bild her usw. heute nicht mehr formulierbar ist. Ein anderer Aspekt (der damit zusammenhängt) ist die Tatsache, dass es vor der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 und 2009 kaum eine Ökonomin oder einen Ökonomen gegeben hat, die/der eine so schwere Krise für denkbar gehalten hat. Man kann noch schärfer formulieren: viele ÖkonomInnen haben mit ihrem Denken genau jene Bedingungen (mit) möglich gemacht, die zur Krise geführt haben. So ist z.B. ein riesiges System von nicht regulierten Schattenbanken gewachsen, das ÖkonomInnen mit vielfältigen Vorschlägen zu einer »Deregulierung« von Finanzmärkten begünstigt haben und dessen Gefährlichkeit nicht erkannt wurde. (Die kritischen Ereignisse der Finanzkrise im Herbst 2008 haben im Schattenbanken-System stattgefunden.)

Die Krise der Ökonomik hat auch mit verfestigten Netzwerken, speziell in Deutschland, zu tun und mit Ausschlusskriterien, die es ÖkonomInnen, die nicht dem »Mainstream« angehören, erschweren, Karriere zu machen. Die Cusanus-Hochschule versteht sich als Ort, an dem qualifiziert zu Grundfragen der Wirtschaft geforscht und gelehrt wird. Längerfristig wollen wir ein Knotenpunkt für Personen werden, die z.B. die zunehmende Ökonomisierung vieler Lebensbereiche kritisch sehen und diesen Trend verstehen wollen, die bereits im Studium nach Abhilfen suchen und mögliche Lösungen – in den Praktika-Teilen des Studiums – in ersten Schritten ausprobieren.

Wann ist die Priorität der Gesellschaft, des Gesellschaftlichen gegenüber der Wirtschaft verlorengegangen? Oder ist es eher ein Irrtum zu glauben, dass es jemals ein Primat des Politischen, gar des Gesellschaftlichen gegeben hat?

Geschichtlich gab es viele Phasen, in denen das Gesellschaftliche und/oder die Politik vor der Wirtschaft Priorität beansprucht hat, z.B. in der Wirtschaftspolitik nach Adam Smith (der die Ökonomie als Theorie begründet hat) oder in der Ökonomie von John M. Keynes, die nach 1945 vorherrschend gewesen ist. Auch die ursprünglichen Ordoliberalen in Deutschland, die z.B. das Konzept einer »sozialen Marktwirtschaft« entworfen haben, gingen von einer Priorität der Politik aus, wenngleich sie selbst mit dazu beigetragen haben, dass sich diese Priorität später umgekehrt hat. Im heutigen marktfundamentalen Denken (vereinfacht spricht man auch von Neoliberalismus) ist die Ökonomik zur Leitwissenschaft der Gesellschaft geworden (wobei man gleichzeitig in diesem Denken über gar kein Konzept der Gesellschaft verfügt). Markfundamentale Denkweisen sind heute dominant geworden, Angela Merkel spricht auch von der »marktkonformen Demokratie«. Die Auswirkungen zeigen sich in der Ökonomisierung vieler Lebensbereiche, die es in diesem Ausmaß historisch noch nicht gegeben hat.

Das bedeutet nicht, dass »die Wirtschaft« heute die Politik dominiert, sondern nur, dass Politiken betrieben werden, mit denen eine Priorität »des Marktes« und »Sachzwänge« behauptet werden, denen sich die Politik scheinbar alternativlos zu unterwerfen hätte. Ein gutes Beispiel ist TTIP: ein politisch betriebener Prozess, der großen internationalen Konzernen die Möglichkeit gibt, künftige politische Inhalte – via »Schiedsgerichte« – in ihrem Sinn zu beeinflussen. Aber das ist eine aktiv betriebene Politik.

Gerade in diesem Bereich der Gesetzeshoheit scheint sich doch aber in den vergangenen Jahren national und auf europäischer Ebene viel verschoben zu haben. Wir wissen von Organisationen wie LobbyControl, dass an den Tischen derer, die Gesetze schreiben, immer auch Vertreter*innen der Wirtschaft sitzen, dass Gesetze teilweise in großen Kanzleien entstehen. Das Vertragswerk TTIP ist doch nicht das Ergebnis politischer Verhandlungen, sondern wirtschaftliches Diktat, das jetzt versucht wird, auf politischer Ebene passend gemacht zu werden. Die Politik hätte ja vielleicht von sich aus nicht ihre Hoheit an Schiedsgerichte abgegeben. Nur zum Beispiel.

TTIP ist ein politischer Prozess, die Entscheidung liegt bei politischen Akteuren. Diese sind von Lobbygruppen in einem zu großen Ausmaß beeinflusst. Diese Art von Politik sollte verändert werden, – und je mehr sie problematisiert wird, desto eher kann das geschehen. Die öffentliche Debatte um TTIP in Deutschland und in Österreich ist ein positives Beispiel, wie sich Meinungen ändern können. Von einem »Diktat« zu reden, zementiert Machtverhältnisse. Aber diese sind veränderbar, – speziell heute, wo viele »Selbstverständlichkeiten« in Frage gestellt werden.

Wäre der Verlust politischer Souveränität wieder umkehrbar oder ist das innerhalb des Systems gar nicht denkbar, weil Kapitalismus ja auch mit dem Expandieren von Ideen, mit Lobbyismus in allen Formen und Spielarten, mit der Auflösung einer einst zumindest angenommenen und in Teilen vorhandenen Dichotomie Staat-Wirtschaft, mit globalisiertem wirtschaftlichen Handeln im Gegensatz zu immer noch nationalstaatlich orientierter Politik, mit der Ökonomisierung aller, auch der privatesten gesellschaftlichen Bereiche einhergeht?

Jeder historische Prozess kann in viele denkbare Richtungen weitergehen. Das »Ende der Geschichte«, das behauptet worden ist, beinhaltet eine Geschichtsphilosophie, die zu hinterfragen ist. Insgesamt gibt es keine Regel, kein Gesetz und kein Prinzip, die einen Gang »der Geschichte« (bzw. von geschichtlichen Prozessen) in eine bestimmte Richtung vorschreiben und andere ausschließen. Die Zukunft ist immer offen: zu Entwicklungen, die uns gefallen und zu jenen, die uns nicht gefallen. Eine absolut gesetzte Dichotomie von »Wirtschaft« als »Markt« auf der einen und »Politik« als »Staat« auf der anderen Seite ist ein Teil des marktfundamentalen Denkens und als solches bestreitbar. Tatsächlich leben wir in einer Zeit eines politischen Aufbruchs: in Richtungen, die ich als gefährlich einstufe (wie die Rechtspopulisten in Europa oder Donald Trump in den USA) und in neue Sichtweisen, die z.B. Ungleichheit in Vermögen und Einkommen thematisieren oder den Skandal von Steuer- und Regulierungsoasen, – vor einigen Jahren hat es das noch nicht gegeben hat.

Sie sagen, die Art, wie Menschen über Ökonomik denken, hat immer direkte Auswirkungen auf die Wirtschaft selbst, darauf, welche Gesetze gemacht, wie Steuern und Handel geregelt werden. Deshalb habe die Hochschule als einzige in Deutschland das Fach »Wirkungsforschung« in den Lehrplan aufgenommen. Was lernen Ihre Studierenden da und was könnte im guten Fall aus dem Gelernten folgen?

Sie lernen z.B., wie Gedanken über die Wirtschaft die Wirtschaft beeinflussen können. Ein prominentes Beispiel ist das Black-Scholes-Modell, das 1973 entwickelt worden ist. Es erlaubt die Kalkulation bestimmter Optionspreise, die vorher nicht möglich gewesen ist. Dies hat zur Schaffung neuer Finanztitel geführt, die heute z.B. heute in Form von Derivaten ein Stabilitätsrisiko verkörpern, das auch in der Finanzkrise 2008 erkennbar war – mit Auswirkungen auf Banken bis zur aktuellen Krise italienischer Banken oder der Deutschen Bank. Das Ziel solcher Informationen ist ein vertieftes Verständnis des Wirtschaftssystems und seiner Geschichte.

Es ist ja nicht so, dass Ökonomen hierzulande keine Deutungsmacht haben. Eher gilt das Gegenteil. Die Prognosen der Wirtschaftsweisen, die Ansagen der Ratingagenturen, die »Wachstumswarnungen« führen regelmäßig zu hektischer Betriebsamkeit. Worüber so gut wie nie die Rede ist: Dass wir es mit einem endlichen, bzw. nicht unendlich belastbaren Ökosystem zu tun haben. Begriffe, wie Suffizienz oder Degrowth hört man eher selten und ganz bestimmt nicht aus den Instituten, die den Rat der Weisen stellen. Eine neue Generation von Ökonom*innen könnte daran vielleicht etwas ändern. Aber setzte dies nicht zuerst ein Umdenken in der Politik voraus?

Das ist richtig. Nur »Politik« ist ein dynamischer Prozess. Geschichtlich konnten oft kleine Gruppen längerfristig Einfluss gewinnen. In der Wirkungsgeschichte der Ökonomik kann man auch die Wichtigkeit etablierter Institutionen für politische Entwicklungen studieren. Es gibt viele ernstzunehmende Gedanken über neu zu etablierende Aspekte der Wirtschaft (was Sie auch ansprechen). Was in vielen Fällen fehlt, sind Vernetzungen und verfestigte Netzwerke. Diese gilt es aufzubauen, dann können Auswirkungen auf »die Politik« sichtbar werden.

Ermuntern Sie Ihre Student*innen, zur Offenheit gegenüber solchen Netzwerkideen? Lernen die gar an Ihrer Hochschule, wie man Netzwerke aufbaut und verstetigt?

Ja. Studierende können im Rahmen ihrer Praktikas in solchen Netzwerken arbeiten oder helfen welche aufzubauen. Wir versuchen auch, entsprechende Kontakte für interessierte Studierende zu vermitteln.

Das Interview führte:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin