Wirtschaft
anders denken.

Kapitalismus – oder was? Attac bringt alternative Bildungsmaterialien zur Ökonomie an die Schulen

05.01.2018
Abbildungen aus dem Attac-Material

Kapitalismus heute? Das steht fast nirgends auf dem Lehrplan. Attac will das mit eigenen Bildungsmaterialien ändern. Und so auch den Einfluss der Unternehmerlobby an den Schulen zurückzudrängen. 

Ein kritischer Blick auf die Ökonomie setzt einen einigermaßen geübten Blick auf die Ökonomie voraus. Nein, es geht dabei nicht schon um »die richtige Perspektive« oder irgendwelche Wahrheiten. Sondern darum, den Gegenstand »Wirtschaft« selbstständig, skeptisch, unabhängig zu betrachten. Also ist die Repolitisierung des Ökonomischen auch eine Frage der Bildung. Das wissen freilich auch jene, die einen Vorteil davon haben, dass Ökonomie von Anfang an durch die Brille ihrer Interessen, Redeweisen, Begriffe, Theorien betrachtet wird. OXI hat immer wieder auf den Unternehmer-Lobbyismus im Bildungsbereich hingewiesen, schon die erste Printausgabe widmete sich dem Thema im Schwerpunkt: »Wie Kapitalismus Schule macht.«

Darin ging es auch um mögliche Alternativen. Wie diese: Das globalisierungskritische Netzwerk Attac hat nun selbst ein Bildungsmaterial zur Ökonomie herausgebracht. »Ein zentrales Anliegen des Politikunterrichts ist es, die Schülerinnen und Schüler in die Lage zu versetzen, gesellschaftlich relevante Themen kontrovers zu diskutieren. Das muss auch für die Wirtschaftsordnung gelten«, sagt Andreas Eis.

Das steht nirgends auf dem Lehrplan. Noch.

Der Professor für Didaktik der Politischen Bildung an der Universität Kassel ist ehrenamtlich in der Attac-Arbeitsgruppe Bildungsmaterialien dabei. Über die Lage an den Schulen heute sagt er: »Die zahlreichen Unterrichtsmaterialien, die unternehmerische Lobbygruppen den Schulen kostenlos zur Verfügung stellen, sind dafür freilich in aller Regel nicht geeignet.«

Deshalb soll »Kapitalismus – oder was? Über Marktwirtschaft und Alternativen« nun die Lücke füllen. Es konfrontiere »hegemoniale Deutungen mit Alternativen« und lege die Agenda derer offen, die mit »scheinbar neutralen Angeboten« daherkommen, aber »von unternehmerischen Lobby-Gruppen finanziert sind und mehr oder minder subtil deren (wirtschaftstheoretische) Sicht auf die Welt transportieren«. Das bringt andere Sichtweisen schon zu einem Zeitpunkt ins Hintertreffen, in denen auch die Grundlagen für politische Ansichten gelegt werden.

»Kapitalismus heute? Das steht nirgends auf dem Lehrplan. Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft? Das kommt nur gelegentlich vor«, wird in der Einleitung zu den Materialien der Bielefelder Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften und Wirtschaftssoziologie, Reinhold Hedtke, zitiert.  »Beide sind aber individuell und kollektiv, gegenwärtig und zukünftig problemträchtige Themen. Beide konfrontieren nicht nur Gesellschaft und Politik mit drängenden Fragen, sondern auch die Lernenden: Wie will ich leben, wie kann ich leben, wie muss ich leben?«

Ergebnisoffen: Man darf den Kapitalismus auch lieben

Aber Schulen würden eben in der Mehrzahl weiter »beharrlich über den Kapitalismus« schweigen, so Hedtke. »Das ist Anti-Aufklärung par excellence – und das muss sich schleunigst ändern. Selbstverständlich ergebnisoffen, denn in demokratischen Gesellschaften ist es ausdrücklich erlaubt, den Kapitalismus und das kapitalistische Leben zu lieben. Dass dies erlaubt ist, gilt erst recht für die Schule und den Unterricht.«

Das Attac-Bildungsmaterial – Marx kommt auch ausführlich darin vor – umfasst rund 140 Seiten mit vielen Grafiken, Aufgaben, Anregungen. »Wir legen großen Wert auf aktivierende Methoden und kooperative Lernformen, daher eignen sich die Materialien sowohl für den Unterricht als auch für die außerschulische Bildungsarbeit«, so erklärt Holger Oppenhäuser vom Attac-Bundesbüro den Ansatz.

Für die Sekundarstufe I und II konzipiert

Das für die Sekundarstufe I und II konzipierte Material, das auch außerschulisch verwendet werden kann, geht wichtigen Fragen der Ökonomie nach – auf eine Weise, die an die Lehrpläne anknüpfen soll: »Was heißt eigentlich Marktwirtschaft und was Kapitalismus? Was hat das Geschlechterverhältnis mit der Wirtschaftsordnung zu tun? Welche Formen von Eigentum gibt es, und welche wollen wir? Ist Wachstum noch zeitgemäß? Wohin entwickelt sich der Kapitalismus derzeit? Und schließlich: Welche Alternativen werden aktuell diskutiert?«

Die Bereitstellung der Materialien wird von der IG Metall, der Otto-Brenner-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt. Es handelt sich dabei um die dritte Folge in der Reihe »Wirtschaft demokratisch gestalten lernen«, zuvor ging es um die Themen Europa und Handelsverträge. Die Arbeitsblätter und interaktiven Methoden sowie zusätzliche Materialien können als Druckversion bestellt oder als PDF-Dokumente kostenlos bei Attac heruntergeladen werden.

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Unternehmen und Verbände versuchen seit Jahren, Einfluss auf den Schulunterricht und das Unterrichtsmaterial zu nehmen. Die Gewerkschafterin Martina Schmerr über die Reaktionen der Eltern und die Einschätzung der GEW.

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Lobbyarbeit in der Schule
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Geschrieben von:

Vincent Körner