Wirtschaft
anders denken.

Karl Marx, Ökonom der Überwindung des Kapitalismus

05.05.2017
Porträtfotografie von Karl MarxFoto: gemeinfreiKarl Marx, 1875, im Alter von 57 Jahren. Damals schrieb er die »Kritik des Gothaer Programms« und war oft krank.

Es gehört heute zum guten Ton, Karl Marx als Ökonomen zu ignorieren. Dabei ist der Kapitalismus ohne sein Denken kaum zu begreifen. Zum 199. Geburtstag des Begründers der Kritik der politischen Ökonomie.

Karl Marx (1818-1883) steht am Zusammentreffen zweier Zeitalter: dem Ausgang des aufstrebenden Bürgertums und der Entstehung des Proletariats, das schon in dieser Phase seinen Anspruch auf gesellschaftliche Gestaltungsmacht zum Ausdruck bringt. Dieses, wie der marxistische Philosoph Georg Lukács sagte, »Gerade-so-sein« und gleichzeitig »Noch-nicht-sein« prägte Marx‘ Werk. Geschichte, Ideengeschichte, Wirtschaftstheorie, technischer Fortschritt, politischer Kampf, soziale und kulturelle Veränderungen sind Gegenstand seines Interesses. Dass sich verschiedenartige Prozesse gegenseitig bedingen, versteht Marx als Schlüssel zum Verständnis des Weltgeschehens.

Der studierte Jurist ist Theoretiker der Reproduktion bürgerlicher Ordnung und kapitalistischer Wirtschaft. Marx greift auf eigene Art die Frage danach auf, wie Reichtum entsteht. Diese Frage begründet den Ausgangspunkt der politischen Ökonomie als Wissenschaft. Anders als seine Vorgänger geht Marx der Frage kritisch und dialektisch nach. Wo sie nach der Vollendung der Ordnung suchen, fragt er nach den Momenten des Werdens und Vergehens.

Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie ist Makroökonomie, geprägt durch Analyse mikroökonomischer Prozesse.

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Es gehört heute zum guten Ton, Marx als Ökonomen zu ignorieren. Die einen werfen Marx Unterschätzung der Geschlechterverhältnisse und Eurozentrismus vor. Andere sehen in ihm lediglich einen idealistischen Philosophen, der sich in hegelschen Phrasen verliert. Schon Eduard Bernstein, einer der Väter des Revisionismus in der Sozialdemokratie, verwarf Marx‘ dialektische Methode, das Denken in Widersprüchen. Er setzte an deren Stelle ein lineares Entwicklungskonzept. Auch wird Marx eine Verelendungstheorie untergeschoben, wonach es mit dem Proletariat unablässig abwärts gehe, was sich in der Geschichte nicht bestätigt habe. Das Marx seine Überlegungen zu den Perspektiven der bürgerlichen Ordnung immer auch unter Abwägung der Gegentendenzen entwickelte, wird dabei gern unterschlagen.

Die Einheit von Widersprüchlichem

Eine historische Perspektive und der Blick für Widersprüche sowie für die Zusammenhänge von scheinbar Unzusammenhängendem prägten Marx‘ ökonomische Auffassungen. Etwa zum Zusammenhang zwischen der materiellen Organisation des Produktionsprozesses auf der einen und den sozialen Beziehungen der ProduzentInnen auf der anderen Seite. Veränderungen des Produktionsapparates und der Produktivkräfte verändern die Arbeitenden, zwingen das Kapital zu beständiger Selbstveränderung und zu weiterem technischen Fortschritt. Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie ist Wirtschaftswissenschaft, nicht einfach eine allgemein-soziale Theorie. Sie ist Makroökonomie, geprägt durch genaue Analyse mikroökonomischer Prozesse.

Im ständigen Zwang zur Veränderung sieht Marx die progressive gesellschaftliche Rolle des Kapitals. Die Unternehmen werden dabei immer abhängiger vom Funktionieren der Gesellschaft und von Ressourcen, die nur die Gesellschaft bereitstellen kann – etwa Bildung, soziale Stabilität, eine funktionierende Infrastruktur. Kapital muss sich um den Preis des Untergangs in vergesellschaftetes – in das Funktionieren der Gesellschaft eingebundenes – Kapital verwandeln.

Der kapitalistische Drang zum permanenten Wandel

Diese gesellschaftlichen Potenziale werden jedoch weiter privat angeeignet. Das produziert immer schärfere Widersprüche. Außerdem bringt die beständige Umwälzung der ökonomischen Basis bewusstere, qualifiziertere und eigensinnigere ProletarierInnen hervor, die mit Recht die Frage stellen, wozu es eigentlich UnternehmerInnen braucht.

Was hält aber die Gesellschaft unter den Bedingungen von Konkurrenz und voneinander isolierten ProduzentInnen zusammen? Wie kommt es, dass sich trotz des Chaos der Konkurrenz materielle und menschliche Ressourcen einigermaßen passend auf die verschiedenen Zweige der Produktion verteilen? Was macht die in den unterschiedlichen Branchen produzierten Güter, die dort verrichteten Arbeiten, die getätigten Investitionen und so fort vergleichbar?

Zeit ist Geld? Nicht ganz.

Als verbindendes Element identifiziert Marx die Zeit, genauer gesagt die Arbeitszeit, die die Produktion der Waren erfordert bzw. die sich die verschiedenen Agenten des Prozesses aneignen können. Die Zeit liegt auch dem Wert und dem Wertgesetz zugrunde, das seinerseits wieder Grundlage der Preise ist. Obwohl es so scheint, als bestimmten die Preise die Produktion – was man teuer verkaufen kann, das möchte ein Unternehmen produzieren – liegt für Marx, der nicht nur den Produktionsprozess der einzelnen Ware betrachtet, sondern auch den des Kapitals (und eben des Produzenten, des Arbeiters), die »Initiative« bei der Produktion. Dies bedeutet aber beileibe keine mechanistische Abfolge. Nicht jede aufgewandte (Arbeits-)Zeit kann wert- und preisbestimmend sein. Zirkulation, Verteilung und Konsum spielen eine aktive Rolle. Nur im Gesamtprozess bestimmt sich, was die Gesellschaft in welchen Proportionen in ihrem gegebenen Zustand braucht. Und es bestimmt sich nur hier. Anders ausgedrückt: Waren, die nicht verkauft werden, weil sie zu teuer sind, nicht gebraucht werden oder nicht dorthin gelangen, wo sie gebraucht werden, sind »wertlos«. In der Konkurrenz der Kapitale unterliegen jene Unternehmen, die nicht fähig sind, gesellschaftliche Bedürfnisse in ganz bestimmter Art zu befriedigen.

Früchte der Konkurrenz

Diese Konkurrenz ist es aber auch, die das Klassenbewusstsein des Kapitals hervorbringt: Jedes dieser Kapitale erhebt den Anspruch, in gleichen Proportionen am geschaffenen Mehrwert beteiligt zu werden, entsprechend der allgemeinen Profitrate. Damit treten sie gemeinsam in Widerstreit zu den LohnarbeiterInnen; denn Lohn und Profit stehen in einem umgekehrten Verhältnis, in einem ständigen Konkurrenzkampf. Kapital und Arbeit sind Konkurrenten nicht einfach als Individuen, sondern als Klassen. Aber auch die ProletarierInnen konkurrieren untereinander. Solidarität versteht sich nicht von selbst, sie muss erarbeitet werden. Die ArbeiterInnen müssen schon selbst »ihre Köpfe zusammenrotten«, wie Marx im ersten Band des »Kapital« schreibt, um den KapitalistInnen die Beschränkung des Arbeitstages und einen angemessenen Lohn abzutrotzen. Der ökonomische Kreislauf schlägt damit in ein politisches Verhältnis um.

Marx fragt weiter: Was bedeutet Konkurrenz? Konkurrenz bedeutet auf der einen Seite ungehemmte Entfaltung der Produktivkräfte, eine in der bisherigen Weltgeschichte ungekannte Dynamik, Vielfalt an Produkten und Dienstleistungen. Der Mensch könnte dank des technischen Fortschritts neben den Produktionsprozess treten, die Freizeit, nicht die Arbeitszeit, könnte Maß des Reichtums werden. Gleichzeitig aber bedeutet dies Verheerung von Natur und Menschen. Die Ausplünderung der Kolonien oder die Konkurrenz zwischen Frauen, Kindern und Männern sind nicht einfach die Folge moralischer Verirrungen böser KapitalistInnen, sondern entspringen dem nüchternen kaufmännischen Kalkül.

Wie die Lösung praktisch aussieht, sagt Marx uns nicht.

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Die Widersprüche finden ihre extreme Ausprägung in den Wirtschaftskrisen. Eine vom Kapitalverhältnis beherrschte Gesellschaft kann sich ihrer nicht entledigen, ohne ihre Innovationskraft zu verlieren. Das enge Interesse des Unternehmers oder des Unternehmens, und sei es noch so reformorientiert, führt die Gesellschaft immer wieder an den Rand des Ruins – in ökologischer, in sozialer und kultureller Hinsicht.

Dies zeigt sich auch in den Problemen der heutigen Welt. Hier liegt der Ansatzpunkt für Globalisierungskritik in Marxscher Tradition. Der Mensch muss sich bewusst als gesellschaftliches Wesen zu den Bedingungen seiner Reproduktion verhalten können. Dazu müssen die trennenden Schranken des Privateigentums an Produktionsmitteln niedergerissen werden. Sozialreformen und andere staatliche Regulierungsmaßnahmen können zeitweise die Probleme mildern, aber nicht lösen. Die Verheerungen des Kapitalismus sind die Kehrseite seiner emanzipatorischen Potenziale – und umgekehrt. Das Eine ist ohne das Andere nicht zu haben.

Wie die Lösung praktisch aussieht, sagt Marx uns nicht. Wenn er davon spricht, dass der Übergang zum Kommunismus gesetzmäßig, naturnotwenig ist, spricht er davon, dass dieser Übergang notwendig ist, um die Existenz der Menschheit zu bewahren. Klar ist nur eins: Ohne aktives Handeln wird sich nichts ändern.

 

Leben und Werk

Karl Marx wurde am 5. Mai 1818 geboren. Der studierte Jurist führte ein unstetes Leben – von Deutschland verschlug es ihn nach Belgien, Frankreich, dann England. Ohne seine Frau Jenny und seinen engen Freund und Co-Autor Friedrich Engels wäre er nie in der Lage gewesen, seine theoretischen und praktischen Arbeiten mit dieser Tiefe zu betreiben. Sein ökonomisches Werk umfasst eine Unzahl von Artikeln, die »Kritik der politischen Ökonomie« von 1859 und natürlich das »Kapital, Band 1« (1867). Zu seinen Lebzeiten erschien es in mehreren Auflagen. Bis zu seinem Tode 1883 arbeitete er an den weiteren geplanten Bänden seines Hauptwerkes. Die Manuskripte wurden nach seinem Tode von Friedrich Engels (Band 2 und 3 des Kapital) sowie Karl Kautsky und Eduard Bernstein (Theorien über den Mehrwert) publiziert. In der MEGA (Marx-Engels-Gesamtausgabe) liegen inzwischen (fast) alle Materialien zu seinen ökonomischen Studien vor.

Geschrieben von:

Lutz Brangsch

Ökonom