Wirtschaft
anders denken.

KD-Radioshow im Juni: Sound am Vorabend der Revolte

29.06.2017
Klaus Doerre am Mikro, in Kamera lachendFoto: Anna MehlisRadioliebhaber und Wirtschaftskritiker in seinem kreativen Element: moderierend und Gesellschaft kommentierend.

In der KD-Radioshow betreibt der Wirtschaftssoziologe Klaus Dörre von der Friedrich-Schiller-Universität Jena jeden Monat »musikalische Gesellschaftskritik« im lokalen Bürgerradio. Dieses Mal geht es um den Sound am Vorabend der Revolte – allerdings leider keiner aktuellen.

1967 war das Schaltjahr der Popmusik. Erstmals wurden mehr LPs als Singles verkauft. Nie wieder wurde eine solche Fülle an Meilensteinen der Rock- und Popmusik in so kurzer Zeit produziert. Das Album kam nun als Gesamtkunstwerk daher – durchkonzipiert von der Plattenhülle bis zur Anordnung der Songs. The Beatles schufen mit »St. Peppers Lonley Hearts Club« den Meilenstein, an dem sich alle anderen zu messen hatten. The Velvet Underground versuchten, gemeinsam mit der deutschen Nico, ein Kontrastprogramm. Die LP »The Velvet Underground & Nico« floppte, obwohl Andy Warhol das Bananen-Cover stiftete. Anders The Pink Floyd, damals noch mit Sid Barret, dessen »Lucifer Sam« zeigt, wo Ton, Steine, Scherben ihre Gitarrenriffs klauten.

Die Musik von 1967 war das Vorspiel zur Revolte. Weniger die Texte als die Musik zeigten, wohin die Reise gehen würde. The Jimi Hendrix Experience etablierte – mit »Hey Joe« allerdings noch sehr gemäßigt – das Geräusch als Kunstform. Und nicht nur für die The Doors spielten Drogen eine entscheidende Rolle beim »Break on trough« in eine andere Welt. 1967 – das war ein Jahr kreativer Konkurrenz. Für »St. Peppers« hatten The Beatles monatelang im Studio gesessen. Drei Tage, nachdem das Album erschienen war, spielte Jimi Hendrix den Song live und er brauchte nur seine Gitarre. Eric Clapton, Pete Townshend, Keith Richards, Paul McCartney und viele andere Große des Rock saßen im Publikum. Sie wussten, da ist einer, an dem sie sich fortan zu messen hatten. Bob Dylan war der andere Meister, von dem sich alle inspireren ließen. Einer seiner vielen Meilensteine war »All along the watchtower«.

Hätten die Soziologen nur auf die Musik geachtet! 1961 war Jürgen Habermas’ »Student und Politik« erschienen. Die Studie zeichnete das Bild einer apolitischen, angepassten Generation. Doch schon The Byrds, wussten, dass jene, die »Younger Than Yesterday« (so der Name des Albums) sein wollten, mindestens einen Wunsch hatten: »So you want to be a Rock ’n Roll Star!« Weil das nicht bei allen klappen konnte, war klar, dass es in der Gesellschaft knallen würde – nicht nur politisch, auch kulturell und sexuell. Aretha Franklin hat es immer bestritten – doch sie repräsentiert die Frauen besonders des Schwarzen Amerika, die nicht mehr Sexobjekt sein wollten, die begehrten und ihre Lust öffentlich zeigten: »I Never loved a man (the way I love you)« ist das Album des Jahres.

The Jefferson Airplane und ihre Sängerin Grace Slick wollten dem in nichts nachstehen. »Somebody to love« wurde zu einer Hymne der gesamten San Francisco Szene – dem damaligen Talentpool der Rockmusik. Angesichts von so viel Kreativität, konnte man schier verzweifeln. Brian Wilson hörte »St. Peppers« und brach die Aufnahmen am neuen Beach-Boys-Album ab. Geblieben ist »Smiley Smile/The Smile Sessions« mit Fragmenten wie »Child is father of the man« – trotz oder wegen Unvollständigkeit ein Meilenstein der Popmusik.

Worum es bei allem ging, brachten Frank Zappas Mothers of Invention auf den Punkt. »Absolutly free« (so der Titel von Zappas zweitem Album) wollten alle sein. Die Revolte gegen die »Plastic People« lag in der Luft. Und eines ist sicher: Miefige Prä-68er vom Schlage Meuthen, Gauland, Höcke und Petry werden sie nicht zurückdrehen können. Wer‘s nicht glaubt, lese das Buch: »Younger Than Yesterday«, herausgegeben von Christoph Jürgensen, Gerhard Kaiser und Antonius Weixler (Verlag Klaus Wagenbach) und höre die KD-Radioshow mit Peter Reif-Spirek als Sozialwissenschaftler des Monats und Anna als Kommentatorin aus der Generation-Y-Perspektive.

KD-Radioshow: am 29. Juni um 18 Uhr und am Folgetag um 13 Uhr unter radio-okj.de/wp-content/themes/radiookj/okj-player.html oder bestellen unter KD-Radioshow@listserv.uni-jena.de

Die nächste KD-Radioshow folgt dann am 27. Juli 18 Uhr, Wiederholung am 28. Juli.

Geschrieben von:

Klaus Dörre

Professor für Soziologie