Wirtschaft
anders denken.

Kein Arbeitsmarktproblem, sondern ein Verteilungsproblem: Neues über die Folgen der Automatisierung

05.08.2018
ICAPlants / CC BY-SA 3.0

Der Tenor der Debatte über die sozialen und ökonomischen Folgen der Automatisierung dreht sich langsam aber spürbar: Die Roboter nehmen »uns« nicht die Stellen weg, sondern sie verschärfen und verändern Verteilungsprobleme.

Wenn man auf die öffentliche Diskussion über die Folgen der digital getriebenen Welle der Automatisierung zurückblickt, markiert das Jahr 2013 ein wichtiges Datum: Damals veröffentlichten der schwedische Ökonom Carl Benedikt Frey und der Informatiker Michael Osborne ihr berühmtes Thesenpapier, das in den Medien auf die Schlagzeile »Jeder zweite Arbeitsplatz könnte durch Automatisierung wegfallen« gebracht wurde.

Laut der Studie werde ein großer Teil der klassischen Produktionsarbeit, viele Tätigkeiten in Transport und Logistik, im Verkauf und auch in Dienstleistungen wie Banken und Versicherungen wegrationalisiert werden. Es schlossen sich weitere Studien über die generelle Möglichkeit an, dass bestimmte Berufe mechanisiert oder digitalisiert werden. Darauf wurde mit immer neuen Horrormeldungen reagiert. 

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Die ganze Diskussion hat – einmal vor allem ihre Wirkung, nicht so sehr das methodische Setting oder die konkreten Ergebnisse betrachtet – negative Folgen: Der technologisch angetriebene Wandel der Arbeitswelt erscheint als ein schier unbeherrschbares Szenario. Die Rede von den Robotern, »die uns die Arbeit wegnehmen«, kann so auch die Mobilisierung zum Kampf um die Verteilung der Digitalisierungsdividende blockieren. 

Ein Blick in die 1970er Jahre kann hier sinnvoll sein. Als damals eine Welle der kapitalistischen Rationalisierung durch die Industrie rollte, befleißigten sich die Gewerkschaften der »Aufklärung der Arbeitenden über die beständige Verschlechterung ihrer Lage«. Mit dem Dauerhinweis auf die negativen Folgen wurde versucht, »das Handlungsniveau der Betroffenen zu erhöhen« – was aber misslang. Kritische Forscher des damals laufenden »Projektes Automation und Qualifikation« machten genau diesen »Verelendungsdiskurs« dafür verantwortlich. Eine öffentliche Behandlung der real existierenden Probleme in einer Weise, die von der Grundbotschaft geprägt ist, dass schon wegen der Kapitallogik immer nur alles schlechter kommen müsse, habe die Motivation der Beschäftigten, für eine positive, an eigenen Zielen ausgerichtete Veränderung zu kämpfen, eben gerade nicht gestärkt.

Inzwischen hat sich die Lage aber zum Glück ein bisschen geändert. Der Tenor der wissenschaftlichen Untersuchungen zu den Folgen der Automatisierung, vor allem der öffentlichen Debatte darüber, ist zunehmend ein anderer. Viel stärker sind Probleme der Verteilung, der Einkommen, der Weiterbildung und der Frage, wer die gesellschaftlichen Kosten der Anpassung trägt beziehungsweise die Dividende der Rationalisierung einstreicht.

Drei Beispiele aus diesen Tagen. Hanno Beck stellt in der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« eine neue Arbeit der Ökonomen David Autor und Anna Salomons vor: »Unter dem Strich stellen sie fest, dass technischer Fortschritt insgesamt die Beschäftigung erhöht hat – so weit die gute Nachricht«, schreibt er. »Allerdings sehen die Ökonomen auch die Schattenseite: Der Anteil, den die Arbeit am Inlandsprodukt erwirtschaftet, ist gesunken.« Die Gründe sind nicht abschließend geklärt, eine These lautet, dass große Konzerne wie Amazon oder Google, in denen vergleichsweise wenig lebendige Arbeit angeeignet wird, einen wachsenden Marktanteil erreichen. Eine zweite These besagt, dass vor allem »die Verteilung dieser Arbeit und ihrer Erträge« zum Problem wird. »Technischer Fortschritt und Automation führen dazu, dass manche Tätigkeiten überflüssig werden und neue entstehen – mit entsprechenden Folgen für die Löhne. Vereinfacht gesagt: Technischer Fortschritt kennt auf dem Arbeitsmarkt Gewinner und Verlierer«, so Beck. »So gesehen ist technischer Fortschritt weniger ein Arbeitsmarktproblem als ein Verteilungsproblem.«

Das ist schon länger der Punkt, den der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum macht und mit wissenschaftlichen Studien untermauert. Ein neues Papier von ihm ist dieser Tage im Wissenschaftspolitischen Zentrum der Universität St. Gallen erschienen: »Digitalisierung und die Zukunft der Arbeit«. Südekum erneuert darin die Analyse, dass Digitalisierung und Automatisierung nicht zu Massenarbeitslosigkeit führen werden, »sondern eine stärkere Ungleichheit und stagnierende Reallöhne in der Mitte des Lohnspektrums sind das Problem. Bislang hat der Robotereinsatz die Löhne nur schwach in Mitleidenschaft gezogen. Mit dem Vormarsch der künstlichen Intelligenz und anderer digitaler Technologien könnte es aber schlimmer kommen«, so der Ökonom. 

In seinem Papier geht Südekum den Schritt auf die Ebene der Wirtschaftspolitik: Was kann man machen, um die verteilungsrelevanten Folgen der Automatisierung zu steuern? »Einkommensumverteilung über Steuer- und Transfersysteme oder gar ein bedingungsloses Grundeinkommen greifen zu kurz«, so seine Überlegung. Stattdessen müsse »eine vorbeugende Politik« an der »Primärverteilung der Markteinkommen« ansetzen, es geht also um eine »produktivitätsorientierte Lohnpolitik, massive Investitionen in die Wissensinfrastruktur und die Intensivierung der Ausbildung und beruflichen Weiterbildung«. Modelle der Mitarbeiterbeteiligung seien zudem sinnvollere Denkansätze als etwa Robotersteuern. Südekum formuliert es als »die zentrale Frage der Digitalisierung«: Wem gehören die Roboter?

Im Fazitblog haben Britta Beeger und Patrick Bernau auch Südekums neuestes Papier aufgegriffen, sie greifen zudem eine aktualisierte Studie der Arbeitssoziologin Sabine Pfeiffer auf. Die nähert sich dem Thema von einer anderen Seite, kommt aber zu dem ähnlichen Ergebnissen: dass die Beschäftigungseffekte der Digitalisierung tendenziell überschätzt werden. Pfeiffer geht es in ihrer Forschung unter anderem um die Frage, ob eine der Grundannahmen der eingangs genannten Studie von Frey und Osborne überhaupt richtig ist, dass nämlich erstens Routineaufgaben grundsätzlich leicht automatisierbar und damit ersetzbar sind. Beeger und Bernau fassen ihre Antwort so zusammen: »So einfach, wie viele Analysen glauben machen, ist die Sache aus Sicht der Wissenschaftlerin nicht. Vielmehr müssten viele Beschäftigte selbst in hochautomatisierten Industrien im Alltag immer wieder auf unvorhersehbare Ereignisse reagieren.«

Geschrieben von:

Tom Strohschneider

OXI-Redakteur