Wirtschaft
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Klassenkampf und Kapitalismusdebatte: Warum der Historikertag interessant wird – ein OXI-Überblick

10.05.2018
Karl Girardet / GemeinfreiVisiting the poor, 1844

Er gilt als »größter geisteswissenschaftlicher Kongress« hierzulande: Im September findet der Historikertag statt. Von der diesjährigen Ausgabe in Münster können kritische Ökonomen und aktuelle Sozialanalysen einiges lernen.

Bis September ist es noch eine Weile hin, dennoch an dieser Stelle eine kleine Vorschau auf den 52. Historikertag, der in diesem Jahr in Münster stattfindet. Warum in diesem ökonomiekritischen Blog? Weil aus der Perspektive einer wissenschaftlichen Befassung mit dem Gestern auch etwas für das Heute gelernt werden kann – nicht zuletzt für kritische Analysen sozialer und wirtschaftlicher Zusammenhänge.

Der diesjährige  Historikertag steht unter der Überschrift »Gespaltene Gesellschaften«, und der Verband der Historiker Deutschlands, der zu den Organisatoren gehört, sieht die Sache so: »In globaler Perspektive sind tiefe, bisweilen fast unüberwindlich erscheinende Spaltungen moderner Gesellschaften eher die Regel als die Ausnahme. Zunehmend geraten die Grundlagen unseres Zusammenlebens auf den Prüfstand. Diese Entwicklungen sind jedoch keine Besonderheit unserer Zeit.«

Also wissenschaftlicher Rückblick, um vielleicht auch auf das Allgemeine dieser Entwicklungen zu stoßen. Die Verbandschefin Eva Schlotheuber verweist ganz direkt auf heutige Aspekte der »sozialen, ökonomischen und rechtlichen Ausgrenzung von Bevölkerungsgruppen«, zu deren Erklärung historiografische Blicke beitragen können. Das Programm für die Zeit vom 25. bis 28. September ist vielfältig, einige Beispiele sollen hier genannt werden, auch weil darin Perspektiven eingenommen werden, die hier auch im Blog thematisch von Interesse sind. 

So befasst sich ein Kolloquium mit dem »Skandalon Markt« und untersucht »gesellschaftliche Debatten über Reichweite, Funktionalität und Legitimität« solcher wirtschaftlicher »Ordnungen«, in denen sich »ökonomische Kontroversen ebenso wie konkurrierende Vorstellungen über politische Interventionsansprüche, soziale Beziehungen und individuelle Lebensqualität« spiegeln. Als Beispiele werden Akteure des grauen Finanzmarkts von Paris um 1900, Debatten über die Herstellung und den Handel von Alkohol in der frühen Weimarer Republik als auch aktuelle Urheberrechtsdiskussionen und die Frage der »Kriminalisierung der Auslandskorruption in der Bundesrepublik« untersucht.

Das Potential des Klassenbegriffs

Eine weitere Themenrunde nimmt »Rechtfertigungen und Anfechtungen des Kapitalismus 1850-2008« in den Blick. Dabei wird ein recht weites Feld abgeschritten, es geht um die wirtschaftshistorischen Deutungen, die im 20. Jahrhundert den »Keimen des Kapitalismus« in China entgegengebracht wurden. Zur Sprache kommt auch die viel gerühmte »Effizienz der Märkte«, die hier unter der Frage der Wissensgeschichte eines ökonomischen Schlüsselkonzeptes diskutiert wird. Es geht um »Informelle Arbeit im modernen Kapitalismus« in der Zeit von 1880 bis 1980. Ebenso direkt ins Heute führen die Themen »Skandalisierungen von Reichtum und Überfluss im 20. Jahrhundert« und »Die ›Macht der Banken‹ und die Delegitimierung einer liberalkapitalistischen Wirtschaftsordnung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts«. Der Sozialhistoriker Jürgen Kocka, von dem eine lesenswerte kleine »Geschichte des Kapitalismus« stammt, ist auf diesem Panel einer der Kommentatoren. 

Zu nennen ist auch die Runde auf dem Historikertag, die sich der vertikalen Spaltung und der Frage zuwendet, wie Staaten auf Klassendifferenzierungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geantwortet haben – mit Steuern, Transfers, Sozialversicherungen und der Bereitstellung öffentlicher Güter und Dienstleistungen. Die Sektion will zudem »das Potential des Klassenbegriffs für die Untersuchung der Gesellschaften Westeuropas« ausloten. Es gehe »darum, die durch staatliche Politik induzierten Prozesse der Klassenbildung zu untersuchen und gleichzeitig zu fragen, inwiefern Begriffe wie Klasse oder Schicht in den politischen Auseinandersetzungen eine Rolle spielten.« Hierzu wird es Vorträge geben, die fiskalsoziologische Überlegungen am Beispiel Großbritanniens anstellen, die der Frage des »Klassenkampf als Verteilungskampf in der Demokratie« am Beispiel der Bundesrepublik nachgehen und die vorstellen, »wie sich Vorstellungen über die Umverteilungswirkung des Wohlfahrtsstaates änderten und politisch-administrativ umgesetzt wurden«. Hierbei wird ausdrücklich eine kritische Prüfung der »Deutung vom Übergang zum ›aktivierenden Wohlfahrtsstaat’ angekündigt.

Aktualität und historiografischer Blick

Sozial- und ökonomiekritisch interessant sind auch andere Panels auf dem Historikertag. Eine Sektion nimmt die »Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Transformations- und Umbruchszeit nach 1990« in den Blick – und damit auch eine der Ursachenebenen für politische und kulturelle Radikalisierungstrends nach rechts. Es geht um die Treuhandanstalt, die Folgen der Deindustrialisierung im Osten, um spezifische Ungleichheitsmuster in einer Vereinigungsgesellschaft. Hoch aktuell ist auch die Sektion, die sich mit dem Versprechen auseinandersetzt, »die sozialen und ökonomischen Risiken von Krankheit, Betriebsunfall, Invalidität, Alter, Pflegebedürftigkeit etc. durch die Sozialversicherung abzusichern«. Das führt direkt in aktuelle politische Diskussionen über Pflegenotstand, Gesundheitsreform und Altersarmut. Gleiches gilt für die Sektion, die sich dem »Zusammenhang von Kindheit und sozialer Ungleichheit in der Geschichte der Bundesrepublik« zuwendet.

Aber nicht bloß einfache »Aktualität« macht den Historikertag auch für kritische Ökonomen und Sozialwissenschaft interessant. Sondern gerade der historiografische Weitwinkel, der eine Prüfung von Begriffen in großer zeitlichen Rahmung ermöglicht – etwa am Beispiel der Ungleichheit. Eine Sektion spürt zum Beispiel der in der Agrargesellschaft der Vormoderne nach, es geht dann um »Ungleichheit auf dem Land?«, um soziale Spaltungen des 8. bis 12. Jahrhundert, um soziale Strukturen früherer Zeiten, die Spuren hinterlassen haben und Traditionen in Gang setzten, die auf ihre Weise vielleicht bis heute wirken.

Die Tagungen sind als »größter geisteswissenschaftlicher Kongress« hierzulande angekündigt, das komplette Programm des Historikertags findet man hier.

Geschrieben von:

OXI Redaktion