Wirtschaft
anders denken.

Kleine Beträge, große Bedeutung: über das Vermögen der Arbeiter

18.08.2018
Spiegel-Titel zum Hype der T-Aktie 1996 - und zu den Folgen

Die stark ungleiche Verteilung von Vermögen hierzulande sorgt immer wieder für Debatten. Auch viele Arbeiter und Angestellte haben Wohneigentum oder setzen auf kapitalmarktgedeckte Sicherung. Horst Kahrs geht der Frage nach, wie Gesichtspunkte des Vermögensbesitzers auch in diesen sozialen Gruppen größere Handlungsrelevanz erlangen könnten.

Die stark ungleiche Verteilung von Vermögen hierzulande sorgt immer wieder für Debatten. Der Unterschied zwischen dem Reichtum von wenigen an der Spitze und der sozialen Lage vieler an der Basis der Verteilungspyramide wird als Ausdruck einer ungerechten Gesellschaft betrachtet, von links hört man immer wieder Rufe nach einer drastischen Besteuerung von Vermögen sowie der daraus erzielten Einkünfte. Was meist unbeachtet bleibt: Es gibt auch eine recht starke Verbreitung »kleiner Vermögen«, die zwar nominell vom Reichtum des »1 Prozent da oben« weit weg sind, die aber für die soziale Selbstverortung, für die Meinungsbildung in politischen, zumal in Umverteilungsdebatten und die Wahrnehmung der eigenen Statusposition auch wichtig sein können.

Horst Kahrs von der Rosa-Luxemburg-Stiftung hat jetzt Zahlen dazu zusammengetragen: Wie verbreitet ist eigentlich der Vermögensbesitz unter Arbeitern sowie einfachen und mittleren Angestellten? In einer 16-seitigen Auswertung verschiedener Datenquellen kommt Kahrs so detailliert wie möglich auf das Nettogesamtvermögen der Arbeiterhaushalte, auf Immobilien- und Aktienbesitz  zu sprechen.

Das Bild von der eigenen Position in der Gesellschaft

Sein zusammenfassendes Urteil: »Substantielle Teile der Facharbeiter und -angestellten (mittlere Bildung, betriebliche Berufsbildung) verfügen mit Blick auf die eigene Alterssicherung und die Zukunft der Kinder über Wohneigentum und kapitalmarktgedeckte Altersvorsorgeprodukte. Die Entwicklung auf dem Immobilienmarkt wie auf den Kapitalmärkten, insbesondere des Zinsniveaus, hat für jene durchaus größere Bedeutung und dürfte beobachtet, wahrgenommen und in einem Bild von der eigenen Position in der Gesellschaft verarbeitet werden.«

Die von Kahrs zusammengetragenen Daten liefern keine Begründung für »weniger Umverteilung«, in den Haushalten von Arbeitern und Angestellten sind die Vermögen, sofern es welche gibt, vergleichsweise kleiner. Aber: »Die Verbreitung von Vermögensbesitz und die Höhe des Besitzes können wichtige Faktoren sein, um die Selbstwahrnehmung von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen in der Gesellschaft nachzuzeichnen sowie aufzeigen, mit welchen Reaktionen auf politische Maßnahmen zur Regulierung des Geldkapitals und Vermögens (Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer) in bestimmten sozialen Schichten gerechnet werden kann, oder anders formuliert, wo Gesichtspunkte des Vermögensbesitzers auch unter Arbeitern und Angestellten größere Handlungsrelevanz erlangen könnten.« Und dies gilt »unabhängig von der Größe des Vermögens, entscheidend ist allein, welche Rolle es in den Sicherungsstrategien der Haushalte spielt«.

Gerade solche Sicherungsstrategien, die auch Ausdruck eines Trends zur Kommodifizierung von sozialer Sicherung (private Altersvorsorge über Finanzprodukte, Immobilienbesitz etc.) sowie von finanzkapitalistischen Regulationsmodellen geprägten »Aufstiegsversprechen« (etwa der Hype um die Telekom- und »Volksaktien«, die Hoffnungen auf »Geld, das für mich arbeitet«) sind, ließen »Finanzkrisen und ihre politische Bearbeitung für Einstellungen unter Arbeitern und Angestellten« immer bedeutsamer werden, so Kahrs.

Hierbei stellt sich für den Sozialwissenschaftler und OXI-Autoren dann die Frage, welche Effekte auf das Alltagsbewusstsein und die politische Orientierung Krisenpolitiken und Bankenrettungsstrategien haben, die als Verletzung von Regeln oder jedenfalls als »ungerechte« Politiken aufgefasst werden, etwa weil schlecht geführte Finanzhäuser zu »systemrelevanten« Banken gemacht wurden. Es gelte, die These zu überprüfen, ob dies zum Beispiel die Offenheit in Arbeiter- und Angestelltenhaushalten gegenüber der Argumentation der »ersten AfD«, also der euroskeptisch-marktliberalen Professoren-Partei, erhöht haben könnte. Kahrs: »Es geht am Ende mithin um die Frage, welche Rolle die Erfahrungen von Kleinanlegern auf den Finanzmärkten für das Erstarken rechtspopulistischer Positionen gespielt haben könnten.«

Warum rufen Linke nach Aktienbesitz für Arbeiter?

Aber auch mit Blick auf die Möglichkeiten, progressive Pfadänderungen, also eine Politik der Rückverteilung von Einkommen und (von anderen) erarbeitetem Vermögen und eine gerechtere Steuerpolitik durchzusetzen, bleibt die Frage nach den Vermögen, so klein sie auch sind, und ihrer Bedeutung für die politische Meinungsbildung wichtig. Kahrs verweist hier auf Äußerungen aus dem Mitte-Links-Spektrum, die auf die schlagzeilenträchtige Berichterstattung über regionale Verteilung des Aktienbesitzes folgten.

Die Tatsache, dass es im Osten kaum Aktienvermögen gibt, wird nicht nur von Banken als aufzuhebender Rückstand angesehen. Es dominiere, so Kahrs, »das interessengeleitete Bild eines Wettlaufs: ›Der Süden liegt vorn, der Osten bildet das Schlusslicht.‹« Das ist als Aufruf zum Aufholen zu verstehen, und so klingen auch politische Akteure der gesellschaftlichen Linken, wenn sie beklagen, wie viele Menschen nicht einmal in Aktien investieren könnten. Nur, sollten sie das denn überhaupt?

Kahrs formuliert die Frage mit Blick auf die sozialen Widerspruchsmuster, die auch im kleinen Vermögen stecken können: »Stellt der Aktienbesitz tatsächlich eine gesellschaftspolitisch erstrebenswerte Form der gleicheren Verteilung von Vermögen dar oder verlagert ein größerer und verbreiteter Aktienbesitz den Interessenkonflikt zwischen Shareholdern und Stakeholdern, zwischen Abhängigkeit vom Lohn und Abhängigkeit von der Profitrate nicht weiter in die Person des Lohnabhängigen, zumal mit dem Status des Kleinaktionärs kaum machtpolitische Möglichkeiten verbunden sind, spezifische Interessen durchzusetzen? Wäre da nicht die Forderung nach politischer Förderung von Wohneigentum oder Belegschaftsaktien (Mitarbeiterfonds) eine politisch zielführendere Richtung der Kritik?«

Kurze Zusammenfassung der Daten

»Etwa ein Zehntel der Arbeiterhaushalte« verfüge über kein Vermögen, unter den restlichen 90 Prozent verteilt es sich eher ungleich – bei den Arbeiterhaushalten kommt ein Mittelwert von 89.400 Euro heraus, wobei aber die Hälfte der Haushalte weniger als 31.000 Euro an Vermögen besaß.

Bei den Nettogeldvermögen gibt fast die Hälfte der Arbeiterhaushalte einen Betrag von unter 10.000 Euro an, nicht einmal ein Fünftel der Haushalte verfügt demnach über ein Nettogeldvermögen von über 50.000 Euro. Auch die Struktur unterscheide sich deutlich von anderen sozialen Gruppen: »Lebensversicherungen und Bausparguthaben nehmen einen wesentlich höheren Anteil, sonstige Bankanlagen und Wertpapiere einen niedrigeren Anteil ein.« Kahrs: »Die Vermögensanlage von Arbeiterhaushalten ist stärker auf Alterssicherung bzw. Schicksalsschläge, auf elementare Einkommenslücken und die Wohnsituation ausgerichtet. Sie sind weniger in Geldanlagen engagiert, die risikoreicher sind und stärker auf Geldvermehrung zielen.«

Beim selbstgenutzten Wohneigentum liegen die Arbeiterhaushalte im Durchschnitt – etwa 44 Prozent aller Haushalte besitzen ihren Hauptwohnsitz, bei Angestellten sind es 42 Prozent. Der Wert des selbstgenutzten Wohneigentums bei Arbeiterhaushalten liegt unter dem Durchschnitt, bei der Hälfte der Arbeiterhaushalte sind es unter 128.400 Euro.

»Haushalte von Arbeitern und Angestellten zahlen zu einem überdurchschnittlichen Anteil in Altersvorsorgeprodukte ein, Angestellte zu einem weit überdurchschnittlichen Anteil auch in Riester-Rürup-Rentenprodukte. Hierbei scheint es sich zu einem großen Anteil um höhere Angestellte mit einem (halb-)akademischen Berufsabschluss zu handeln«, so Kahrs, »für Arbeiter und Personen mit niedrigeren oder ohne Schul- und Berufsabschluss liegen so- wohl die Werte für die Anteile vorsorgender Haushalte als auch die für die Höhe der Anlagen zum Teil deutlich unter dem Durchschnitt.«

Bei den Aktien sieht es so aus:  Im Schnitt besitzt jeder zehnte Haushalt Aktien mit einem Durchschnittswert von 39.000 Euro. Bei den Arbeiterhaushalten sind es nur 2 Prozent, bei den Angestelltenhaushalten 12 Prozent. Etwas stärker verbreitet sind Anteile an Aktienfonds (13 Prozent aller Haushalte, Mittelwert 39.700 Euro, Median 14.700 Euro, Arbeiter 4 Prozent, Angestellte 17 Prozent).

Geschrieben von:

Vincent Körner